Das war das

Ein kurzer Jahresrückblick auf die Entertainment-Industrie inklusive einiger schöner Produkte, die man sich und anderen zu Weihnachten schenken kann: CDs, Bücher, Comics. Und keine DVDs.




CDs: Vor einigen Wochen war es kurz mal wieder wie früher, als die Musikindustrie noch herrschte. Da erklärte der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Gunter Thielen dem "Wall Street Journal", dass die Konzerne zu wenig verdienten und die Musiker zu viel: "Wir entwickeln die Stars, aber von deren Einnahmen aus Konzerten und Merchandising sehen wir nichts." Man könnte zwar fragen, was der Mann aus Gütersloh tut: Schreibt er Hits, singt er sie und tanzt dazu im Konzert? Aber natürlich wissen wir alle, dass er nur die Ideen anderer Leute verwaltet, die der Künstler. So ist eher die Frage: Will uns Gunter Thielen daran erinnern, wie ignorant und überheblich die Manager der Musikindustrie über Jahrzehnte auf die Leute herabgeschaut haben, denen sie ihren Job verdanken? Und dass es schon deshalb erfreulich ist, dass die großen Labels zügig im Abgrund verschwinden?

Im Plattenladen kann man inzwischen die erfreulichen Veränderungen sehen, die sich einstellen können, wenn eine Branche einer neuen Marktsituation ausgesetzt ist, denn nichts anderes ist die so genannte Krise: Ehemalige Mitarbeiter großer Plattenfirmen gründen Labels, die durch kleine, aber klare Programme aufzufallen versuchen, während sich die alten Independent-Labels in die aufgegebenen Nischen der Großen drängen und dabei häufig in die Charts. Dafür akzeptieren die Großen zunehmend auch Erwachsene als Zielgruppe, und so gibt es neue Alben fast vergessener Altstars, fett ausgestattete Neuauflagen feiner Klassiker und Wiederveröffentlichungen in bester Qualität. Es geht voran.

Electralane: The Power out (Coole Mädels schrubben Gitarren und zitieren Nietzsche); Nouvelle Vague: Nouvelle Vague (Bossa Nova trifft New Wave); FSK: First Take than Shake (Techno für Intellektuelle); Shiyani Ngcobo: Introducing (Gitarrenmusik aus Südafrika mit Hang zur Ekstase); Diverse: Russen Soul (russische Varianten von Manu Chao); Iron & Wine: Our endless numbered Days (akustische Lieder); März: Wir sind hier (leichtfüßiger Electro-Folkpop) und natürlich Devendra Banhart: Rejoicing in the Hands; Nino Rojo (siehe brand eins 09/2004) Bücher: Die Buchwelt ist ebenfalls in der Krise, wie immer, seit Gutenberg zum ersten Mal sein Verlagsprogramm betrachtete und sagte: "Wir müssen diversifizieren, ich glaube, ein Buch langt nicht." Heute erscheinen mehr Bücher, als irgendwer lesen kann, und so ist stets ein Thema nötig, um die Aufmerksamkeit der Leser zu fangen, dass sie mehr kaufen, als sie brauchen. Zuletzt waren das Dieter Bohlen und die Popliteraten, junge Menschen, die über alles schrieben, was sie im Leben gelernt hatten, also eher nicht so viel, und die nicht verstehen, wieso heute niemand ihre Spätwerke haben will. In diesem Jahr war das Thema Klassiker, vor allem dank der erfolgreichen Billigreihe der "Süddeutschen Zeitung", gegen die ich nichts sagen kann: Die beste Werbung für Literatur sind gute Bücher, und wer dank des Schnäppchenpreises auf einen neuen Lieblingsautor stößt, kauft irgendwann vielleicht die teure Werkausgabe. Außerdem gibt es viele tolle alte Bücher, und dass man nicht mehr jedem Trend hinterherlesen muss, um cool zu sein, ist ein Fortschritt. Und schließlich: Neue Bücher wird es immer geben. Nicht, weil jemand sie lesen will - aber weil Menschen sie schreiben wollen.

Haruki Murakami: Kafka am Strand (Fantasy-Roman für postmoderne Zweifler); Sibylle Berg: Ende gut (der Weltuntergang als Komödie); Kathrin Röggla: Wir schlafen nicht (psychedelischer Roman über Unternehmensberater); Susanna Clarke: Jonathan Strange & Mr Norrell (Roman über Zauberer ohne Harry-Potter-Touch) Comics: Die Welt der grafischen Erzahlungen kennt keine Krisen. Mangas, japanische Comics, verkaufen sich immer noch so gut, dass im Oktober mit Tokyopop ein neuer Verlag mit einem satten Programm ins Geschäft eingestiegen ist. Kann sein, dass der Mainstream-Markt damit gesättigt ist, aber in den Nischen geht noch einiges: So hat Panini in diesem Jahr erstmals überhaupt in der deutschen Comic-Welt die Fortsetzung einer Serie on demand angeboten - produziert wurde erst, als genug Bestellungen vorlagen, der Preis hing von der Menge der Anfragen ab.

Jenseits der Mangas kann man ebenfalls nicht von Krise reden, denn der Markt ist, von wenigen Bestsellern (Donald Duck, Asterix etc.) abgesehen, klein, aber stabil. Produziert wird von Fans für Fans, und das auf hohem Niveau, denn wenn man sein Leben einer Sache widmet ohne Aussicht auf Ruhm und Reichtum, will man zumindest auf die Ergebnisse stolz sein. Englischsprachige Comics werden inzwischen allerdings selten in deutschen Fassungen veröffentlicht, weil die potenziellen Leser sprachkräftig sind und die Originale lesen, während gleichzeitig die internationale Vernetzung so gut ist, dass es genug interessanten Stoff aus anderen Ländern gibt - und wer spricht schon Finnisch? Ausnahme ist die italienische Verlagsgruppe Panini, die in Deutschland unter anderem das Superheldenprogramm des US-Verlags Marvel nachdruckt, der in den vergangenen Jahren eine interessante Entwicklung durchgemacht hat: Die klassischen Helden wie Spider-Man, X-Men oder Hulk werden als Filme vermarktet, weil deren Zielgruppe, Kids und Teenies, heute lieber ins Kino geht, als Comics zu lesen. Hefte und Bücher dagegen werden von älteren Fans gekauft, und so verstecken sich nun auch in Deutschland hinter manchem bunten Cover erstaunlich intelligente Geschichten.

Craig Thompson: Blankets (bezaubernder Wälzer über eine erste Liebe); Manu Larcenet: Der alltägliche Kampf (Ein Loser lernt zu leben); Seth: Clyde Fans (nostalgische Hymne an das Zeitalter der Vertreter); Naoki Urasawa: Monster (Krimi-Manga über einen Serienkiller aus der DDR); Adrian Tomine: Sommerblond (karge Alltagsverirrungen junger Menschen) DVDs: Das letzte Medium, das noch fest in der Hand der Großindustrie ist - und wie sieht es aus? Jeder Filmfan kann hundert Filme aufzählen, die toll sind, aber auf DVD nicht lieferbar. Stattdessen brüllt in den Elektromärkten teurer Teenie- und Action-Trash von den Regalen: Kauf mich, wenn du blöd bist. Danke, Filmindustrie. Ich freue mich auf den Tag, an dem du die Probleme der Musikindustrie hast und ich meine Lieblingsfilme in bester Ausstattung und mit reichlich Bonusmaterial bekomme. Damit ich darauf nicht so lange warten muss, wünsche ich uns allen eine schöne Internet-Tauschbörse für Filme und einen Festplattenrekorder. Fröhliche Weihnachten.