Voormanns Gütertagebuch

Zespri Gold 3279 New Zealand. Edeka, 39 Cent. Beipackzettel zur Erleichterung kleiner und mittelschwerer Exkursionen in die Warenwelt.




So richtig lecker fand Voormann Kiwis nie, aber die Gold-Kiwi ist ein großer Fortschritt. Da will er mal rausfinden, welchen Züchtungskünsten sie ihre Existenz verdankt. Ein guter Start ist www.zesprikiwi.com. Da wird das gute Stück voller Stolz präsentiert: "New Zealand kiwifruit growers would now like to invite you to try their new national treasure: Zespri Gold Kiwi-fruit." * Voormann erhält folgenden Hinweis: "The new variety is the result of a natural cross-pollination and grafting program."** Natürliche Kreuzbestäubung! ("No genetic modifications have been made to any ZESPRI(tm) Kiwifruit variety at any time."***) Da können auch Gentech-Mimosen morgen noch kraftvoll zubeißen. Doch muss die Frage erlaubt sein: Wer hat da wen bestäubt? Und wie ist das unklare "grafting program" informationsförderlich zu übersetzen?

Voormann liest weiter und findet heraus: Wie die grünen wachsen auch die goldenen Kiwis von Natur aus in China. Der Ausgangsstoff für das elfjährige Zuchtprogramm waren Samen der Actinidia Chinensis, die die Zespri-Forscher 1987 nach Neuseeland verschleppten und fern der Heimat einer Art Inzucht unterzogen, bei der immer die schönsten, größten und süßesten gekreuzt wurden. Die Ergebnisse wurden schließlich auf die wuchsstarken grünen Geschwister gepfropft: Fertig war die Goldkiwi-Rebe und gestärkt die Vormachtstellung im globalen Kiwi-Geschäft. Ein Land kann nicht nur von Schafen leben.

Es geht auch um die Ehre. Denn warum heißt die Kiwi Kiwi? Warum heißt das grün/goldene Früchtchen wie der komische flugunfähige langschnabelige Schnepfenstrauß, der in Australiens Nachbarland durchs Unterholz kreucht und für seinen exzellenten Geruchssinn gerühmt wird?

Anfang der sechziger Jahre hießen die Dinger noch chinesische Stachelbeere. Erst die neuseeländischen Produzenten ersetzten den langen, auf das kommunistische Reich der Mitte verweisenden Begriff durch den einprägsamen Kurznamen, auf den ihr ulkiges Nationaltier hört, den die Menschen dort zu Lande auch gern für sich selbst gelten lassen und im Zuge des neuseeländischen Vokabelreduzierungsprogramms außerdem für ihre Währung, den neuseeländischen Dollar. "He, alter Kiwi, kannste mir mal 'n Kiwi leihen, damit ich mir 'ne Kiwi kaufen kann?" Der Insider verlangte früher in der Obstabteilung des Kaufhauses des Westens in Berlin natürlich zwei Pfund Hayward. Bis zur Einrührung der Gold-Kiwi war auch von dieser Mutter aller deutschen Obstabteilungen keine andere Kiwi zu bekommen als die Hayward - seit wir Europäer Mitte der siebziger Jahre so richtig mit dem Kiwi-Essen losgelegt haben, gab es nichts anderes. Das muss man sich mal für Äpfel vorstellen: nur eine Sorte! Apfel gleich Golden Delicious!

So was hätte es nicht mal in der DDR geben können. Ist aber wahr. Praktisch alle Kiwis, die im 20. Jahrhundert durch unsere Mägen gingen - zuletzt eine Million Tonnen pro Jahr weltweit - wurden von Kiwireben gepflückt, die von nur zwei weiblichen und einer männlichen Pflanze abstammen. Die wuchs 1904 in Neuseeland - vielleicht, weil Walter Herbert Zespri nach einer China-Reise ein paar Samen in seiner Hosentasche gefunden und in die Erde gesteckt hatte? Natürlich hat man in den folgenden Jahrzehnten herumgezüchtet und verschiedene Sorten herausgebracht, aber am Ende hatte die Hayward alle anderen aus dem Rennen geboxt.

Das konnte nicht ewig gut gehen. Der Konsument will auch mal was anderes schmecken als die olle Einheitsware. Als Neuseeland 1987 Frankreich im Finale der ersten Rugby-Weltmeisterschaft mit 29 zu 9 niedermähte, hob das nationale Selbstbewusstsein zu einem solchen Höhenflug an, dass man sich gut vorstellen kann, wie Walt H. Zespri III zu seinem Vater sagte: "Jetzt setzen wir noch einen drauf, jetzt bringen wir die Gold-Kiwi." Vater und Sohn machten sich wie einst Großvater auf nach China. Den Rest hat Voormann schon erwähnt.

Verbraucherschutztechnische Aspekte: Kiwis können Allergien auslösen. Sie enthalten Eiweiße, die die Körper von manchen von uns irrtümlich für gefährlich halten, sodass sie die Abwehrmaschinerie in Gang setzen, weil sie sich mit Obst, das in China entstanden ist, nicht auskennen. Jenny hatte, als sie noch nicht mal ein Jahr alt war, eine Hayward-Allergie mit Ausschlag. Heute, mit anderthalb, verträgt sie die Gold aber gut. Im Fall der Kiwi sind außerdem besonders Beifußpollenallergiker ("Sellerie-Karotten-Beifuß-Gewürz-Syndrom") und Latexallergiker gefährdet, weil in der Kiwi irgendwas drin ist, was den pseudogefährlichen Stoffen in Beifuß und Latex verdammt ähnlich ist. Das nennt man eine Kreuzreaktion.

Abfall-ABC: Kiwi bleibt unerwähnt. Die Brauerei Beck's hat das Marketingkonzept von Zespri abgekupfert und zusätzlich zum alten grünen Bier Beck's Gold auf den Markt gebracht. Zu entsorgen entsprechend im Grün- und im Goldglas-Container. * Die neuseeländischen Kiwizüchter möchten Sie jetzt einladen, ihre neue nationale Kostbarkeit zu probieren: die Zespri Gold Kiwi. ** Die neue Sorte ist das Ergebnis natürlicher Kreuzbestäubung und eines Veredelungsprogramms.

*** Bei der Erzeugung der neuen Sorte Zespri wurde vollkommen auf genetische Veränderungen verzichtet.