Das geht - Brüten für den Frieden

Im Norden Israels verquicken fünf arabische und ein jüdischer Unternehmer Völkerverständigung mit Risikokapital. Biotech-Neugründungen sollen Brücken schlagen und profitabel sein.


Der Blick auf die Bilanz von New Generation Technology (NGT) in Nazareth verrät nichts Ungewöhnliches: NGT ist ein kleiner israelischer Inkubator, der wie andere auch Biotechnologie-Ideen anbrütet und um Investoren kämpft. Aber das Unternehmen verfolgt auch ein weniger eigennütziges Ziel - Frieden zu schaffen. Zu diesem hehren Zweck leistet es auch Starthilfe für arabische Unternehmer und hofft, dass sein zur Hälfte aus israelischen und arabischen Unternehmen bestehendes Portfolio Verbindungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen schafft, die zusätzliche Gewinne abwerfen.

Das ist nicht einfach. Anfangs wollte NGT 16 Firmen im Portfolio haben, zu denen jedes Jahr vier neue hinzukommen sollten, während vier ältere auf den Markt entlassen würden. Doch der Inkubator kämpft mit zähflüssigen Investorenrunden, die Gründungen verzögern sich. Die Bemühungen des israelischen CEO Sharon Devir, die jüngste Investitionsrunde über zehn Millionen Dollar abzuschließen, um NGT zu einer Kombination aus Inkubator und Risikokapitalfonds zu entwickeln, sind deswegen besonders wichtig für die künftige Entwicklung des Projektes.

Gründer des ungewöhnlichen Inkubators sind fünf arabische Unternehmer, die gemeinsam mit dem in den USA lebenden Unternehmer Davidi Gilo den Grundstein für das bislang einzige Gründerzentrum legten, das dem arabischen Bevölkerungsteil in Israel helfen soll. Bis zum Sommer 2003 hatten die Initiatoren zwei Millionen Dollar beisammen und konnten damit die ersten vier Firmen finanzieren. Es folgte eine Reise in die USA: Um die Technologieflaute in Israel auszugleichen, gingen Devir und NGT-Direktor und Mitbegründer Omas Mssarwa auf Akquisitionstour bei wohlhabenden Arabern und Juden in Detroit und New York. Doch die erhoffte Resonanz unter Amerikanern arabischer Herkunft fiel geringer aus als erwartet. Die zweite Finanzierungsrunde wird deshalb frühestens Anfang 2005 abgeschlossen sein.

NGT ist eine Partnerschaft der privaten und öffentlichen Hand wie ungefähr bereits jeder zweite Inkubator in Israel. Unter dem gegenwärtigen Arrangement steuert die Regierung für jeden Dollar, den NGT investiert, fünf Dollar bei. Der Staat erhält im Gegenzug Anteile am Start-up, die der Inkubator treuhänderisch verwaltet. Sollte NGT die Anteile innerhalb von sechs Jahren nicht zurückkaufen, gehen sie an den Staat über.

Dass sich potenzielle Investoren bislang zurückhalten, mag auch an der Anti-Diskrimierungsphilosophie des Inkubators liegen: Die Belegschaften und Verwaltungsräte sind paritätisch mit Arabern und Juden besetzt. NGT-Chef Devir ist zuversichtlich, dass das nicht nur dabei hilft, Freundschaften und gegenseitiges Verständnis zu schaffen, sondern zudem dafür sorgt, den besten Kandidaten für eine offene Stelle zu finden. Die Führungskräfte der bei NGT angebrüteten Firmen können sowohl die Ideen, Talente, Erfahrungen und Verbindungen der arabischen Gründungsmitglieder als auch ihrer jüdischen Kollegen nutzen - theoretisch zahlt sich das für alle aus. Deswegen ist sich Devir auch sicher, dass sein Integrationsmodell Nachahmer finden wird.

Denn Israels Bevölkerung von 6,8 Millionen besteht zu knapp einem Fünftel aus Arabern, wenn man die Bewohner der West Bank und des Gaza-Streifens nicht einrechnet. Geht es um Ausbildung und Arbeit, sind Araber allerdings deutlich unterrepräsentiert - ähnlich wie schwarze Amerikaner in US-Bildungseinrichtungen und im Arbeitsmarkt in den Sechzigern und Siebzigern: Nur neun Prozent aller Studienanfänger und vier Prozent aller Studenten im Hauptstudium sind arabischer Herkunft. Zudem dienen Israelis arabischer Herkunft selten in der Armee, der wichtigsten Institution des Landes für die Entwicklung und Nutzung von Hochtechnologie. So fehlt ihnen das technische Training, und vom Kontakteknüpfen in Uniform sind sie ebenfalls ausgeschlossen - eine häufige Grundlage für erfolgreiche israelische Start-ups. Selbst die Arbeit in Software- und Telekommunikationsfirmen ist begrenzt - aus Sicherheitsgründen.

Auch deshalb verlegen sich Araber auf Karrieren in der Biotechnologie oder Medizin und haben inzwischen eine Handvoll erfolgreicher Biotechfirmen gegründet. NGT hat bislang folgerichtig ausschließlich Biotechnologie-Firmen aus der Taufe gehoben und sich auf pharmazeutische Produkte und Nahrungsergänzungsstoffe konzentriert. So beschäftigt sich eine Negründung damit, traditionelle arabische Heilmittel in pharmazeutische Produkte zu verwandeln, eine andere entwickelt Wachstumsproteine - beide sind mit der Entwicklung von Produkten weit, außerdem gibt es bereits internationale Interessenten.

Barnet Liberman, Chef einer New Yorker Bauträgerfirma und NGT-Investor, ist deshalb möglicherweise im besten Wortsinn Teil einer Avantgarde, wenn er sein Engagement begründet: "Soziales Verantwortungsbewusstsein und der Wunsch, die Welt zu verbessern, sind Motivationsfaktoren. Aber ich bin auch von der wirtschaftlichen Seite sehr beeindruckt." Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des "Red Herring" Link: www.ngtnazareth.com