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Alles auf Anfang

Eine Insolvenz befreit. Zum Beispiel von alten Schulden. Von defizitären Tochtergesellschaften. Oder von aufgeblasenen Geschäftsmodellen. Wenn man Pech hat auch vom guten Ruf. Michael Kölmel hat das mit der Kinowelt Medien AG erlebt. Und macht jetzt dort weiter, wo er aufgehört hat. Mit der Kinowelt International GmbH.




"Du kannst mich nicht töten. Ich muss doch noch in der zweiten Folge mitspielen." Das Opfer eines Serienkillers in dem Horrorfilm "Scream"

Wie jemand, dessen Aktiendepot vor ein paar Jahren eine Milliarde Mark wert war, sieht Michael Kölmel nicht aus. Auch nicht wie ein Bankrotteur, der 300 Millionen Euro an der Börse eingesammelt und erfolgreich verbrannt hat, um anschließend nach einer Insolvenz auch noch Bankschulden von 250 Millionen Euro zurückzulassen. Der frühere Vorstand und Großaktionär der Kinowelt Medien AG, in der goldenen Zeit der New Economy ein Senkrechtstarter am Neuen Markt, wirkt eher wie ein Intellektueller: Michael Kölmel tritt freundlich unprätentiös auf. Er wirkt ein bisschen wie ein Wissenschaftler, der an einer Weltformel arbeitet.

Wissenschaftler war Kölmel wirklich einmal, Anfang der achtziger Jahre: Nach einem Diplom in Mathematik schrieb er eine volkswirtschaftliche Doktorarbeit. Nebenbei betrieb der filmbegeisterte Göttinger Uni-Assistent ein kleines Programmkino und startete schließlich mit seinem ebenso kinosüchtigen Bruder Rainer einen kleinen Filmverleih namens Kinowelt, der mit der Zeit größer und größer wurde. Genau das machen Michael und Rainer Kölmel jetzt, knapp drei Jahre nach der Kinowelt-Pleite, wieder: einen Filmverleih aufziehen, der langsam größer wird. Und wie um der Welt zu zeigen, dass sie nicht falsch gespielt haben, also dass kein Grund besteht, sich zu verstecken, haben sie ihre neue Firma wieder Kinowelt genannt. Das Konzept ist im Prinzip dasselbe wie früher. Ganz früher, vor dem vielen Börsengeld.

Als Treffpunkt hat Michael Kölmel das Cafe im Münchener Literaturhaus vorgeschlagen. Ein Treffen in einem repräsentativen Edelrestaurant schenkt sich der 50-jährige Mann im neutralen Anzug ebenso wie den üblichen Business-Sprech. Lieber erklärt Kölmel, weshalb das alte Geschäftsmodell eigentlich nicht scheitern konnte. Es klingt, als wäre die milliardenschwere Insolvenz, einer der spektakulärsten Totalabstürze am Neuen Markt, in Wirklichkeit eine Art Rechenfehler der Geschäftspartner gewesen, eine versehentlich falsch gelöste mathematische Gleichung.

Schnörkellos kommt die Antwort auf die Frage, wie viel Geld auf seinem Konto gelandet ist, als er einige Monate nach dem Börsengang einen kleinen Teil seiner Kinowelt-Aktien verkauft hat: "50 Millionen Euro." Kein Ausweichen, keine rhetorische Nebelmaschine. Vielleicht ist das eine besonders geschickte Form der Selbstinszenierung: als harter Arbeiter, als Film- und Zahlenkenner, der die Fakten auf den Tisch legt und sich nach der Insolvenz nicht versteckt, sondern einfach noch mal von vom anfängt. Vielleicht ist es aber auch bloß die Wahrheit.

"Michael Kölmel hatte kein Interesse an Luxus. Statussymbole kickten ihn definitiv überhaupt nicht. Als sein Aktienpaket 500 Millionen Euro wert war, ist er noch mit seinem gebraucht gekauften, uralten Mercedes rumgefahren. Was ihn kickte, war, glaube ich, zu beweisen, dass sein Geschäftsmodell funktioniert", sagt einer, der ihn früher gut gekannt hat: Jürgen Fabritius. Von 1998 bis 2001, in den Boom-Jahren, war er im Management der Kinowelt. Er ist ein neutraler Zeuge - im Vorfeld der Insolvenz hat Fabritius seinen schönen Job in München gekündigt.

Das von den nervös gewordenen Gläubigerbanken ausgelöste Insolvenzverfahren im Mai 2002 hat die Kölmel-Brüder als Film-Unternehmer entschuldet. Eine radikale Form von Wertberichtigung. Der harte Schnitt hat die beiden Großaktionäre der Kinowelt AG nicht nur von Verbindlichkeiten in Höhe von gut 400 Millionen Euro befreit (von denen sich die Gläubigerbanken nur rund 150 Millionen aus der Insolvenzmasse holen konnten), sondern auch von nervenden Analysten und einem viel zu schnell gewachsenen Konzern-Konglomerat. Zur alten Kinowelt gehörten mehr als 60 Tochtergesellschaften, samt defizitärer Multiplex-Kette und ebenso defizitärer Merchandising-Tochter. Kölmel heute: "Merchandising war ein marginales Investment von vier bis fünf Millionen Euro. Aber damit konnten wir den Analysten sagen, die Kinowelt hat auch Merchandising, die konnten uns nicht vorwerfen, dass EM.TV uns in dem Punkt voraus ist. Das war für die Optik." Teure Kosmetik kann sich die neue Kinowelt sparen. Das große Modethema von damals, der allseits beschworene integrierte Medienkonzern mit Zugriff auf die gesamte Verwertungskette, ist abgehakt. Mit der Börse hat die neue Kinowelt als GmbH nichts zu tun. Jetzt konzentrieren sich die Kölmels auf das Kerngeschäft, also auf das, was sie am besten können: den Kauf und die Verwertung von Filmrechten.

Die alte Kinowelt kaufte für einige hundert Millionen Euro Filmrechte - die neue Kinowelt bekam sie für 32 Millionen Die Pointe der Neugründung ist, dass die neue Kinowelt GmbH aus der Insolvenzmasse der alten Kinowelt AG das Filetstück des Unternehmens gekauft hat: den größten Teil der Rechte am großen und breit gefächerten Filmkatalog. Die Gläubigerbanken, die durch geplatzte Kredite der alten Kinowelt rund 250 Millionen Euro verloren hatten, verkauften den wertvollsten Teil der Insolvenzmasse tatsächlich an genau die Leute, die für die Insolvenz und damit für die Kreditausfälle verantwortlich waren. Und das zu einem sehr freundlichen Preis: Die Kölmels zahlten für Filmrechte, die die alte Kinowelt AG im Laufe der Jahre für einige hundert Millionen zusammengekauft hatte, gerade mal 32 Millionen Euro. Kein anderer Investor hatte mehr geboten. Und nach den vielen geplatzten Blasen am Neuen Markt, nach Kirch-Pleite und EM.TV-Absturz wollten nun auch die Banken Mitte 2002 aus ihrem Engagement im Medien-Sektor so schnell wie möglich raus. Ein beteiligter Banker versucht das zu erklären: "Weil die Kölmels ihren Rechtestock und die zum Teil sehr komplizierten Verträge besser kannten als alle potenziellen Käufer, zahlten sie diesen Preis. Sie sind in der Lage, den Katalog optimal auszuwerten." Der neuen Kinowelt gehören die DVD- und Kinorechte an rund 3000 Filmen: Hollywood-Ware (" 9 1/2 Wochen"), Klassiker des deutschen Autoren-Films ("Deutschland im Herbst"), Horror, Hongkong-Kino, gut verkäuflicher Trash ("Asterix - Operation Hinkelstein"), Filmkunst von Federico Fellini, Pedro Almodovar, Woody Allen, Bernardo Bertulucci, Jim Jarmusch oder Werner Herzog, Longseller wie "Die Feuerzangenbowle" oder Laurel-und-Hardy-Filme. Und weil die neue Kinowelt nach eigenen Angaben ein Viertel der Rechte zeitlich unbegrenzt besitzt und mehr als die Hälfte für die nächsten 15 bis 25 Jahre, kann sie noch lange an ihrer Filmbibliothek verdienen.

Den operativen Gewinn gibt Kölmel für 2003 mit 2,7 Millionen Euro an, für 2004 schätzt er das Ergebnis auf 7,5 Millionen Euro. Der Umsatz wächst stetig, 2004 dürfte er nach Kölmels Schätzung bei rund 50 Millionen Euro liegen. Verglichen mit der Umsatzspitze der alten Kinowelt AG, 600 Millionen Euro, ist das bescheiden. Dafür wächst das Geschäft aus sich selbst heraus und nicht durch Umsätze, die für die Optik zugekauft wurden. Der Unternehmenswert wird nicht durch überhitzte Aktienmärkte künstlich erhöht, und die Fremdfinanzierung hält sich in Grenzen.

Vielleicht schaffen es die Kölmels tatsächlich, an die Qualität ihrer alten Firma anzuknüpfen. Eine Eigenschaft scheinen sie sich jedenfalls bewahrt zu haben: die Liebe zum Film. Mit der begann alles. Als die Brüder vor 20 Jahren ihren Verleih starteten, ging es vor allem darum, Filme in die Kinos zu bringen, die sie selbst toll fanden: ausgegrabene Klassiker, Arthaus, Autoren-Filme. Business by Leidenschaft. Weil das funktionierte, waren sie bald die Lieblingslieferanten der Programmkinos. Doch spätestens mit dem Börsengang 1998 wurde die Kinowelt in eine andere Dimension katapultiert.

Das Geschäftsmodell war langfristig angelegt: Filmrechte kaufen, einen großen Katalog aufbauen und pflegen, auf Dauer daran verdienen. Doch das war zu langfristig für die Kapitalmärkte. Extrem ehrgeiziges Wachstum, hohe Schulden, nervöse Banken und der Kollaps am Neuen Markt ergaben eine tödliche Mischung. Als die Kinowelt Ende 1999 der Konkurrenz für 300 Millionen Dollar die Free-TV-Rechte an einem großen Paket der Warner-Brothers wegschnappte ("E-Mail für dich", " Matrix"), gingen die Probleme richtig los. Dummerweise kontrollierte die Konkurrenz, Kirch und Bertelsmann, die deutschen Privatsender. Und die kauften nach dem Warner-Deal keine Kinowelt-Ware mehr.

Bis heute ärgert sich Michael Kölmel darüber: " Wir haben uns mit dem Warner-Kauf nicht übernommen, überhaupt nicht. Im Vergleich zu den Preisen der unabhängigen Produzenten, die jeden Film einzeln versteigerten, war das Warner-Paket billig. Wenn uns Bertelsmann und Kirch nicht boykottiert hätten, hätte unser Modell funktioniert." Tja, wenn. Kölmel: "Ich habe unsere Risiken mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen durchkalkuliert. Statistisch sterbe ich eher an einem Verkehrsunfall, als dass ein Filmpaket, wie wir es gekauft haben, am Markt abstürzt. Dass wir in so einen Mega-Crash reingeraten, dass uns die Privatsender boykottieren und gleichzeitig der Kapitalmarkt zusammenbricht, das hat eine Wahrscheinlichkeit, die geringer ist als die, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen." Blöd nur, dass ab und zu auch Unwahrscheinliches passiert.

Also wieder aufstehen, den Staub abklopfen und weitergehen. Für den Neustart vor zwei Jahren brauchten Rainer und Michael Kölmel 32 Millionen Euro - sie selbst gaben 4,5 Millionen Euro, der Rest war kreditfinanziert, vor allem von der Leipziger Sparkasse. Dafür musste die Firma von München nach Leipzig ziehen, außerdem haften die Kölmels mit ihrem Privatvermögen und hinterlegten Sicherheiten für die gesamte Kreditsumme. Heute, im November 2004, sagt Michael Kölmel: "Die Kinowelt hat jetzt noch Bankschulden von zehn Millionen Euro und Lieferanten-Verbindlichkeiten von sechs Millionen. Aber Barbestände und unsere Forderungen gegenüber Sendern und Abnehmern von DVDs sind höher als Lieferantenverbindlichkeiten und Bankschulden. Unser Filmstock ist eigentlich schuldenfrei." Hollywood-Blockbuster belegen die ersten Plätze der DVD-Charts, aber die alten Filme bringen langfristig mehr Geld Das meiste Geld erwirtschaftet die Kinowelt mit DVDs, einem rasant wachsenden Markt. 2003 wurden für mehr als eine Milliarde Euro DVDs verkauft - das übersteigt die Einnahmen an der Kinokasse (2003: 846 Millionen Euro). Und es ist nur der Anfang: Zurzeit ist jeder dritte DVD-Käufer in Deutschland Erstkunde - 2003 entdeckten 4,2 Millionen Menschen das Medium für sich. In diesem sich gerade entwickelnden Markt hat die Kinowelt einen Marktanteil von gut vier Prozent. Dass die Firma heute von ihrem großen Rechte-Pool im Home-Entertainment profitiert, liegt aber auch daran, dass die Kölmels früher als die Konkurrenz auf das neue Medium gesetzt haben: Während der Rest der Branche Ende der neunziger Jahre in Pay-TV, Video on Demand und Spartensendern die Vertriebskanäle der Zukunft sah, kaufte die Kinowelt AG die Rechte für DVD-Veröffentlichungen. Etwa für die riesige Filmbibliothek von Leo Kirch, und zwar für einen Betrag "zwischen 10 und 15 Millionen Euro" (Kölmel). Aus heutiger Sicht ein Schnäppchen.

Mittlerweile beträgt nach einer GfK-Studie der Anteil älterer Filme am DVD-Markt stolze 52 Prozent - Tendenz steigend. Gut für die Kinowelt, denn dort liegt ihre Stärke: bei Klassikern, Arthaus, Longsellern. Kein Wunder, dass Milchael Kölmel optimistisch ist: "Das Interesse an unseren Filmen wird noch stärker werden, auch im Kino. Es wird inszenierte Aufführungen von alten Filmen geben und Reihen mit Klassikern. Bei der DVD gibt es das schon. Der Markt an Leuten, die alte Filme in guten Ausgaben sammeln, wächst." Für dieses Zielpublikum, setzt die Kinowelt auf hochwertige Ausstattung und DVD-Boxen. Eine Box mit fünf DVDs mit Don-Camillo-Filmen wurde im vergangenen Jahr 54000-mal verkauft, Umsatz: 2,1 Millionen Euro. Ein Werner-Herzog/Klaus-Kinski-Paket mit sechs DVDs brachte es in den vergangenen neun Monaten auf 7700 verkaufte Exemplare, Umsatz: 300 000 Euro. Verglichen mit den Blockbustern der Konkurrenz, die teilweise in Auflagen von einer halben bis einer Million DVDs in den Markt gedrückt werden, ist das Kleinkram. Aber die Kinowelt muss nicht mit wenigen Megasellern schnelles Geld machen - ihre Stärke ist der lange Atem.

Weil sich die anspruchsvollen Arthaus-Filme an ein Publikum richten, das nicht unbedingt zur Stammkundschaft von Videotheken und Discountern gehört, versucht die Kinowelt, den Buchhandel als Vertriebskanal zu erobern. Mit "Sehbüchern" verbindet die Kinowelt die beiden Medien: Wer sich eine DVD von "Citizen Kane" oder Ernst Lubitschs Komödie "Sein oder Nichtsein" kauft, bekommt dazu ein Buch mit der Geschichte des Films und Hintergrundmaterial. Auch der Trend, dass Zeitungen und Zeitschriften DVDs als Zusatzgeschäft vertreiben, könnte helfen, denn so kommen videotheken-resistente Bildungsbürger in Kontakt mit dem Medium - genau die Zielgruppe, auf die ein Teil des Kinowelt-Katalogs zielt. Und seit die " Süddeutsche Zeitung" vorgemacht hat, dass man mit einer Reihe billiger Literaturklassiker Geld verdienen kann, ist es wohl auch nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste Verlagsmanager auf die Idee kommt, eine Serie mit billigen DVDs anzubieten.

Die Schätze des Kinowelt-Katalogs sind noch längst nicht alle gehoben - zwischen 100 und 200 neue DVD-Titel kommen jedes Jahr hinzu. So wird zum Beispiel auf DVD nach und nach das umfangreiche Archiv des Filmverlags der Autoren erscheinen, die Institution des deutschen Autoren-Films der siebziger und achtziger Jahre. Zurzeit wird an einer großen Wim-Wenders-Box gearbeitet und an einem Langzeitprojekt für harte Film-Fans: das Gesamtwerk von Rainer Werner Fassbinder. Dass sich ein anstrengender Fassbinder-Film wie "Warum läuft Herr R. Amok?" nur 2000-mal verkauft, läuft bei Kölmel allerdings nicht unter Amok, sondern unter Autorenpflege.

Filmhändler brauchen ein Bewusstsein für Qualität - und auch etwas Glück Die Kernkompetenz der alten wie der neuen Kinowelt ist die Fähigkeit, das Marktpotenzial neuer Filme zu erkennen und sie einzukaufen. Das sorgte bereits für einen entscheidenden Deal zwei Jahre vor dem Börsengang. Für 1,5 Millionen Euro kaufte Michael Kölmel damals die deutschen Rechte an einem Film, der in Hollywood als "Kassengift" (Kölmel) galt - zu lang, zu kompliziert, irgendwie zu schwierig und zu unlustig. Kölmel: "Die waren froh, dass sie dafür einen Käufer fanden. Aber wir wollten ihn unbedingt haben." Dann kam die Nacht der Oscar-Verleihung und "Der englische Patient" räumte neun Preise ab. Bingo. Kölmel: "Wir mussten damals ein Paket kaufen. Da war drin: "Der englische Patient", " Copland", zwei, drei weitere Filme und dann noch ein Horrorfilm, den wir gar nicht so schlecht fanden: " Scream". Das Paket hat insgesamt elf Millionen Dollar gekostet. Vielleicht zwei Millionen Euro waren Eigenkapital, der Rest war fremdfinanziert. Einen Teil der TV-Rechte hatten wir schon an Kirch verkauft." Der Rest war Geldzählen. Kölmel: ,"Der englische Patient' hatte drei Millionen Zuschauer, " Scream" 1,5 Millionen, "Copland" eine halbe Million. Insgesamt hatten wir aus dem Paket Einnahmen von 40, 45 Millionen Euro." Plötzlich war die Firma in einer anderen Liga. Wären die Filme gefloppt, hätte die Kinowelt schon damals Insolvenz anmelden müssen.

Weil die alte Kinowelt mehr als einmal die richtigen Filme eingekauft hat, glaubt Michael Kölmel bis heute, dass die Insolvenz zu verhindern gewesen wäre; "Wir haben 1997, nachdem wir die Drehbücher gelesen hatten, die drei Teile von ,Herr der Ringe' gekauft. Alle Rechte, Kino, DVD, Fernsehen, Merchandising für Deutschland, die Schweiz, Österreich, gesamt Osteuropa und Russland. Für jeweils 15 Millionen Dollar pro Folge." Der Preis ist, aus heutiger Sicht, ein Witz. Allein die Kinoeinnahmen waren um ein Vielfaches höher als das Investment der Kölmels. Wenn alles gut gelaufen wäre, hätten sich die Kinowelt-Aktionäre an "Herr der Ringe" eine goldene Nase verdient. Kölmel: " Aber der erste Teil kam erst Ende 2001 ins Kino. Wenn diese Folge ein Jahr früher gekommen wäre, hätten wir Luft gehabt." Was er vielleicht denkt, aber nicht laut sagt: Oder wenn die Banken uns noch ein Jahr die Kredite gestundet hätten. Kölmel weiter: "Mit der Auswertung von ,Herr der Ringe' hätten wir unsere Schulden bezahlen können. Wir wären die Schulden losgeworden und im Besitz eines enormen Filmstocks gewesen - Filmverlag der Autoren, Jugendfilm, die DVD-Bibliothek, das Warner-Paket." "Herr der Ringe" habe man nicht mehr auswerten können, weil die Rechte als Folge der drohenden Insolvenz zurückgegeben werden mussten.

Die neue Kinowelt steigt jetzt wieder vorsichtig in den Ankauf neuer Filme ein. Im Februar bringt sie einen Horrorfilm in die Kinos, gegen den "Scream" ein kleiner Spaß ist. "Saw" heißt der amerikanische Low-Budget-Thriller eines bis dahin unbekannten Regisseurs, ein klaustrophobischer Psycho-Albtraum. In den USA wurde "Saw" zum Überraschungserfolg: In wenigen Wochen hat er 53 Millionen Dollar eingespielt. Die Kölmels haben für die deutschen Kino-, DVD- und Fernsehrechte bescheidene 300 000 Dollar gezahlt, die Fernsehrechte sind bereits an Pro Sieben weiterverkauft. Wenn es gut läuft, kann die Kinowelt mit "Saw" ihre alten Horror-Erfolge ("Scream", "Blair Witch Project") wiederholen. Ein blutiger Film als vorläufiges Happy End einer an Blessuren nicht armen Geschichte.

Für Aktionäre, die im Boom bis zu 85 Euro für eine Kinowelt-Aktie gezahlt haben, die kurz darauf ein paar Cents wert war, ist der Aufstieg des Nachfolge-Unternehmens kein Trost. In der Spitze lag die Marktkapitalisierung der Kinowelt Medien AG bei mehr als einer Milliarde Euro - wer damals investierte, hat viel Geld verloren. Da mag es vielen nur gerecht erscheinen, dass Rainer und Michael Kölmel in der Insolvenz einen erheblichen Teil ihres Privatvermögens einbüßten: Sie übernahmen in der Krise Bürgschaften und schossen Geld nach. Michael Kölmel: "In der Insolvenzbilanz sind von meinem Bruder und mir, von unserer Familie, mehr als 25 Millionen Euro Gesellschafterdarlehen." Das ist weg.

Nach dem Aktienverkauf 1998 haben die beiden Großaktionäre keine weiteren Geschäftsanteile an der Börse zu Geld gemacht, Multimillionäre waren sie nur auf dem Papier. Und im Gegensatz zu anderen verglühten Sternen des Neuen Marktes konnte ihnen auch niemand vorwerfen, den Aktienkurs mit Bluffs und Scheingeschäften manipuliert zu haben. Selbst das Gericht, das Kölmel im Juli 2004 wegen Insolvenzverschleppung und Untreue zu einer Geld- und einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilte, bescheinigte ihm, "dass im Vordergrund seiner Bemühungen immer die Leistungsfähigkeit der Kinowelt stand, die er (...) als seinen wichtigsten Vermögenswert betrachtete." Gegen das Urteil hat Kölmel trotzdem Berufung eingelegt.

Inhalte bereitstellen und auswerten - das ist die Geschäftsidee der Kinowelt - und auch der Sportwelt Die Banken reagieren spröde, wenn man sie auf ihr einstiges Kinowelt-Engagement anspricht. "Dazu möchten wir uns im Augenblick nicht äußern" ist noch die freundlichste Absage aus den Pressestellen. "Wenn Sie mich fragen, der Kölmel ist ein Zocker, aber bitte zitieren Sie mich nicht", sagt ein Banker, dessen Arbeitgeber bei der Kinowelt-Insolvenz einen zweistelligen Millionenbetrag verloren hat. Daniela Bergdolt sieht das anders. Sie ist Rechtsanwältin und hat für die Deutsche Schutzvereinigung Wertpapierbesitz die Kinowelt AG beobachtet. Als Aktionärsschützerin ist sie nicht gerade die natürliche Verbündete der Kölmels. Trotzdem sagt sie: "Die Kinowelt war schon vor dem Börsengang eine funktionierende Firma, mit einem nachvollziehbaren operativen Geschäft, anders als viele Neugründungen im Neuen Markt. Die Banken als Kreditgeber haben bei der Kinowelt AG am Ende fast panisch reagiert. Und in den ersten Jahren nach dem Börsengang waren sie etwas unvorsichtig in der Vergabe der Mittel." Einer der stärksten Antriebe Kölmels für die Neugründung der Kinowelt dürfte gewesen sein, dass er der Welt und sich selbst nach dem Crash beweisen wollte, dass sein Geschäftsmodell funktioniert und er kein Zocker ist. Das gilt ebenso für sein zweites Projekt, die Firma Sportwelt, die er 1998 mit seinem Millionen-Erlös aus dem Aktienverkauf gegründet und in die er nach eigenen Angaben 20 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen investiert hat. Die Geschäftsidee ist riskant und noch deutlicher auf Langfristigkeit angelegt als bei der Kinowelt.

Die Sportwelt investierte Millionen in zeitweise mehr als ein Dutzend alter Fußballvereine mit großer Tradition, von Borussia Mönchengladbach über Union Berlin, Fortuna Düsseldorf und Dynamo Dresden bis Waldhof Mannheim, und bekam im Gegenzug einen Teil der Medienrechte der Vereine. Wie bei der Kinowelt setzt Kölmel auch hier auf ein breites Portfolio sowie die Produktion und Auswertung von Inhalten. Kölmel: "Mein Ziel war, einen Teil der Vereine in die zweite Liga zu bringen, und das ist bei vielen gelungen - als wir mit ihnen angefangen haben, waren sie zum Teil in der vierten Liga. Wir verdienen nur an den Medienrechten. Ein Verein in der vierten Liga hat vielleicht 20 000 Euro Medieneinnahmen im Jahr. In der dritten Liga sind es 400 000. In der zweiten Liga vier Millionen. Der Anstieg ist überproportional. Wir haben die Medienrechte auf Ewigkeit erworben, ein Teil der Medienerlöse, 15 oder 22,5 Prozent, geht an die Sportwelt - mindestens für die nächsten 30 Jahre." Klingt raffiniert - aber nur, wenn die Vereine aufsteigen und sich in der Bundesliga halten. Und wenn die Fernsehsender weiter so viel für Übertragungsrechte ausgeben.

Ein Geschäft also mit vielen Unsicherheiten. Und eines, das Zeit braucht. Den langen Atem hatte die Sportwelt erst mal nicht - Ende 2002 ging sie in Insolvenz. Nach Einigungen mit den Gläubigem ist die Insolvenz seit kurzem aufgehoben, jetzt prozessiert Kölmel mit Vereinen, die aus den damals geschlossenen Verträgen aussteigen wollen, mit Dynamo Dresden zum Beispiel. Zweites Standbein der Sportwelt, quasi das Gegenstück zum Großkino, ist das Leipziger Zentralstadion, nach den Auflagen eines FIFA-WM-Stadions gebaut, mit 44 345 Plätzen und Baukosten von 116 Millionen Euro nicht gerade billig. 34 Millionen hat Kölmel gezahlt, den Rest haben der Bund (50 Millionen) und die Stadt Leipzig als Aufbau-Ost-Subventionen dazugeschossen. Das Stadion und die Betreibergesellschaft gehören zu hundert Prozent der Familie Kölmel. "Dieses Stadion ist schon heute eine feste Attraktion in Leipzig. Jetzt ist die nächste Aufgabe, die Leipziger Mannschaft nach oben zu bringen. Wenn Leipzig höherklassig spielt, haben wir hohe Stadioneinnahmen", erzählt Kölmel.

Letzte Frage: Sie haben mit einem winzigen Independent-Filmverleih angefangen, einen Milliarden-Konzern aufgebaut und wieder verloren. Jetzt investieren Sie Millionen in ein Geschäft, das möglicherweise erst in ferner Zukunft Geld abwirft. Wird Ihnen bei den Zahlen mit den vielen Nullen manchmal schwindelig? Antwort Kölmel: "Nein. Warum? Ich bin Mathematiker."