Nette Idioten

Sie zerstören Bücher. Um sie zu retten. Sie führen Krieg. In Bibliotheken. Und sie tun das alles nur für uns.




1855 hatte der US-Geologe Isaiah Deck eine tolle Idee: Wie wäre es, wenn man Zeitungspapier fortan aus ägyptischen Mumien herstellte? Damals wurde Papier noch aus alter Baumwoll- und Leinenkleidung produziert, die USA importierten Altkleider aus etwa 20 Ländern, aber dank der steigenden Zeitungsauflagen stiegen auch die Preise für Textilien enorm. Deck war in Ägypten bei der Suche nach den Smaragdminen von Cleopatra auf ein Mumienfeld gestoßen und hatte festgestellt, dass Mumienleinen eine sehr feine Textur hat, also rechnete er ein wenig: Ging man davon aus, dass das Einbalsamieren 2000 Jahre verbreitet war, die Lebenserwartung 33 Jahre betrug und es in Ägypten eine Bevölkerung von acht Millionen Menschen gab, lagen 500 Millionen Mumien im ägyptischen Sand. Die musste man nur ausgraben und in die USA bringen, riesige Schiffe mit verrotteten Leichen, die zu Matsch verarbeitet werden, um darauf Nachrichten zu drucken, die am nächsten Tag überholt sind. Super! Und was heißt schon Pietät; Die erste ägyptische Eisenbahn, die zu jener Zeit zwischen Kairo und Alexandria in Betrieb genommen wurde, wurde mangels Holz oder Kohle die ersten zehn Jahre ausschließlich mit zu handlichen Klaftern zerlegten Mumien angetrieben.

Isaiah Decks Plan wurde durch die Entwicklung von Papier auf Holzbasis vereitelt, aber gerade sein Scheitern macht ihn zu einem der Fortschrittsfreunde, von denen Nicholson Baker in dem Buch "Der Eckenknick" erzählt. Baker ist Schriftsteller, spezialisiert auf literarische Pornografie, in seinem Dialogroman "Vox" ging es um Telefonsex, lange bevor es 0190-(Ruf-mich-an-)Nummern gab. Nun hat er sein erstes Sachbuch geschrieben, über den Umgang mit Büchern in US-Bibliotheken bzw. über die Zerstörung der einen durch die anderen: In den Bibliotheken ist es üblich, vom Verfall bedrohte Bücher auf Mikrofilm aufzunehmen, wobei die Bände allerdings zerschnitten und später vernichtet werden, da das als ökonomisch gilt. Baker weist nach, dass die Bücher nicht zerfallen, berechnet, dass neue Lager billiger sind als Reproduktionen, und erzählt von Bastionen der Bürokratie wie der American Library of Congress, die sich nicht verpflichtet fühlt, die Öffentlichkeit über ihre Arbeit zu informieren, obwohl sie ihr angeblich dient. Im Zentrum dieses hübschen Panoptikums des Wahnsinns stehen einige wenige Akteure, die nichts anderes wollen, als ihre Ideen durchzusetzen - und hier hat der Autor ein großes Werk getan: Er zeigt in einem winzigen Ausschnitt, was das für Menschen sind, die stets für das Schlechtere kämpfen.

Es sind gute Menschen. Vielleicht ein bisschen besessen. Vielleicht etwas unflexibel. Vielleicht ein wenig zu sehr von sich überzeugt. Und nicht unbedingt fachlich kompetent. Aber hey!, das merkt doch keiner. Zumindest, wenn man sich mit Leuten umgibt, die noch weniger wissen. Wie zum Beispiel Verner Clapp: Der stellvertretende Leiter der Library of Congress übernahm 1956 die Leitung des Council on Library Resources, mit dem er für das Mikroverfilmen von Büchern und automatisierte Bibliotheken kämpfte und dabei seine Neigung zu technischen Spielereien auslebte: Er ließ das elektronische Bilderfassungssystem Verac entwickeln (das nicht funktionierte), einen pneumatischen Seitenumblätterer (der nicht funktionierte), ein TV-System für Bibliotheken, mit dem man Bücher lesen konnte, derweil sie im Lager liegen (auch nix), sogar die holografische Speicherung von Büchern in Kaliumchlorid-Kristallen (nö). Hilfe bekam er dabei von einem erstaunlichen Beirat: von einem Mathematiker aus der Armee, einem Akustiker, der auf die Bewertung von Waffensystemen spezialisiert war, einem Forscher einer CIA-Firma und einer Kryptografie-Spezialistin der National Security Agency - Clapp arbeitete selbst ebenfalls für die CIA. Diese Leute waren ausgebildet, einen Krieg zu führen - und das taten sie auch.

Es gibt Menschen, die führen Krieg, wohin sie kommen: Sie haben ein Ziel, überlegen sich eine Strategie, entwickeln die dafür notwendige Technik, tun auftretende Probleme als nebensächlich ab und suchen sich Mitstreiter, die genauso denken wie sie. Sie benehmen sich wie Autofahrer, die an einer gepanzerten Motorhaube arbeiten, während sie mit Vollgas auf eine Wand zurasen, und freuen sich über jeden Beifahrer, der ihnen versichert, dass die Wand verschwinden wird, sobald sie ihr näher kommen.

Bremsen ist keine Option, Bremsen gibt es nicht. Ich glaube, das ist weit verbreitet: Ähnlich denkende Menschen ziehen sich an, bestätigen sich gegenseitig und können sich schließlich eigene Denkfehler oder neue Ideen nicht mehr vorstellen. Das führt aber nicht etwa zu stiller Zufriedenheit, sondern zu wilder Aktivität, denn sie wissen, wie die Welt funktioniert, und wollen die Menschheit beglücken. Davon hält sie auch die Ökonomie nicht ab: Armeen und Kriege müssen nicht ökonomisch sein, weil sie einem höheren Zweck dienen, und dieser Glaube an die eigene Wichtigkeit und Richtigkeit beseelt die Krieger auch bei der Erledigung anderer Aufgaben: 358 Millionen Dollar für 3,3 Millionen Bücher? Das ist billig!

Man muss diese Leute immer wieder stoppen - denn wenn der Klügere nachgibt, regieren Idioten die Welt. Wie weit die Idioten gehen, zeigt ein Programm der Library of Congress zur Entsäuerung von Büchern mit Diäthylzink, einem Metall-Alkyl, das hochgefährlich ist, weil selbstentzündlich: Im Kontakt mit Luft explodiert es schon in kleinen Mengen, weshalb es früher für Brennstoff-Luft-Bomben verwendet wurde. Die Library of Congress plante in den Siebzigern, mit dem Wirkstoff eine Million Bücher pro Jahr zu entsäuern, wofür sie 22 Tonnen Diäthylzink gebraucht hätte - genug, um Washington zu zerstören. Die Befürworter ließen sich nicht mal von ihrem Plan abbringen, als eine Vakuumkammer in ihrem Versuchslabor explodierte - dass die Bücher unter der Behandlung litten, interessierte sie vermutlich noch weniger.

Aber man kann sich wehren, und dafür benötigt man weder hohe Posten noch viel Geld. Der Autor Nicholson Baker ist ein Liebhaber alter Zeitungen, was man gut versteht, wenn man sich die großformatigen, üppig und oft farbig illustrierten Blätter ansieht. Als die British Library ihre Sammlung alter US-Zeitungen auflöste, gründete er einen gemeinnützigen Verein, besorgte Sponsorengelder, löste einen eigenen Rentenfonds auf und kaufte einen Großteil der Bände. Er mietete ein Gebäude und lagert nun dort die Zeitungen. Ich bin mir sicher: Irgendwann wird man ihm sehr dankbar sein. Nicholson Baker: Der Eckenknick - oder wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen. Rowohlt, Reinbek, 2005; 496 Seiten; 29,90 Euro