Offen für Innovation – Seneca: Rom, 65 n. Christi Geburt

• Es sind wahrhaft seltsame Zeiten. Ein Großbrand vernichtet Rom, und allerorten wird gemunkelt, der Kaiser selbst habe ihn gelegt. Um von den Gerüchten abzulenken, lässt Nero die Christen verfolgen und grausam ermorden. Und er entledigt sich in einem Aufwasch auch gleich derer, die ihm zu mächtig scheinen. Auf nichts ist mehr Verlass. Wer gestern noch ein angesehener Bürger war, wird heute irgendeiner Verschwörung angeklagt und hingerichtet. Der Staat? Die Institutionen? Unterstehen einem psychisch labilen Kaiser, der sie nach seinem Gutdünken missbraucht.




Ein Opfer Neros ist sein alter Lehrer Seneca. Im Jahre 4 vor Christi in Corduba geboren, lieferte er den verunsicherten Römern die Philosophie zur Stunde. Die Stoa, jene griechische Denkschule, die Zenon von Kition um das Jahr 300 vor Christi gründete, dient ihm als Ausgangspunkt. „Frei ist nicht, gegen wen das Schicksal wenig, sondern nur, gegen wen es gar nichts vermag“, lautet einer der Kernsätze. „Der Weise lacht noch unter der Folter“ ein weiterer. Das kann natürlich niemand befolgen, und so ist jeder außer dem sprichwörtlichen „Weisen“ ein Dummkopf.

Seneca nimmt nun der Stoa ihre Rigorosität. Nicht mehr nur schwarz oder weiß, nicht mehr nur „Weiser“ oder „Hohlkopf“. Er macht aus ihr eine Lehre mit menschlichem Antlitz. Sich von den Umständen nicht unterkriegen lassen. Sich selbst und seinen Idealen treu bleiben. Alles Leid und alle Schwierigkeiten lachend ertragen. Das empfiehlt er denen, die es hören wollen. Das sind viele in diesen Zeiten, in denen alles schwankt und zusammenbricht. Seneca erklärt ihnen zunächst einmal, woran sie nicht länger glauben sollen: gesellschaftliches Ansehen, Reichtum, Karriere, all die Dinge, an die man nur allzu gern sein Herz hängt. Im Gegensatz zu den Epikureern lehrt Seneca keineswegs den grenzlosen Hedonismus. Ganz im Gegenteil: Der Bürger hat sich in der Gemeinschaft zu engagieren. So wie Seneca selbst, der im Jahre 49 Lehrer des zwölfjährigen Nero wird. Am kaiserlichen Hof baut er seine Machtstellung aus. Als sein Zögling im Jahre 54 den Thron besteigt, gilt Seneca als einer der einflussreichsten Männer im ganzen Reich. Auf 300 Millionen Sesterzen soll sich sein Vermögen belaufen. So viel Geld und Ansehen für einen, der Demut predigt? Warum nicht, wird Seneca antworten. Geld zu besitzen ist nicht verwerflich. Genauso wenig wie Armut verwerflich ist. Verwerflich ist nur, sich von den Umständen besiegen zu lassen.

Seneca wirft bereits die Fragen auf, die im 20. Jahrhundert das Leben der Menschen prägen werden. Wie leben angesichts der nihilistischen Herausforderung? Denn eines steht für den Philosophen fest: Zu glauben, dass die Götter sich dafür interessieren könnten, was die Menschen auf der Erde so treiben, ist naiv. Also dann: Wo den Sinn finden, wenn die alten Sinn stiftenden Institutionen abgedankt haben? Wenn es keinen Gott, keine allgemein gültigen Regeln mehr gibt? Sich nicht in metaphysischen Klimbim flüchten. Sich auf sich selbst verlassen und auf sich selbst vertrauen. An der Zukunft arbeiten, ohne sich von dieser Arbeit auffressen zu lassen. Das, was man tut, nicht deshalb tun, weil man von irgendjemanden – sei es nun der Vater, der Chef oder Gott – Belohnung erhofft oder Strafe befürchtet. Frei sein.

2000 Jahre später ist das noch immer der radikalste Lebensentwurf, den man sich vorstellen kann. ---