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Das geht - Projekt Verantwortung

Ein Café aufbauen, einen Spielplatz managen, Medikamente ausfahren - Kinder können erstaunliche Dinge. Man muss ihnen nur vertrauen. So wie die Schulleiterin Margret Rasfeld in Essen.




Hendrik und Johnny haben alles mit aufs Sofa geschleppt, was die Spielzeugkisten so hergaben - Bücher, bunte Kissen und Kuscheltiere. Die beiden Fünfjährigen gehören zur "Frosch"-Gruppe der Evangelischen Lukas-Kindertagesstätte in Essen. Neben Hendrik und Johnny sitzt Nils. Er hält das Buch "Der Bauernhof" hoch, zeigt auf Abbildungen von Hafer und Weizen und erklärt den beiden Kleinen, dass beides keinesfalls mit Gerste verwechselt werden dürfe. Vor ihnen auf dem Boden liegt ein graues Nilpferd aus Stoff und streckt alle viere steil von sich, so, als sei es gerade aus dem Bilderbuch herausgefallen, weil es nichts zu suchen hat auf einem ordentlichen Bauernhof.

Nils ist schon elf, im Kindergarten nur zu Besuch und gerade dabei, die Unterpunkte der Kapitel 25 und 36 aus den Teilen III. und IV. der Agenda 21 der Vereinten Nationen umzusetzen.

Es geht um Bildung und darum, öffentliches Bewusstsein und Verantwortungsgefühl bei Kindern und Jugendlichen zu schaffen. 1992 war die Agenda 21 in Rio de Janeiro beschlossen worden. Die deutsche Übersetzung ist mit Präambel, Inhalts- und Abkürzungsverzeichnis 340 Seiten lang. Die Sache mit der Schulbildung kommt in der deutschen Version auf Seite 306 und hat den Charme einer Ministervorlage. Weshalb sicher kaum jemand bis dorthin gelesen hat. Margret Rasfeld schon. Und nur deshalb sitzt der Sechstklässler Nils jetzt in der Kissenburg und liest den Kleinen ehrenamtlich von der Geburt eines kleinen Kalbes vor.

Margret Rasfeld, 53, ist seit Gründung im Jahr 1997 Schulleiterin der Gesamtschule Essen-Holsterhausen. Die Schule nennt sich Agenda Schule. Das liegt zum einen am umwelttechnischen Engagement, das hier inspiriert von der Agenda 21 vom Mülltrennen bis zur eigenen Solaranlage reicht. Zum anderen aber liegt es an der Bildungsidee der Agenda 21. Margret Rasfeld, die Biologie und Chemie unterrichtet, fand sie gut und hat deshalb das " Projekt Verantwortung" auf den Lehrplan der siebten und achten Klassen gesetzt.

Vorbereitet wird das Ganze schon in der sechsten Klasse im Fach "Vorhaben orientiertes Lernen". Zum Beispiel mit der Spielplatzpatenschaft. Lisa, 11, und Vivian, 12, erzählen davon: Sie halten zusammen mit ihrer Klasse einen Spielplatz in der Gegend sauber und kümmern sich um die Geräte. Dafür haben sie von der Stadt ein eigenes Budget in Höhe von 1000 Euro bekommen. Und manchmal organisieren sie ein Spielplatzfest für den ganzen Stadtteil, sprechen mit Vereinen und Kirchen und bringen sie dazu, etwas zum Fest beizusteuern. Wenn eines der beiden Mädchen aufhört zu erzählen, fängt die andere an zu reden. Und wenn ein Lehrer am Tisch etwas sagt, was die beiden falsch finden oder ergänzungsbedürftig, dann warten sie eine Pause ab und stellen das richtig. Das läuft wie geschmiert. Es gibt ja auch regelmäßig Versammlungen in den Klassen, bei denen die Lehrer nur Gäste sind und die Schüler moderieren.

Dass das alles nicht nur eine Show aus dem Pädagogenhandbuch ist, zeigt das Programm des nächsten Tages: Da fahren Lisa und Vivian zusammen mit Marcel, 12, und einem Schüler aus der neunten Klasse nach Berlin. Sie werden Bildungsexperten vom Aufbau eines Nachbarschaftscafés berichten und von der Spielplatzarbeit. Marcel wird davon erzählen, wie er die Spiele-Ausgabe für die Pausen organisiert und davon, wie er gelernt hat, dafür Dienstpläne aufzustellen. Rasfeld gibt ihnen die Verantwortung, die Schule nach außen zu vertreten.

Um zu verstehen, welches Vertrauen dahinter steckt, muss man wissen, dass die Schule gewissermaßen Rasfelds Leben ist. Für die 200 Meter vom Schultor bis in das Café der Gesamtschule braucht man normalerweise nicht länger als eine Minute. Mit Margret Rasfeld dauert es zehn Minuten, weil sie alle paar Meter von Schülern gestoppt wird, die etwas zu besprechen haben: Der Wohn-Container für die fortgeschrittene Streitschlichtergruppe ist noch nicht da, eine Mutter muss angerufen werden, weil die Tochter dem Reporter noch von der Arbeit im Altenheim berichten will und sie deshalb später kommt, andere wollen einfach ein bisschen mit ihr reden.

Das eigentliche Verantwortungsprojekt startet in der siebten Klasse: Schüler gehen ins Altenheim und singen dort mit den Senioren, geben gratis Nachhilfe oder fahren als Medikamenten-Fahrradkuriere durch Essen. Und wieder andere lesen wie Nils im Kindergarten vor oder spielen mit den Kleinen. Natürlich gibt es auch Schüler, die das alles doof finden und sagen, dass man das auch schreiben soll. Aber das ficht Margret Rasfeld nicht an, weil sie ihr Projekt am Erfolg misst: "Selbst eher aggressive Schüler entpuppen sich plötzlich als zärtliche und liebevolle Begleiter von Kindern im Kindergarten und als richtige Organisationstalente. Sie sehen: Da bin ich wichtig, da wartet jemand auf mich, da muss ich auch mal was selbst entscheiden, da traut man mir Schwieriges zu." Dieser Einsatz wird dann natürlich auf den Jahrgangsvollversammlungen öffentlich gelobt. Und gebührend gefeiert. Einmal jährlich beim Verantwortungsfest. Gesamtschule Essen-Holsterhausen, Keplerstraße 58, 45147 Essen, Telefon: 02 01/8 78 4930, www.gesamtschule-essen-holsterhausen.de