Die Sterns von Rio

Generationswechsel sind eine heikle Angelegenheit. Besonders wenn ein Unternehmen vom Gründer so geprägt ist wie H. Stern von H. Stern. Glücklicherweise hat der Sohn viel vom Vater.




Von seinem Wohnzimmer sieht Roberto Stern auf die Ipanema-Bucht von Rio de Janeiro. Die Postkarten-Aussicht passt gut zum schicken Design der Junggesellen-Wohnung. Das lange moderne Sofa und die würfelförmigen Sessel thronen auf einer Empore. Im Esszimmer hängt eine riesige Lampe, die mit ihren herunterhängenden Metallfäden wie ein an der Decke erstarrtes Feuerwerk aussieht. An jedem Fadenende hängt ein kleiner weißer Zettel: bunte Kinderzeichnungen, Gedichte von Rainer Maria Rilke auf Deutsch, Texte in japanischer Schrift und Fotos von Robertos sechsjähriger Tochter.

Seit zehn Jahren lenkt Roberto die Geschicke des internationalen Juweliers H. Stern. Und an dem Lampen-Schrein lässt sich Robertos Leben wie in einem Buch nachlesen: der Geschäftsführer, der Künstler, der Vater, der Gestürzte. Davon erzählt auch die Narbe in seinem jungenhaften Gesicht, die sich Roberto nicht vom Schönheitschirurgen wegoperieren ließ. "Ich bin Single und sehe nicht gut aus", sagt Roberto. " Aber ich habe trotzdem Chancen bei Frauen." Roberto trägt stets einen schicken Anzug, ein offenes Hemd und lederne Slipper. Im Gespräch schlüpft er gern aus seinen Schuhen und kreuzt seine Beine auf dem Stuhl. Damit will er sich zur Ruhe zwingen. Mit seinen blauen Augen schaut er so intensiv, dass einem fast ungemütlich wird. Erst wenn man etwas genauer hinsieht, bemerkt man, dass er durch einen hindurch in die Ferne sieht.

Am liebsten redet der 44-Jährige über und mit Frauen. "Sie verbergen ihre Gefühle nicht", sagt Roberto. Er will genauso sein. Meistens zeigt er zuerst seine Ungeduld. Immer wieder springt er im Gespräch auf, um ein Buch des Künstlers Andy Goldsworthy oder über deutsches Lampen-Design herauszukramen. In der Konzernzentrale in Ipanema pendelt er den ganzen Tag ruhelos zwischen Büro, Designstudios, Werkstätten und der Bücherei hin und her - so nennt sich ein Raum mit einem großen Glastisch, vielen modernen Lederstühlen und drei Schränken. In denen stapeln sich Mode- und Frauenmagazine, Bücher über das Reisen in Zentralasien oder die Schriften des Heiligen Swami Chinmayananda. "Die Welt ist eine Schatztruhe", sagt Roberto.

Das Familienunternehmen H. Stern ist etwas Besonderes in der Branche. Es entwirft und verkauft seine Schmuckstücke nicht nur, H. Stern verantwortet auch die gesamte Wertschöpfungskette bis hinein in die eigenen Minen. Das ging lange gut, bis zu einer Krise in den neunziger Jahren, die unter der Führung von Roberto überwunden wurde. Seither tragen Hollywood-Größen wie Angelina Jolie oder Scarlett Johansson regelmäßig den Schmuck aus Rio. Das Unternehmen H. Stern eröffnet einen Laden nach dem anderen, insgesamt sind es mehr als 160 in zwölf Ländern. Flaggschiff-Geschäfte in London, Paris und Berlin sollen folgen.

Dennoch: Der Generationenwechsel ist nicht leicht. Firmengründer und Vater Hans Stern ist eine lebende Legende - und hat sein Büro gleich neben dem seines Sohnes. Hans Stern schuf 1945 als deutscher Kriegsflüchtling praktisch aus dem Nichts ein Unternehmen, dessen Schmuck durch brasilianische Farbedelsteine wie Aquamarine, Topaz oder Turmaline weltweit berühmt wurde. Vater und Sohn könnten kaum verschiedener sein: Hans Stern ist zurückhaltend, konservativ und sachorientiert. Roberto Stern ist extrovertiert, rebellisch und kreativ. Aber beide sind auf ihre Art unkonventionell, vereint in der Liebe zu Edelsteinen, der Familie - und den Frauen.

Wenn Hans Stern über sein Erbe nachdenkt, dann sagt er: "Ich will als ehrlicher, seriöser und erfolgreicher Juwelier erinnert werden." Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Ich hoffe, dass ich diese Werte auch meinen Söhnen vermittelt habe." Roberto Stern sagt über seinen Vater: "Er hält seine Gefühle zurück - das ist seine deutsche Seite." Der Sohn versucht bei sich selbst dagegen anzugehen, "um schöpferisch zu sein. Mein Vater ist auf andere Weise kreativ: Er schuf ein einzigartiges Geschäftsmodell" .

Der Sohn übernahm ein Lebenswerk - dem langsam, aber sicher die Luft ausging Als Roberto zum 50-jährigen Geschäftsjubiläum 1995 den Chefsessel übernahm, war die Lage ernüchternd: "Das Management war im Schnitt 70 Jahre alt, die Umsätze fielen, der Marktanteil stagnierte - ich machte mir große Sorgen." Das Problem verdeutlichte sich am Firmenlogo, das in altdeutscher Schrift und mit lang gezogenen Schnörkeln heute nur noch auf der Konzernzentrale in Rio de Janeiro zu sehen ist. Die größten Tugenden von H. Stern - Beständigkeit und Berechenbarkeit - waren auf dem globalen Modemarkt zu einer Last geworden.

Roberto veränderte viel, nicht zuletzt vor fünf Jahren das Logo: H. Stern steht heute weltweit im eleganten Schriftzug, in dem das große S in das moderne Design eingekürzt ist. Und er führte Signatur-Kollektionen ein: Erstmals gab es passende Ohrringe, Halsketten und Armbänder zu kaufen - kreiert von radikalen Designern wie der brasilianischen Mode- und Geschmacksgöttin Costanza Pascolato oder Außenseitern wie dem brasilianischen Musiker und Selbstdarsteller Carlinhos Brown.

"Ich versuche den ganzen Tag, wie eine Frau zu denken", erklärt Roberto, was ihn bei seinen Veränderungen leitet. Immerhin sind 70 Prozent der Kunden Frauen. Andererseits erzielt H. Stern die Hälfte des Umsatzes mit Männern. Sie geben mehr Geld aus, " um ihre Frau glücklich zu machen", so Roberto. Der Unterschied: Männer kaufen gern Ohrringe, lassen sich von Karatzahlen und Produktionstechniken beeindrucken. Frauen lassen solche Dinge kalt, zudem bevorzugen sie Ringe. "Frauen schauen immer zuerst auf die Hände", hat Roberto festgestellt.

Anfangs gab es Widerstand. Länderchefs und Manager hatten Sorge, dass sich mit der Einführung von Kollektionen die Auswahl für den Kunden zu sehr reduziere. "Ich glaube an die Kraft der Marke", hielt Roberto dagegen, "und an den ständigen Wandel - wer ihm entgegengeht, überlebt." Einige der Manager mussten gehen. Wer blieb, genießt alle Freiheiten - wie sein Vater führt Roberto an der langen Leine.

Wie radikal sich Roberto den Wandel vorstellte, demonstrierte er 1997 im jährlichen Kollektionsbuch von H. Stern. "Das verlorene Tagebuch" (The lost diary) sorgte weltweit für Aufsehen. In dem Buch im DIN-A4-Format sind seltsame Fotos zu sehen: Ein dreckverschmiertes Gesicht mit Schmetterling, ein Finger mit gekräuselten Fingernägeln oder ein Mensch - eine Kreuzung aus Indianer und Model - der sich mit Federn, Vogelkrallen und lehmiger Kriegsbemalung schmückt. " Mein Gott, hat es in dem Fotostudio gestunken", erinnert sich Andrea Hansen, US-Marketing-Direktorin von H. Stern. "Für das Buch hat mich mein Vater fast gefeuert", erzählt Roberto nicht ohne Stolz.

"Mir hat das nicht gefallen", sagt Hans Stern dazu. "Aber das war lange noch kein Grund, Roberto rauszuschmeißen." Freunde beschwerten sich damals beim Gründer über das Werk. "Ich habe mich geschämt - die Bilder sind so hässlich und schockierend", sagt Stern senior. Spannungen gab es aber auch auf anderen Gebieten: Für Hans Stern ist jedes Geschäft wie ein eigenes Kind, mit Händen und Füßen wehrt er sich gegen jede Schließung. Roberto dagegen staffelte die Geschälte nach den Kategorien A, B, C: von A für hohen bis C für niedrigen Erlös. 2001 machte er weltweit 40 C-Läden dicht, davon vier in Deutschland, die meisten, weil sie zu klein waren oder nicht rentabel arbeiteten. Roberto glaubt an große Flaggschiff-Geschäfte und nicht an die Mini-Boutiquen, wie sie Hans Stern gern in Hotels und Flughäfen eröffnet hatte. Zudem setzt H. Stern neuerdings auf Shop-In-Shop-Lösungen: den Verkauf innerhalb von Kaufhäusern.

Hans Stern hat den Strategiewechsel geduldet, nur einmal in den vergangenen zehn Jahren legte er ein Veto ein. Er verhinderte die Schließung des Flughafengeschäfts in Lissabon - mit der Begründung, dass es viel zu schwer sei, überhaupt in Flughäfen hineinzukommen, die Ladenfläche sei zu knapp. "Roberto hat viele Ideen", sagt Hans Stern. "Aber nicht alle sind gut." Der Vater hat ein Schmuckimperium errichtet -und ungewöhnliche Sozialstandards gesetzt Der Teppich ist weich und dunkelgrün. Die Möbel sind braun. Die Fensterrollläden sind herabgelassen. Das wenige Sonnenlicht macht das Büro noch dunkler, als es ohnehin ist. Hans Stern sitzt im dunkelblauen Anzug hinter dem Schreibtisch, die Krawatte korrekt geknotet. Vom Straßenlärm ist nichts zu hören. Aus in der Decke versteckten Lautsprechern ertönt Musik von Beethoven. Die Sekretärin bringt die Liste der Tagesverkäufe vom Hauptgeschäft in Rio de Janeiro. Punkt für Punkt arbeitet sich Hans Stern durch die Aufstellung der Einzelverkäufe, sortiert nach der Herkunft des Käufers. "Chinesen geben wirklich kaum Geld aus", stellt Hans Stern fest und runzelt die Stirn.

Auf dem Schreibtisch steht ein Laptop, mit dem der Senior im Internet surft. Wenn er eine E-Mail schreiben will, zieht er links im Schreibtisch ein Holzbrettchen heraus, auf dem eine kleine Schreibmaschine aus den siebziger Jahren steht. Mit zehn Fingern tippt Hans Stern die Nachricht in Windeseile herunter. Dann drückt er auf einen abgewetzten Knopf der Gegensprechanlage und ruft die Sekretärin. Die holt das Blatt und verschickt die Nachricht per E-Mail. Alle halbe Stunde bringt sie einen Cafezinho herein. Den Espresso trinkt Stern rasch mit einem Strohhalm auf. "Eine Sünde muss man haben", sagt er.

Hans Stern ist 84 Jahre alt. Er ähnelt dem famosen Börsenkolumnisten André Kostolany: ein kleiner freundlicher Mann mit länglichem Kopf, Operlippenbart und grauem Haar. Seine Augen funkeln hinter einer unscheinbaren Brille. Seit einer Mundoperation vor einigen Jahren hängt die Unterlippe herunter und macht das Trinken zur Qual. "Alkohol darf ich wegen einer Halsgeschichte nicht mehr anfassen", sagt Hans Stern achselzuckend.

Jeden Tag arbeitet er von neun bis 17 Uhr. Jeden Tag fährt er mit seinem VW Golf ins Büro - der Wagen ist ein Zugeständnis an den Luxus, jahrzehntelang rappelte der Millionär mit einem VW Käfer durch Rio de Janeiro. Sein Chauffeur, der ihn 30 Jahre lang gefahren hatte, ging vor kurzem in Rente. Deswegen kutschiert ihn jetzt der Fahrer seiner Frau Ruth. Das Ehepaar wohnt seit 32 Jahren in dem gleichen Apartment in Alto Leblon, einem Stadtteil mit Blick auf die Christo-Statue und die halbmondförmige Bucht von Ipanema, aus der die graue H.-Stern-Geschäftszentrale herausragt. "Ich brauche kein großes Auto", sagt Hans Stern. "Ich bin ein kleiner Mann." Bescheidenheit und Arbeitsdrang paaren sich bei ihm mit Herzlichkeit und Menschenliebe. Stern baute eine Musterfirma auf, die in Brasilien mit guten Löhnen und vorbildlichen Sozialleistungen heraussticht. So gibt es eine komplett ausgerüstete Arztpraxis, bezahlten Schwangerschaftsurlaub oder vergünstigte Kino- oder Theatertickets. Einmal im Jahr streiten sich die Kollegen um den Preis des besten Sängers. "Wir sind wie eine Familie", sagt Kate Merkle, die deutsche Generalmanagerin von H. Stern.

3200 Menschen arbeiten bei H. Stern, fast ausschließlich Frauen - was in Brasilien nicht nur aufgrund der für sie höheren sozialen Abgaben eine Seltenheit ist. " Frauen sind verlässlicher, ehrlicher und loyaler", sagt Hans Stern. Die Mitarbeiterinnen bleiben dem Unternehmen jahrzehntelang treu. Andrea Hansen beispielsweise fing mit 15 Jahren als Sommeraushilfe bei der Ticketausgabe für Touristen an. Sie kehrte nie wieder zur Schule zurück - vor kurzem feierte sie als US-Marketingchefin ihr 20-jähriges Firmenjubiläum.

Bis heute versuchen die Sterns die soziale Kluft mit großem Engagement zu überbrücken: Regelmäßig führt die Firma Sonderverkäufe durch, deren Gewinne an soziale Einrichtungen abgeführt werden. Mehrmals im Jahr lädt H. Stern Schulklassen aus den Favelas, den an Berghängen zusammengezimmerten Slums, zur Rundrührung durch das Unternehmen ein, zeigt Filme, diskutiert. Immer wieder stammen die neuen Lehrlinge von H. Stern von dort, meist sind es Mädchen. Nur in der Goldschmiede sitzen bislang ausschließlich Männer. "Das werden wir auf jeden Fall ändern", sagt Juniorchef Roberto, der auf das soziale Vorzeigeprogramm der Firma nicht weniger stolz ist als der Vater.

Die Sterns haben vier Söhne: Roberto, Ronaldo, Ricardo und Rafael. Roberto, der Älteste, wurde streng erzogen. Der Vater gab weiter, was er selbst erlebt hatte. Mit zwölf Jahren musste er Schreibmaschineschreiben im väterlichen Ingenieurbüro erlernen. Danach war das Akkordeon dran: Obwohl er es hasste, musste er Volkslieder vor Familie und Freunden spielen. Auf alten Fotos sieht man Hans Stern, die Haare streng zur Seite gescheitelt, mit runder Hermann-Hesse-Brille auf der Nase, kaum größer als das Hohner-Akkordeon in seinen Armen. Als Hans Stern 1945 Geld für die Gründung von H. Stern brauchte, rebellierte er auf seine stille Art: Er verkaufte das Akkordeon für 200 Dollar, einem Sechstel des damals notwendigen Startkapitals.

Das Unternehmen war anfangs ein Abenteuer: Mangels Straßen ritt Hans Stern auf einem Pferd zu den Garimpeiros, den brasilianischen Edelsteinsuchern im Landesinneren. Die handelten gern mit Stern, weil er pünktlich zahlte. Die Steine und später der Schmuck verkauften sich vor allem an Touristen prächtig. 1949 machte Hans Stern sein erstes Geschäft am Pier in Rio de Janeiro auf, wo die Kreuzfahrtschiffe aus den USA festmachten. Kurze Zeit später folgte die Filiale im Hotel Quitandinha im nahe liegenden Erholungsort Petropolis. Bald eröffnete Stern nach gleichem Muster in ganz Südamerika Filialen. Und er hatte eine prima Idee: Ein Garantiezertifikat für die Steine ließ vor allem männliche Käufer zum Portemonnaie greifen.

Karl Marx, ein Kibbuz in Israel und ein Unfall -Marksteine auf dem Weg zu sich selbst Anfang der fünfziger Jahre führte Hans Stern die ersten Touristen durch seine Goldschmiede-Werkstatt. Noch heute ist das Unternehmen die am vierthäufigsten besuchte Touristenattraktion von Rio de Janeiro. Jährlich bis zu 200 000 Besucher schauen sich Designer, Diamantschleifer oder Goldschmiede an, die hinter Glasscheiben arbeiten - und so gut wie jeder Besucher kauft hinterher ein steuerfreies Schmuckstück. Heute kümmert sich Stern senior vor allem um das Touristengeschäft.

Auf die Frage nach seinen Schwächen denkt Hans Stern eine Weile nach und sagt: "Ich bin ungeduldig mit dummen Menschen." Unzufrieden mit der eigenen Antwort greift er zum Telefon und fragt Ehefrau Ruth. Die ist 14 Jahre jünger als ihr Mann und stammt wie Hans Stern ebenfalls aus Essen. Ihre Eltern flohen vor den Nazis nach Uruguay, als sie zwei Jahre alt war.

Ruth sagt: "Du arbeitest zu viel." Aber das sei doch keine Schwäche, ruft Stern. Leichter fällt ihm die Antwort auf die Frage nach seinen Stärken: " Zuhören - die meisten wollen das nicht. Dabei hat es nur Vorteile: Man lernt viel und vermeidet, dummes Zeug zu reden." Sohn Roberto wollte als Kind und Teenager um keinen Preis bei H. Stern arbeiten: "Mein Vater war ständig im Büro - ich habe die Firma als Konkurrenz empfunden." Auf der Suche nach anderen Vorbildern landete er bei Karl Marx, studierte Wirtschaftswissenschaften, ging mit 20 Jahren in ein Kibbuz nach Israel - und verlor in acht Monaten alle Illusionen über eine klassenlose Gesellschaft. Ins väterliche Unternehmen zurückgekehrt, wurde Roberto vom Vater 1986 erst mal in die Poststelle gesteckt, dann in den Verkauf. Später führte Roberto eine kleine H.-Stern-Filiale. Schon fünf Jahre später, 1991, wurde er nach Sao Paulo geschickt, um das gesamte Brasilien-Geschäft zu übernehmen. "Für mich war das ein Albtraum, eine viel zu große Aufgabe", sagt Roberto rückblickend. Aber er setzte sich durch, reorganisierte den Vertrieb, das Lager und vor allem die Herstellung: Roberto übernahm von der Fließbandfertigung, was ihm für die Schmuckfertigung sinnvoll erschien; heute sitzen bei H. Stern vom Schmelzer über den Steineinsetzer bis zum Polierer alle Handwerker in einem Raum.

Die räumliche Distanz zu Rio de Janeiro tat gut. " Ich konnte eine eigene Persönlichkeit entwickeln", sagt Roberto. "Das war mit meinem starken Vater nicht einfach, der die Familie und das Unternehmen dominierte." Täglich las Roberto stapelweise Magazine aus der ganzen Welt, verschlang jede Woche ein neues Buch, sprach mit Künstlern und Designern.

Anders als Hans Stern ist Roberto ein extrovertierter Chef - im Guten wie im Schlechten. Mitarbeiter spitzen morgens schon die Ohren, um seine Laune durch die Wand herauszuhören. Gefürchtet sind die Montage. Über das Wochenende durchpflügt Roberto stets dutzende von Design- und Modemagazinen - "ich lese schon lange keine Männermagazine mehr" - und kreuzt relevante Artikel an. Danach verteilt er die Hefte zur Ausarbeitung. Er fordert viel. Designer müssen ihre Vorschläge wieder und wieder überarbeiten. "Als ich vor kurzem auch den zwanzigsten Vorschlag von einer meiner sechs Designerinnen ablehnte, fing sie an zu weinen", erzählt Roberto, "aber ich umarmte sie, tröstete sie, und alles war okay." Roberto Stern hat kein Problem damit, Gefühle zu zeigen. Vor einigen Jahren stand er im Fahrstuhl, als die junge Managerin Rafael Magalhäes zustieg und in Gedanken tief seufzte. Als sie den Lift verließ, lief er ihr hinterher und fragte, wie es lauren würde. Sie antwortete, dass alles bestens sei. "Ich glaube kein Wort", sagte Roberto, " warum seufzt du so?" Magalhäes war so entwaffnet, dass sie ihm die Wahrheit sagte: "Ich habe Angst, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein." Einen Tag später hatte Magalhäes einen erfahrenen Manager an ihrer Seite, der sie eine Zeit lang unterstützte, ohne auf ihre Position zu schielen.

Die Ungeduld ist Familienerbe. Bei Roberto verstärkte sie sich noch, als er 2001 von einer Klippe in der Türkei fiel. Das Unglück kam wie in einem schlechten Witz: Seine Frau wollte ein Foto von ihm vorm Mittelmeer aufnehmen und forderte ihn auf, einen weiteren Schritt nach hinten zu machen. Roberto stürzte sechs Meter tief und schlug mit der linken Seite auf. Mehrfach schwebte er in Lebensgefahr, nach einer schweren Infektion in dem türkischen Krankenhaus sah es besonders schlecht aus. Mutter Ruth setzte sich in einem Flieger und schaffte Roberto in ein Hospital nach Tel Aviv, später in eine Spezialklinik in Deutschland.

Nach acht Monaten in Krankenhäusern kehrte Roberto Stern in den Alltag zurück. Es war schwer: "Ich fing mit kleinen Dingen an", erzählt Roberto - wieder normal zu sehen, wieder zu laufen. Gequält hat ihn vor allem die Erniedrigung, nicht allein auf die Toilette gehen zu können: "Es war eine schreckliche Erfahrung. An dem Tag, als ich wieder allein aufs Klo gehen konnte, war ich wirklich glücklich." Sein Vater war ihm ein Vorbild: Hans Stern überstand im Laufe der Jahre insgesamt 32 Operationen. "Jedes Mal saß er spätestens fünf Tage danach wieder im Büro", sagt Roberto. In seinem Laptop speicherte er Fotos, die nach dem Unfall aufgenommen wurden. "In schwierigen Zeiten schaue ich sie mir an", sagt Roberto. " Und dann sage ich mir: immer langsam." Mit dem Unfall veränderte sich sein Leben. Nach langem und hässlichem Gezerre ließ sich Roberto von seiner Frau scheiden, nicht wegen des Unfalls, wie er betont. Der habe, wie einige Mitarbeiter berichten, die Ehe eher verlängert. Roberto quittierte zudem den Job als Firmenboss und ist heute Chef-Designer. Neuer Geschäftsführer ist Richard Barczinski, der 1980 als Computerexperte vom Ölriesen Exxon zu H. Stern kam. "Der Unfall war eine furchtbare Sache", sagt Barczinski, "aber irgendwie hat er Roberto gut getan: Er ist so kreativ wie nie zuvor." US-Marketing-Chefin Hansen sagt: "Er ist noch ungeduldiger geworden, als ob jeder Tag der letzte sei." Vom Müll zum Luxus: Nur wer dem Wandel offen entgegengeht, überlebt Ideen hat Roberto genug. So eröffnete er im Keller eines H.-Stern-Geschäftes in der Innenstadt von Rio de Janeiro ein Nobelrestaurant, das jeden Mittag zum Bersten voll ist - und kaufkräftige Kunden in den Laden lockt. Bald will Roberto in einem anderen Geschäft einen Schönheitssalon aufmachen. Nach seinen zahllosen Zahnoperationen organisierte er vor einigen Jahren eine Glitzer-Kampagne: In zwei Geschäften in Rio de Janeiro ließ Roberto einen Zahnarztstuhl aufbauen. Für eine begrenzte Zeit konnten sich Kunden einen Stern, eine Blume oder eine Eidechse in Gold auf den Vorderzahn schleifen lassen. Zum Erstaunen von Roberto und seinen Mitarbeitern ließen sich mehr als 300 Menschen darauf ein.

Ständig ist Roberto Stern auf der Suche. Derzeit spricht er mit einer brasilianischen Ginga-Tanzgruppe über eine Zusammenarbeit. Ginga heißt auf Portugiesisch Schwung und gehört zu Capoeira, der brasilianischen Tanz- und Kampfsportart. Die Verbindung zu Brasilien ist Roberto wichtig: Eine Kollektion machte er zusammen mit dem Wellensurfer und Modedesigner Oskar Metsavaht. Auch mit den Möbeldesignern Fernando und Humberto Campana arbeitet H. Stern zusammen. Die beiden sind mit Slum-Design bekannt geworden: Dafür verwenden sie auf den Straßen von Sao Paulo gefundene Utensilien und integrieren sie in ihre Tische oder Stühle. "Do lixo ao luxo" nennt Roberto das Schmuck-Konzept: vom Müll zum Luxus.

Die neueste Kollektion hat die New Yorker Modedesignerin Diane von Furstenberg entworfen. "Schon seit 30 Jahren wollte sie eine Kollektion für uns machen, aber mein Vater lehnte immer ab", sagt Roberto. " Mich hat sie nach zwei Jahren überzeugt." Die Ringe sind mit gigantischen Steinen besetzt, was die Designerin so erklärt: "Für mich erfüllt Schmuck drei Aufgaben: Er ist Verzierung, eine Wertanlage und eine Waffe." Derzeit legt Robertos Design-Team letzte Hand an eine neue Kollektion für Käufer unter 30 Jahren. Es ist eine Art Hippie-Schmuck mit Edelsteinen, Lederbändern und indischen Mustern. "Wenn 55-Jährige etwas für 25-Jährige designen, denken sie an Raumschiff Enterprise - völlig falsch", sagt Roberto und erzählt von Gemeinschaft und Stammestum in Zeiten der Globalisierung. Die Kollektion birgt Risiken für H. Stern. "Wir dürfen um keinen Preis in die Nähe des Ethnoschmucks geraten - der ist im Handumdrehen alt", sagt Roberto. Andererseits macht er sich auch Sorgen um die Marke H. Stern, die für Luxus und hohe Preise steht. Die Stücke der neuen Kollektion sollen bei 200 bis 300 Euro liegen. Mit gesondert aufgestellten Vitrinen und speziell ausgebildetem Verkaufspersonal will er eine Submarke schaffen. "Jedes Stück hat eine eigene mythische Geschichte", erklärt Roberto, "die kann der Verkäufer im Gespräch erzählen." Roberto Stern liebt den Schmuck, die Frauen, die Tradition, das soziale Engagement wie sein Vater. Aber er will H. Stern auch in eine neue Zeit führen, will Überraschung und Witz zu einem Teil der Unternehmenskultur machen. Vielleicht eröffnet er deshalb Pressekonferenzen gern mit seiner wichtigsten Lebenserfahrung: "Eines der schönsten Dinge im Leben ist es, pissen gehen zu können." Er könnte auch sagen: Wir reden gleich über Schmuck - aber das ist nicht das Wichtigste im Leben.