Partner von
Partner von

Der Stinker und sein Retter

Johannes M. Trümpy hat sich in einem Alter, in dem andere die Rente anpeilen, in ein unternehmerisches Abenteuer gestürzt. Er will das älteste Markenprodukt der Welt vor dem Aussterben bewahren.




Es gibt Momente im Leben, da läuft es auf einen zu, da kann man sich nicht herausreden, da muss man Farbe bekennen. Bei Johannes M. Trümpy war es eine Sitzung des Verwaltungsrats der Gesellschaft Schweizerischer Kräuterkäsefabrikanten (Geska AG), in dem er damals saß. Die Geska AG ist, der pompöse Name täuscht, eine kleine Firma im Städtchen Glarus, dem Hauptort des gleichnamigen Kantons. Und sie stand kurz vor der Pleite. Glücklicherweise hat das Produkt, das sie herstellt, einige glühende Fans. Einer war Trümpys Verwaltungsratskollege Klaus Jenny, ein ehemaliger Topmanager der Credit Suisse. Er hatte ein Sanierungskonzept erarbeitet. Nun brauchte man noch jemanden, der es umsetzte, einen Unternehmer. Jenny zeigte auf Trümpy, der dem Gremium entsetzt zurief: "Seid ihr durchgeknallt?" Warum sollte er seinen gut dotierten Job im Management von Coop aufgeben, um in eine Klitsche in der Provinz mit ungewisser Zukunft zu investieren? In einem Alter, in dem man sich als Manager in einem Konzern langsam darauf konzentrieren kann, sein Golfhandicap zu verbessern.

Heute ist Trümpy Hauptaktionär und Geschäftsführer der Geska AG, verdient im Vergleich zu früher die Hälfte, arbeitet mehr denn je und ist glücklich. Über seinen neuen Lebensinhalt, den Glarner Schabziger, sagt er: "Entweder man liebt ihn, oder man liebt ihn nicht." Es handelt sich um einen steinharten, durchdringend riechenden grünspanfarbenen Käse in Kegelform, den man vor dem Verzehr reiben, eben schaben muss.

Trümpy ist 55, groß, schlank und für einen Schweizer sehr temperamentvoll. Schon auf der Autofahrt von seinem Wohnort Zürich nach Glarus redet er ohne Punkt und Komma. Von sich, dem Käse und seinen Plänen. Mit seinem Neuanfang als Unternehmer schließt sich für ihn der Kreis. Trümpy wurde 1949 in Glarus geboren. Sein Vater, ein gelernter Koch, hatte dort ein Feinkostgeschäft. Trümpy junior blieb in der Branche, machte eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann, dann rasch Karriere in verschiedenen Lebensmittel- und Handelsunternehmen und nebenbei noch seinen Master of Business Administration an der Universität St. Gallen. Zuletzt war er Vorsitzender der Geschäftsleitung der zu Coop gehörenden Import Parfumerie und für 90 Läden und 650 Angestellte verantwortlich.

Um dann all dem ade zu sagen und ein eigenartiges Produkt vor dem Aussterben zu retten - nein, ein Kulturgut. " Der Schabziger ist der Mercedes-Benz des Kantons Glarus", sagt Trümpy und wechselt sportlich die Spur. Die Pleite der Geska AG, des letzten verbliebenen Herstellers, wäre für die Region schlimmer gewesen als die Pleite der Swissair, sagt er.

Möglicherweise ist das etwas übertrieben, aber in jedem Fall hätte mit dem Schabziger eine mehr als tausendjährige Produktgeschichte ihr Ende gefunden. Diese Story ist Trümpys Trumpf. Er erzählt sie, während die Berge näher rücken, die das enge Tal von drei Seiten umgeben. Wir sind in der Heimat des Stinkers und seines Retters angekommen.

Der Magerkäse wird erstmals im achten Jahrhundert schriftlich erwähnt. Ziger (Quark) ist das, was von frischer Kuhmilch nach dem Entrahmen übrig bleibt. Durch langsames Einrühren einer Milchsäurekultur bringt man ihn zum Gerinnen, schöpft die weißen Eiweißflocken ab, lagert sie in Fässern und presst sie kräftig. Nach mehrwöchiger Gärung ist der Käse reif, wird gesalzen, eingestampft und dann mit einem speziellen Kraut veredelt.

Diese Idee stammt vom Klerus. Bis Ende des 14. Jahrhunderts war das Glarnerland im Besitz des Klosters Säckingen, wohin die Bevölkerung auch einen Teil ihres Magerkäses abliefern musste. Weil der Käse den Stiftsdamen zu fade war, würzten sie ihn mit dem stark riechenden Hornklee aus dem Klostergarten; das Kraut hatten wahrscheinlich Kreuzfahrer aus Kleinasien importiert.

Fertig war der grüne Käse, der bis heute nach fast unveränderter Rezeptur hergestellt wird. Bald bauten die Einheimischen ihr "Zigerkraut" selbst an und betrieben einen schwungvollen Handel mit dem staubtrockenen und deshalb lange haltbaren Käse, der höchstens 0,5 Prozent Fett enthält. Er verbreitete sich erst in der deutschsprachigen Schweiz, dann entlang des Rheins bis ins heutige Südwestdeutschland und in die Niederlande, wo nach wie vor ein großer Teil der Produktion abgesetzt wird. Und von dort weiter in die ganze Welt: USA, Australien, Nahost - überall gibt es Liebhaber des Käses.

Dank seines Engagements hat Trümpy nun nicht nur im Kanton viele Freunde. Das ist schon die halbe Miete Dafür, dass ihn niemand kopiert, sorgte die Glarner Landsgemeinde rechtzeitig. Am 24. April 1463 erließ sie ein Gesetz, das die Herstellung regelte und die Produzenten verpflichtete, ihre Ware mit einem Herkunftsstempel zu kennzeichnen. Das erste geschützte Markenprodukt der Welt war geboren.

Heute wird es in einem unspektakulären Zweckbau im Gewerbegebiet von Glarus hergestellt. Trümpy führt flotten Schritts und nicht ohne Vorwarnung durch die Produktion. Die Wirkung der Buttersäure, die bei der Garung eine tragende Rolle spielt, ist nachhaltig: Sie setzt sich in jede Pore. Bei der Geska AG, 1924 als Zusammenschluss der größten Zigerproduzenten gegründet, liefern Bergbauern und Bauern aus dem Tal die Rohware ab. Sie wird im Labor geprüft und nach Qualität bezahlt. Trümpys Mitarbeiter pressen die weiße Masse, überwachen die Gärung, versetzen sie mit dem Kraut und bringen sie in die charakteristische Stöckli-Form. Ein Arbeiter tut das an einer altmodischen Maschine und ohne Handschuhe, wofür es einen Rüffel vom Chef gibt. Sonst ist alles hochmodern und blitzblank: Trümpys Vorgänger hat in neue Maschinen und Anlagen investiert. Genützt hat es nichts - der erste Rettungsversuch scheiterte.

Die jüngere Geschichte des Kräuterkäses ist die Geschichte einer Marke, die nicht gepflegt wurde und in die falschen Hände geriet. Größter Teilhaber der Geska war der Milchverband Winterthur, ein Zusammenschluss von rund 8000 Bauern, der die Geska und andere Betriebe in den neu gegründeten Lebensmittelkonzern Swiss Dairy Food einbrachte. Dieses Unternehmen habe, so Trümpy, alles verkehrt gemacht, was man verkehrt machen konnte. Man habe sein Heil in der Größe gesucht, Überkapazitäten aufgebaut, ruinöse Preiskämpfe geführt. "Für einen Nischenartikel wie unseren hat ein solcher Konzern kein Herz." Die Swiss Dairy Food ging 2002 in Konkurs. Bereits 1999 wurde die Geska von einer kleinen Gruppe von Aktionären, darunter einige Bauern, die um ihre Existenzgrundlage bangten, übernommen; der damalige Geska-Betriebsleiter wurde Geschäftsführer. Zweieinhalb Jahre später stand die Firma vor dem Aus. "Das Gemeine ist, dass die Kleinen heute genauso viel über Management wissen müssen wie die Großen", sagt Trümpy. "Wenn man die Bilanz nicht lesen kann und zu viel Cash aus der Firma abfließt, ist sehr schnell Schluss." Jetzt ist einer da, der Bilanzen lesen kann. Einer, der zeigen will, dass er's kann, auch ohne großen Apparat.

Mit seinem Engagement hat sich Trümpy im knapp 40 000 Einwohner zählenden Kanton ungefähr ebenso viele Freunde gemacht. Zwar ist die wirtschaftliche Bedeutung des Käses, von dem noch rund 260 Tonnen im Jahr hergestellt werden, nicht mehr so groß wie einst. Aber die Marke strahlt nach wie vor. Außerdem hängt die Existenzgrundlage der hoch subventionierten Bergbauern am Ziger. Und: Die, die den Käse mögen, mögen ihn sehr. Fast jeden Tag kommen Fans (Trümpy: "Leider zu viele Rentner und zu wenige junge Leute"), um die Firma zu besichtigen und Sandwiches mit Schabziger zu verzehren.

Der neue Chef arbeitet derweil fieberhaft daran, die verstaubte Marke aufzupolieren. Die Verpackungen hat er neu gestalten lassen. Den alten Claim ("Würzig, wuchtig, wunderbar") durch einen verständlicheren ersetzt ("Der einzigartige Käse zum Reiben, Streichen, Würzen und Dippen"). Mit der Schäbziger-Butter, einer Art Streichkäse, hat er ein neues und leichter handhabbares Produkt auf den Markt gebracht, außerdem einen Vertriebspartner gefunden, der vor allem das Geschäft in den USA ankurbeln soll. Weil Trümpy kein Geld für aufwändiges Marketing hat, erzählt er selbst immer und überall die Schabziger-Story.

Und freut sich über Rückenwind. So produzierten Werber dem frischgebackenen Unternehmer einen Spot zum Selbstkostenpreis. Andreas Ernst, ein Schabziger-Fan und Student der Kommunikationswissenschaft aus Berlin, widmete jüngst seine Diplomarbeit dem Thema und reiste persönlich an, um Trümpy mit gut gemeinten Ratschlägen zu helfen.

Ein sehr weltläufiger Chef und eine sehr bodenständige Belegschaft: Gemeinsam können sie es schaffen Dem gefällt das neue Leben sichtlich. Er vermisse die Welt der Konzerne nicht, die Revierkämpfe um Dienstwagen und repräsentative Büros, sagt Trümpy, als wir in einem Restaurant zu Mittag essen, wo mit homöopathischen Dosen des Kräuterkäses sehr gut gekocht wird (Schabziger-Ravioli mit Edelfischen und Kalbsschnitzel mit Schabziger-Panade). Als Manager, fährt er fort, wechsele man von einem Posten zum nächsten, hinterlasse einen mehr oder weniger starken Eindruck, sei aber oft schon wieder weg, wenn sich die Folgen des eigenen Tuns zeigen.

Das ist jetzt anders. Entweder Trümpy schafft die Wende und wird zum Helden des Kantons, oder er scheitert. In jedem Fall trägt er ganz allein die Verantwortung. Diese neue Ernsthaftigkeit treibt den Mann, der sich zuweilen selbst bremsen muss: "Wenn du Kerosin in eine Lambretta tust, heißt das nicht, dass du fliegen kannst." Mit dem weltläufigen Chef und der bodenständigen Belegschaft - die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit liegt bei 20 Jahren - sind zwei Welten aufeinander getroffen. So waren die Mitarbeiter verwundert, als der neue Patron dekretierte: "Ihr könnt arbeiten, wenn ihr Arbeit habt, sonst habt ihr Freizeit." Irritiert ist mancher auch angesichts der Workshops über Arbeitsorganisation, Kommunikation und Qualitätssicherung, die der Chef regelmäßig abhält. Trümpy: "Die Mitarbeiter haben gesagt: Wir haben keine Zeit, wir müssen arbeiten. Ich habe gesagt: Nein, nicht blind arbeiten, zusammen reflektieren." Trümpy ist ein umgänglicher, aber auch ein ungeduldiger Mensch, der oft wie ein Teenager mit dem Fuß wippt. Einer, der sich durchsetzen kann und der keinen Konflikt scheut. So hat er im Juni eine größere Charge Rohware wegen mangelnder Qualität zurückgewiesen, die von einem Bauern und ehemaligen Aktionär der Geska stammte. Das hätte es früher nicht gegeben. Wir besuchen den Mann auf der Alp, ein Senn wie aus der Milka-Werbung in Schweizer Bilderbuchlandschaft. Seit fast 40 Jahren ist Werner Elmer jeden Sommer hier oben und stellt auf archaische Weise den Rohziger her. Der jüngste Flop bedeutete einen herben Verlust für ihn, er ist immer noch sauer auf Trümpy und sagt, dass seine Ware immer gleich gut sei. Trümpy verweist auf die Laborwerte und gibt einen Kaffee mit Schuss in der nahe gelegenen Berghütte aus.

Später rechnet er vor, dass Milch aus dem österreichischen Vorarlberg 50 Prozent günstiger käme. Der Import wäre allerdings nach der derzeitigen Schweizer Rechtslage illegal und zweitens ein Anschlag auf das Kulturgut Glarner Schabziger, mit dem Trümpy viele neue Freunde wieder verlöre. Deshalb konzentriert er sich auf das Machbare. In seinem Büro, in dem die Zeit seit den späten sechziger Jahren stehen geblieben scheint, legt er eine Folie nach der anderen auf. Referiert die Stärken ("fettarm, natürlich, gesund") und Schwächen seines Produkts (" Konsumenten sterben aus"). Doziert über Preispolitik, den Kampf um Regalmeter, entwirft ruck, zuck eine neue Fertigprodukt-Linie. Die kommenden fünf Jahre hat er schon fest verplant. Das Ziel: zehn Millionen Franken Jahresumsatz, mehr als doppelt so viel wie heute.

Als er sich gegen das bequeme Angestelltenleben entschied, habe seine Frau gesagt: "Die Firma hast du dir doch nur angelacht, um der Pension zu entgehen." Trümpy lacht und schnüffelt unauffällig an seinem mit Schabziger parfümierten Sakko. www.schabziger.ch