Wahlverwandtschaften

Großfamilien sind anstrengend, aber hilfreich.
Hilfe ohne den Ärger gibt’s: beim Generationen-Netzwerk der Weleda AG.




• Stellen Sie sich vor, Sie sind gerade dabei, die Wohnung zu verlassen. Der Job drängt. In Ihrem Rücken die weiche Silhouette der Bügelwäsche, vor Ihnen ein Besprechungsmarathon und dazwischen das quengelnde Kind, schon im Anorak. Da klingelt das Telefon. Die Tagesmutter ist krank. Und der Kindergarten macht Ferien. Sie fühlen sich plötzlich müde, Ihre Beine werden schwer. Und nun?

Für solche Fälle bietet die Weleda AG in Schwäbisch Gmünd ihren rund 650 Mitarbeitern Hilfe. Das Unternehmen gehört zur Weleda-Gruppe mit Hauptsitz in Arlesheim in der Schweiz, die mit weltweit rund 1500 Mitarbeitern Arznei- und Körperpflegemittel aus Natursubstanzen herstellt. 2004 steigerte die Gruppe ihren Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 7,3 Prozent auf 160,8 Millionen Euro. Und im Sortiment ist auch eine Lotion gegen müde Beine. Doch um die geht es hier nicht.

Sondern um die familienorientierte Unternehmenskultur, von der die Mitarbeiter in Schwäbisch Gmünd profitieren. Die deutsche Niederlassung betreibt seit 1998 eine eigene Waldorf-Kindertagesstätte, die auch während der Schulferien ganztags geöffnet ist. Und bricht dort einmal der Betreuungsnotstand aus, dann schlägt die Stunde des Weleda-Generationen-Netzwerks zur „Entlastung von Mitarbeitern und deren Familien im Lebensalltag“, wie es die Firma umschreibt.

Das Prinzip ist einfach: Mitarbeiter und Pensionäre, Jung und Alt, helfen sich gegenseitig, indem sie unter anderem bei der Kinderbetreuung einspringen oder einen kranken Kollegen zum Arzt fahren. „Mein Gott, die armen Eltern, wo bringen die jetzt so schnell ihre Kinder unter?“, dachte sich zum Beispiel Cornelia Oesterle aus der Personalabteilung, als eines frühen Morgens plötzlich die Betriebskindertagesstätte Alarm schlug. Zwei der drei Erzieherinnen waren verhindert – ein Notfall also. Oesterle verschob kurzerhand ihren Dienstbeginn – der Gleitzeit sei dank – und half stattdessen für zwei Stunden im Kindergarten im Nebengebäude aus.

Zum Service des Generationen-Netzwerks gehören neben der Hilfe in Notfällen ein Wäschedienst, die Betreuung von Haustieren, Reinigung und Gartenpflege, Winterdienst, Einkäufe, Fahrdienste und EDV-Hilfe. Ob gegen Bezahlung, als Tausch oder ehrenamtlich: Die Frage der Vergütung sollen die Beteiligten selbst klären. „Über das Netzwerk können wir die Kontakte zwischen den Generationen fördern, der Vereinsamung entgegenwirken und lebenspraktische Hilfe bieten“, sagt die Projektleiterin Isabella Quist.

Die Idee entstand 2003 während der Arbeit am „Audit Beruf & Familie“, das die Gemeinnützige Hertie-Stiftung entwickelt hat. Seit März 2004 treibt bei Weleda ein Team von sieben Mitarbeitern und fünf Ruheständlern den Ausbau des Generationen-Netzwerks voran. Die Gesuche und Angebote der Netzwerker hängen in einem Schaukasten im Foyer aus. Die Rentnerin Brigitte König wirbt dort zum Beispiel für ihren Bügelservice: Bei Bedarf bügelt sie sofort, sogar abends und am Wochenende. „Ich kenne wieder ein paar Gesichter bei Weleda und werde gebraucht, das gefällt mir daran“, sagt die 62-Jährige.

„Das Netzwerk ist in Bewegung“, freut sich die Projektleiterin Quist. Ständig kämen neue Einsatzfelder hinzu. Für die rund 250 Weleda-Ruheständler organisierte das Projektteam jüngst einen Ausflug zur Bundesgartenschau, zwei ortskundige Rentnerinnen führen neuerdings Besuchergruppen durch das Unternehmen.

Mit ihrem Konzept des Generationen-Netzwerks gewann die Weleda AG einen Innovationspreis des Wettbewerbs „Erfolgsfaktor Familie 2005“. Als familienfreundlich gilt das Unternehmen auch wegen seiner rund 150 verschiedenen Gleit- und Teilzeitmodelle. „Die drei Lebensfelder Beruf, Privatleben und Familienarbeit sollen bei unseren Mitarbeitern im Einklang stehen“, sagt der Leiter der Personalentwicklung Uwe Urbschat. Eltern können sich beispielsweise bei Weleda in Erziehungsfragen beraten oder fortbilden lassen. Und bald soll es auch ein Kontakthalteprogramm für Mitarbeiter im Erziehungsurlaub sowie Gesprächsrunden für angehende Ruheständler geben.

Begrenzt ist das Selbsthilfemodell allein durch die Wünsche und Fähigkeiten seiner Teilnehmer. Stellen Sie sich vor, Sie haben nun dank des Bügelservices immer knitterfreie Hemden und mehr Zeit als früher. Doch leider fehlt Ihnen jemand, der Ihnen ab und zu einen leckeren Apfelstreuselkuchen backt. Dann geht es Ihnen wie Uwe Urbschat, dem Weleda-Personalentwickler. Der sucht jetzt jemanden, der ihm den Kuchenwunsch erfüllen kann. Ein neuer Fall für das Generationen-Netzwerk. ---

Kontakt:
Weleda AG
Möhlerstraße 3
73525 Schwäbisch Gmünd
Telefon: 07171 / 919-414
Fax: 07171 / 919-424
E-Mail
www.weleda.de