Mode mit Folgen

Leopold Seiler ist Vermögensverwalter und ein neugieriger Mensch. Als er eines Tages auf dem übervollen Bahnsteig der wieder einmal verspäteten U-Bahn in seiner Heimatstadt Wien stand, schlug er seinem Begleiter ein kleines Experiment vor. Seiler, knapp zwei Meter groß und ein Freund des Schottenrocks, klatschte in die Hände, die Menschen wichen zurück, besahen sich die ungewohnte Gestalt und hörten: "Guten Abend, mein Name ist Leopold Seiler, ich bin im Management der Wiener Verkehrsbetriebe und weiß auch nicht, woher die Verspätung kommt. Aber ich übernehme dafür die volle Verantwortung." Pause. Schweigen. Und dann ... begannen die Leute zu klatschen.




Verantwortung. Ein schönes Wort. Ein beliebtes Wort, vor allem bei Managern. In den achtziger Jahren war es schon einmal sehr in Mode, damals, als es zum guten Ton gehörte, mindestens ein Ethik-Seminar besucht zu haben. Dann verschwand das hehre Ziel in der Schublade mit abgetragenen Managementmoden. Nun ist es wieder da, neu designt: Corporate Governance heißt es heute. Oder, weiter gehend, Corporate Social Responsibility. Oder gar Corporate Citizenship, das Unternehmen als Bürger, mit allen Verpflichtungen für sein Umfeld. Na denn.

Ob es mehr ist als eine neue Mode, das war eine der Fragen, die uns bei diesem Schwerpunkt trieb. Was eigentlich Verantwortung bedeutet, eine andere: Denn Leopold Seilers Erfahrung mit der hohlen Phrase ist keine Anekdote - sie ist Realität.

Wir haben vergessen, was Verantwortung bedeutet, verlernt, sie zu tragen - das war eine der Thesen, denen brand eins-Autor Wolf Lotter bei seinen Gesprächen über Verantwortung immer wieder begegnete (S. 46). Und auch wenn die Unternehmen im Bemühen um gute Imagewerte in schwerer Zeit immer neue Programme auflegen - viele wollen nur freundlichere Gardinen aufziehen: Seht her, wir sind gut (S. 64). Von der Konsequenz eines Otto Versands oder einer Betapharm aber sind sie noch Meilen entfernt (S. 56), wie nicht zuletzt die Reportage über Eva Joly zeigt, jener ehemaligen Ermittlungsrichterin im Fall Elf Aquitaine, die sich mit dem System anlegte und auch heute noch, als Anti-Korruptions-Beauftragte der norwegischen Regierung, eher als Gegner denn als Gesprächspartnerin gesehen wird (S. 108).

Also alles beim Alten? Nicht ganz. In den achtziger Jahren ging es vor allem darum, dem Manager mit dem Mäntelchen Ethik zu einem neuen Image zu verhelfen. Heute sollen die Unternehmen heller strahlen, unter anderem, weil sie vielen Bürgern, also Kunden, zu mächtig geworden sind und diese die Paarung von Macht mit Verantwortung erwarten (S. 72).

Das bedeutet: ein umfassendes Programm. Manager müssen sich der Frage stellen, wer eigentlich Verantwortung trägt - und vor allem: wie (S. 82). Und Unternehmen, die sich mit netten Aktionen für Regenwald, Pandabären oder Analphabeten die Fenster verhängen, müssen damit rechnen, dass Kunden wie Mitarbeiter die Glaubwürdigkeitsfrage stellen.

Schwierige Zeiten für Unternehmen. Doch es könnten gute werden, wenn sie einfach nur tun, was sie sagen.

Auch das ist Verantwortung.