Was ist eigentlich - VoWLAN?

Mit einer neuen Funktechnologie könnte das mobile Telefonieren bald schon nahezu gratis sein - und die Investitionen in vorhandene Funknetze und UMTS umsonst: Das drahtlose Internet macht’s möglich.




Das Glück des Konsumenten ist ein niedriger Preis, dem ein noch niedrigerer Preis folgt. Ein endloser Fluss - und der fließt mit erheblichem Gefälle. Fast alles wird immer billiger. Aber einiges ist nach wie vor ganz schön teuer. Telefonieren zum Beispiel, insbesondere per Handy. Das ärgert alle. Die Eltern pubertierender Kinder etwa, deren Mobilfunkrechnungen enorm sind. Menschen, die von unterwegs telefonieren wollen und dafür Gesprächsgebühren zahlen, dass einem Hören (und Sehen) vergeht. Und auch Unternehmenschefs, die angestrengt daran arbeiten, die Telefonkosten der Firma zu senken.

Kommunikation übers Telefon, mobil oder stationär, ist ein Grundbedürfnis geworden, die Preise hingegen sind eindeutig aus der Luxusklasse.

Aus dem Nichts tauchte vor ein paar Jahren das Zauberwort Internet-Telefonie auf. Es wurde kolportiert, dass Computerfreaks mit ihren PCs quasi zum Nulltarif rund um den Globus telefonieren können. Und es schien, als ob nun endlich das Wundermittel für ein leidiges Problem gefunden worden wäre. Voice over IP, kurz VoIP oder IP-Telefonie, bezeichnet das Telefonieren über ein Computernetzwerk auf Grundlage des Internet Protocols (IP). Das ist billiger als über die herkömmliche Telefonleitung und funktioniert, wenn breitbandiges Internet verfügbar ist. Das Telefonat wird bei der ständig aktiven Leitung sozusagen Huckepack genommen.

Breitband wiederum liegt derzeit ebenfalls im Trend: Laut Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) ist die Zahl der DSL-Anschlüsse in Deutschland 2003 um 43 Prozent gestiegen. Bereits mehr als fünf Millionen Haushalte sind versorgt, in drei Jahren sollen es doppelt so viele sein. Aber nicht nur zu Hause und in Firmen, auch an öffentlichen Plätzen sind Breitband-Internet-Anschlüsse zunehmend verfügbar. Vor allem in den Großstädten, mit 457 so genannten Hotspots ist Berlin in Deutschland Spitzenreiter. In Hotspots - meist Cafés, Hotels, Bahnhöfe und Flughäfen - gibt es Breitband-Internet für jedermann. Kabellos, die Daten werden im Umkreis von 60 Metern gefunkt.

Jetzt mal eins und eins zusammenzählen: IP-Telefonie ist kostengünstig, war bisher allerdings meist an einen fixen Internet-Anschluss gebunden. Das wird nun mit Wireless LAN überwunden, das Breitband-Anschlüsse zur öffentlich verfügbaren Infrastruktur macht. Fehlt noch ein wichtiger Baustein: Endgeräte, mit denen man IP-Telefonie unterwegs nutzen kann und die kleiner als Laptops sind. Und auch hier gibt es gute Nachrichten: 2005 werden einige W-LAN-fähige Mobiltelefone auf den Markt kommen. Bald wird man also rund um den W-LAN-Hotspot mit dem richtigen Handy kostenlos telefonieren können.

Diese Vision hat auch einen Namen: VoWLAN (sprich: Waulan) steht für "Voice over Wireless Local Area Network" und bedeutet Internet-Telefonie über WLAN. Eine Studie des US-Marktforschers In-Stat/MDR prognostiziert VoWLAN in Kombination mit Mobilfunktechnologie große Wachstumschancen vor allem bei Geschäftskunden. Bis 2009 sollen schätzungsweise 225 Millionen WLAN-fähige Mobiltelefone auf dem Markt sein. Wer eine Flatrate, also eine feste Internet-Monatspauschale bezahlt, kann dann ohne Zeitlimit telefonieren.

Ein weiterer Teil dieser Vision ist Voice over IP, eine Technik, die Sprache in Datenpakete zerlegt, verschickt und am Empfänger-PC wieder zusammensetzt. Einst war das eine holprige Geschichte, doch mittlerweile funktioniert sie prächtig.

Zwei Drittel der internationalen Großkonzerne werden bis 2006 VoIP-Anwendungen installiert haben, geht aus einer Studie der Unternehmensberater Deloitte Touche Tohmatsu hervor. Rund 84 Prozent der befragten Unternehmen nennen Kosteneinsparung als Hauptgrund für einen Umstieg auf VoIP. "Sinkende Preise für Geräte, eine bessere Sprachqualität, erweiterte Funktionen und wachsende Erfahrung der Serviceanbieter haben die Technologie attraktiv gemacht", erklärte Andreas Gentner von Deloitte. Unternehmenskommunikation funktionierte allerdings meist in geschlossenen Netzwerken, so genannten "Virtual Private Networks" (VPN). Nun soll VoIP auch für den Endverbraucher eine Alternative werden.

Zumindest locken fast alle DSL-Anbieter derzeit mit IP-Telefonie. Freenet, 1&1, Broadnet Mediascape, Sipgate, Web.de oder QSC haben Spezial-Packages samt Internet-Telefon geschnürt. Geworben wird mit dem Nimbus des billigen Telefonierens. VoIP soll auch als Alternative zum Festnetz vermarktet werden. Der britische Marktforscher Mori hat im Rahmen einer von Nokia in Auftrag gegebenen Studie nämlich herausgefunden, dass bereits 45 Millionen Kunden in Deutschland, Großbritannien, Südkorea und den USA ihre Festnetzanschlüsse abgemeldet haben und ausschließlich das Handy nutzen. Vor allem junge Leute und Besitzer von Breitband-Internet-Zugang verzichten auf einen festen Anschluss.

IP-Telefonie rechnet sich derzeit jedoch nicht in jedem Fall. Die hohe DSL-Grundgebühr bleibt erhalten, nicht alle Telefonate ins Ausland können vermittelt werden, Notruf- und Servicenummern funktionieren nicht und ein Anruf in ein Mobilnetz ist richtig teuer. Vieltelefonierer profitieren allerdings bereits: bei Auslandstelefonaten können bis zu 70 Prozent gespart werden, auch für Ferngespräche fällt meist nur ein bis 1,9 Cent in der Minute an, und innerhalb des eigenen Netzes ist Telefonieren meist kostenlos.

Evolution statt Revolution: Das Handy und VoWLAN passen gut zusammen Voice over IP boomt. Nach eigenen Angaben hat Freenet ein gutes halbes Jahr nach dem Start der Intern-Telefonie 200 000 Kunden. Solche Zahlen lassen auch den Festnetz-Monopolisten Deutsche Telekom nicht unbeeindruckt. Sie will Anfang 2005 selbst VoIP-Dienste anbieten, um für ihre Kunden attraktiv zu bleiben. Von Januar 2005 an wird für Internet-Telefone in Deutschland die Vorwahl 032 eingeführt werden. Damit können dann auch Festnetzteilnehmer und Breitbandnutzer miteinander telefonieren.

Für die Mobilfunkbetreiber ist die Vorstellung, dass Telefonate nicht mehr nach Minutenpreisen, sondern als Flatrate abgerechnet werden, ein mehr als bedrohliches Szenario. Und sie kommt auch ausgesprochen ungelegen zu einem Zeitpunkt, da sich der teuer erworbene Mobilfunkstandard UMTS langsam zum marktreifen Kommunikationsdienst mausert. Doch die verbleibenden UMTS-Anbieter haben sich, so scheint es, mit ihrem Schicksal abgefunden. 02 zum Beispiel hofiert die Telefonkunden mit Mobilfunkverträgen, die mobile Telefonate von Zuhause kaum teurer als Festnetzgespräche machen.

Die Strategie, den Feind VoWLAN zu umarmen, hat aus Sicht der Mobilfunker durchaus Sinn. Zum einen lässt sich VoWLAN nicht aufhalten, die Gerätehersteller präsentieren gerade Mobiltelefone, die sowohl in GSM-Netzen als auch in W-LAN-Netzen funktionieren. So bringt das US-Unternehmen RIM Anfang nächsten Jahres seinen neuen Blackberry 7270 als ein Gerät mit " Desktop-Qualitäten" auf dem Markt. Es ist ein ausdrückliches VoWLAN-Gerät, dem weitere folgen werden. Auch mit anderen Personal Digital Assistants, die entweder über integriertes W-LAN verfügen oder preiswert mit einer Speicherkarte dafür aufgerüstet werden können, kann man günstig übers Internet telefonieren.

Andererseits erhofft man sich dadurch schlussendlich auch Synergieeffekte für das klassische Mobiltelefongeschäft: VoWLAN kurbelt den Datentransfer an, und das steigert den Umsatz. Allerdings bleibt der Nachteil einer begrenzten Mobilität erhalten: Denn VoWLAN ist immer nur 60 Meter im Umkreis einer Basisstation verfügbar. Dann reißt der Funkkontakt ab und damit auch die Möglichkeit des kostengünstigen Telefonierens. Bis ein lückenloser Übergang von W-LAN in Mobilnetze gewährleistet werden kann, wird es noch drei bis vier Jahre dauern. Mobilfunknetze sind heute flächendeckend verfügbar und sicherer als die W-LAN-Technologie. Das ist vor allem beim Thema Bezahlen übers Handy entscheidend.

So ist VoWLAN eher der Beweis dafür, dass sich die Kommunikationswelt nicht auf Jahre planen lässt - wie man das bei UMTS noch dachte. Nicht nur die Preise ändern sich rasant, auch die Technik.

Telekommunikation wird in den kommenden Jahren ein großer Work-in-progress bleiben.