Der kleine König

Die Leute sind dort sehr eigensinnig. Und haben einen starken Gemeinschaftssinn. Sie hängen an alten Traditionen. Und machen sich langfristig Gedanken über die Zukunft. Sie haben gelernt, mit Widersprüchen zu leben.
Vielleicht geht es ihnen deshalb so gut. In Südtirol.




• „Norden und Süden, Stadt und Landschaft, Deutschland und Italien, all diese scharfen Kontraste gleiten sanft ineinander. Selbst das Feindlichste scheint hier gesellig und vertraut.“ Stefan Zweig in „ Herbst Winter“, 1913 Bozen, Restaurant „Zur Kaiserkron“. Das Ambiente ist rustikal und stilvoll. Auf der Speisekarte Speckknödel und Tagliatelli con Porcini. Am Tisch vom rechts sitzt ein jovialer Herr, bei dem die Kontraste ebenfalls sanft ineinander gleiten. Christoph Engl trägt feines italienisches Tuch, elegant geschnitten, referiert in Deutsch über südländische Tugenden, aber auch Anstand und Pünktlichkeit, über Südtiroler Geschichte und aktuelle Politik. „Wir sind gnadenlose Eklektiker“, sagt Engl, „wir lesen die FAZ“, sehen ORF und verfolgen die Politik in Rom genauso wie den deutschen Wahlkampf. Wir nehmen uns von allem, was uns passt.“ Engl ist Direktor der Südtirol Marketing Gesellschaft KAG und als solcher verantwortlich für die Förderung des touristischen Images seiner Region. Draußen flanieren die Menschen vorbei. Es ist ein schöner Tag, Frühherbst, blauer Himmel, wolkenlos. In den Straßencafes am Waltherplatz nebenan ist jeder Stuhl besetzt. Stau im Tal, die Parkhäuser voll. Bozen hat immer Saison, schon wegen Ötzi, eine der ältesten Mumien der Welt. Aber auch, weil die Hauptstadt Südtirols exakt dem Slogan entspricht, den sich Engl für seine jüngste Werbekampagne ausgedacht hat: „Südtirol... die kontrastreiche Symbiose aus alpin und mediterran, Spontaneität und Verlässlichkeit, Natur und Kultur.“ Land im Gepirg. So nannte man im Mittelalter jenen Teil südlich des Brenners der alten Grafschaft Tirol. Es ist ein atemberaubendes Land, durchzogen von tiefen Talkesseln um die Flüsse Etsch, Eisack und Rienz, überragt von den, wie Reinhold Messner mal sagte, „schönsten Bergen der Welt“ – und jeder, der die Dolomiten jemals in der Dämmerung hat glühen sehen, kann ihn verstehen. Eine grandiose Kulisse, wie gemacht für den Tourismus. Bergsteigen und Wandern. Agriturismo, Urlaub auf dem Bauernhof. Dolomiti Superski ist mit 1220 Pistenkilometern und 460 Aufstiegsanlagen der größte Skiverbund der Welt. Es gibt mehr mittelalterliche Burgen als irgendwo sonst in Europa. 26 Millionen Übernachtungen werden jährlich registriert. Engl: „Ware Südtirol ein Staat, stünden wir damit weltweit an 37. Stelle.“ Der Mann könnte stundenlang so weitermachen, wechselt aber das Thema: „Wir wollen nicht nur an den Besucherzahlen gemessen werden – eine Destination, die sich nur über den Tourismus definiert, verliert langfristig.“ Was Südtirol darüber hinaus zu bieten hat, wissen die wenigsten. Engl spricht von gesunden Handwerksbetrieben, kleinen und mittelständischen Unternehmen, von schuldenfreien Bauern und Hauseigentümern und Weltmarktführern wie den Seilbahnbauer Leitner oder den Produzenten fotografischer Kopiergeräte Durst.

Nichts als positive Nachrichten und rekordverdächtige Zahlen. Knapp zehn Prozent aller Äpfel in der EU, rund 900.000 Tonnen, werden hier jährlich geerntet, zwei Millionen Becher Jogurt täglich produziert. Südtirol ist mit 0,7 Prozent der Anbaufläche die kleinste Weinregion Italiens, doch 18 der hiesigen Produkte, Lagrein, Vernatsch, Gewürztraminer, gehörten laut des Weinführers „Gambero Rosso“ 2005 zu den 264 besten des Landes.

68 Prozent der Bevölkerung Südtirols sind deutschstämmig, 28 Prozent Italiener, der Rest Ladiner, Nachfahren der Kelten, die eine Mischung aus Rätisch und Volkslatein sprechen. Es ist ein in Europa einzigartiger, wirtschaftlich kerngesunder Mikrokosmos. Das Bruttoinlandsprodukt steigt seit den achtziger Jahren konstant, die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp zwei Prozent, es herrscht quasi Vollbeschäftigung. Der Etat der Provinz ist bei 480.000 Einwohnern mehr als doppelt so hoch wie im benachbarten Bundesland Tirol, das 692.000 Einwohner hat und mit 1,9 Prozent Wachstum die Boom-Region Österreichs ist. Angesichts der Zahlen in Deutschland und der Situation im restlichen Italien, wo das Bruttosozialprodukt sinkt, wird Dieter Steger, Direktor des Südtiroler Verbandes für Kaufleute und Dienstleister, später sagen: „Unsere Probleme hätten andere gern.“ Wer sich Jahrhunderte erfolgreich gegen Eindringlinge gewehrt hat, will unabhängig bleiben In der Zeit der Globalisierung klingt das wie ein Märchen. Und so passt es, dass man tatsächlich welche erzählt bekommt, wenn man Roland Benedikter nach den tieferen Zusammenhängen befragt. Der Lehrbeauftragte an den Universitäten Bozen, Wien, Innsbruck und Herausgeber der siebenbändigen Reihe „Postmaterialismus“ (Passagen Verlag) sagt: „Um uns zu verstehen, muss man ganz am Anfang anfangen.“ Und schon steckt man drin in der Mythen- und Sagenwelt Südtirols: in Geschichten vom tüchtigen und vornehmen, aber auch verschlagenen Zwergenkönig Laurin, der in einem Rosengarten lebte; von Dolasilla, der kriegerischen Bergkönigin, die zur Zeit einer primitiven Tauschkultur ohne Gewinn- und Kapitalstruktur herrschte; aber auch vom Hofer Andreas, dem Bauernführer, dessen treue Gefolgschaft mit Sensen, Beilen und Heugabeln dreimal eine Armee von Bayern und Sachsen verdrosch.

„Das ist hier ein wehrhaftes Volk“, sagt Benedikter, „extrem eigenständig und gleichzeitig von einem starken Gemeinschaftssinn geprägt.“ Das hat auch mit der geografischen Lage zu tun. Geografie ist Schicksal, und Südtirol lag zwischen vielen Fronten und Interessen: des Römischen Reichs Deutscher Nation, des Herzogtums Bayern, der Habsburger, des Vatikans, Frankreichs, Italiens. Das hat die Einwohner zu wachsamen, kämpferischen Eigenbrötlern gemacht, die von der Natur gestählt in ihre Freiheitskämpfe gingen und weder Tod noch Weihwasser scheuten. Benedikter: „Lesen Sie nur die Dolomitensagen.“ Jeder Berg hat seinen Mythos. Dunkel und bedrohlich geht es da zu, hinter den Porte neygre, den Schwarzen Toren, herrschen Pelendrons und Yarines, gräuliche Nebelgespenster und bleiche Wasserfrauen, und über allen die Striona, die Oberhexe mit der Wackelnase.

Bedrohungen von außen und einen gefährlichen Alltag, das kennen sie von jeher. Das erklärt auch, wie es zur Teilautonomie Südtirols kommen konnte, die Basis des wirtschaftlichen Erfolgs.

Die Provinz hat trotz des Anschlusses an Italien 1919 und Mussolinis Siedlungspolitik vor dem Zweiten Weltkrieg immer um den Erhalt ihrer Identität gekämpft und auch danach nie aufgegeben. 300 Sprengstoffanschläge und eine Intervention der UN sorgten schließlich 1972 für die Festschreibung des Autonomiestatuts, der danach mehrfach modifiziert wurde. Südtirol verfügt seither als Provinz Bozen in der Region Trentino-Alto Adige über eine eigenständige Legislative, Verwaltung, ein eigenes Justizsystem und Klagerecht vor dem Europäischen Gerichtshof. Vor allem aber: 90 Prozent der nach Rom abgeführten Steuern fließen zurück. Engl sagt: „Wenn es die Autonomie nicht gäbe, würde sich der Gedanke des Nationalstaats dieser Region bemächtigen.“ Es wundert nicht, dass man es zwischen dem Brenner und Salurn, Vinschgau und Pustertal mit einem politischen Unikum zu tun hat: der Südtiroler Volkspartei (SVP). In deren Bozener Zentrale blickt man auf alte Wahlplakate mit reschen Burschen und feschen Maderln in Tracht, darunter die Losung: „Wählt Edelweiß!“ Die Gebirgsblume im Logo – Heimat als Programm. Deshalb verbindet die SVP alle politischen Ansichten von links bis ultrarechts, alle sozialen Schichten und ökonomischen Interessen.

Roland Benedikter hat als Referent des Kulturministers gearbeitet; er war liberal, der Minister konservativ. Das ist gelebter Pluralismus. Die SVP regiert allmächtig, aber nicht selbstherrlich. Zur Wahl ins Parlament reichen 10.000 Stimmen – leicht gewonnen, leicht verloren. Benedikter: „Das System funktioniert, weil jeder bemüht ist, allen gerecht zu werden.“ Dazu gehört, dass die Behörden, Schulen, sogar die Kindergärten streng nach Ethnienproporz strukturiert sind.

Von der Kaiserkron' über den Waltherplatz. Vorbei an Boutiquen mit Mode aus Mailand und Metzgereien mit lokalem Räucherspeck und Blutwurst. Vorbei an dem mit postmodernem Design und Kunst ausgestatteten Hotel Greif und dem mondänen, fast hundert Jahre alten Parkhotel Laurin. Hinter dem Bahnhof liegt das Gewerbegebiet. Spenglerei Schmidt. Hotelbedarf Gi.Ma.Ch. Carrozzeria Andriollo. Druckerei Alto Adige. Lorenz Arte Kunstrestaurateur. Zwischen etwa 100 Klein- und Familienbetrieben liegt die Zentrale des Landesverbandes der Handwerker (LVH). Im Café davor warten schon die Herren Fritz, Mayr und Steger bei einem Latte Macchiato. Für eine Postkarte tauge das Ambiente nicht, hatte Engl gemeint, aber daran soll man sich nicht stören, das ist eben die kontrastreiche Symbiose. Sein Vater und Bruder betreiben eine feinmechanische Werkstatt, die für die Autoindustrie fertigt: „Die haben Hochtechnologie, mehr Maschinen als Menschen.“ Die Symbiose findet sich auch in den Menschen. Herbert Fritz, Präsident des LVH, ist ein seriöser Herr der alten Schule. Georg Mayr, 54, Landesobmann des Bauernbundes, Windjacke, leger, sieht man nicht an, dass er einen Hof betreibt, wo er Äpfel und Wein anbaut. Dieter Steger, 41, Jurist, hat in Padua studiert. Der Fritz Herbert konservativ, der Mayr Georg nicht einzuordnen, Steger spricht von „lokalen Zyklen und dem urbanisierten Thema“. Jeder sein eigener Kosmos. Zusammen repräsentieren sie drei der fünf wirtschaftlichen Standbeine Südtirols: 40.000 Handwerker, 25.000 Bauernhöfe, 6500 Einzel- und Großhändler. Fehlen nur noch die Chefs des Hotelier- und Gastwirteverbandes (211.000 Betten, 215.000 Beschäftigte) und der Industriellen, klein zumeist, aber verantwortlich für 24 Prozent des Umsatzes in Südtirol.

Es läge zwar nicht im Naturell des Südtirolers, aber er hat tatsächlich keinen Grund zu klagen. Fritz erzählt, dass seine Handwerker jüngst bei der Branchenweltmeisterschaft unter 40 Nationen Platz zwei belegten. Mayr versichert, die Zahl der Landwirte bliebe stabil. Und Steger sagt: „Es gibt bei uns keinen Ort, der keinen Laden hat.“ Hier gibt es keine Diktatur der Lebensmittelketten wie in Österreich, wo Billa und Konsorten 70 Prozent Marktanteil halten, und keine Shopping-Zentren auf dem Acker wie in Frankreich. Steger: „Unsere kleinen Wirtschaftskreisläufe sind noch intakt.“ Warum? Fritz: „Der Südtiroler hat eine starke Bindung zur Heimat, zur Tradition.“ 2900 Brauchtumsvereine gibt es, 210 Musikkapellen, uralte Feste, überall noch traditionelles Kunsthandwerk. McDonald's in Südtirol? Fehlanzeige. Sie orientieren sich an Werten, nicht an Werbung. Mayr schmunzelnd: „Bei uns ist Geiz noch nicht geil.“ Wie das in der wirtschaftlichen Praxis aussieht, erklärt einem Herr Fritz. Es beginnt damit, dass sein Chef, der Direktor des LVH, für die SVP im Parlament sitzt. Wie auch die Vertreter der anderen Verbände. Nebenher sitzt der Direktor des LVH auch in diversen Vereinen. Pfarrgemeinde- oder Gesangsverein, Viehversicherungs- oder Sparkassenverband. So wie auch die Vertreter der anderen Verbände, die zudem in einem Dachverband zusammengeschlossen sind. Man kennt sich, trifft sich, debattiert ständig. Fritz: „Der Konsens ist meist schon geschaffen, bevor die Sache im Parlament landet.“ Denn jeder versteht den anderen. Der Bauer ist im Zweifelsfall Hotelier oder Skiliftbesitzer im Nebenberuf, Handwerker und Einzelhändler profitieren vom Gastwirt, der Kleinindustrielle vom Skiliftbesitzer. Und so weiter. Jeder Euro öffentlicher Zuschuss multipliziert sich in diesem Kreislauf dreimal. Benedikter: „Wenn Südtirol als Modell für etwas steht, dann für: Small is beautiful.“ Ein paar Kilometer hinter Bozen nimmt man die Ausfahrt Blumau. Erst geht es durch einen schmalen Tunnel und dann in Serpentinen hinauf. In leuchtenden Wiesen stehen verwitterte Paarhöfe, gedrungen die Wohnhäuser, überragt von klobigen Stallungen und Scheunen. Ringsum ein Blumenteppich, Reben, Wald. Dahinter schlängeln sich Wirtschaftswege in die Hänge. Da sind kleine, hübsche Ortschaffen, auf den Kirchtürmen Zwiebelhauben. Ein Panorama wie gemalt. Kurz vor Kastelruth die Abzweigung zur Seiser Alm, mit 52 Quadratkilometern eine der größten Hochalmen Europas. Engl hatte gesagt: „Sie müssen einen Bergbauernhof besuchen. Wer keinen Bergbauernhof gesehen hat, hat das wahre Südtirol nicht erlebt.“ Und so kommt man schließlich über einen engen asphaltierten Weg zum Patenerhof der Familie Plunger, Patenerweg 11, Sankt Valentin.

Die Plunger Anna Maria, so sagen sie hier oben, den Familiennamen zuerst, sitzt auf dem Balkon und schaut zum Schlern. Grau und gezackt wächst das Felsmassiv in den Himmel. An seinem Fuß die Ruine Hauenstein, wo einst Oswald von Wolkenstein lebte, der Minnesänger. Die Burg Salegg ist nicht weit. Himbeerrot blühen die Geranien auf dem Balkon, in der Küche duftet es nach frischen Schlutzkrafen, draußen riecht es nach Heu und Mist. Die Anna Maria, Bezirksbäuerin von Kastelruth, sagt: „Jetzt sehen Sie, wo unsere schönen Prospekte herkommen.“ Krault den Pari, ihren Berner Sennenhund, und ergänzt: „Was off vergessen wird, ist, wer das alles bestellt und in eine Kulturlandschaft verwandelt hat.“ Es waren Menschen wie die Plungers, die immer noch jeden Quadratmeter ihrer steilen zehn Hektar Wiesen und 16 Hektar Wald rastlos hegen, „weil das halt so drin isch in uns“.

Der Geist der Bergbauern hat Südtirol geprägt. Ein Leben in Isolation, der Boden schwer zu bewirtschaften, ständig den Launen des Wetters ausgesetzt. Sie produzierten früher fast alles, was sie brauchten, selbst. Nebenher betrieben sie Handwerk und Tauschhandel im kleinen Rahmen. Anders ging es nicht. Einer im Dorf buk Brot, einer besohlte die Schuhe, auf dem Markt und beim Kirchgang wurden Kontakte und Brauchtum gepflegt, im Winter wurde repariert und gebastelt. Dieses System ist es, das „drin isch“ in ihnen. Benedikter meint: „Es entspricht dem, was man heute unter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern als Zukunftsmodell der Arbeit bezeichnet: ein Drittel Malochen, ein Drittel Sozialarbeit, ein Drittel Arbeit für sich selbst.“ Nur dass die Natur den Menschen außerdem ermöglicht, die Welt aus zwei Perspektiven zu sehen: Unten im Tal wirken die Berge wie Barrieren, von den Gipfeln reicht der Blick bis nach Venedig.

Die Kirche bleibt im Dorf, aber Weitblick ist ihnen nicht fremd. Sonst überständen die Bergbauern Südtirols wohl kaum die drastischen Strukturwandel, da doch die Milch- und Fleischpreise seit Jahrzehnten stagnieren. „Die Regierung“, sagt Mayr, „hat die Landbevölkerung immer gefördert. Aber sie musste trotzdem selber Lösungen finden.“ Die 14 Kühe im Stall können die Plungers schon lange nicht mehr ernähren, und die Touristen machen das nur teilweise wett. Deshalb hat die Anna Maria kürzlich mit mehreren Bäuerinnen das „Kastelruther Bauernbüfett“ gegründet, einen Catering-Service für Veranstaltungen und große Hotels. Man muss sich nur zu helfen wissen. Auch die Bozener Schreiner haben sich zusammengeschlossen, um in Mailand und Turin bei Architekten zu werben. Man sei zwar, so Fritz, offen für trendige Materialien wie Glas, Edelstahl oder Naturstein, aber am Holz und ihrem Stil halten sie fest. Fritz: „Unsere Leute überlegen, was kann ich, was will ich erreichen, und dann machen sie das mit aller Entschiedenheit.“ Womit wir wieder beim König Laurin wären, dem ein Zaubergürtel die zwölffache Manneskran verlieh und eine Tarnkappe Schutz vor Feinden. Nachdem er Dietrich von Bern seine schöne Similde raubte, konnte ihm erst ein Heer von Recken den Zaubergürtel entwinden und ihn überwältigen. Zur Versöhnung, so die Legende, lud Laurin die Sieger zu einem Festmahl, mischte Schlaftrunk in den Wein und entkam. Auch heute sind die Südtiroler nicht immer zimperlich, wenn die Lage prekär ist. Der Landeshauptmann Luis Durnwalder ist dafür ein imposantes Beispiel: Er gilt in Rom als unbeugsamer Streiter und geschickter Diplomat, während er zu Hause, heißt es, schon mal großspurig und uneinsichtig agiert. König Laurin wurde übrigens trotz Tarnkappe besiegt, weil ihn seine Schritte im Rosengarten verrieten. Nie wieder, fluchte er daraufhin, weder tags noch nachts, solle der Rosengarten blühen, der daraufhin zu Fels erstarrte.

Die Dämmerung hatte Laurin vergessen. Flammendes Rot im Fels begleitet einen auf der Fahrt nach Sterzing zur Firma Leitner Ropeways. Hinter der Lobby des Firmensitzes passiert man gerahmte technische Zeichnungen von Seilbahn-Gondeln, die jedes Museum für moderne Kunst schmückten. Wie auch das Interieur von Martin Leitners Büro. Das hat ein örtlicher Schreiner gebaut. Auch Leitner, Verkaufsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, spricht von mediterranem Flair und deutschen Tugenden, was in seiner Branche so etwas wie der goldene Schnitt ist: Bei Seil- und Kabinenbahnen ist Design heute genauso gefragt wie Technik. „Bei französischen Kunden“, so Leitner, „hilft uns das italienische, in Japan schätzt man das deutsche Element.“ Die Erfahrung aus vier Generationen gibt es dazu – fast ganz Südtirol hat die Firma verkabelt. Natürlich war der Großvater, ein „vermeintlicher Zerstörer der Natur“, wie Leitner scherzhaft anmerkt, Vorsitzender des Alpenvereins. 

Alles läuft prächtig, also planen sie die Zukunft und überlegen, was man besser machen könnte

Die Firma hat stark von stattlichen staatlichen Subventionen profitiert, die sie wiederum in die Technologie investierte. Patentiert wurden zuletzt ein geräuscharmer Seilbahnantrieb ohne Getriebe, Flüssigkeitsdämpfer für Sessellifte und eine Mini-Metro, die für die Stadt Perugia gebaut wurde. Die 2003 fertig gestellte CA 16-2S, die unter dem Patenerhof vorbei zur Seiser Alm führt, hält den Weltrekord in Leistung, Länge und Förderkapazität für automatisch kuppelbare Zweiseilumlaufbahnen. Leitner: „Die Ideen kommen nicht selten von unseren eigenen Leuten. Die diskutieren das am Stammtisch, da gibt es hundert Prozent Identifikation mit dem Betrieb.“ Small is beautiful. Vor allem, weil sie dabei nicht nur klein denken. Sieben Provinzen verfügen in Italien über Teilautonomie, aber keine geht so effizient damit um wie Südtirol. Nächstes Jahr sollen die Arbeiten am Brenner-Basistunnel beginnen, die Fahrzeit mit dem Zug von München nach Bozen soll nach Fertigstellung eine Stunde und 15 Minuten betragen. Südtirol könne dann, so Benedikter, zentrale Station auf dem Weg bis Griechenland werden. Mit Hydro- und Windenergie wird experimentiert, denn Wind und Wasser haben sie genug. „Die Infrastruktur ist da, jedes Feuerwehrhaus saniert“, so Steger, „jetzt müssen wir noch mehr in die Köpfe, in Ideen investieren, damit das Modell auch in Zukunft funktioniert.“ An der Freien Universität Bozen wird bereits in Deutsch, Italienisch und Englisch gelehrt, es gibt eine Europäische Akademie, die sich auch der Genetischen Medizin widmet. Benedikter meint: „Wenn Südtirol international wird, könnte es das Paradies werden.“ Aber was heißt hier „werden"? ---