Offen für Innovation – Das Wunderwerkzeug

Das Wunderwerkzeug: Das feinste Licht von allen erzeugt Energie, formt Gegenstände, kämpft gegen Krebs und sorgt für besseres Sehen. Es ist eine Technologie, bei der Deutschland die Nase vorn hat. Unser Freund, der Laser.




• Wie stahl Prometheus den Göttern das Feuer? Fuhr er mit einem Wagen zur geheimen Feuerstelle des Zeus und nahm eine Flamme in einem Schilfrohr mit? Entzündete er einfach einen langen Grashalm am Feuerwagen des Helios? Wir wissen es nicht – und doch verstehen wir es immer besser, das Licht für uns zu nutzen. Das Elektron dominierte das 19. und 20. Jahrhundert mit Telegraf, Elektromotor, Transistor und Halbleiter. Das Photon wird die technische Entwicklung des 21. Jahrhunderts treiben, und zwar gebündelt. Der Laser ist zu dem Wunderwerkzeug geworden, für das ihn Science-Fiction-Autoren schon immer gehalten haben. Und die Deutschen können mit diesem Werkzeug besonders gut umgehen; Theodor Hänsch hat dafür eben den Nobelpreis für Physik bekommen. Er ist der Meister der feinen Messung. Seine Laserverfahren können die Wellenlänge des Lichts millionenfach genauer messen als die nächstbeste Methode in der Physik. Das ist für noch bessere und schnellere Telekommunikation ein Quantensprung.

Und es gibt hier zu Lande noch weitere Meister des Wunderwerkzeugs. Einer von ihnen ist Bernd Kriegel. Anfang der neunziger Jahre gründete der Ex-DDR-Bürger mit ein paar Kollegen die Firma Silicon Sensor aus dem Volkseigenen Betrieb Werk für Fernsehelektronik aus. ABM-Fördergelder halfen dem Optoelektronik-Start-up über die ersten Jahre. Die Ost-Investition aus dem Steuertopf hat sich in diesem Fall gelohnt – zumindest auf 15 Jahre gerechnet. 1999 gingen die Ostberliner Optoelektroniker als kleinstes deutsches Unternehmen an die Börse. „Es folgte eine Achterbahnfahrt“, erinnert sich Vorstandschef Bernd Kriegel: „Wir mussten Lehrgeld zahlen.“ 2004 machte die Silicon Sensor International AG mit rund hundert Mitarbeitern knapp 14 Millionen Euro Umsatz und wies mit 1,5 Millionen Euro einen ordentlichen Gewinn aus. Der Börsenkurs hat sich von seinem Tiefstand von 1,99 Euro auf deutlich mehr als zehn Euro entwickelt. „Seitdem lassen uns auch die Anleger wieder in Ruhe arbeiten“, sagt der 51-jährige Physiker.

Gerichtete Finanzen schaffen Raum für Entwicklungen in den futuristischen Reinlabors. Die hat Silicon Sensor in dem historischen Gebäude des VEBs mit einst 10.000 Mitarbeitern eingerichtet. Und viele Laser-Anwendungen von Silicon Sensor sind so filmreif wie der nahezu leere Industriebau. Zum Beispiel der Laserscanner: Eine kleine Box schickt mithilfe eines rotierenden Spiegels pausenlos einen unsichtbaren Laserstrahl durch einen Raum und misst die Reflektionen. Das System kann auf den Millimeter genau Zonen innerhalb des Raums definieren, in die niemand eindringen darf. Falls das doch vorkommt, löst das System einen Alarm aus. Damit können zum Beispiel Museen Plastiken schützen, ohne dass diese hinter Glaskästen verschwinden müssen. „Das Abtasten funktioniert übrigens so schnell, dass kein Kunsträuber irgendeine Laserbrille aufsetzen und sich mit akrobatischen Verrenkungen dann doch irgendwie zum Objekt vorhangeln kann“, versichert Bernd Kriegel. Gefängnisse, Militäranlagen, Kernkraftwerke und besonders sensible Bereiche auf Flughäfen werden mit Laserscannern bewacht. Sie können Arbeiter auch vor schwenkenden Schneidemaschinen in der Metallverarbeitung schützen. Kommt ein Mensch dem Schneideroboter zu nahe, schaltet dieser automatisch ab.

Die Technik wird auch mit Förderbändern gekoppelt, die immer die gleiche Menge Sand irgendwo hineinschütten sollen. Der Scanner misst die Größe der Sandhaufen auf dem Band und reguliert die Geschwindigkeit. Konkurrenzprodukte der Firma Sick aus Waldkirch bei Düsseldorf erfassen an Maut-Kontrollbrücken Lkw und helfen im Hamburger Hafen, Fahrzeuge automatisch zu beladen.

1960 brachte der erste Laser sein gebündeltes Licht in die Welt. 45 Jahre später sind die Einsatzmöglichkeiten nahezu unbegrenzt. Laser ist zu einer zentralen Schnittstellentechnologie gereift. Ob Fertigungsindustrie, Mikroelektronik, Telekommunikation, Medizintechnik, Bio- oder Nanotechnologie: Ohne Laser geht nichts mehr. CD und DVD sind Anwendungen, die jeder kennt. In der Industrie durchschneiden Laserstrahlen 25 Zentimeter dickes Stahl wie Butter. Sie schweißen und bohren ungeheuer schnell und präzise, sie prägen Leiterbahnen auf Chips, beschriften Stoffe, übertragen Daten, messen Entfernungen, korrigieren die Sehscharfe, erkennen Krebszellen und reinigen Kunstwerke. All das sind nur wenige Beispiele von vielen, und noch mehr Anwendungen werden kommen: „Wenn man die Lasertechnologie parallel zu der Entwicklung vom Röhrenradio zum Digitalempfänger mit integriertem MP3-Player setzt, befinden wir uns jetzt ungefähr bei der Erfindung des Transistorradios“, sagt Joachim Giesekus, Laserexperte des Deutschen Industrieverbandes für optische, medizinische und mechatronische Technologien, Spectaris. Der Optimismus der Branche ist groß. Durchschnittliche Wachstumsraten von rund 15 Prozent in den vergangenen 20 Jahren haben Appetit auf mehr gemacht.

Das Wort Laser ist ein Akronym von Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation, zu Deutsch Lichtverstärkung durch angeregte Strahlungsaussendung. Die wichtigste physikalische Eigenschaft des Kunstlichtes ist seine hohe räumliche und zeitliche Kohärenz. Glühlampen strahlen Licht aller möglichen Wellenlängen in alle möglichen Richtungen. Laserquellen hingegen senden Lichtwellen, die sowohl in gleicher Frequenz schwingen als auch in der gleichen Phase. Aufgrund der hohen räumlichen Kohärenz lässt sich Laserlicht besonders gut bündeln. Industrielaser von der Stange schaffen es heute mühelos, das Licht der gesamten Flutlichtanlage eines Fußballstadions auf einen Lichtpunkt von einem Millimeter Durchmesser zu konzentrieren – und mit der konzentrierten Energiemenge lässt sich eine Menge anstellen. Die zeitliche Kohärenz macht Laserlicht fast monochromatisch, das heißt einfarbig. Diese Eigenschaft spielt beispielsweise bei der optischen Datenübertragung eine große Rolle. So können Lasersignale in Grün, Blau oder Rot durch ein Glasfaserkabel sausen und verschiedene Informationen tragen, ohne dass sie sich gegenseitig irgendwie behindern.

So genannte Pulslaser nutzen eine dritte wichtige Eigenschaft des Laserlichts: Es lässt sich extrem schnell an- und ausschalten. Die Besten schaffen das in der Größenordung von Femtosekunden - eine Femtosekunde ist eine Billiardstel Sekunde. Das Licht legt in 200 Femtosekunden die Wegstrecke von der Dicke eines menschlichen Haares zurück. Auch daraus ergeben sich eine Reihe technischer Anwendungsmöglichkeiten – so können Pulslaser winzige Löcher bohren, ohne dass sich die Umgebung nennenswert erwärmt. Auch in der neuesten Generation von Augenlasern und bei der diagnostischen Medizintechnik kommen sie zum Einsatz.

„Laserlicht ist die qualitativ höchste Form der Energie, die wir heute kennen“, schwärmt Reinhart Poprawe, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik in Aachen. In der Anwendung heißt das: Die Energie, die ein Laserstrahl bündelt, lässt sich mit maximalem Wirkungsgrad in andere Energieformen wandeln, zum Beispiel Wärme. Diese Eigenschaft macht sich unter anderem die Automobilindustrie zunutze. Laserbewaffnete Roboter schweißen heute Karosserieteile 15-mal so schnell zusammen, wie es mit traditionellen Schweißmethoden möglich war. Dabei entstehen keine sichtbaren Nähte, wie sie früher mühsam nachbearbeitet werden mussten. Laser bohren winzige Löcher in Einspritzdüsen, verkleben Airbags und beschriften Autotextilien. Bei Volkswagen sind bereits mehr als 500 Laseranwendungen im täglichen Einsatz. Ihr Vorteil: Laserstrahlen lassen sich sehr schnell, präzise und flexibel führen, und zwar mithilfe von Programmen. Soll eine Stanzform geändert werden, muss nicht umgebaut, sondern nur umprogrammiert werden. Außerdem arbeiten Laser berührungslos. Dagegen nutzt sich jede Metallfräse ab und muss nachgeschliffen oder ausgetauscht werden. Hochleistungslaserquellen glühen heute 30.000 Stunden, ohne dass ihr Strahl abstumpft oder sonst eine Wartung fällig wird. Als Messinstrument kann der Laser tasten, ohne zu berühren – also ohne zu verfälschen oder zu verkratzen.

Der Laser kommt aus Amerika, aber erst in Deutschland wurde er alltagstauglich gemacht Ende der siebziger Jahre setzten Uhrenproduzenten erstmals Laser in der industriellen Fertigung ein, um Kleinteile präzise zu schneiden. Die deutsche Metallindustrie erkannte Anfang der achtziger Jahre das Potenzial und experimentierte mit den stärksten zur Verfügung stehenden Forschungslasern. Doch die Technik, die aus den USA stammt, war damals noch fehleranfällig. Deutsche Maschinenbauer gaben in den kommenden Jahren amerikanischer Lasertechnologie die notwendige Zuverlässigkeit für Fertigungsprozesse. Aus der Verbesserungsarbeit wurde bald eine Führungsposition auf dem Weltmarkt.

2004 kamen nach Recherchen der Schweizer Unternehmensberatung Optech Consulting mehr als 45 Prozent der industriellen Schneide-, Schweiß- und Beschriftungslaser von deutschen Herstellern. Bei Laserquellen für die industrielle Fertigung sind es noch mehr als 35 Prozent. Bei kompletten Lasersystemen, also den zu den Quellen gehörenden Produktionsmaschinen, liegt der deutsche Weltmarktanteil bei 20 Prozent. Nach Angaben von Spectaris setzten die Unternehmen mit Lasern und optischen Komponenten im Jahr 2004 knapp 4,5 Milliarden Euro um, gut zwölf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Für dieses Jahr erwartet die Branche, die etwas mehr als 41000 Mitarbeiter beschäftigt, einen Zuwachs von knapp zehn Prozent.

Japaner und Amerikaner haben die deutschen Techniker bei vielen Innovationen abgehängt. Beim Laser macht den deutschen Herstellern niemand etwas vor. „Wir hatten in den achtziger Jahren das große Glück, dass in Wissenschaft, Industrie und Politik die richtigen Leute die richtigen Weichenstellungen vorgenommen haben“, sagt Fraunhofer-Forscher Poprawe. Das Ergebnis nennt er einen „fruchtbaren Trialog“. Ausreichend Forschungsgelder flossen in anwendungsorientierte Forschung bei Fraunhofer, der Max-Planck-Gesellschaft und von universitären Instituten. Die waren gut mit der Industrie vernetzt. Bei der Laserentwicklung konnte man auf zwei traditionelle Stärken zurückgreifen: Präzisionsmaschinenbau und optische Industrie. Die Digitalkameras im Elektronikmarkt kommen aus Japan, Taiwan oder Korea – die Linsen samt System, die zum Mars fliegen, sind made in Germany. Zwei der weltweit vier großen Mikroskopbauer sitzen in Deutschland. „Für die Laserinnovation war dies einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren“, glaubt Spectaris-Lobbyist Giesekus. Dieser Vorteil kommt nicht nur bei der Fertigungstechnik zum Tragen.

Hochleistungslaser mit mehreren Kilowatt Leistung feuern im großen Stil die Industrieproduktion an. In den Life Sciences nähert sich der Laser den Mikrostrukturen. Laserscanning-Mikroskope können seit rund einem Jahr das pulsierende Herz eines ein Millimeter großen Fischembryos sichtbar machen, in dem ein einziges rotes Blutkörperchen hin- und hergeworfen wird. Das Ganze in 3-D. Hierfür tasten dünnste Laserstahlen das Untersuchungsobjekt Punkt für Punkt ab. Sensoren messen optische Reflexionen. Der Computer setzt die einzelnen Bildpunkte dann wieder zum dreidimensionalen Bild zusammen. Der Clou dabei: Anders als bei Elektronenmikroskopen kann man bei Laserscanning-Mikroskopen lebende Materie auf den Objektivtisch legen. „Diese Möglichkeit wird Biotechnologie und Medizin einen enormen Erkenntnisschub bringen“, sagt Verbandsexperte Giesekus voraus.

Daran zweifelt in der Wissenschafts-Community kaum jemand. Mit Lasertechnologie lassen sich erstmals die Austauschprozesse zwischen den Zellen live beobachten. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Wechselwirkungen von Eiweißmolekülen, die an Fehlfunktionen im Organismus beteiligt sind. Laserscanning-Mikroskopie macht aber auch zum ersten Mal sichtbar, wie Botenstoffe an Zellrezeptoren andocken. Dies ist für die Arzneimittelentwicklung eine große Hilfe. Bei der biomedizinischen Analytik steht die Entwicklung der Lasermikroskope noch am Anfang, in der Medizintechnik sind Laseranwendungen bereits Standard.

Augenchirurgen kommen ohne Laser schon lange nicht mehr aus. Doch auch bei anderen Eingriffen werden präzise Laserskalpelle immer üblicher. In der minimalintensiven Medizin stechen Laser-Endoskope verstopfte Arterien frei. Femtosekundenlaser erkennen schnell und zuverlässig bestimmte Hautkrebsarten, indem sie das Pigment Melanin anregen. Schon bald sollen – auf Basis eines von Physikern des Max-Born-Instituts und der Ruhr-Universität Bochum entwickelten Verfahrens – leicht zu bedienende Hautkrebsscanner für öffentliche Einrichtungen zur Verfügung stehen, um das gefürchtete maligne Melanom frühzeitig zu erkennen. Schwarzer Hautkrebs ist weltweit auf dem Vormarsch, bei Früherkennung jedoch heilbar. An der Universitätsklinik in Frankfurt gibt es Erfolg versprechende Versuche, bislang nicht behandelbare Lebermetastasen mit Laserstrahlen zu verbrennen: Tumore werden mit einer Chemotherapie zunächst geschrumpft, dann per Laserstrahl auf rund 100 Grad erhitzt und damit nahezu vollständig zerstört. Bei anderen krebstherapeutischen Verfahren werden – zunächst wirkungslose – Medikamente im Tumorgewebe konzentriert und dann mit einem Laserstrahl aktiviert. Medizintechniker arbeiten auch daran, Patienten durch Laseranalyseverfahren klassische Blutproben zu ersparen. Dabei sollen Laserstrahlen unter die Haut in die Blutbahnen schauen und Stoffkonzentrationen – zum Beispiel von Zucker, Eisen oder Hormonen – im Blut messen.

Es ist mit Laser bereits möglich, individuellen Zahnersatz in Serie zu fertigen. Selective Laser Melting heißt die Methode. Ein Computer hat die gewünschte Zahnform als 3-D-Datensatz gespeichert. Ein Laser züngelt über ein Bad aus Metallpulver, das an gewünschter Stelle in Sekundenschnelle verschmilzt. Fertig ist die erste Schicht. Diese wird leicht abgesenkt und neues Pulver darüber gezogen. Schicht für Schicht entsteht der Kunstzahn. Selective Laser Melting ist ein 3-D-Drucker für Metallteile – und ein echter Sprung für die Fertigung. Die Technik könnte die individualisierte Serienproduktion – Fabbing genannt – ein großes Stück voranbringen. Weit in die Zukunft gedacht heißt das: Ein Kunde kann sich ein x-beliebiges Produkt nach eigenem Gusto formen und zum Preis eines Massenartikels herstellen lassen.

Besonders große Hoffnungen auf die Durchschlagskraft des Lasers setzt nach wie vor sein Erfinder: das Militär. Lasergesteuerte Smart Weapons kamen bereits im ersten Golfkrieg zum Einsatz. Ein Soldat markiert das Ziel mit einem Laserpunkt. Ein mit Lasersensoren bestücktes Projektil weiß dann genau, wo es hinfliegen muss. Das Los Alamos National Laboratory hat ein Lasergewehr entwickelt, das feindliche Soldaten, Piloten oder Panzerführer mitsamt ihren optischen Zielgeräten kurzfristig erblinden lässt. Ronald Reagans Krieg-der-Sterne-Programm SDI brachte eine Waffe hervor, die den Gegner über weite Entfernung lähmen kann. Das Pulsed Energy Projectile, kurz PEP, sendet einen Strahlenblitz, der kurzzeitig ein elektrisch geladenes Plasma erzeugt – das Opfer wird dabei vorübergehend gelähmt. An der Universität in Bern wurde ein Lasersystem entwickelt, das den Plastikmantel von Tretminen aus sicherer Entfernung durchschmilzt und den Sprengstoff ohne Explosion abfackelt.

„Es ist unmöglich vorauszusagen, welche Neuerungen die Lasertechnik noch bringen wird. Fantasie ist nicht quantifizierbar“, sagt der Marktforscher Arnold Mayer von Optech Consulting. Allein für den Bereich Fertigungslaser und Anlagenbau wagt er eine Prognose. Der Umsatz deutscher Hersteller dieses Segments wird nach seinen Berechnungen bis zum Jahr 2010 auf rund zehn Milliarden Euro steigen. Das entspricht einer durchschnittlichen Wachstumsrate von mehr als zehn Prozent. „Jede Prognose über 2010 ist unseriös“, sagt Mayer. Mit dem Laser sei es wie beim Computer. Die Großrechner steuerten einst auf die Marktsättigung zu, dann kamen die Personal Computer. Als diese an ihre Einsatzgrenzen zu stoßen drohten, kam das Internet und gab der Computertechnologie vollkommen neue Möglichkeiten der Wertschöpfung. „Vielleicht gibt es so etwas wie das Internet, das die Lasertechnologie auf eine höhere Stufe heben kann“, orakelt Mayer.

Mit jedem Entwicklungsschritt wurden Laserquellen bislang kleiner und gleichzeitig leistungsfähiger. Gaslaser hatten einen Energie-Wirkungsgrad von drei bis zehn Prozent. Bei Diodenlasern gelingt es bereits, 50 Prozent der eingebrachten Energie in gleichwelliges Licht zu wandeln. Die nächsten Generationen heißen Scheiben- und Faserlaser.

Die deutsche Laserindustrie wird sich allerdings sehr anstrengen müssen, wenn sie ihren Wissensvorsprung halten oder gar ausbauen will. „Herstellung und Anwendung der neuen Lasergenerationen liegen deutlich näher an der Halbleitertechnik als an Optik und Maschinenbau“, sagt Reinhart Poprawe. Im Klartext: Da steht ein Spiel auf fremdem Terrain an. Dennoch Grund zu Optimismus geben die hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Im vergangenen Jahr waren es 11,1 Prozent des Gesamtumsatzes. Dieses Jahr sollen es mehr als 14 Prozent werden. Von zentraler Bedeutung dürfte der optische Datentransfer werden. Immer mehr Daten – auch Videos und High Definition TV – kommen digital durchs Netz. Nichts ist dabei präziser als die Laserübertragung. Und der Strom, der dabei verbraucht wird, könnte bald ebenfalls ein Produkt des Lasers sein.

Amerikaner und Franzosen versuchen in zwei Konkurrenzprojekten, beim Mégajoule-Experiment in Bordeaux und am Lawrence Livermore National Laboratory, mit gigantischen Laseranlagen die kontrollierte Kernfusion hinzubekommen. Kernfusion könnte das Energieproblem der Menschheit lösen. Der zurzeit erfolgversprechendste Weg führt über die so genannte Tokamak-Technik: Die Fusionsmasse wird hier in einem starken Magnetfeld eingesperrt und mit Hochleistungsmikrowellen auf die für die Fusionsreaktion nötigen hundert Millionen Grad Celsius erhitzt. Laserfusion geht einen anderen Weg. Der in einem winzigen Kügelchen eingeschlossene Brennstoff wird mit extrem intensivem Laserlicht beschossen und dadurch gleichzeitig komprimiert und erhitzt. Noch sind die Laser nicht stark genug, um das Plasmafeuer am Laufen zu halten. Das muss nicht so bleiben.

Wissenschaftler der Universität Tokio träumen davon, mit am Boden stationierten Lasern Raketen und Satelliten ins All zu katapultieren, Immerhin: Ein Papierflugzeug können sie mit Laserlicht bereits fliegen lassen. Das japanische Physiker-Team beklebte einen Spielzeugflieger mit einer Aluminiumschicht. Die wird mit winzigen Wassertropfen benetzt. Ein Laserstrahl erhitzt das Aluminium und erzeugt zwischen Metall und Wasser ein heißes Aluminium-Plasma. Die Wassertropfen verdampfen, Wassermoleküle werden weggeschleudert. Hierbei entsteht ein Rückstoß, der das Flugzeug nach vom treibt. Der große Vorteil für die Raumfahrttechnik: Das Antriebsaggregat bleibt auf dem Boden, allein ein Wassertank muss an Bord. Für Raketen würde das eine große Gewichtseinsparung bedeuten. Deshalb forscht auch die Nasa an der Aluminium-Wasser-Methode. Auf der Raketen-Versuchsstrecke in White Sands schoss sie mit relativ schwacher Laserkraft ein tennisballgroßes Flugobjekt 70 Meter in den Himmel von New Mexico. Der Flug dauerte nur 13 Sekunden, macht aber Hoffnung. Nasa-Experten rechnen vor: Bislang kostet es 10.000 Dollar, ein Kilogramm Nutzlast in den Weltraum zu schießen. Mit bodengestütztem Laserantrieb könnte das um den Faktor 100, vielleicht sogar um dem Faktor 1000 billiger werden.

„Das sind alles wunderschöne Experimente”, sagt der bodenständige Diplom-Ingenieur Joachim Giesekus. Er empfiehlt der deutschen Laserindustrie: „Wir müssen innovativ, aber doch hart am Markt entwickeln. Ein Videobeamer aus dem Handy ist realistisch. Ein Flugzeug, das vom Boden mit Energie versorgt wird, ist Science Fiction.“ Das sieht man auch bei der Silicon Sensor AG so. Zwar freut sich die 100-köpfige Belegschaft jedes Mal, wenn ein Lasersensor aus Ostberlin Richtung Mars oder Sonne fliegt. Das Geld wird jedoch innerhalb der Erdatmosphäre verdient. Eine jüngere Entwicklung des Unternehmens ist eine kleine Schachtel, die für Blinde die Farbe von Gegenständen erkennt und ihnen das Ergebnis mit einer Computerstimme mitteilt. „Und unsere Laser-Entfernungsmesser kaufen jetzt nicht nur Handwerker, sondern auch immer mehr Golfer und Jäger“, freut sich der technische Leiter Thomas Brosowski.

In der chemischen Industrie messen Berliner Sensoren auf den Millionstel Millimeter genau die Körnchengröße von Zement, Leimen und Farben. Einen echten Coup könnte die VEB-Ausgründung in Zusammenarbeit mit einem großen deutschen Automobilzulieferer landen. Gemeinsam mit ihrem Partner entwickeln die Reinraum-Ingenieure an einer Smart Cruise Control. Auf Deutsch heißt das System „intelligenter Tempomat“. Ein Laser misst auf der Autobahn den Abstand zum Vorderfahrzeug. Ändert dieses die Geschwindigkeit, beschleunigt auch der eigene Wagen – oder bremst automatisch. „Ende 2006 werden wir in den USA auf den Markt gehen“, kündigt Vorstandschef Bernd Kriegel an. Der Erste mit einer zuverlässigen Smart Cruise Control dürfte eine echte Cashcow im Rennen haben. In Kombination mit einem automatischen Steuersystem wäre das auch etwas für das Kino. Dann könnte der Mensch einfach zur Maschine sagen: „Folgen Sie dem Wagen da vorn!“ ---