Der Macher

Er ist der jüngste Bürgermeister Deutschlands. Ein undankbarer Job, den niemand sonst wollte. Carsten Guhr macht ihn aus sportlichen Gründen.




In der Westlausitz, im Kreis Kamenz bei Pulsnitz, gibt es sanfte Hügel, weite Felder, tiefe Wälder. Landschaftlich ist dieser Teil Sachsens eine Idylle, ökonomisch eine Katastrophe. Wenig Industrie, hohe Arbeitslosigkeit, starke Abwanderung, viele Haushaltslöcher - wer hier etwas bewegen will, muss die Herausforderung lieben. Wer hier freiwillig Bürgermeister mit einer Aufwandsentschädigung von 1115 Euro monatlich wird, der muss ein bisschen verrückt sein.

Carsten Guhr, 25, ist Realist. Er war Leistungsturner, einer von denen, die die Ringe im Flug loslassen und dann waghalsig durch die Luft fliegen konnten, um sicher auf beiden Beinen zu landen. Er ist also jemand, der weiß, wie man sich Ziele setzt und wie man sie erreicht. Zudem hat er Landes- und Kommunalverwaltung studiert. Alles in allem eine gute Basis für den jüngsten Bürgermeister Deutschlands.

Am 10. Juni 2001 wurde er mit 91,9 Prozent in der Gemeinde Oberlichtenau in der Nähe von Dresden gewählt. Damals war er 22, einen Gegenkandidaten gab es nicht. Oberlichtenau ist Guhrs Heimat. Er ist dort aufgewachsen und nie wirklich weggegangen. Viele Einwohner kennen ihn von Geburt an, und nun ist er ihr Bürgermeister. Ein undankbarer Job. Eigentlich.

Weil das Dorf nur knapp 1600 Einwohner hat, ist der Posten nach Landesgesetz ehrenamtlich. Außerdem waren die Voraussetzungen eher schlecht: Sein Vorgänger hatte ihm ein Haushaltsdefizit hinterlassen. In der Gemeinde wurde eine Durchfahrtsstraße gebaut, der schmale Etat von jährlich rund 1,5 Millionen Euro war aufgebraucht. Es gab eine Haushaltssperre, sodass Guhr und sein Gemeinderat die Bürger für den Straßenbau zur Kasse bitten mussten - und so den Großteil der Bewohner gegen sich aufbrachten. Aber dadurch seien er und das Gremium auch "zusammen gewachsen", sagt Guhr. Er spricht oft von "meinem" Rat oder " meinen" Bürgern. Und sagt: "Demokratie ist ein hohes Gut, aber ein bisschen Diktatur gehört dazu." Für ihn ist Oberlichtenau so etwas wie eine Familie, um die man sich kümmert. Er hatte bei seinem Vorgänger ein Praktikum gemacht, und der befand: "Der junge Mann, der wäre was." Guhr trat ohne die Unterstützung einer Partei an, nur mit seinem Sportverein im Rücken, der immerhin 400 Mitglieder hat. In dem Verein ist er groß geworden, dort hat er gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Sein politisches Programm klingt so: " Wenn ich irgendwohin komme, soll nicht das Parteibuch glänzen, dann soll man mich an meiner Sachpolitik messen." Wenn Guhr redet, verschränkt er oft die Arme, blickt ernst und nickt zustimmend oder kommentiert mit einem wissenden "Mhmm". Dazu nickt er mit dem Kopf, so wie es die großen Politiker tun. Und die Sprache: Kommunalpolitik, Satzungen, Paragrafen, objektive Komponenten. Nur selten lässt er sich zu verbaler Jugendlichkeit verleiten. Manchmal merkt man, dass sie aus ihm herausbrechen will, dann hält er inne, und nur seine Augen verraten noch eine Unruhe. Nein, Guhr lässt sich nicht gehen wie andere in seinem Alter. Das hat auch einer seiner Freunde gesagt in dem Film " Der junge Herr Bürgermeister", den die Regisseurin Britt Beyer für das ZDF gedreht hat. Das Amt hat auf Guhr abgefärbt; er hat eine Aufgabe, und die nimmt er sehr ernst.

Er sagt, dass er in den drei Jahren als Bürgermeister einen gewaltigen Sprung gemacht hat. Selbstsicherer sei er geworden und habe gelernt, Menschen "so anzuleiten, dass aus Diskussionen Entscheidungen und damit Lösungen entstehen". Er wird häufig eingeladen, um von seinen Erfahrungen zu erzählen. Einem 28-jährigen Bürgermeister in Heiligenhaus bei Düsseldorf hat er bei dessen Wahl "Schützenhilfe geleistet", darauf ist er stolz. Auch einige Frauen hätten ihm geschrieben und seien, wie er sagt, sehr angetan angewesen von seiner Person: "Es ist wohl attraktiv, wenn jemand mit seinem Leben zurechtkommt." Hat er keine Angst, Fehler zu machen? "Fehler bringen einen weiter. Und eine verlorene Schlacht ist noch kein verlorener Krieg." Guhr hat viel bewegt in dem Dorf, das sein Leben ist. Auch sich selbst. Jetzt bricht er auf zu einem neuen Ziel Guhr hat schon früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen und sich durchzuboxen. Als Zehnjähriger musste er von Oberlichtenau allein mit dem Zug nach Leipzig fahren, weil er als sehr talentierter Nachwuchsturner an die Kinder- und Jugendsportschule des SC DHfK Leipzig delegiert worden war. Dort lebte er bis zur siebten Klasse im Internat. Die Mutter sagt heute: ,Ja, der Carsten war immer anders als seine drei Geschwister. Aber ich wusste, dass ich mir um ihn keine Sorgen machen musste." Nach der Schule hätte er in eine Großstadt ziehen können, doch er entschied sich, in Oberlichtenau zu bleiben, wohin er zwischenzeitlich zurückgekehrt war.

Erst hatten viele Gemeinde-Mitglieder Vorbehalte gegen den jugendlichen Bürgermeister, doch der Erfolg gab ihm Recht: Guhr hat die Gemeinde gemeinsam mit dem Rat " streng nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten umgekrempelt". Öffentliche Aufgaben, die von Privatfirmen günstiger und besser erledigt werden können, wurden privatisiert, zum Beispiel die Küche der örtlichen Kindertagesstätte. Zwar gab es Proteste gegen die Entlassung der Köchin, aber die Privatisierung habe dem Ort 16 000 Euro gespart. Weitere 13 000 Euro habe die Neuausschreibung der Reinigungsarbeiten gebracht. Guhr nennt das "seine Hausaufgaben machen" und " hart bleiben".

Außerdem hat er betriebswirtschaftliche Instrumente wie Controlling eingeführt. "So macht der Gemeinderat eine Strategie und Zielplanung, und erst dann schauen wir, was wir tun müssen, um diese so effizient wie möglich zu erreichen. Wir setzen uns auch unter Druck und messen unsere Leistung am Erfolg." Für 2005 kann er erstmals einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen.

Weil er als Bürgermeister kaum Geld bekommt, verdiente er seinen Lohn zunächst in der Verwaltung des Bürgermeisters einer größeren Gemeinde als Sachgebietsleiter Kommunales Abgaberecht. Heute arbeitet er für die RWE im internationalen Personal- und Finanz-Controlling - dank des Verständnisses seines Arbeitgebers nur drei Tage die Woche. Den Rest seiner Zeit verbringt er mit Gemeinderatssitzungen, hält Reden auf Vereinsfesten, wälzt Paragrafen, telefoniert, hält Sprechstunden, schreibt Briefe, geht zu Rentnernachmittagen, hört zu, überlegt, entscheidet und repräsentiert.

Das macht er nun schon seit mehr als drei Jahren in dem kleinen, flachen Gemeindehaus oberhalb der Hauptstraße. Seine Tage sind lang, oft zwischen 10 und 16 Stunden. Und ja, in den drei Jahren hatte er schon mal das Gefühl, dass es nicht mehr weiterging. Als Guhr das sagt, macht er eine Pause, die so viel sagt wie tausend Worte. Er starrt auf den Computer, versunken, wie ein einsamer Denker. Menschen, die Ziele haben, sind oft einsam, weil sie anderen Angst machen - Angst, dass sich ihr Leben durch sie verändern könnte.

In Beyers Film sieht man den Bürgermeister allein an der Theke sitzen und auf ein Pilsglas starren oder allein in der Abenddämmerung über eine Wiese spazieren. Dann spürt man die Kräfte, die an ihm zerren, auch seine inneren.

Nun hat er bewiesen, dass er es kann, gegen viele Widerstände. Schritt für Schritt hat er sich als Bürgermeister behauptet. Und jetzt? Könnte er zufrieden sein und so weitermachen. Aber das tut er nicht. Sportler sind nicht zufrieden, wenn sie ein Etappenziel im Trainingsplan erreicht haben, sondern denken an das nächste. Sie bleiben erst stehen, wenn ihre Fähigkeiten an eine Grenze geraten.

So weit ist Guhr noch nicht, er hat sein nächstes Ziel anvisiert. Ab Januar wird er voraussichtlich für RWE in England arbeiten. Man kann ihm vorhalten, dass er das Schiff verlässt, dass er Oberlichtenau verlässt, das Dorf, das doch sein Leben ist. Er sagt: "Ich habe hier viel gelernt. Aber ich pflege den Spruch: Je länger ich in der Politik bin, desto schneller will ich wieder raus. Denn in der persönlichen Entwicklung hemmt sie, weil man zu sehr mit Unfähigkeit zu kämpfen hat." Guhr hat etwas bewegt in seinem Dorf. Und das Dorf hat ihn bewegt. Nun hat er wohl erkannt, dass er nicht weiterkommt -in der Kommunalpolitik mit ihren Sachzwängen und den Bürgern, die nicht so wollen, wie er will. Guhr blickt hinaus durch das große Fenster seines Büros. Es ist ein offener, neugieriger Blick. Draußen spielen Kinder. Oberlichtenau ist er entwachsen. Auf Carsten Guhr wartet nun eine andere Welt. www.oberlichtenau.de