HIPHOP, AUFS PARKETT!

Tanzschulen galten als altmodisch und langweilig. Bis sie von MTV tanzen lernten.




"Wenn die Musik so ist wie die Einrichtung, dann wird das nichts." Diesen Satz hört Corinna Bartel häufig, wenn Jugendliche das erste Mal die Tanzschule Bartel am Ernst Deutsch Theater in Hamburg besuchen. Mit rotem Cord bezogene Holzstühle ohne Armlehnen und mit Messing abgesetzte Tische verströmen den Charme der fünfziger Jahre. Das stumpfe Stäbchenparkett hebt sich gut vom schweren weinroten Teppich ab, an den Wänden hängen alte Fotos von jungen, fröhlichen Paaren, für die die Tanzschule einst eines der wenigen Freizeitangebote überhaupt war. Schritt, Seit', Schluss. "Ich wollte es so erhalten, wie es mein Vater aufgebaut hat", sagt Corinna Bartel. Die Jugendlichen kommen trotzdem. In Hüfthosen, Trägershirts und Turnschuhen. Denn sie wollen lernen, wie ihre Stars zu tanzen.

Noch vor acht Jahren hätten sich das viele Tanzschulbesitzer in Deutschland nicht träumen lassen. Ab Mitte der neunziger Jahre blieb bei vielen die junge Kundschaft aus: Statt der durchschnittlich 60 bis 70 jungen Paare meldeten sich nur noch vier oder fünf für die Anfängertanzkurse an. Ohne die Erwachsenenkurse und Tanzkreise hätten viele kaum ihre Miete bezahlen können.

"Tanzen war out", sagt Wolfgang Steuer, einer der Reformer im Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) - dem Verband, in dem etwa 780 Schulbesitzer und ihre Lehrer organisiert sind. Die Zeiten, in denen es neben dem Sportverein nur noch die Tanzschule gab, waren in den neunziger Jahren längst vorbei: Tanzen konkurrierte mit neuen Freizeitangeboten wie Inlineskaten oder Computerspielen. Das traf die Tanzschulen in den Städten stärker als auf dem Land, wo Trends immer etwas später ankommen und das Angebot nie groß ist. Aber alle spürten mit einiger Verzögerung die Geburtenrückgänge.

Hinzu kamen die Vorurteile: Tanzschulen standen für Muff, altmodische Musik und humorlose, herrische Lehrer. Zu Recht, wie Peter Bartel, heutiger Vizepräsident des ADTV, zugibt. Wen kümmerte schon, was die Kunden wirklich wollten? Und wer hielt es für nötig, seine Tanzschule modern und freundlich auszustatten? Die Schüler der Gymnasien und Realschulen kamen klassenweise und sorgten für volle Kurse, erinnert sich Bartel an die Zeit seiner Vorgänger: "Die Tanzschulen mussten nur bekannt geben, wann die Kurse anfingen - gebucht wurden sie ohnehin." An dem schlechten Image konnte auch die neue Generation von Tanzlehrern lange Zeit nichts ändern. "Wir Jungen haben versucht, alles etwas lockerer zu machen", sagt Bartel, der die Tanzschule Ring 3 im Hamburger Stadtteil Poppenbüttel besitzt. Aber das reichte nicht. Die Schulen mussten lernen, sich an die veränderte Welt anzupassen. Und so gab es nur eine Lösung für das Problem: Neue Produkte mussten her, damit Tanzen cool sein würde.

Die Kids wollen wie ihre Stars sein. Ein erster Schritt ist, wie ein Star zu tanzen Im Frühjahr 1997 überlegte eine Gruppe von Tanzlehrern, was die Jugend endlich wieder in die Schulen triebe. Ihre Idee: Kurse, in denen die Teenies tanzen lernen konnten wie die Stars in den Videoclips von MTV. "Wir hatten das Gefühl, das könnte ein Trend werden", sagt Wolfgang Steuer, einer der Mit-Initiatoren. Die Gruppe wollte das Projekt ganz groß angehen und eine eigene Marke aus den nachtanzbaren Choreografien kreieren. Um die Jugendlichen zu begeistern, musste das Produkt gut sein. Das ging nur, wenn sie die Original-Choreografien der Stars hatten und die Tanzlehrer die Besten in ihrem Bereich waren.

Im Sommer 1997 hatte der Verband einen Namen und ein Logo für Videoclipdancing entwickelt: Dance for Fans (D4F). Die Ausbildung der Lehrer nahm der Verband in die Hand: Nur wer auf einem speziellen Seminar die jeweiligen Choreografien lernt, darf sie unterrichten. Welche Stücke die Tanzschulen anbieten, entscheiden sie selbst. Im Herbst 1997 begann die Ausbildung der ersten Generation neuer Tanzlehrer.

Zeitgleich versuchte der ADTV mit Hilfe einer Werbeagentur an die Choreografien der Popstars heranzukommen. "In den ersten Jahren mussten wir wirklich betteln gehen bei der Musikindustrie", sagt Stefan Bongartz, heutiger D4F-Leiter im ADTV. Sie mussten erklären, warum Tanzschulen die Original-Choreografien der Popstars haben wollten und was das alles überhaupt sollte. Denn in erster Linie sind Musik-Labels natürlich daran interessiert, Musik zu verkaufen - keine Choreografien. In den Anfangsjahren musste der Verband die Rechte an den Startänzen kaufen und konnte deshalb zunächst nur drei oder vier verschiedene Choreografien anbieten.

Was in den Tanzschulen eigentlich vor sich ging, begriffen die Plattenfirmen erst, als die privaten Fernsehsender mit Casting-Shows fette Einschaltquoten erzielten. Im Jahr 2000 bewarben sich tausende junger Leute für das Casting von "Popstars", es wurde öffentlich um die Wette gesungen - und getanzt. Dabei entstanden unter anderem die "No Angels", eine der erfolgreichsten europäischen Mädchengruppen überhaupt. "Danach ist bei vielen Labels der Knoten geplatzt", sagt Stefan Bongartz. Mittlerweile erhält der ADTV die meisten Lizenzen für Choreografien gratis. Viele Plattenfirmen liefern dazu sogar noch einen Satz CDs für die Dance-for-Fans-Lehrer, schließlich sind die inzwischen zu wichtigen Werbeträgern geworden. "Die Jugendlichen wollen heute nicht mehr nur eine CD hören - sie wollen etwas damit machen", erklärt Bongartz. Heute kann der ADTV seinen Tanzschulen bis zu 45 unterschiedliche Choreografien im Jahr anbieten.

Die Gruppe der Verbandsreformer lag mit ihrer Idee genau richtig: Für die Jugend von heute gibt es nichts Größeres, als so zu sein wie ihre Stars - außer vielleicht selbst einer zu sein. "Von Anfang an war die Nachfrage riesig", sagt Ingo Woite. Ohne viel Werbung oder aufwändige PR-Aktionen sprach sich das neue Angebot der fast vergessenen Tanzschulen bei den Jugendlichen herum. In den ersten Jahren gab es teilweise gar nicht genug Tanzlehrer, die für D4F ausgebildet waren. 1998 bot schon fast ein Viertel der etwa 780 ADTV-Tanzschulen D4F-Kurse an.

Wie groß die Sehnsucht ist, zu tanzen und zu sein wie ein Popstar, zeigen auch die aktuellen Teilnehmerzahlen: Im Jahr besuchen mehr als 150 000 Jugendliche zwischen neun und 18 Jahren D4F-Kurse. Und das Angebot hat offenbar Strahlkraft: Mittlerweile sind jährlich wieder rund eine halbe Million Tanzschulbesucher jünger als 15 Jahre. Damit erreichen die Tanzschulen heute deutlich mehr Jugendliche als in den neunziger Jahren.

Harte Beats schallen aus dem Saal der Tanzschule Ring 3: Es ist der Hit "Yeah". von Usher. Der Teenie-Star ist groß, schwarz und ein fantastischer Breakdance-Tänzer. Den finden auch Jungs cool, und so lassen sie sich von seiner Choreografie in die Tanzschule locken. Stücke von Janet Jackson, Britney Spears oder Beyoncé sind eher etwas für Mädchen. Aber ob Usher oder Britney, grundsätzlich geht es längst nicht mehr um den reinen Spaß.

"Die Jugendlichen wollen nicht nur wie ihre Stars tanzen, sie wollen auch einmal wie ihre Vorbilder auf der Bühne stehen", sagt Ingo Woite. Seit 1999 gibt es deshalb ein Wettbewerbssystem, bei dem Nachwuchstänzer um den Einzug in das Finale der deutschen Meisterschaften konkurrieren. Im vergangenen Jahr tanzten 10 000 Jugendliche um den Titel.

Wo tausende Jugendliche zusammenkommen, sind Sponsoren nicht weit: Jugendmedien begleiten die Wettbewerbe, Kosmetikhersteller bieten Schminktipps an. Für Fan-Artikel hat der ADTV selbst gesorgt: Bei den Wettbewerben, in den Tanzschulen und im Internet können D4F-Schlüsselanhänger, T-Shirts und Mützen gekauft werden. Und bald gibt es die erste Europameisterschaft; der ADTV hat sein Erfolgskonzept in sieben weitere europäische Länder verkauft, überall ist das Star-Tanzfieber ausgebrochen.

"Wir haben ein glückliches Händchen gehabt", sagt Wolfgang Steuer nüchtern. Das sicherlich auch, vor allem aber hat der Verband das richtige Produkt zur richtigen Zeit richtig umgesetzt. Dance for Fans ist inzwischen eine starke Marke, um die die ADTV-Mitglieder von anderen Anbieter beneidet werden.

Tanzen wie die Stars war erst der Anfang, es gibt schon einen neuen Trend Bis dahin allerdings war es ein weiter Weg. "Sie können sich vorstellen, dass in einem Verband jeder ein Wörtchen mitreden möchte, wenn Dinge Geld kosten", sagt Steuer. So etwas kostet Zeit und provoziert Streit. Ältere Tanzlehrer, die nur Gesellschaffstänze akzeptieren, ziehen bei D4F natürlich nicht mit. Andere Schulen sind zu klein, als dass sie sich einen jungen hippen Tanzlehrer leisten könnten. Dennoch gelang es, das neue Produkt bei den meisten Schulen mit Erfolg einzuführen. Für viele gab es ohnehin keine Alternative: Ohne D4F gäbe es viele Tanzschulen heute längst nicht mehr.

Und ganz nebenbei haben Verband und Schulen etwas gelernt, das ihnen dabei helfen könnte, schwierige Situationen auch in Zukunft zu meistern: Sie haben gelernt, mit der Zeit zu gehen. So haben sie nicht nur die 14- bis 16-Jährigen zurück in die Tanzschulen geholt, sondern zusätzlich eine weitere Zielgruppe für sich gewinnen können: Kinder. Sie lernen in den Schulen spielerisch wichtige Bewegungsabläufe und Koordination. Die Tanzlehrer sind eigens dafür geschult.

Inzwischen steht bereits der nächste Trend ins Haus, der den Tanzschulen sehr gelegen kommt und den sie natürlich längst erkannt haben: die Rückbesinnung auf alte Werte. Freitagnachmittag in der Tanzschule Möller im Hamburger Stadtteil Ottensen: Etwa 80 Jugendliche haben sich in der umgebauten Lagerhalle eingefunden und warten auf das, was ihnen unter dem Namen "Antiblamierprogramm" angeboten wird. Im Eingangsbereich läuft wieder das Gedudel aus den Charts. Die pubertierenden Teenager stehen in Cliquen zusammen, trinken Cola, essen Eis, sind wahnsinnig cool - und doch total verunsichert. Die meisten jedenfalls.

Mit Ganzjahresprogrammen werden Tanzschulen zu neuen Jugendzentren Die 15-jährige Tina aus dem noblen Stadtteil Othmarschen möchte lernen, wie sie sich auf dem Abschlussball zu benehmen hat: "Ich bin noch nie in so einem Abendkleid gelaufen." Ihre Freundinnen kichern und stimmen zu. Einige Schüler sorgen sich vor allem um ihre Zukunft. "Die guten Umgangsformen brauche ich für später", sagt einer der Jungen.

Der Tanzschulbesitzer Jan Giesel ist überwältigt - zwar laufen, seitdem es D4F, HipHop und Breakdance gibt, auch die Standardkurse wieder sehr gut. Aber mit so viel Resonanz auf das Benimm-Programm hatte er trotzdem nicht gerechnet. In drei verschiedenen Gruppen lernen die Jugendlichen in dem Kurs "Formen der modernen Kommunikation", Tisch- und Ballregeln. Wie begrüßt ihr die Eltern eurer Freundin, wenn ihr sie das erste Mal trefft? Wer hält wem die Tür auf? Welche Kleiderregeln gelten auf einem Ball?

Der Kurs ist Teil des so genannten Tanzschuljahres, das der ADTV in seinen Schulen anbietet: Zusätzlich zu den Standardtanzkursen können ihre Kunden nun auch Bewerbungstrainings oder Seminare zu Umgangsformen buchen. Am Ende gibt es ein Zertifikat.

"Der Druck kommt von den Jugendlichen selbst", erklärt Wolfgang Steuer auf die Frage, warum der ADTV das Thema aufgegriffen hat. Nebenbei hat es den Nutzen, dass die Institute die Schüler länger als für einen Tanzkurs an sich binden können. So wird die Tanzschule für viele zum Jugendzentrum - trotz Plüsch und Konkurrenzangeboten in der Großstadt.

Selbst die Standardtanzkurse profitieren vom Tanzschul-Boom. Nicht nur wegen der Benimmregeln oder der hippen Star-Tänze. "Wenn die Jugendlichen erst einmal in der Schule sind und dann andere Jugendliche sehen, die Discofox und Salsa lernen, wollen viele das auch", sagt Steuer. Schließlich ändern sich gewisse pubertäre Verhaltensweisen in der Annäherung an das andere Geschlecht nie. Wo sonst können Mädchen und Jungen so unverfänglich den ersten Körperkontakt aufnehmen wie beim Tanzen? "Die Jugendlichen sind zwar alle cool und lässig. Aber in dem Punkt hat sich seit Jahrtausenden nichts geändert", sagt Peter Bartel. Vermutlich wird sich auch im nächsten Jahrtausend kaum etwas daran ändern. Gute Aussichten also für die Tanzschulen.