Der Bart ist ab

Vor 25 Jahren wurden Die Grünen gegründet. 1983 zog die Partei in den Deutschen Bundestag ein. Einige der ersten Abgeordneten sind Berufspolitiker geworden. Andere arbeitslos. Von der Evolution einer Partei, die anders sein wollte.




Es gibt Momentaufnahmen, die Chiffren sind für ein Stück Zeitgeschichte. Sie purzeln aus dem Fotoalbum eines Landes heraus, und für gewöhnlich sind die Menschen darauf Kanzler, die auf die Knie fallen, oder solche, neben die kein Denkmal mehr passt, wenn sie Strickjacken spazieren tragen. Es gibt aber auch Aufnahmen, deren Hauptdarsteller kaum jemand kennt. So ein Foto hat ein Fotograf im März 1983 geschossen: Es zeigt zwei Männer mit gewaltigen Bärten und zotteligem Haar, die sich im Deutschen Bundestag nebeneinander in die Sessel fläzen. Es ist der erste Tag der Grünen im Parlament.

Die beiden Männer sind der Geografie-Professor Gert Jannsen und der Maurer Dieter Drabiniok. Ihre Schlabberpullover sind Gegenentwürfe zu den Krawatten und Anzügen der etablierten Abgeordneten, ein Sinnbild dessen, was die Grünen sein wollten: eine Partei, die keinen Wert auf Formalien legt, die nicht wie die anderen ist. Die Partei war drei Jahre alt, als sie in den Deutschen Bundestag kam: Sie ist ein Kind, dessen Mütter und Väter Kommunisten waren und Wertkonservative, Atomkraftgegner und Wachstumskritiker, Friedensbewegte und Bürgerrechtler - all jene, die sich Ende der siebziger Jahre nicht mehr repräsentiert fühlten im Parteienspektrum der Bundesrepublik. Und auf einmal saß das dreijährige Kind im Parlament. Es kämpfte gegen die Politik der Krawattenparteien, vor allem aber kämpfte es mit sich selbst und darum, welchen Weg es einschlagen sollte. Nun ist das Kind erwachsen. Im Januar 2005 feierte es seinen 25. Geburtstag.

Zwei Grüne haben sich nichts mehr zu sagen In dieser Geschichte geht es um Menschen, die für die Grünen zwischen 1983 und 1987 im Bundestag saßen, und darum, was aus ihnen geworden ist. Unter den Kämpfern der ersten Stunde gibt es heute Sieger und Verlierer, Zufriedene und Unzufriedene. Und es geht darum, wie sich die Grünen verändert haben - sogar Kriege hat die einstmalige Friedenspartei geführt.

Ein Fixpunkt in dieser Geschichte ist Dieter Drabiniok, der Maurer mit dem gewaltigen Bart. Er ist dem Bild der Grünen treu geblieben, nur älter ist er geworden, die Haare sind länger und dünner, grau sind sie wie der Bart auch. Er trägt Jeans und ein weißes T-Shirt, sodass man die Maurerunterarme sehen kann, auf denen sich Muskeln und Adern abzeichnen, wenn er sie bewegt. Drabiniok ist 51 Jahre alt und lebt in einer Zweizimmerwohnung in Saarbrücken. Die Wände im Wohnzimmer sind blau gestrichen, es steht ein großes blaues Sofa darin mit gelben Kissen darauf. Wer sich zurücklehnt, liegt auf dem Rücken. Dieter Drabiniok ist entspannt. Das Sofa passt zu ihm. Wenn er lacht, graben sich tiefe Falten neben die blauen Augen. Sie tun es sehr oft in diesem Gespräch.

Vor 15 Jahren träumte Dieter Drabiniok von Verkehrsgesetzen, er sprach im Schlaf davon - er saß im Verkehrsausschuss. Heute hat er mit Verkehr nichts mehr zu tun. Mit den Grünen im Bundestag auch nicht. Vergangenes Jahr haben sie sein Leben noch mal gekreuzt, als sie in der Regierungskoalition beschlossen, dass er nun Arbeitslosengeld II bekommt - 100 Euro weniger als zuvor. Und im Januar hatte das Fernsehen ein Treffen arrangiert: Mitbegründer der Grünen waren in die Berliner Kneipe "Max und Moritz" gekommen. Wir sehen uns die Videoaufzeichnung an. Wie war das Wiedersehen? "Wir haben uns kaum noch etwas zu sagen." Dieter Drabiniok nimmt die Kanne vom Stövchen und schenkt Kaffee nach. Auf dem Bildschirm ist Michael Vesper gegenüber von Drabiniok zu sehen. An jenem Abend war Vesper noch Städtebauminister in Nordrhein-Westfalen und bot Drabiniok an, ihm einen Job als Maurer in NRW zu besorgen. Und? "Ich fragte ihn: Mit 51 Jahren das dritte Mal den Lebensmittelpunkt wechseln? Vesper sagte: Man muss flexibel sein." Die beiden fuhren im Ministerauto zum Jahresempfang der Grünen. Drabiniok nannte Vesper in Gedanken ein Arschloch.

Michael Vesper war 1.983 Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Bundestag, er hatte eine Doktorarbeit geschrieben über die "Einbindung der Homelands in Namibia in das kapitalistische Weltsystem" und saß im Bauausschuss des Rates der Stadt Bielefeld. Dieter Drabiniok hatte einen Hauptschulabschluss und eine Maurerlehre gemacht. "Ich war ein blauäugiger Vogel ohne AStA-Erfahrung. Der Träumer unter grünen Profis", sagt er. Vor der blauen Wand schwimmen Fische durch ein Aquarium wie durch eine Traumlandschaft. Das Video zeigt nun Christa Nickels. Sie spricht von der Selbstzerfleischung ihrer Partei in den ersten Jahren. Wie haben Sie das erlebt, Herr Drabiniok? "Ich saß in meinem verkehrspolitischen Raumschiff." Nickels war mittendrin: Menschenrechte, Drogenpolitik, Petitionsausschuss - sie kümmerte sich um urgrüne Themen. Bei einem Besuch im Juli nach der Vertrauensfrage des Bundeskanzlers ist Christa Nickels gerade dabei, ihre Regale im Abgeordnetenbüro in Berlin auszuräumen. Es ist die Woche nach der Wahlniederlage von Nordrhein-Westfalen. Nickels ist heute 53 Jahre alt und sieht mit ihrer runden Brille immer noch ein wenig aus wie früher. Auf einem Foto von 1983 hält sie ein Plakat vor der Brust, auf dem ein Schmied auf einen Amboss einschlägt, daneben steht auf Englisch " Abschiedsgruß an die Waffen" und dass es genug sei. Womit auch immer.

Nun sitzt Nickels in ihrem Büro neben dem Reichstag, das beinahe so groß ist wie die Wohnung von Dieter Drabiniok. Sie spricht davon, was sie alles "wuppen" wollte damals, wie Joschka Fischer, Otto Schily und die anderen Platzhirsche ihre Ressourcen und Fähigkeiten nutzen wollten, Sachverhalte zuzuspitzen und in Politik zu verwandeln, und wie sie Bündnisse geschmiedet habe über die Lager hinweg. Die Krankenschwester Nickels galt damals als eines der größten politischen Talente der Grünen. Nun sind die Regale hinter dem Schreibtisch halb leer. Davor hängt ein Sack, in den sie Ordner legt. Am Wochenende zuvor hat ihr Landesverband Nickels keinen Platz mehr auf der Liste gegeben, mit dem sie es bei der voraussichtlichen Wahl im September in den Bundestag geschafft hätte.

Es sei ein Aufstand der Basis, ist aus den Kreisverbänden in Nordrhein-Westfalen zu hören. Es sei Zeit gewesen, für Jüngere Platz zu machen, was lustig ist, weil die jetzige Spitzenkandidatin Bärbel Höhn seit 15 Jahren Berufspolitikerin ist. Nickels sagt, den Grundstein für ihr Ende habe Fischer-Intimus Daniel Cohn-Bendit mit einem Interview gelegt, in dem er allzu christliche Positionen der Partei in Sachen Sterbehilfe und Gentechnik kritisierte. Nickels ist bekannt für ihre wertkonservativen Ansichten zu diesen Themen, sie ist das Bindeglied der Grünen zur katholischen Kirche. Sie sagt: "Sterbehilfe, Biopolitik, christlich." Dann schlägt sie sich mit der Faust auf die Brust und sagt "bumm". Andererseits gibt es in den Kreisverbänden Nordrhein-Westfalens auch Stimmen, die meinen, Nickels wolle eine Dolchstoßlegende in die Welt setzen. Die Entmachtung sei eine Reaktion darauf gewesen, dass Nickels selbst nicht zimperlich gewesen sei, wenn es galt, Mehrheiten zu organisieren.

Gleich, was passiert ist: Hinter den Kulissen hat jemand gearbeitet, um Nickels zu stürzen. Es war wie in jeder Partei. Nicht wie früher, als eine Rede eine Parteilose auf den Spitzenplatz einer grünen Landesliste hieven konnte - so wie 1983 Antje Vollmer in Nordrhein-Westfalen. Jetzt ist es eher wie auf einem Bild, das im Büro von Antje Vollmer an der Wand lehnt.

Vollmers Büro ist noch größer als das von Nickels. Sie ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, formal das höchste Staatsamt, das eine Frau in Deutschland derzeit bekleidet. Das Bild hat Gottfried Helnwein gemalt, es handelt von Machtmissbrauch, davon, was im Hintergrund passiert. Auf dem Bild stehen der Dalai Lama und Mao neben dem Pantschen Lama, und Maos Hand verschwindet hinter dessen Rücken. Es ist eine Begegnung zwischen zwei Menschen, und einer macht hinter dem Rücken des anderen etwas Unsichtbares. Das Bild passt in die Politik.

Zu Antje Vollmer passt es nicht, weil sie Politik als Debattenkultur versteht und nicht als Strippenziehen. Sie wollte ein halbes Jahr, bevor sie mit den Männern mit den langen Bärten in den Bundestag kam, nicht Berufspolitikerin werden. "Es war so, dass die Grünen eigentlich einen Bauern haben wollten." Die Bauern waren wichtig, sie hatten das Land, auf das Atomkraftwerke und Landebahnen gebaut werden sollten, und sie waren entscheidend für die ökologische Wende. Nur waren kaum welche aufzutreiben, die sich in den Dienst der Grünen stellen wollten. Die Pastorin und Pädagogin Vollmer war aus Berlin zurück aufs Land gezogen. Die Studentenbewegung hatte sie bloß von außen betrachtet, sie gehörte nie richtig dazu. Sie war fasziniert, hätte aber nicht die Konsequenz gezogen, in eine Fabrik zu gehen und Arbeiter zu bekehren. Außerdem, sagt sie, habe sie der aggressive Habitus befremdet. Dann kamen die Grünen. "Zum ersten Mal in meinem Leben waren die verschiedenen Minderheiten-Themen zusammen." Vollmer und Nickels waren 1984 Mitglieder des legendären grünen Feminats: Vier Frauen stellten den Bundes-Fraktionsvorstand. Vollmer ist überzeugt davon, dass Angela Merkel nur Kanzlerkandidatin werden konnte, weil die Grünen und das Feminat den Weg bereitet haben. Sie engagierte sich mit Nickels für einen Dialog mit der RAF und arbeitete an der deutsch-tschechischen Aussöhnung. 1994 wurde sie von den Grünen und der Union zur Bundestagsvizepräsidentin gewählt. Joschka Fischer hatte sie in ein Amt bugsiert, das von allen wichtigen Entscheidungen weit entfernt ist. Die Frau, die mit der Macht des Wortes ohne Partei in den Bundestag gekommen war, hatte nun ein Amt, in dem sie außer der Macht des Wortes nicht viel braucht.

Antje Vollmer trat der Partei nach zwei Jahren im Parlament bei - nun ist sie so etwas wie die staatstragende Grüne. Sie spricht in fast drei Stunden Gespräch nicht einmal von der Basis - wie das jeder Großgrüne tut, der was auf sich hält. Die Basis, das sind die Wähler und Niederungen der Parteihierarchie. Die Basis waren jene Leute, die Ende der siebziger Jahre die Strukturen schufen, in denen sich ein Joschka Fischer bewegen konnte, über den Antje Vollmer sagt: " Fischer ist kein richtiger Grüner." Fischer stand nicht für Umweltpolitik oder für die Friedensbewegung. Aber er erkannte ein halbes Jahr vor den Wahlen, dass es da eine Struktur gab, in der man an die Macht kommen kann, und bahnte sich seinen Weg nach oben. Fischer war niemals Basis.

Die Basis waren Leute wie Dieter Drabiniok und Herbert Rusche. Das Leben des Dieter Drabiniok drehte sich bis Mitte der siebziger Jahre um Dupont-Feuerzeuge, teure Klamotten und seinen roten BMW, der auf 100 Kilometer 15 Liter verbleites Benzin schluckte. Er lernte Maurer, weil man damit viel Geld verdienen konnte. Mittags kamen Konkurrenzunternehmer auf den Bau und boten 50 Pfennig mehr die Stunde - am Nachmittag kamen er und seine Kollegen nicht mehr zurück. Das war der vollkommene Markt, das letzte Zucken des Wirtschaftswunders. " Ich hab' da im Akkord geschrubbt", sagt Drabiniok. "Wir haben nichts getan, außer zu arbeiten und zu konsumieren." Dann las Drabiniok Ende der siebziger Jahre einen Artikel über die "Grenzen des Wachstums", über Ressourcenknappheit und Umweltzerstörung und über die Verantwortung für die Zukunft. "Ich habe das meiste nicht verstanden. Ich hatte einen Hauptschulabschluss. Ich fühlte mich nur auf einmal verantwortlich für den Umgang mit dem Planeten. Mein Umweltverhalten war bis dahin eine Katastrophe." Drabiniok wurde Missionar, schrieb Plakate und schnürte sie sich wie Brötchenhälften auf Brust und Rücken. Er hatte keine Organisation, der er angehörte, keine Gruppe, in der er Chef sein konnte, keine Hierarchie, die er überwinden wollte. Er war ein einfacher Mann, der etwas ungerecht fand und einsam durch Bottrop rannte, zwischen Menschen, die nur konsumieren wollten. Er bekam Kontakt zur Grünen Aktion Zukunft (GAZ), die sich freute, nun auch die Arbeiterschaft erreicht zu haben, und in den Grünen aufging. Die wählten ihn auf Listenplatz neun der Landesliste zur Bundestagswahl, um den Kunstprofessor Joseph Beuys zu verhindern: Die Partei, die keine Köpfe auf die Wahlplakate druckte, wollte keinen Prominenten ins Parlament schicken. So fand sich Dieter Drabiniok 1983 neben Gert Jannsen im Bundestag wieder, dem Professor und Atomkraft-Kritiker aus Oldenburg. Da saßen sie, die beiden Männer mit den gewaltigen Bärten.

Ein Maurer gegen den Bundesverkehrswegeplan Die Grünen zogen mit Blumentöpfen ins Parlament. Ihre Fraktionssitzungen waren öffentlich, Petra Kelly und Marieluise Beck erweinten Beschlüsse. Dann kamen die Grünen in der parlamentarischen Wirklichkeit an. Dieter Drabiniok saß im verkehrspolitischen Raumschiff, dem Verkehrsausschuss. Drabiniok sagt, das sei spannend gewesen. Und unendlich frustrierend. Er sitzt auf seiner Couch und gibt der Frustration einen Namen: " Bundesverkehrswegeplan." Der Bundesverkehrswegeplan. 28 Seiten plus Anlagen. Es geht um Investitionszuschüsse für den kombinierten Ladungsverkehr, um die Analyse der Reisezweckstruktur, um das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz. Das klingt wie Dosenpfand, nach Politik in Deutschland. Normalerweise dauert es nicht lange, und der Ausschuss winkt das Werk durch. Dann kam Dieter Drabiniok. Er hatte Post von Bürgerinitiativen. Sehr viel Post. Säckeweise kamen Wünsche von der Basis, geschickt an das Raumschiff Bundestag, Kapsel Verkehrsausschuss, Astronaut Drabiniok.

"Wir haben über 200 Änderungsanträge geschrieben. Mit vier Leuten." Es ging um die Streichung von Straßenneubauprojekten und darum, dass bestimmte Straßen weniger Spuren haben sollten als geplant. Drabiniok dachte, dass das Argument zählt. Er arbeitete über Wochen rund um die Uhr, um die Anträge zu schreiben, und zu jedem Antrag gab es Begründungen. Die Ausschuss-Sitzung dauerte mehrere Stunden. Die schwarz-gelbe Koalition lehnte Antrag um Antrag ab.

"Ich hab' das irgendwann abgebrochen. Ich konnte nicht mehr. Ich dachte, ich hätte versagt. Ich bin zurückgegangen in mein Büro und in Tränen ausgebrochen." Drabiniok lächelt breit über den naiven, blauäugigen Maurer, der damals in den Ausschuss ging und an das Argument glaubte. "Es hat gedauert, bis ich irgendwann begriffen habe: Das ist das System. Du bist in der Opposition und wirst niedergestimmt. Es war wie zwischen Mühlsteinen, und ich merkte, wie sie an mir arbeiteten." Die Anträge gingen dann direkt ins Plenum, und alle wurden namentlich abgestimmt. Jeder Abgeordnete sollte sich zu Hause im Wahlkreis persönlich verantworten, keiner konnte sich hinter seiner anonymen Stimme verstecken. 209 Kreuze musste jeder Parlamentarier auf Listen machen, die die Verwaltung in einer 26-Stunden-Schicht drucken ließ. 209 Kreuze für die Basis. Das war die Rache des Dieter Drabiniok. Er stemmte sich gegen die Mühlsteine.

1986 gründete Drabiniok mit seinem Kollegen Hans-Werner Senfft den Verkehrsclub Deutschland (VCD), eine Art ADAC für umweltbewusste Verkehrsteilnehmer, der heute 65 000 Mitglieder hat. 1987 wurden beide Referenten und verließen den Bundestag, 1990 ging Drabiniok in den VCD-Vorstand. Dann begann er im Schlaf vom Verkehr zu sprechen. Das war die Rache des Bundesverkehrswegeplans.

Auch Herbert Rusche hat mit der Politik Schluss gemacht. Seine Geschichte steht für viele Grüne, die die Kriege der vergangenen Jahre nicht verwunden haben. Und sie steht dafür, dass die Grünen schon 1983 im Umgang miteinander hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückblieben.

Herbert Rusche sitzt auf seinem Balkon in Frankfurt. Er hat fünf Sonnenschirme nebeneinander aufgestellt, alle gleich ausgerichtet, eine kleine Schirmarmee. Sein Polohemd trägt er wegen des Bauches so groß, dass die Ärmel über die Ellbogen schlabbern und er sich damit den Schweiß von der Stirn wischen kann. Fettwucherungen haben sich an seinen Organen festgesetzt, sie drücken die Bauchdecke von innen nach außen. "Das kommt von den Medikamenten", sagt Rusche und tippt mit den Zeigefingern auf den Bauch, der hart ist und sie wegfedern lässt wie ein Trampolin. 1994 gaben die Ärzte ihm drei Monate bis drei Jahre. Seitdem nimmt er an Medikamenten-Tests teil und lebt weiter.

Herbert Rusche hat Aids. Die Medikamente machen den Körper kaputt, um sein Leben zu retten. Rusche hat sehr früh vor Aids gewarnt. Damals, als er noch Abgeordneter war im Bundestag. Er war der Erste überhaupt, der offen zugab, homosexuell zu sein. "Sie haben mich nicht ernst genommen", sagt er heute. Sie, das waren die Grünen. Und sie haben Herbert Rusche auch sonst nicht ernst genommen. Sie haben ihm nicht einmal einen Sitz in einem Ausschuss gegeben. Ein Abgeordneter ohne Ausschuss ist wie ein Chauffeur ohne Auto.

Rusche hatte Ausbildungen zum Buchdrucker und zum Krankenpfleger abgebrochen. Er war Barkeeper gewesen, Kneipengeschäftsführer und Bioladen-Besitzer, er kiffte und nahm LSD, dann sah er auf einer Messe ein Buch mit dem Titel "Spiritueller Materialismus", wurde Buddhist und gründete in Heidelberg die Schwulengruppe "Homo Heidelbergensis". In Offenbach engagierte er sich gegen Atomkraft und gründete den Kreisverband Offenbach/Frankfurt der Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD), nachdem ihm ein Wahlwerbespot der Gruppe im Fernsehen gefallen hatte. Die Gemeinschaft ging in den Grünen auf, Rusche klebte Wahlplakate für Petra Kelly und Joseph Beuys für die Europawahl und managte als Landesgeschäftsführer der Grünen in Hessen den Landtagswahlkampf 1982 - es war der erste Einzug der Grünen in ein großes Landesparlament. 1983 wählten sie ihn auf die hessische Landesliste zur Bundestagswahl, er wurde Joschka Fischers Nachrücker, denn damals gab es noch das, was die Grünen Rotation nannten: Jeder Abgeordnete sollte nach zwei Jahren für einen anderen seinen Platz frei machen und einfacher Fraktionsmitarbeiter werden.

Die Verlierer sind zufriedener als die Sieger Rusche deutet auf den Titel seiner ersten Rede im Register des Deutschen Bundestages und fängt an, davon zu erzählen. Es ging um Salmonellen-Probleme bei Huhn und Schwein und die Gefahren, die durch eine Beschau gemindert werden könnten, was zwar teuer sei, aber keine Folgekosten nach sich ziehe. Sie haben ihm die Rede gegeben, weil sich keiner fand, und ein Abgeordneter meinte, dass Rusche der richtige Mann für Fleischbeschau sei. Rusche spricht davon wie jemand, der einen interessanten Artikel in der Zeitung gelesen hat. "Ich habe dann während meiner Zeit im Bundestag ständig Material von Veterinärverbänden und so bekommen. Die sahen in mir einen Experten." Er lacht wie ein stolzer Junge, und es wirkt, als würde ihn das wundern. Lustig findet er es auch. Wenn er von anderen Parlamentariern spricht, klingt es, als seien sie ihm zufällig auf dem Gang begegnet.

Herbert Rusche schied 1987 aus dem Bundestag aus. Er arbeitete noch zwei Monate bei Petra Kelly im Büro und meldete sich dann in Offenbach arbeitslos. Es gab Übergangsgeld, Arbeitslosengeld, sie wollten ihn umschulen. Er hat sich selbstständig gemacht, hat Vorwerk-Staubsauger verkauft, ein schwules BTX-Angebot gegründet. Er kaufte einen Sex-Shop, ging Pleite, sattelte um und war der erste 0190-Nummern-Besitzer im Vorwahlbereich 06. Er kaufte für 200 000 Mark das Telefonanlagen-Modell Hi-Call mit 1,6 Gigabyte Festplatte und war hoch verschuldet.

Dann wurde Rusche krank. Das Foto auf dem Behindertenausweis zeigt ihn 1994 kurz nach dem Krankenhausaufenthalt.

Darauf ist sein Gesicht sehr dünn und sehr fahl. Von 110 Kilo war er in vier Monaten auf 70 Kilo abgemagert. Aber es ist etwas geblieben aus den siebziger Jahren: Rusche ist gläubiger Buddhist und ein zufriedener Mann. Er wirkt entspannt und gelassen. Genau wie Dieter Drabiniok auf seinem großen Sofa.

Drabiniok zog mit seiner zweiten Frau nach Saarbrücken, erwarb den Maurer-Meisterbrief und machte sich selbstständig. Er ging Pleite, bewarb sich bei der Heinrich-Böll-Stiftung als Hausmeister und behauptet, er habe den Job wegen der Frauenquote nicht bekommen. Wenn das stimmt, muss man sagen: Die Revolution frisst ihre Kinder. Drabiniok findet das lustig. Als Maschinenarbeiter ging er noch mal in die Fabrik. Seit 1999 ist er arbeitslos. Im Jahr 2009 hat er die Privatinsolvenz überstanden. Dieter Drabiniok ist noch Mitglied der Grünen.

Herbert Rusche trat aus wegen des Kosovo-Krieges. Die Partei und die Kriege sind ein besonderes Kapitel. Die Grünen haben den Atomausstieg eingeleitet, den Frauen zu mehr Rechten verholfen, für ein liberales Ausländerrecht gekämpft und sich gegen Mühlsteine gestemmt, aber gegen die Kriege konnten sie nichts tun. Sie konnten sich nicht mehr in Debatten verhaken oder weinend öffentliche Fraktionssitzungen abhalten - seit 1998 waren sie in der Regierung. Und da brauchte es eine Entscheidung: Erst kam der Kosovo-Krieg, dann Afghanistan, und der Bundeskanzler sagte, dass die Regierung am Ende sei, wenn er keine Mehrheit bekomme. Die Grünen mussten sich entscheiden, zwischen Krieg, Macht und Idealen.

Die Außenpolitik und die Grünen, das ist auch die Geschichte zweier Männer, die die Partei geprägt haben. Der eine ist Joschka Fischer, der Mann, der nie Basis war. Anfang Juli sitzt er im Bürgersaal von Butzbach. Dort spannen Herren in dunklen Anzügen mit breiten Nacken und Knopf im Ohr das Viereck um ihn, in dem Fischer sein öffentliches Leben verbringt. Es schützt ihn vor den Bürgern. Fischer sitzt unten im Saal, oben redet die Basis. Sie ist blond und will sich für Minderheitenrechte einsetzen. Unten spricht Joschka Fischer mit Daniel Cohn-Bendit. Er hört der Basis nicht zu.

Dann steigt Fischer auf das Podium. Er ist gekommen, damit ihn die Basis auf einen guten Listenplatz für die Bundestagswahl setzt. Der Applaus tröpfelt verhalten aus dem Saal. Für Fischer muss es da oben sein, wie im Fernsehen die Basis zu sehen. Dann fängt er an, Knöpfe zu drücken - als würde er den Fernsehapparat lauter stellen. Seine Knöpfe heißen: "Entgegensetzung von Ökonomie und Ökologie ist von vorgestern." Merkel: "Klares Bekenntnis zu den Atomkraftwerken Biblis A und B." Wahlchancen: Die Union hat nach der vergangenen Wahl schon mal die Möbelwagen ins Depot zurückschicken müssen. Es gibt verzückte Jauchzer. Die Schalter funktionieren. Die Basis jubelt. Sie klatscht im Takt. Es ist ein wenig wie im Musikantenstadl, Fischer ist der Karl Moik der Grünen. Hinter ihm hängt ein Plakat, auf dem in großen Lettern steht: "Richtig, Wichtig, Grün!" Ein Fotograf macht ein Foto, auf dem der Außenminister zu sehen ist und das Wort " Wichtig". Sonst nichts. Fischer bekommt 93,8 Prozent. Die Textbausteine tauchen in seiner Rede eine Woche später auf dem Bundesparteitag in Berlin wieder auf.

Herbert Rusche hat Joschka Fischer noch einmal vor fünf Jahren gesehen. Sie trafen sich im Frankfurter Nordend bei Tengelmann. "Der Bodyguard nahm Hab-Acht-Stellung an, weil jemand aus dem Volk Kontakt zu Joschka aufnahm", sagt Rusche. Der Minister empfahl ihm Bewegung wegen des Bauches. Rusche sagte, dass Laufen nicht helfen wurde. "Dann ist er wieder in sein Auto, und ich hab' eingekauft." Fischer hatte vier Mitarbeiter im Bundestag. Rusche, sein Nachrücker, gehörte nicht dazu. Abgeschnitten von Informationen und Arbeit habe er Fischer auf seine Situation angesprochen, erzählt Rusche, und Fischer habe gesagt: "Ach Herbert, politisch hab' ich eigentlich nichts gegen dich. Aber diese weinerliche Art, mit der du dich beschwerst!" Der andere Außenpolitiker der Grünen ist Ludger Volmer. Er war mal wichtig: Anfang der neunziger Jahre integrierte er die Parteilinke und organisierte den Burgfrieden zwischen Linken und Realos. Oder besser: zwischen Joschka Fischer und den Linken.

Dann wurde er eines der vielen Opfer des Joschka Fischer. Volmer sitzt im Berliner Restaurant "Keno" auf einer roten Couch. Er trinkt Wasser und Kaffee, wippt zweieinhalb Stunden lang mit den Füßen, wirkt unruhig. Er lacht wenig, und wenn man ihn fragt, ob er seiner früheren Politik untreu geworden sei, als er als Staatsminister ins Auswärtige Amt ging, schaut er etwas beleidigt.

Volmer hat eine 649 Seiten starke Dissertation zur Außenpolitik der Grünen geschrieben. Er erzählt von seinen Ideen, die sich in der Außenpolitik der Europäischen Union wiederfänden, und davon, weshalb er dagegen war, dass die Grünen nach der Wahl 1998 das Außenministerium besetzten, warum er andere Bereiche wichtiger fand. Doch Fischer setzte sich durch und holte den Gegenspieler Volmer als Staatsminister ins Auswärtige Amt. Der sagt heute: "Ich habe das gefordert." Fischer ließ ihn dort verhungern. Volmer erzählt, er sei irgendwann zu. Fischer gegangen und habe mehr Kompetenzen gefordert. Fischer habe dann Kerstin Müller gefunden, die Volmers Job bekam. Später, als einfacher Abgeordneter, hatte Volmer einen Beratervertrag, er verdiente an Kontakten aus seiner Zeit im Auswärtigen Amt. In anderen Parteien wäre das eventuell gegangen, nicht bei den Grünen. Er musste von seinen Fraktionsämtern zurücktreten und kandidiert nicht mehr für den Bundestag. Er sagt, dass man ihn in Nordrhein-Westfalen sicher wieder aufstellen würde. Die Kreisverbände sagen, dass er das vergessen könne. Volmer wirkt trotzig.

Es gibt Grüne, die ihm vorwerfen, sich für das Auswärtige Amt von Idealen verabschiedet zu haben, von den Zielen der Friedenspolitik, dass er Kriege angezettelt habe. Volmer hat sich als Jugendlicher um Obdachlose gekümmert und seine politische Sozialisation an der Ruhr-Universität Bochum im friedensbewegten AStA der siebziger Jahre erlebt. Er schaut noch trauriger, wenn man ihn daran erinnert. Dann sagt er, dass innerhalb der Grünen sehr viele Strömungen existierten, auch in der Friedenspolitik. Es gab diejenigen, die gegen alle Raketen waren, und andere, die nur die der Amerikaner weghaben wollten. "Der Friedensbezug richtete sich gegen die atomare Abschreckungspolitik und hatte die Auflösung der Blöcke zum Ziel", erklärt Volmer. Nach 1990 sei die "Kontextualisierung" ganz anders gewesen, aber seine Ethik habe sich deshalb nicht verändert. Kontextualisierung - das ist Volmers Wort, um seine veränderte Position zu erklären.

Es ist schwer für ihn, mit intellektuellen Differenzierungen gegen schöne Sätze wie " Schwerter zu Pflugscharen" anzukommen. Er sagt: " Grün ist für mich erledigt." Volmer wollte nie Außenminister werden, auch wenn er davon sicher mehr verstand als Fischer in den neunziger Jahren. "Er ist ähnlich wie 1983 auf den Zug aufgesprungen und hat sich zum King erklärt", sagt Volmer. Es ist auch Volmers Verdienst, dass die Linken die Koalition mitmachten. Nun ist er weg. Und Fischer ist der Letzte aus der alten Führungsriege, der noch etwas zu sagen hat in der Partei.

Einer braucht die Partei nicht mehr Es gibt einen Mann, der so etwas ist wie die kleine Heimat der Basis in der Bundestagsfraktion der Grünen. Man kann ihn kaum übersehen, er trägt meistens einen roten Schal und ist oft im Fernsehen, wenn es heißt, dass sich jemand gegen Joschka Fischer gestellt habe, gegen die Bundesregierung oder gegen einen Krieg. Der Mann heißt Hans-Christian Ströbele und sitzt in einem Büro im Abgeordnetengebäude neben dem Reichstag, einem Büro, das etwa zehnmal in das von Antje Vollmer passt. Im Regal steht der Verfassungsvertrag der Europäischen Union. Ströbele hat ihn mit farbigen Merkzettelchen beklebt, wie das Jurastudenten machen, wenn sie ihre Gesetzestexte bekommen. Er hat ihn gelesen und kann nicht verstehen, dass da etwas zur gemeinsamen Aufrüstung drinsteht und Fischer das gut findet. Auf der Fensterbank stapeln sich Schnellhefter zu Unterlagenbergen. Sie handeln von Asylfällen, Pflegefällen, Verurteilungen, Bürgern, die dem Abgeordneten Ströbele ihr Leid klagen und hoffen, dass da einer ist, der ihnen hilft. "Ich bin das ja gewohnt als Anwalt, schnell herauszufinden, um was es geht", sagt Ströbele. Seit drei Jahren ist er der Anwalt seines Wahlkreises Kreuzberg-Friedrichshain-Prenzlauer Berg Ost.

Ströbele bekam keinen Listenplatz bei der Wahl 2002 und gewann dann als erster grüner Abgeordneter überhaupt ein Direktmandat. Er zog durch Kneipen und verteilte Flugblätter. "Ich kann Ihnen sagen, wo die Außen- und Innenbriefkästen in meinem Wahlkreis sind. Das sind wichtige Informationen für einen Briefverteiler." Ströbele lacht. Einmal stand er nachts auf einer Leiter und befestigte ein Plakat an einer Laterne. Da kam ein Bürger und sagte: "Sie hier?" Hans-Christian Ströbele hat sich seine Basis selbst geschaffen. Er braucht die Partei nicht mehr.

Anfang der siebziger Jahre hatte er zusammen mit Otto Schily RAF-Terroristen verteidigt, bevor er 1985 in den Bundestag rotierte. "Als ich dort ankam, galt ich als Krimineller." Ein Abgeordneter hatte fünf Minuten Redezeit, es gab Zwischenrufe, die mit dem Thema nichts zu tun hatten, aber Ströbele entgegnete nur selten etwas, weil die Zeit sonst der Sache gefehlt hätte. Heute leitet er den wichtigen Arbeitskreis der Innen- und Rechtspolitik der grünen Bundestagsfraktion. Angegriffen wird er nicht mehr von den Konservativen im Parlament, sondern, was ihn viel mehr schmerzt, auf der Straße in seinem Wahlkreis, wo ein Viertel der Menschen von Sozialhilfe lebt. Ströbele ging zu Demonstrationen gegen Hartz IV und suchte die Konfrontation: "Ich wollte mich dem aussetzen. Ich glaubte, wenn das nicht mehr geht, bin ich hier falsch." Mit "hier" meint er sein Abgeordnetenbüro.

Ströbele hat nicht viel Zeit. Er muss noch die Anträge lesen für den Bundesparteitag am Wochenende. Am nächsten Tag will er einen Richter anrufen, es gibt da einen Prozess gegen einen, der in einen Streit mit Kontrolleuren der Berliner Verkehrsbetriebe geraten ist. Ströbele verteidigt einen jungen Mann, der eingeschritten ist und nun wegen Körperverletzung drankommen soll.

Das Video in Dieter Drabinioks Wohnzimmer ist zu Ende. Hans-Christian Ströbele ist auch vorgekommen, Drabiniok mag ihn. Der Maurer hat vor kurzem einen Vortrag zu 25 Jahren grüner Partei geschrieben. "Dann hab' ich mich gefragt: Wen interessiert das?" Der Vortrag liegt in einer blauen Mappe auf dem Tisch. Kann ich ihn mal sehen? "Nein, er ist noch nicht fertig." Um was geht es? Drabiniok setzt sich aufrecht hin. "Um den Wunsch, etwas weiter zu denken als bis zur nächsten Wahl, bis zur nächsten Reform. Es wird in absehbarer Zeit kein Öl mehr geben. Das Wachstum ist das größte Problem." Dieter Drabiniok trägt nicht nur die gleiche Kleidung wie damals, als er die Welt verändern wollte - er hält auch immer noch das Wachstum für das zentrale Problem. Diese Meinung ist bei den Grünen heute weit verbreitet, die meisten finden nur, dass wir zu wenig wachsen. Drabiniok ist auch immer noch für die Rotation. Er meint, man könne sie ausweiten bis in den Vorstand der Deutschen Bank und Lebenseinkommensgrenzen einrichten. Dann hätten mehr Menschen Arbeit. Dieter Drabiniok grinst. Er weiß, dass ihm niemand folgen wird. Aber er findet seine Argumente gut.

Sie haben bloß ihre parlamentarische Heimat verloren.