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Das Musterland

Ganz Afrika ist vom wirtschaftlichen Untergang bedroht. Doch ein Volk ist entschlossen, seine Chance zu nutzen und dem Trend zu trotzen: die Menschen in Botswana.




Eine vierspurige Autobahn, auf der chromblitzende Allradfahrzeuge über tadellose Teerbeläge gleiten; Raststätten, wo preiswertes Benzin, Apfelsaftschorle und Schokolade angeboten werden; und schließlich eine Hauptstadt, in der Baukräne und moderne Glaskonstruktionen um die Wette in den Himmel klettern. Nein, wir befinden uns nicht in einem der asiatischen Tigerstaaten, sondern in Gaborone, der Hauptstadt von Botswana, dem unafrikanischsten Land in Afrika: Die Straßenlaternen funktionieren, die Mülleimer werden geleert, und die Polizei gibt beim Kassieren von Bußgeldern Quittungen aus. Bei seiner Unabhängigkeit vor 39 Jahren gehörte der 1,6 Millionen Einwohner zählende Staat von der Größe Frankreichs zu den 20 ärmsten Nationen der Welt -heute ist Botswana auf der Entwicklungsskala der UNDP einer der Spitzenreiter des Kontinents. Zwischen 1965 und 1998 wuchs das botswanische Pro-Kopf-Einkommen um durchschnittlich 7,7 Prozent im Jahr: Wenige Staaten können eine ähnlich kontinuierliche Wachstumsrate vorweisen. Botswana gehört beim Volkseinkommen inzwischen zur oberen Mittelklasse: ein afrikanisches Musterländle in einem Meer von Elend.

Generell sind die 53 Volkswirtschaften des Kontinents seit 1965 sogar geschrumpft. Was die Kolonialherren den Afrikanern gelassen hatten, haben Krisen, Kriege und Katastrophen zerstört: Das Pro-Kopf-Einkommen eines durchschnittlichen Schwarzafrikaners beläuft sich heute auf weniger als ein 35stel des Einkommens eines US-Amerikaners. Der Ausnahmestaat Botswana war dabei am Anfang keineswegs im Vorteil: Bei seiner Unabhängigkeit 1966 verfügte das Wüstenland über exakt sechs Kilometer Teerstraße; die Industrie des Landes bestand aus einem 1954 errichteten Schlachthof, und nicht mehr als 22 Botswaner hatten einen Hochschulabschluss vorzuweisen. "Der Start der jungen Nation war so schlecht, wie man es sich nur vorstellen kann", urteilt der britische Wirtschaftswissenschaftler Charles Harvey: umso rätselhafter ihr anschließender Erfolg.

Auf der Suche nach des Rätsels Lösung besuchen wir den Präsidenten. Sein Büro befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude im Schatten der glasverspiegelten Zentralbank im Zentrum Gaborones. Vor dem Backsteinbau steht eine neue silberblaue Bentley-Limousine, die - so erfahren wir später - dem Staatschef förmlich aufgedrängt werden musste. Sein altes Gefährt (ein Bentley aus den sechziger Jahren) war ständig liegen geblieben. Ohne jeden Sicherheitscheck werden wir in den zweiten Stock vorgelassen, wo uns Festus Mogae bereits erwartet: ein leise sprechender, leicht ergrauter Herr in einem holzpanellierten Raum von eher bescheidenem Ausmaß.

Der 65-Jährige ist nicht das sprühendste Staatsoberhaupt der Welt. Festus Mogae wurde in Oxford zum Ökonomen ausgebildet, später war er beim Weltwährungsfonds tätig, dementsprechend bedacht und bilanziert schieben sich die Sätze über seine Lippen. Wer afrikanische Staatschefs mit goldenen Rolex-Uhren, Ballon-Bäuchen und dröhnendem Lachen in opulenten Palästen mag, wird enttäuscht; Ins Karikaturenbuch der Potentaten passt Mogae nicht.

Um den Erfolg seines Landes zu erklären, geht der Präsident bis tief ins Mittelalter seines Volkes, der Tswana, zurück. Tatsächlich sehen auch Unparteiische in der Tradition des südafrikanischen Volkes einen der Gründe für seine erstaunlich konfliktarme Geschichte: Wann immer sich ein Streitfall zusammenbraut, ruft ein Tswana-Chief seine Leute zum "Kgotla", um den Fall auf dem eigens dafür eingerichteten Dorfplatz, dem Boma, zu erörtern. Zwar liegt es letztlich allein am Chief, aus dieser Debatte einen Entschluss zu ziehen und diesen durchzusetzen - doch wehe, er ignoriert, was das Volk gerade zu bedenken gab!

Festus Mogae ist Ende Oktober in seinem Amt bestätigt worden - erneut mit großer Mehrheit. Es ist die zweite Amtszeit des dritten von der "Botswana Democratic Party" (BDP) gestellten Präsidenten, die das Land seit der Unabhängigkeit 1966 regiert. Anders als in den meisten Nachbarstaaten fanden in dieser Zeit mindestens alle fünf Jahre Wahlen statt - und die waren nicht mal gefälscht.

"Das Problem der Opposition ist, dass sie unter der afrikanischen Krankheit, der Zersplitterung, leidet", erklärt Festus Mogae die Marathon-Regierungszeit seiner Partei. Das eigentliche Dilemma scheint allerdings zu sein, dass die BDP keine Angriffsfläche in Form saftiger Skandale oder krasser Fehlentscheidungen liefert. Gewiss spielt in diesem Zusammenhang auch eine Rolle, dass in Botswana - abgesehen von einigen tausend Buschmännern - nur ein Volk lebt. Seine Grenzen wurden nicht wie die der meisten anderen afrikanischen Nationen von den Kolonialherren willkürlich und ungeachtet der Siedlungsgebiete der Bevölkerung gezogen: Den Kampf konkurrierender Völker um Macht und Pfründe, der viele Staaten zerriss, gab es in Botswana deshalb nie. " Wir hatten einfach Glück", sagt Mogae.

Durchs Fenster des Präsidentenbüros ist ein in der Sonne funkelndes Bürohaus zu sehen, das auch bei genauerer Betrachtung zeigt, dass Geld hier keine Rolle spielt. Eine chrom- und granitblitzende Eingangshalle, Bürotüren aus massivem Edelholz, dahinter weiträumige Arbeitsräume, alle mit feinster Hightech-Ware ausgerüstet. Es handelt sich um den Firmensitz von Debswana, einem Joint Venture der botswanischen Regierung mit dem legendären südafrikanischen Diamanten-Monopolisten De Beers, der Geldmaschine des Wüstenstaates.

Diamanten sind die besten Freunde der Frauen - und Botswanas Just ein Jahr nach der Unabhängigkeit, 1967, fand ein von De Beers entsandtes Geologenteam Diamanten in der Kalahari-Wüste. Sechs Jahre später entdeckten die Forscher in dieser Wüste, die sich über 84 Prozent der Landesfläche erstreckt, den Jwaneng-Schlot - die reichste Diamantenmine der Welt. Heute ist Botswana der weltweit größte Diamantenexporteur: 2003 förderte Debswana aus seinen vier Minen in Orapa, Jwaneng, Letlhakane und Damtshaa 30,4 Millionen Karat an Edelsteinen, was 70 Prozent der gesamten De-Beers-Produktion entspricht.

Ohne diesen sagenhaften Schatz wäre Botswana gewiss noch heute ein gottverlassenes Stück trockener Erde - und doch verdankt der Wüstenstaat seinen Erfolg nicht allein seinem reichen Boden. Staaten wie der Kongo, Angola und Sierra Leone haben ebenfalls bedeutende Ablagerungen des "besten Freundes der Frauen" - nur haben sie dort nicht zum wirtschaftlichen Wohl der Länder beigetragen. Im Kongo verprasste der Diktator Mobutu Sese Seko das Diamanten-Einkommen des Landes, in Sierra Leone und Angola wurden davon Waffen für jahrezehntelange Bürgerkriege gekauft. Bodenschätze pflegen in Afrika zu Verteilungskämpfen, Kleptokratie und himmelschreiender Korruption zu führen - nur in Botswana nicht.

"Unsere Regierung hat eine vorbildliche Ausgabenpolitik betrieben", sagt Geschäftsmann Monty Chiepe, Co-Autor der "Vision 2016", einem Plan des Musterländles, der Botswana in den kommenden elf Jahren in ein Paradies verwandeln soll. Schon heute hat das Land praktisch keine Auslandsschulden, außerdem wurden Währungsreserven von 5,9 Milliarden Dollar angesammelt, was dem Wert sämtlicher Importe des Landes in drei Jahren entspricht. Botswana gibt seit Jahrzehnten regelmäßig rund 30 Prozent seines Haushaltes für die Bildung seiner Bürger aus: Rund sieben Prozent der jungen Leute schließen ihre Ausbildung heute mit einem Hochschulabschluss ab - oft an britischen oder amerikanischen Universitäten. Und schließlich wurde das Land auch in diesem Jahr wieder von den Korruptionsbeobachtern Transparency International (TI) zum saubersten Staat des Kontinents gekürt: In den TI-Charts steht das Land weltweit auf Platz 31 - deutlich vor Italien oder Griechenland.

Die Zukunft liegt nicht im Boden, sondern in den Menschen: Gut ausgebildete junge Leute sollen das Land voranbringen "Das Schlimmste wäre, wenn wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhten", warnt Festus Mogae. Wer Ökonom ist und sein Land derart von einer Einnahmequelle abhängig weiß wie Botswana von Diamanten, muss sich unwohl fühlen. Debswana sorgt für immerhin 70 Prozent der Export- und 60 Prozent der Staatseinnahmen des Landes: Jede Erschütterung des prekären Diamantenmarktes spürt auch der Staat.

Doch Botswanas Regierung hat längst über eine neue Strategie nachgedacht. Allan Boshwaen, ein 40 Jahre junger, in Großbritannien ausgebildeter Banker, leitet als Direktor des neu gegründeten International Financial Services Center (IFSC) die Bemühungen zur Diversifizierung der botswanischen Volkswirtschaft: Seine Organisation soll den Wüstenstaat in ein Mekka für Dienstleister, ein afrikanisches Singapur, verwandeln. Die Bedingungen, Botswana zu einem Brückenkopf für all jene Unternehmen auszubauen, die in dem letzten noch unerschlossenen Wirtschaftsraum der Welt Fuß fassen wollen, sind Boshwaens Meinung nach optimal: "Mit unserem Kredit-Rating von AAA können wir ohne größere Probleme Kapital anziehen, das wir dann in anderen Teilen des Kontinents investieren können." Der " Schweiz Afrikas" kommt außerdem zugute, dass sie mit nur 15 Prozent den niedrigsten Gewerbesteuersatz Afrikas aufweist und keine Kontrollen der Währungskonvertierung kennt. Außerdem sind schon heute alle Städte des Landes durch Glasfaserkabel miteinander verknüpft. Und die Dichte von einem Handy pro zwei Einwohnern ist nahe der von Industrienationen: "Selbst meinen Gärtner kann ich im Garten anrufen", sagt Allen Boshwaen und lacht. Das wertvollste Kapital des botswanischen Zukunftsplaners aber ist der Schatz, in den die Regierung seit Jahrzehnten investiert: ein Heer hervorragend ausgebildeter Arbeitskräfte.

Es gibt allerdings auch ein Riesenproblem: Botswana hat eine der höchsten HIV-Infektionsraten der Welt, 37 Prozent der Erwachsenen sind betroffen, das sind rund 600 000 vor allem junge Menschen. Dass die Epidemie hier so wütet, ist kein Zufall: Zwischen den mobilen jungen Menschen in Botswana verbreitete sich das Virus leichter als etwa bei den benachbarten Angolanern, die in ihrem 30 Jahre dauernden Bürgerkrieg voneinander getrennt waren.

Mehrere Jahre lang schaute die botswanische Regierung zu, wie das Virus die Errungenschaften des Musterstaates peu á peu zerstörte. "Wir sackten in allen Indices deutlich ab", sagt Präsident Mogae. "Und wir wussten genau, woran es lag." Besonders deutlich zeigt sich der Absturz in der Lebenserwartung: Wurden die Botswaner 1990 durchschnittlich 65 Jahre alt, so sind es heute nur noch 40.

Aids zerstört nicht nur Leben, sondern bedroht auch die Zukunft Botswanas Gab sich der Regierungschef zu Beginn des Interviews eher unspiriert, so wird er beim Thema HIV/Aids lebhaft und engagiert: Anders als sein südafrikanischer Kollege Thabo Mbeki, der das Thema meidet, lässt er keine Gelegenheit aus, darüber zu sprechen. Festus Mogae leitet selbst den Aids-Rat seines Landes und hat sich als einziger Staatschef des Kontinents öffentlich testen lassen. Danach, sagt der Ökonom, sei die Zahl der Tests deutlich gestiegen.

Außerdem schlug Mogaes Mannschaft einen Weg ein, den keine andere Regierung des Kontinents bisher gegangen ist: Seit Anfang dieses Jahres finanziert der botswanische Staat allen Infizierten, die dafür in Frage kommen, die so genannten antiretroviralen Medikamente. Noch vor wenigen Jahren hatte selbst die Weltgesundheitsorganisation WTO eine solche Option als für Afrika unrealistisch verworfen. "Wir hatten aber keine andere Wahl", erklärt Mogae. "Sonst hätten wir bald niemanden mehr gehabt, den wir regieren können." Was das wirklich bedeutet, weiß Boitshepo Galetshetse genau. Wenn die 24-Jährige nach Hause kommt, setzt sie sich manchmal an ihren Tisch und weint. Zu viel in ihrer Hütte mit dem Wellblechdach erinnert sie an Menschen, die verschwunden sind: an ihren Freund, der den Folgen seiner HIV-Infektion erlag; ihre vier Monate alte Tochter, die "leicht wie eine Feder" in ihren Armen starb; ihren Bruder, der ebenfalls der Pandemie zum Opfer fiel; und ihren Vater, "der Einzige, der mich immer wieder aufzumuntern versuchte". Auch er lag eines Morgens tot in seinem Bett. Sie alle starben innerhalb weniger Monate, als Boitshepo selbst im Sterben lag: Die 24-Jährige wog damals noch 32 Kilo und wurde mehrmals bewusstlos ins Krankenhaus der Provinzstadt Serowe gebracht. "Ohne ihn", Boitshepo zeigt auf ein gerahmtes Foto des Präsidenten an der Wand, "wäre auch ich heute tot." Wie rund 30000 andere Botswaner erhält Boitshepo zweimal täglich antiretrovirale Medikamente, die sie zwar nicht von ihrer Krankheit heilen, aber mit den Viren leben lassen. Im Zeitalter dieser " Aids-Cocktails", sagen Experten, kann man mit einer HIV-Infektion ein ganz normales Leben führen - das für Botswana größte Problem sind die Kosten. "Für die 100 000 Infizierten, die antiretrovirale Medikamente nötig haben, brauchen wir rund 207 Millionen Euro im Jahr", rechnet Präsident Mogae vor. Das gesamte Budget seines Staates macht aber gerade 530 Millionen Euro aus. "Wir können deshalb kaum behaupten, dass wir das Problem bereits im Griff haben." Erstmals in seiner jüngeren Geschichte ist Botswana also wieder auf Hilfe - seitens der Pharmaindustrie wie seitens internationaler Aids-Funds - angewiesen. Was auf dem Spiel steht, ist weit über die Grenzen des Landes entscheidend: "Wenn es der Vorzeigestaat nicht schafft, eine Antwort auf die Epidemie zu finden", so ein UN-Verantwortlicher, "wie soll es dann für den Rest des Kontinents noch Hoffnung geben?"

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siehe auch:
Was wurde aus ... dem Musterland?
(vom 22.4.2005)