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Die neue Wende

Alle sollen nun tragen, was ihnen über Jahre abgenommen wurde: VERANTWORTUNG. Was für die einen nicht tragbar ist, ist für andere die Chance ihres Lebens.




1. GEBETSMÜHLEN Reisen bildet, das weiß jeder.

Wir lernen fremde Sitten und Bräuche kennen, und gelegentlich werden wir daran erinnert, dass, wohin wir auch immer kommen, die Menschen sich doch recht ähnlich sind.

Erschreckend ähnlich zuweilen.

Nehmen wir mal Tibet.

Oberflächlich betrachtet gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen dem robusten Bergvolk im Schatten des Himalayas und unsereins. Niemand würde einen Tibeter mit einem Sachsen verwechseln. Oder Lhasa mit Leipzig. Sicher: Die vor einem halben Jahrhundert vollzogene "Wiedervereinigung" Tibets mit der Volksrepublik China wurde zwar mit ähnlichen Argumenten durchgezogen, aber mit deutlich geringeren finanziellen Mitteln als der Aufbau Ost. Dass manche Gemeinden in den neuen Bundesländern dennoch - rein optisch - an tibetische Siedlungen erinnern, ist irgendwie Zufall.

Doch das Bild von den so verschiedenen Ländern und Kulturen ändert sich schlagartig, wenn wir unser Augenmerk auf die wohl herausragendste technische Entwicklung Tibets lenken. Sie besitzt Weltruf, und das zu Recht: Die Rede ist von der Gebetsmühle.

Dabei handelt es sich um eine Vorrichtung, deren wichtigster Teil aus einem trommelförmigen Behälter besteht, der auf einer Spindel zentriert ist. Die Trommel lässt sich öffnen, um darin eine Papierrolle unterzubringen, auf der - klein und eng geschrieben - der immer gleiche Satz steht: Om mani padme hum. Das heißt so viel wie "Om, o Du Kleinod in der Lotusblüte". Das geht an Buddha.

Die Gebetsmühle wird beständig vom Wind angetrieben, sie dreht sich, und dabei wird das Mantra, also der auf der Rolle stehende Spruch, vollautomatisch abgespult, immer wieder. Weil Buddha natürlich alles hört, sieht und lesen kann, und zwar unabhängig von der Abspielgeschwindigkeit, wird damit ein Großteil der Pflichten des Tibeters vollautomatisch erledigt. Der Tibeter wünscht sich, während sich die Gebetstrommel dreht, so wie jeder Mensch das eine oder andere: ein besseres Haus, etwas Regen, weniger Schnee, weniger Steine auf dem Acker und weniger Chinesen drum herum.

Das ist es also, was Tibeter sich wünschen. Aber was tun sie? Gar nichts. Den Job erledigt die Gebetstrommel. Buddha wird's schon richten. Spätestens hier muss uns auffallen, wie sehr die teure Heimat dem fernen Hochland gleicht.

Verantwortlich sind immer die anderen.

Was dem einen Buddha, ist dem anderen der Staat, die Kollegen, der Chef, kurz und gut: die anderen.

2. NULL RISIKO Mantras sind hohle Sprüche, hinter denen nichts steckt. In Zeiten wie diesen lernen wir, dass das, was wir jahrzehntelang für ganz selbstverständlich genommen haben, seine Bedeutung verloren hat. Verantwortung tragen. Klingt vertraut, ist aber meist ein Mantra.

Von der Verantwortung von Managern redet heute jeder. Jahrzehntelang war das kaum ein Thema. Verantwortung hatten die leitenden Angestellten großer Konzerne, so wie sie einen Dienstwagen hatten oder eine Abfindungsklausel im Vertrag.

Was diese Verantwortung bedeutet, wollte niemand wissen. Solange Vollbeschäftigung und jährliche Tariferhöhung so sicher waren wie das Mantra in der Gebetsmühle, spielte das auch keine Rolle. Die Gesellschaft im Ganzen und ihre Teile mussten nicht verantwortungsvoll sein. Sie mussten für die Folgen ihres Handelns nicht einstehen. Aufgefangen wurden sie alle: Chefs wie Mitarbeiter. Es mochte den Stolz verletzen, wenn man mit 50 nach Hause geschickt wurde, die Existenz aber bedrohte es nicht. Man gewöhnte sich daran, dass unfähige Bosse mit hohen Abfindungen von der Vorstandsetage auf den Golfplatz übersiedelten. Spürbare Konsequenzen wurden mit umverteiltem Wohlstand zugekleistert, in alle Richtungen. Als in den achtziger Jahren die Schwerindustrie im Ruhrpott fiel, konnten sich Manager wie Kumpels noch ohne große Einkommensverluste in die Rente flüchten.

Irgendwie konnte jeder sagen, dass er keine Schuld trage. Nicht an Fehlentscheidungen. Nicht an der Tatsache, dass Arbeit so teuer wurde im Land, dass sie allmählich niemand mehr bezahlen konnte. Je wohlhabender die Republik wurde, desto nachlässiger wurde mit dem Sinn des Wortes Verantwortung umgegangen. Es spielte bald keine Rolle mehr, wer Täter und wer Opfer war. In der Gleichmachergesellschaft wurde das zunehmend bedeutungslos. Der Staat kümmerte sich um alle. Geradezu beleidigt reagierten Gewerkschafter im Aufsichtsrat von Krisenunternehmen wie Opel und KarstadtQuelle, als in der Debatte um die Frage nach der Verantwortlichkeit für die Schieflage der Unternehmen auch ihr persönlicher Teil angesprochen wurde. Haben sie nichts gewusst? Durften sie etwa nichts sagen?

Realistisch ist etwas ganz anderes: In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Manager wie Arbeitnehmervertreter so daran gewöhnt, dass sie mit den Folgen von Fehlentscheidungen nicht ernsthaft konfrontiert werden, dass sie nun ganz überrascht sind, wenn mal nachgefragt wird, wie all das geschehen konnte.

Die Politik der totalen Risikobegrenzung hat uns die Verantwortung ausgetrieben. Was Verantwortung ist, weiß niemand mehr so genau, weil man es lange nicht wissen musste.

Kurz vor seinem Abgang als Chef der Lufthansa AG gab deren Vorstandschef Jürgen Weber ein Fernsehinterview. Dabei ging es auch um die mittlerweile sehr beliebte Frage nach dem Gehalt von Managern, nach Abfindungen und Aktienpaketen, die da regelmäßig noch draufgepackt werden. Selbst dann, wenn es dem Konzern nicht so gut geht und Mitarbeiter gehen müssen. Ja, sagte Herr Weber der Reporterin, schauen Sie, das ist so, weil wir Manager doch ein sehr viel höheres Risiko tragen als andere Mitarbeiter. Oha, meinte da die Reporterin. Welches denn? Na hören Sie mal, antwortete Weber, wir tragen doch die Verantwortung. Man könne sich schwer vorstellen, wie das ist, wenn man sie nicht hat. Aber sie wiege schwer.

Einige Monate danach beschloss der Vorstand der Daimler-Chrysler AG, der gerade wegen Personalabbau und Lohnkürzung ins Visier von Medien und Gewerkschaften geraten war, das Gewicht seiner Verantwortung auf die Waage zu legen. Seither wissen wir zumindest, wie teuer Verantwortung ist: Zehn Prozent Kürzung der Bezüge haben sich Jürgen Schrempp und Kollegen - als ihren solidarischen Anteil - auferlegt, um zu demonstrieren, dass auch sie in der Verantwortung stehen. Damit verliert Schrempp jährlich runde 500 000 Euro oder anders gesagt: Sein Verdienst sinkt per anno von geschätzten 10,8 auf 10,3 Millionen Euro. Om.

3. DEIN KONTO Nun kann man sich aussuchen, wie man das nennen mag. Dreist nennen es die einen. Einen Realitätsverlust die anderen. Tatsächlich war es ein Offenbarungseid. Die Spitzen der Gesellschaft haben das Gefühl dafür verloren, was Verantwortung ist.

Das demonstrieren deutsche Konzerne rund um den so genannten Corporate-Governance-Kodex, der unter Anleitung und Aufsicht des ThyssenKrupp-Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme unter freundlicher Mitwirkung der Bundesregierung entstand. Der Kodex soll mehr Transparenz für Anleger und Kunden, für Bürger und Interessierte bieten. Doch dort, wo es darum geht, wie sich Verantwortung in Euro und Cent niederschlägt, bei Vergütungen und Gehältern, gibt es bloß Empfehlungen. Zum Beispiel, dass man die Vorstandsgehälter veröffentlichen solle. Interessant wäre, wenn die Führungsmannschaft nicht nur den Erfolg, sondern auch den Misserfolg ihres Tuns in der eigenen Kasse spürte. Doch selbst leitende Angestellte verrichten unterm Strich Lohnarbeit; die finanzielle Verantwortung bleibt Unternehmern und Selbstständigen. Ein finanzielles Risiko zu tragen wäre so gesehen eine glatte Kompetenzüberschreitung.

Viel leichter ist es, große Sätze über Verantwortung in Firmenpublikationen schreiben zu lassen. Wir lesen sie oft und ohne Nutzen. Wir sind uns unserer Verantwortung für Mensch, Gesellschaft und Mitarbeiter bewusst, ist so ein Satz. Oder: Wir fühlen uns verantwortlich für die künftigen Generationen. Für die Umwelt. Für die Artenvielfalt. Für die Meere. Für das Gute. Punkt. Absatz. Mantra.

Selbst Batman und Robin Hood waren präziser bei der Nennung ihrer ethischen Ziele, als es die meisten Konzerne sind.

Statt für sich für anderes verantwortlich zu sein ist eine einfache Übung. Paul Nolte, Professor für Geschichte an der Internationalen Universität in Bremen, schlägt schon mal das Kreuz, wenn er nach Verantwortung gefragt wird. Was Verantwortung angehe, seien die meisten Deutschen zu Analphabeten geworden, ärgert er sich: "Verantwortung ist einer dieser von Werbefritzen aufgeblasenen Begriffe, die hohl sind, so totgelabert wie das Wort Gerechtigkeit." Große Worte ohne Gewicht eben. Das aber ist Verantwortung vor allem auch: Sie ist die Schwerkraft, die uns auf dem Boden bleiben lässt, die Realität und Konsequenzen spürbar macht.

Am liebsten würde Nolte gar nichts mehr hören von dieser falsch verstandenen, dieser zu leichten Verantwortung. "Das Problem ist nur", sagt Nolte, "wir brauchen Verantwortung. Wir müssen klarstellen, was sie bedeutet." Denn ohne Schwerkraft fliegt alles weg. Deshalb: Stellen wir die Linse scharf.

Ein Blick über den Großen Teich, schlägt Nolte vor, kann vielleicht ein wenig klären, was mit Verantwortung gemeint sein könnte. Die Amerikaner haben zwei Begriffe für das, was bei uns durch Verantwortung pauschal abgedeckt wird: responsibility und accountability. Der Erstere beschreibt die Verantwortung gegenüber anderen, die soziale Verantwortung etwa, die jeder hat und die niemand abgeben kann. "Accountability hingegen weist auf mich selbst zurück, auf das, was ich mir zurechnen lassen kann. Das ist die Eigenverantwortung. Ich kann die Risiken nicht an Dritte weitergeben", sagt Nolte.

Früher drückte man das so aus: Das geht auf dein Konto. Heute gelte das wieder. "Verantwortlich sein heißt schlicht und ergreifend, sich die Antworten auf Probleme nicht geben zu lassen, sondern sie bei sich selbst zu suchen. In der Praxis ist das schwer - dafür muss man richtig ranklotzen. Aber was, wenn eine ganze Gesellschaft zur Unmündigkeit erzogen wurde?" In dieser Situation, meint Nolte, sei mehr direkte Konfrontation des Bürgers mit der Realität dringend geboten: "Wir müssen neue Wege gehen, und zwar direkt dort, wo die Menschen leben. Mitarbeiterbeteiligungen sind ein richtiges Instrument dafür. Das heißt aber auch, dass man in die Firma mehr an Zeit und Energie hineinstecken muss. Und das gilt auch für die Gesellschaft. Wir müssen kapieren, dass Verantwortung nichts anderes ist als die Investition in eine Gesellschaft, die wir haben wollen." 4. E 605 Also neu anfangen - und die Verantwortlichkeiten neu verteilen. Das klingt gut und ist irgendwie ja auch, wenngleich etwas nebulös, schon im Gange. In der Agenda 2010 und in Gerhard Schröders Regierungserklärung kommt das Wort Verantwortung - gern als Eigenverantwortung und mit dem Attribut "mehr" - so oft vor, dass im Grunde alles gesagt ist. Könnte man auch alles kürzer sagen: Jeder klotzt mehr ran und übernimmt mehr Verantwortung für sich. Der Lohn: längere Leine für alle. Oder?

Gertrud Höhler, Beraterin von großen Konzernen und einst auch von Helmut Kohl, hat da ihre Zweifel. Denn unglaubwürdig sind die Führungskräfte nicht nur wegen der lächerlichen Eigenbeteiligung an Verantwortung, die sie sich selbst aufbürden: "Der Punkt ist doch: Keiner von denen hat sich wirklich ernsthaft gefragt, wie er in der Öffentlichkeit dasteht. Man musste das Wort Verantwortung einfach nicht ausfüllen. Deshalb kommt all das so komisch, so unvermittelt rüber. Jahrzehntelang wurden die Leute an der kurzen Leine gehalten, sie durften nur tun, was man ihnen zugestand, und plötzlich diese Kehrtwendung, um 180 Grad: Übernehmt mehr Verantwortung! Wir schaffen das nicht mehr allein! Der Staat, ausgerechnet dieser Staat, der den Bürgern alles und jedes abgenommen hat, sagt jetzt: Nimm dein Leben wieder selbst in die Hand. Und dann guckt man und sieht: Man hat von diesem Leben ja gar nichts mehr in der Hand." Was für eine Überraschung! Verantwortung ohne die Freiheit, entscheiden zu können, ist Zynismus. Und die Kehrtwende, die eben jetzt stattfindet, wird deshalb als Willkürakt empfunden, nicht als Notwendigkeit.

"Die Menschen würden gern mehr Freiheit, mehr Verantwortung haben - sie würden gern vom Staat ihr Leben zurückhaben. Aber wie sollen sie sich denn freimachen, wenn ihnen zugleich die Luft zum Atmen genommen wird?", fragt Gertrud Höhler. So gesehen seien zunehmende Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung nichts weiter als Notwehrreaktionen der Bürger, denen gar nichts anderes übrig bleibe, als sich die Verantwortung für ihr Leben außerhalb des rechtlichen Rahmens, den der Staat vorschreibt, zurückzuholen. " Daran machen manche, die nichts verstanden haben, den Grad der Verderbtheit unserer Gesellschaft fest. In Wahrheit kann man den aber an anderen Dingen erkennen: Zuerst die Leute unmündig machen und sich dann darüber beschweren - das ist unverantwortlich im reinsten Wortsinn", ärgert sich Höhler.

In dieser Situation klingt Hartz IV für die meisten wie E 605. Das ist der Name des bekanntesten Schädlingsvernichtungsmittels.

5. SCHULD Wie aber kommt es, dass ein Wort, das eigentlich zu Freiheit, Chancen und Selbstbestimmung führen sollte, hier zu Lande eher als Last empfunden wird? Warum ist, wenn von Verantwortung die Rede ist, immer nur Schuld gemeint?

Im 15. Jahrhundert, in dem das Wort Verantwortung zum ersten Mal auftaucht, wurde es als Bezeichnung für das Vorrühren von Kaufleuten und Händlern benutzt, die des Betrugs bezichtigt wurden. Sie mussten dem Rat der Stadt, in der sie angeklagt waren, Rede und Antwort stehen - sich verantworten. Es ging jedoch nicht darum, dass die Ankläger erfahren wollten, was der Angeklagte zu antworten hatte. Kurzer Prozess war angesagt. Einer muss schuld sein. Der Sündenbock, die deutsche Pest.

Noch heimtückischer aber ist die deutsche Cholera, die Pflicht, denn sie entzieht dem Menschen jede Verantwortung für das, was er tut. Die Industriegesellschaft, deren Untergang in diesem Land so laut beklagt wird wie nirgendwo sonst auf der Welt, erzog zur Verantwortungslosigkeit bis zum letzten Handgriff. Fabriken, so schien lange ausgemacht, funktionieren nur, wenn alle punktgenau parieren. Arbeiter sollen weder fragen noch antworten. Doch: Wer seine Arbeit vorgeschrieben bekommt, statt sie nach Erfahrung und Wissen zu erledigen, wer keine eigenen Entscheidungen treffen darf, ist nicht mehr in der Lage, sich selbst zu helfen. Er ist auch nicht mehr er selbst: Die " Entfremdung" des Industriearbeiters, wie Karl Marx den Prozess der Ent-Verantwortlichung nannte, stülpt sich über die ganze Gesellschaft.

Um all das herum wurde ein Staat gestrickt, der diese Abgabe von Verantwortung an Instanzen als besonders erstrebenswert erachtet - und sie bis heute mit Zähnen und Klauen verteidigt. Und es ist gar kein Wunder, dass die Herrschenden dem Volk, das sie so hervorragend abgerichtet haben, wenig zutrauen. Es sei gar nicht in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, also Entscheidungen zu treffen und dafür geradezustehen.

6. EINE WENDE Das ist natürlich kein Naturgesetz. Es geht auch anders. Und vielleicht sind es gerade die 180-Grad-Wendungen, die den Blick auf Neues freigeben.

Die 61-jährige Unternehmensberaterin Regine Meine aus Berlin weiß, wovon die Rede ist. Sie studierte in der DDR Betriebswirtschaft und leitete jahrelang eine LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft). Als die Wende über sie kam, verlor sie innerhalb weniger Wochen ihren Job. Das war, sagt Meine heute, ein Glück: " Für mich ist die Wende sehr gut verlaufen, weil mir gleich gekündigt wurde. Da war ich beinahe 50. Das war großartig, im Rückblick betrachtet", lacht Frau Meine, "sonst wäre nichts aus mir geworden." In den folgenden Monaten hat sie viel ertragen müssen von denen, die von drüben rüberkamen, Wessis, die für teures Geld Ossis in Sachen Marktwirtschaft umschulen sollten. "Die erklärten mir und meinen Kollegen, die alle Wirtschaft studiert hatten, den Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn", erinnert sich Meine.

Denn die meisten Wessis fühlen sich schwer verantwortlich für die Ossis. Was sie so unter Verantwortung verstehen: Viel Geld haben sie bezahlt, seit 1990 sind zwischen 1,2 und 1,5 Billionen Euro in die neuen Bundesländer gerollt. So ganz genau weiß das ja niemand. Das ist eigentlich unerklärlich, Regine Meine aber hat da einen Verdacht: Vielleicht wolle die Politik nicht offenbar machen, wie oft West-Unternehmen die Förderungen ausgenutzt haben, um danach mit Sack und Pack wieder zu verschwinden - oder einfach nach Polen weiterzuziehen? Würde darüber offen diskutiert, wäre das nicht so schön für die Subventionsgeber - und würde vielleicht die eine oder andere Verantwortungsfrage stellen, denkt sich Frau Meine.

Bei ihren Landsleuten sieht die Unternehmensberaterin durchaus das Bestreben, das Leben wieder in die eigene Verantwortung zu nehmen. Nur: "Es gibt einfach, das ist eine Tatsache, nicht genug Arbeit. Mit Unflexibilität haben die Probleme in Ostdeutschland nichts zu tun." Deshalb arbeitet Regine Meine rund um die Uhr in der Uckermark, einer der Regionen der Republik mit der größten Arbeitslosigkeit, daran, Gründern das unternehmerische Grundhandwerkszeug beizubringen. Es sind Arzte und Anwälte, Arbeiter und Angestellte, quer durch alle Schichten und Klassen, die zu ihr kommen und für die das bisschen Geld, das im Rahmen der so genannten Ich-AG-Förderung ausgespuckt wird, die letzte Rettung bedeutet. "Diese Leute kriegen von keiner Bank der Welt einen Kredit. Und trotzdem tun sie alles, damit sie selbst ihr Geld verdienen können. Sie sind flexibel, sie übernehmen Verantwortung. Und sie wissen dabei auch, dass es nicht alle von ihnen schaffen, aus dem Teufelskreis herauszukommen. Aber Not macht erfinderisch, jeder muss für sich eine Lösung finden." Das ist die andere Seite des schönen deutschen Wortes Verantwortung: etwas selbst tun, auch dann, wenn die Chancen, es zu schaffen, nicht rosig stehen.

Vielleicht, sagt Frau Meine, schaffen es 10 bis 20 Prozent der Ich AGler, die sie schult, zu Unternehmern zu werden. Ein Drittel aller Einsteiger werde für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen können. Der Rest gibt auf. Doch ein Drittel, das für sich selbst sorgen kann, ist mehr als nichts. Und zehn Prozent neue Unternehmer sind eine ganze Menge. Regine Meine nennt ihre Lernenden " eine Elite, eine Verantwortungselite. Das hat nichts mit Bildung und Stand zu tun, sondern mit der Fähigkeit zur Selbstaktivierung".

Dazu ist es aber nötig, sagt Meine, dass das Prinzip des Abhängigmachens endlich durchbrochen wird. Mit der Gießkanne immer spärlichere Förderungen zu verteilen sei Unsinn: "Wer A sagt, muss auch B sagen. Will ich eigenverantwortliche Leute und denen eine Chance geben, dann dürfen die nicht an einem Tropf hängen, bei dem es nie wirklich reicht, weiterzukommen - sie müssen einmal richtig Geld kriegen." Statt jahrelanger Almosen sollten regionale Berater und Kommunen darüber entscheiden, dass Gründer mit einem guten Konzept gleich am Anfang eine anständige Einmalförderung bekommen, das ist Meines Überzeugung nach jahrelanger Gründungsberatung.

7. KONSEQUENZEN Verantwortung besteht also aus Chancen, Freiheit und Selbstbestimmung. Das sind die Grundzutaten.

Dass daraus tatsächlich Verantwortung wird, ist auch eine Frage der Zeit. Und die Zeiten sind nicht so schlecht, auch wenn die Last von gestern immer wieder versucht, die Verantwortung wegzudrücken. Die Gesellschaft von heute weiß mehr als jede vor ihr - auch wenn sie das aus Angst vor den Konsequenzen immer wieder gern verdrängt. Doch das geht nicht auf Dauer: Auch wenn die Jahre ohne Verantwortung viele blöde gemacht haben - Wissen und Handeln sind der Sand im Getriebe der alten Gebetsmühlen. Sie knirschen. Schon lange. Und immer mehr Menschen sind darüber froh.

Rudi Dutschke, der Mentor der frühen 68er-Bewegung, hat mal gesagt: "Wir sind keine nützlichen Idioten der Geschichte. Wir wissen, was wir wollen und warum." Seine Generation taugte nicht dazu, den Satz zu erfüllen. Es gab immer noch zu viele Schlupflöcher, in denen man sich zum Idioten machen konnte, wenngleich selten nützlich, aber jedenfalls ohne Verantwortung. Wohlstand, dessen Herkunft man nicht selbst erarbeitet hat, macht verantwortungslos. Es gibt den alten Spruch, dass Eigentum verpflichtet. In ihren Anfangen haben das die 68er durchaus gewusst und ihre eigenen, autonomen wirtschaftlichen Einheiten aufgebaut. Nicht wenige empfanden es als die Befreiung schlechthin, nun nicht mehr vom Geld anderer Leute abhängig zu sein. Doch vielen war die Mühe des Unternehmertums, also gelebter Verantwortung, zu viel. Es zeigte sich, dass es leichter war, für eine Kita zu demonstrieren, statt eine Kita zu bauen. Dieser große Irrtum hat viele zu nörgelnden Förderern werden lassen, die nun der Veränderung hilflos gegenüberstehen.

Den heute Jungen schenkt niemand mehr etwas. Wo nichts ist, lässt sich nur schwer etwas herausdemonstrieren. Sie müssen ihr Futter selbst finden. Die Jungen sind auf der Suche nach Antworten - eine für die sozialversicherte Generation vor ihnen unzumutbare Belästigung.

Eine Gruppe von Wirtschafts- und Rechtsstudenten hat einen Verein gegründet, "Deutschlanders" nennen sie sich. Sie sind zwischen 19 und 25 Jahre alt, und sie versuchen zu definieren, was konkret die Verantwortung ihrer Generation ausmacht. Mit anderen Worten: wie ihr Leben wird. Sie sind dabei, die richtigen Fragen zu stellen: "Man kann eine Menge über Offenheit und Transparenz reden und dabei nichts sagen - das ist uns klar. Unsere Generation fällt nun mal in die Lücke zwischen Vollversorgten und jenen, denen gar nichts bleibt, wenn es so weitergeht. Wir müssen uns und unser Handeln ernst nehmen, sonst tut das niemand", sagt Daniel Sliwiok, einer der Sprecher der jungen Leute von Deutschlanders.

Dass das alte bundesrepublikanische Sozialsystem, das Mauscheln und Ablehnen von Risiken für sie nichts mehr wert ist, sei schon klar: "Uns hilft kein anderer dabei, unsere Welt zu bauen. Das ist unser Job." Wie das geht? Nicht von selbst. Diese jungen Menschen haben keine Gebetstrommel, kein Mantra. Sie fangen an, Fragen zu stellen. Das ist nicht einfach und macht angreifbar. Denn die Satten und Ängstlichen haben für alles eine Antwort. Gerade weil sie nie dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Studentin Maj-Britt Hartmann von den Deutschlanders weiß das gut. Sie und ihre Generation, sagt sie, haben aber gar keine andere Wahl. "Es hat keinen Sinn, wenn wir sagen: Wir können doch nichts dafür! Das bringt nichts." Sie rechne auf der Suche nach neuen Antworten natürlich mit Fehlern, damit, mehr als einmal neu anfangen zu müssen. Aber eines hat sie schon gelernt, was so vielen anderen, so vielen Reicheren, so vielen Satteren ein Rätsel ist. Eine Antwort auf die Frage, was Verantwortung ganz grundlegend ist. "Nichts weiter als ein anderes Wort für Leben." Und das lassen sie sich nicht nehmen.