Ökologisch wertvoll

Umweltverschmutzung ist ein Problem. Die Lösung ein prima Geschäft. Manche Unternehmen haben das früh erkannt und ernten heute die Früchte.




• Die Umweltbranche hat sich hier zu Lande – wir wissen es – zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Viele deutsche Unternehmen sind weltweit führend, wenn es darum geht, Rohstoffe zu sparen oder Schadstoffe zu vermeiden. Dabei ist besonderes Geschick gefragt, denn sie agieren auf einem Markt, der wie kaum ein anderer von Diskussionen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und den daraus folgenden gesetzlichen Vorgaben beeinflusst ist.

Beispielhaft zeigen dies ein Konzern, der Waschmittelenzyme herstellt, und ein Mittelständler, der Rußpartikelfilter produziert. Henkel und HJS Kraftfahrzeugtechnik haben früh auf innovative Verfahren gesetzt, sich gegen so manchen Widerstand durchgesetzt – und ihre Hartnäckigkeit nicht bereut.

Der Saubermann Karl-Heinz Maurer zu folgen ist in jeder Beziehung nicht ganz einfach. Der energiegeladene 52-jährige Leiter der Forschungsplattform Enzymtechnologie bei Henkel reiht Begriffe wie Cellulasen, Schüttelkulturen oder Bacillus subtilis aneinander, ohne Luft zu holen. Und er rast geradezu durch die 14 Labore, in denen er und seine 30 Mitarbeiter schon seit Anfang der siebziger Jahre von Mikroorganismen Enzyme produzieren lassen, um sie in Wasch- und Reinigungsmitteln einzusetzen.

Enzyme sind Katalysatoren für biochemische Reaktionen, sie dringen in Schmutzpartikel ein und spalten sie auf. „Punktgenau und sparsam“, sagt Maurer und schaut über seine randlose Brille, als gehe ihm, dem begeisterten Forscher, diese Werbeformel nicht ganz leicht über die Zunge. Sein Job gleicht dem eines Puzzlespielers: In dem unscheinbaren Zweckbau auf dem Konzerngelände in Düsseldorf-Holthausen suchen Maurers Leute Enzym-Mischungen, die verschiedene Rückstände, also etwa die Reste von Ei, Öl und Kakao, möglichst effektiv angreifen. Maurer setzt Amylasen auf Stärke an, Lipasen auf Fette oder Proteasen auf Proteine. Generell gilt bei Enzymen: Wenig hilft viel; insgesamt machen sie nur 0,04 Prozent eines Waschmittels aus.

Um die Wirksamkeit immer weiter zu verbessern, filtern Maurer und sein junges Team – „ich bin ungefähr anderthalbfach so alt wie der Durchschnitt meiner Mitarbeiter“ – mit verschiedenen Partnern wie Biotech-Unternehmen oder Forschungseinrichtungen aus aberwitzig vielen Enzymen immer neue heraus. Einfach gesagt, vermischen die Forscher in den Labors Mikroorganismen mit Nährlösungen, schütten sie in einen Fermenter, trennen anschließend in der Zentrifuge die produzierten Enzyme vom Rest und testen sie. Zum Beispiel lassen sie die winzigen Helfer auf Stoffstückchen los, die mit Standarddreck wie „Vollei, gealtert“ oder „Salatöl“ versehen sind. „Falls die Enzyme einen Mehrwert für den Verbraucher bringen, also eine Leistung, die man sehen, riechen, fühlen kann oder die sich im Preis-Leistungs-Verhältnis niederschlägt, bearbeiten wir sie weiter“, sagt Maurer. Im Labor klappt das auf wenigen Quadratmetern, für den Markt produziert die Sandoz GmbH aus Österreich die Waschmittelenzyme im Auftrag Henkels in gewaltigen Mengen, mehrere hunderttausend Tonnen pro Jahr. Das Prinzip bleibt dasselbe.

Henkel war mit der Enzymforschung früh dabei und setzte Proteasen schon in den sechziger Jahren ein. Dabei ging und geht es selbstverständlich um Geld, das man etwa im Produktionsprozess einsparen kann. Vor allem aber wolle man sich, so Maurer, vom Wettbewerb absetzen. „Moderne Waschmittel unterscheiden sich nicht in vielen Rohstoffen, weil es nicht viele Grundzutaten gibt. Mit den Wirkungen der Enzyme kann man sich gut differenzieren.“ Neben ihrer spezifischen Waschkraft haben die Enzyme einen weiteren Vorteil: Sie schonen die Umwelt. Das beginnt schon bei der Herstellung. Die Mikroorganismen bilden einen regenerativen Rohstoff, der nach der Produktion als Dünger weiterverarbeitet wird und vollständig biologisch abbaubar ist.

Bei der Anwendung geht es weiter. Maurer: „Von 1975 bis 2003 verringerte sich der Einsatz von Waschmittel pro Ladung von knapp 275 auf etwas mehr als 100 Gramm, die Kompaktwaschmittel kommen sogar mit 75 Gramm aus.“ So gelangen immer weniger chemische Substanzen in die Umweh. Und weil die neuen Saubermacher immer besser werden, schonen sie die Umwelt zusätzlich, so Maurer: „Die Waschtemperatur -und damit der Energieverbrauch – sind in den vergangenen Jahren deutlich gesunken.“ Karl-Heinz Maurer prägt diese Entwicklung seit langem mit. Der Wissenschaftler im braunen Anzug, der nur noch selten Kittel trägt, kam 1984 als Laborleiter zu Henkel, nachdem er zuvor an Enzymen für neue Antibiotika geforscht hatte. Er habe sich schon als Kind für Biologie interessiert: „Als Kind habe ich immer Grzimeks Tierfilme geguckt“, erinnert er sich. „Ich wollte damals Zoodirektor werden. Als Schüler habe ich dann gelernt, dass die Biologie auf Chemie beruht. Und diese Kombination fand ich noch spannender.“ Da war er bei Henkel genau richtig. Das Unternehmen war Anfang der achtziger Jahre vor allem ein Chemiekonzern. „Es war eine schöne Aufgabe, dabei mitzuwirken, die Möglichkeiten der Biologie einzubringen“, sagt Maurer. „Das ging nur, weil viele Kollegen über alle Abteilungen und Hierarchien hinweg offen dafür waren.“ Trotzdem gliederte der Konzern die Bio- und Umwelttechnologie 1991 in ein eigenständiges Unternehmen mit Namen Cognis aus – um die verstoßene Tochter acht Jahre später wieder zu integrieren. Henkel habe das Potenzial und die zunehmende Bedeutung der Biotechnologie erkannt, erklärt Maurer die Kehrtwende.

Dabei hatte die Enzymforschung bei Henkel bereits kurz vor der Ausgliederung einen Quantensprung geschafft. Mit den Lipasen begann 1986 das Zeitalter der ersten gentechnisch produzierten Waschmittelenzyme. „Dieser Schritt war wichtig, weil wir viele Enzyme sonst nicht mehr wirtschaftlich oder überhaupt nicht hätten produzieren können“, sagt Maurer. Zudem ermöglichte die Gentechnik die Herstellung viel speziellerer Enzyme, die unempfindlich sind gegen Belastungen, die in der Natur nicht vorgesehen sind: „In der Waschmaschine müssen sich Enzyme beispielsweise inmitten von Tensiden und Bleichmitteln behaupten.“ Wie bei Anwendungen in der Landwirtschaft (grüne Gentechnik) und Medizin (rote Gentechnik) sorgte auch die so genannte weiße Gentechnik für Diskussionen; Anfang der neunziger Jahre gerieten die Waschmittelenzyme in die Kritik. „Wir haben gemeinsam mit anderen Herstellern von Enzymen und Waschmitteln durch Aufklärung auch die härtesten Kritiker überzeugt“, sagt Maurer. Er selbst hielt damals etliche Vorträge bei Umwelt -und Hausfrauenverbänden, grünen Politikern und Behörden und warb so für Biotech in der Waschmaschine. Mittlerweile ist er sich sicher: „Wir haben diese Diskussionen hinter uns. Henkel übererfüllt die internationalen Standards, die es zum Einsatz von gentechnisch veränderten Enzymen gibt.“ Heute ist es eher schwierig, mit der neuen Technik und wirtschaftlich angemessenem Aufwand bei Waschmitteln etwas ganz Neues zu entdecken. „Versuchen Sie mal, den Otto-Motor entscheidend zu verbessern.“ Chancen sieht Karl-Heinz Maurer deswegen vor allem darin, Enzyme für bestimmte Anwendungen und Anforderungen zu spezialisieren. „Um im Bild zu bleiben: Den Otto-Motor in Richtung Dreiliterauto oder Formel-1-Antrieb weiterzuentwickeln.“ Henkel arbeitet mittlerweile gemeinsam mit der Brain AG – unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – an Enzymen, die aus nicht kultivierten Mikroorganismen stammen. Diese Enzyme sind bei niedrigeren Temperaturen aktiv und können für weitere Einsparungen bei Chemikalien, Energie und Wasser sorgen.

Zurzeit beschäftigt Maurer zudem ein Projekt, bei dem es um die Nutzung eines interessanten Gratis-Rohstoffes geht: „Wir wollen Flecken mit dem Sauerstoff aus der Luft bleichen.“ Auch dabei sollen die Enzyme helfen – oder Chemie, die diese Tausendsassas imitiert.

Der Abgasjäger Die HJS Kraftfahrzeugtechnik könnte jährlich rund 200.000 bis 250.000 Partikelfilter herstellen, die verhindern, dass Diesel-Pkw weiterhin Krankheiten auslösenden Ruß in die Luft blasen. Die Pläne für die Fertigungsstraße, die rund zehn Millionen Euro kosten wird, sind fertig und vergilben schon ein wenig an einer Pinnwand. Das Produkt, das momentan fast in Handarbeit entsteht, ist serienreif. Aber in der halb ausgeräumten Halle im sauerländischen Menden herrscht seit Monaten gähnende Leere. Außer einigen Paletten ist nicht viel zu sehen. Hermann Josef Schulte, der Firmengründer, muss warten, und das passt ihm gar nicht. Vor allem, weil er die Wartezeit nicht beeinflussen kann. „Sobald die gesetzlichen Grundlagen geschaffen sind, werden wir in wenigen Wochen die Produktion hochfahren“, sagt der 58-Jährige.

Warten lassen ihn die Politiker. Dabei sah es Anfang des Jahres, als eine neue EU-Richtlinie in Kraft trat, die die Feinstaubkonzentration begrenzen sollte, noch nach einem baldigen Produktionsbeginn für HJS aus. In einigen Städten waren die Grenzwerte schon im März überschritten. Die rot-grüne Regierung machte Druck, im April war Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Gast bei HJS und versprach, sich für die steuerliche Förderung der Filter einzusetzen. Neuwagenkäufer sollten 350 Euro bei der Kfz-Steuer sparen, Nachrüster 250 Euro. Die Bundesregierung legte im Mai ein entsprechendes Gesetz nach. Weil aber die Bundesländer, die die Kfz-Steuer kassieren und um ihre Einnahmen bangen, das Gesetz blockieren, liegt es seit dem Sommer im Bundesrat auf Eis.

Schulte nennt seine Firmenausweitung dennoch eine „Einbahnstraße, es gibt keinen Weg zurück“. Trotz der vertagten Entscheidungen, die für ihn nicht unwichtig sind. Denn nur wenn die Nachrüstfilter für Pkw in geplanter Höhe gefördert werden, entscheiden sich genügend Gebrauchtwagenbesitzer dafür. Und damit entscheidet sich, wie viele neue Mitarbeiter HJS – zusätzlich zu den bestehenden 360 Arbeitsplätzen – für die Produktion benötigt. Zudem fehlen HJS die technischen Anforderungen an die Filter, die für die Allgemeine Betriebserlaubnis notwendig sind.

Schulte ist anderen oft einen Schritt voraus, auch deswegen ist er ungeduldig. Diese Weitsicht ist gut für sein Unternehmen, das er seit 1976 mit Schalldämpfern und der Montage von Abgasanlagen aufbaute. Anfang der achtziger Jahre ordnete der Wirtschaftsingenieur, der nach der Realschule und einer Lehre als Betriebsschlosser studierte, die Debatte um den Drei-Wege-Katalysator für den Otto-Motor richtig ein, die er bei einem USA-Aufenthalt ein paar Jahre zuvor mitbekommen hatte. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir uns hier in Deutschland auch mit diesem Thema beschäftigen mussten.“ Ende 1984 beschließt die Bundesregierung, dass es Steuervorteile für Autofahrer gibt, die ihre Wagen mit Katalysatoren ausstatten. Ein Jahr später startet HJS die Produktion, als erster Anbieter in Deutschland.

Schulte denkt bald wieder einen Schritt weiter. „Anfang der Neunziger habe ich gedacht: Der Otto-Motor ist sauber, was machen wir mit dem Diesel? Die ökologischen Forderungen werden eines Tages keinen Unterschied mehr zwischen Otto- und Diesel-Motor erlauben.“ Schulte entwickelt ab 1992 Abgastechnik für Dieselmotoren, die ab 1995 in Nutzfahrzeugen eingesetzt werden. Für Pkw-Filter fehlt die Nachfrage, was sich erst in diesem Jahr mit der Feinstaubdiskussion ändert. In Frankreich sind sie weiter: Faurecia, eine Tochter des PSA-Konzerns, zu dem Peugeot und Citroen gehören, liefert bereits seit dem Jahr 2000 Rußfilter und etablierte sich als Marktführer.

HJS präsentiert zwei Jahre später den Sintermetall-Filter für Pkw, der ein Jahr später mit dem hochkarätigen Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet wird. Schulte freut sich über die Anerkennung, aber er betont auch, dass er in erster Linie Ingenieur und Unternehmer sei. „Die Filter sind für uns ein wichtiges wirtschaftliches Thema. Dass wir damit auch einen bedeutenden Beitrag für den Umweltschutz einbringen können, motiviert alle Mitarbeiter zusätzlich.“ Das Grundmaterial des Sintermetall-Filters besteht aus 50 bis 60 sehr feinen gebogenen Streckmetallplatten, die mit Metallstaub und weiteren Zusätzen verbacken werden – im Fachjargon heißt das „sintern“. So entstehen luftdurchlässige Taschen: Die Auspuffgase ziehen durch sie hindurch, der Ruß bleibt hängen. Wie porös und damit luftdurchlässig sie sind, demonstriert Schulte, indem er eine der Taschen in den Mund nimmt und beim Atmen Luft durch das Metall zieht, das den Filter besonders belastbar und zu hundert Prozent wiederverwertbar macht.

Dann streicht er seine weiß-blau gestreifte Krawatte glatt und redet weiter über seine Firma. Darüber zum Beispiel, dass man Allianzen bilden muss mit anderen Mittelständlern, um auf dem umkämpften Markt erfolgreich zu sein. Und dass man seine Grenzen kennen müsse: Deshalb hat Schulte den gesamten Pkw-Neuwagenmarkt der Robert Bosch GmbH überlassen, an die er den Sintermetall-Filter lizenzierte, um sich auf die Nachrüstung zu konzentrieren.

Wenn die Produktion losgeht, wird HJS nicht das bestmögliche Produkt für die Nachrüstung liefern. Mit dem Sintermetall-Filter, der auch bei verschiedenen Motorsportserien eingesetzt wird, hat HJS zwar einen 100-Prozent-Filter, der den Ruß auffängt und mit Heizelementen alle 800 bis 1000 Kilometer verbrennt. Um das neue Gesetz einzuhalten, mit dem die Förderung verbunden ist, reicht nach derzeitigem Stand aber weniger Leistung aus. HJS bietet 50-Prozent-Wirkung mit dem speziell entwickelten City-Filter, der den Ruß mit heißen Abgastemperaturen verbrennt, die bei höheren Geschwindigkeiten entstehen.

Schulte findet das schade, sieht die Sache aber pragmatisch. Der Sintermetall-Filter würde zirka 1200 bis 1800 Euro kosten – zu viel für die meisten Kunden. Der City-Filter kostet nur rund 750 Euro, und die Einbauzeit fällt deutlich geringer aus. Schulte verbucht es unter „nicht zu ändern“. Auch über die Widerstände von Automobilherstellern, die lange gegen den Rußfilter zu Felde zogen, schweigt er sich diplomatisch aus.

Und wendet sich dem nächsten Problem zu: den Stickoxiden. Für sie schreibt die Abgasnorm Euro 5, die bis spätestens 2010 eingeführt werden soll, ebenfalls neue Grenzwerte vor. Gemeinsam mit dem englischen Unternehmen Johnson Matthey entwickelte Schulte eine Technik, mit der man den Ausstoß der Gase verringern kann und die mit dem Rußpartikelfilter kombiniert wird. „In dieser Technik liegt auch unsere Zukunft.“ ---