Aufruhr in der trägen Masse

Der Stuttgarter Lehrer Ralf Reinecke brachte seinen Schülern bei, wie man mit Powerpoint eine Präsentation gestaltet, rief eine Intranet AG ins Leben und kümmerte sich um Kooperationen mit Unternehmen. Er wollte seine Schüler vorbereiten auf die Anforderungen des wahren Lebens. Dass man auch zu engagiert sein kann, ahnte er nicht.




Ralf Reinecke erklärte seinen Schülern an der Gewerblichen Schule für Holztechnik in Stuttgart-Feuerbach gern, wie Verständigung funktioniert, und dazu benutzte er die Theorie des Konstruktivismus. Er sagte zum Beispiel: "Wenn sich Menschen über einen Gegenstand unterhalten, den sie sehen können, wie etwa eine Glühbirne, meinen sie in der Regel in ungefähr das Gleiche. Schwierig wird es erst bei nicht sichtbaren Begriffen, zum Beispiel bei dem Wort Ordnung." Meist erzählte er dann eine Geschichte, die von einem Meister handelte, der seinem Lehrling auftrug, für Ordnung in der Werkstatt zu sorgen. Der Lehrling räumte auf, doch als der Meister am Abend zur Kontrolle kam, war er unzufrieden: Der Lehrling hatte nicht gefegt, die beiden hatten offensichtlich eine unterschiedliche Vorstellung von Ordnung. Die Schüler verstanden das Beispiel, und der 45-jährige Lehrer freute sich: "Ich mag Theorien, praktisch angewandt." Wenn Reinecke heute in seiner Wohnung in Weil der Stadt, einem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart, an seinem Esstisch sitzt, dauert es manchmal etwas länger, bis er auf eine Frage antwortet. Er schaut zum Fenster hinaus, zögert, und es wirkt, als müsse er sich genau überlegen, was er sagt. Vielleicht, weil er mittlerweile Angst hat, dass niemand mehr seine Sicht der Dinge teilt.

Seit den Sommerferien war Reinecke nicht mehr an seinem Arbeitsplatz, die ganze Sache hat ihn zu sehr mitgenommen, ein Arzt hat ihm das attestiert. Der studierte Gymnasiallehrer für Germanistik, Theologie und Philosophie sagt: "Ich habe einfach keine Kraft mehr." Dabei hat er bis Juli 2004 vor Energie gesprüht. Vor allem seit 1998 empfand er seine Arbeit an der Gewerblichen Schule für Holztechnik, an der er seit 1992 unterrichtete, als eine echte Herausforderung " im positiven Sinne". Damals wurde seine wöchentliche Arbeitszeit geteilt: Zur Hälfte unterrichtete er an der Berufsschule, wo er für Tischler, Glaser und zunehmend auch Sonderberufsschüler Deutsch und Religion lehrte. Für die andere Hälfte bekam er eine neue Aufgabe: Er sollte an der Fachschule betriebliche Kommunikation vermitteln, also Kommunikationstheorien, Rhetorik und Präsentationstechniken für angehende Gestalter, Techniker und Praktiker.

Reinecke schwebte ein Unterricht vor, in dem seine Schüler für das Leben lernen und der sie auf das vorbereitet, was sie nach der Schule in ihrem Beruf erwartet. Denn das, meinte er, sei seine Aufgabe als Lehrer.

In den folgenden Jahren baute er sein neues Aufgabenfeld sukzessiv aus, oft auch in seiner Freizeit: Er gründete an der Schule eine Intranet AG, mit deren Hilfe sich Schüler und Lehrer über die Aktivitäten der Schule informieren konnten. Er unterrichtete verstärkt Berufs- und Arbeitspädagogik. Man ernannte ihn zum schulischen Multimedia-Berater, der auch Kollegen mit den neuen Medien vertraut machen sollte. Und die Schulleitung übertrug ihm und einem Kollegen die Leitung eines Projektes, in dem die Technikerklassen in zwei Jahren eine größere Arbeit anfertigen sollten.

In Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen lernen die Schüler, selbstständig zu arbeiten. Und alle sind erst begeistert Während der Sommerferien 2003 hatte er eine weitergehende Idee: Das Projekt, das bisher ausschließlich innerhalb der Schule bearbeitet wurde, könnte auch als Kooperation mit der Wirtschaft funktionieren. Er bat seinen direkten Vorgesetzten Walter Graf, den Abteilungsleiter der Fachschule, um dessen Einwilligung. Dann setzte er sich mit rührenden Firmen für Möbelbeschläge in Verbindung, der Kirchlengerner Firma Hettich und dem Nagolder Unternehmen Häfele.

Die schickten Vertreter an die Schule und formulierten eine Aufgabe für ein gemeinsames Projekt: Die angehenden Techniker sollten für einen Motor, der bisher in verstellbaren Betten eingebaut wurde, eine Anwendung im Bürobereich finden. 22 Vorentwürfe, von jedem Schüler einer, seien im Februar 2004 mit Powerpoint zu präsentieren. Man würde sich dann für sechs endgültige Ideen entscheiden, die von den Schülern in Teams bearbeitet und schließlich im Sommer 2004 der Öffentlichkeit präsentiert werden müssten - inklusive Projektbeschreibung, Marketingkonzept und Finanzplan.

Die Schüler waren begeistert: Denn nun konnten sie ihr theoretisches Wissen in einem praktischen Projekt bei potenziellen Arbeitgebern anwenden, bekämen später von den Unternehmen ein Zeugnis, das ihnen bei der Arbeitssuche helfen würde, und konnten sich an den Anforderungen der Praxis messen. Für die Vorpräsentation gestalteten sie sogar Bewertungsbögen für die Juroren, ohne dass es ihnen jemand aufgetragen hätte. Und als die Unternehmen kurzfristig fragten, ob sie noch einen siebten Entwurf bearbeiten könnten, beschieden die Schüler, das sei kein Problem. Unprofessionelles Verhalten wie bei früheren Technikerprojekten - etliche Schüler erklärten am Tag der Präsentation, ihre Modelle seien noch nicht fertig - kam diesmal nicht vor.

Schlimmer kann es im Bildungsbetrieb kaum kommen: Ein Formblatt wurde nicht ordentlich unterschrieben!

Als es Probleme mit den Motoren gab, lud ein Kollege von Ralf Reinecke einen Ingenieur ein, der mit den Jugendlichen mögliche Lösungen diskutierte. Außerdem organisierte Reinecke eine Besichtigung für die beteiligten Lehrer und Schülervertreter am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart und dessen Forschungsprojekt "Office 21 - Zukunft der Arbeit". Im Juli waren schließlich unter anderem Minibars entstanden, die per Knopfdruck in einer Schrankwand verschwanden. Die Firmenvertreter lobten den Einsatz, die gute Arbeit und die Praxisnähe der Ergebnisse. Und die Unternehmen überwiesen Gelder an die Schule. Alle Beteiligten waren sich einig: Auch in der Schule kann man Großes schaffen.

Am letzten Tag vor den Sommerferien hatte Reinecke ein Gespräch mit seiner Schulleiterin, Birgit Scholze-Thole, die ihn in ihr Büro beorderte: Sie wolle noch über den Stundenplan für das nächste Schuljahr sprechen. Auch der stellvertretende Leiter Friedrich-Jasper Stahl, so berichtet Reinecke, war zugegen. Reinecke dachte, es handle sich um reine Routine. Stattdessen wurde es vorerst der Anfang vom Ende seines schulischen Engagements.

Die beiden teilten ihm mit, dass ihm im neuen Schuljahr die Leitung für das Technikerprojekt entzogen werde, dass sein Kommunikationsunterricht auf zwei Stunden pro Woche gekürzt und der Kurs "Präsentieren mit neuen Medien" sowie die Intranet AG gestrichen würden - außerdem sei er von seiner Aufgabe als Multimedia-Betreuer suspendiert. Darüber hinaus müssten seine Leistungen, die Vertreter des Oberschulamts Stuttgart und die Schulleiterin zwei Jahre zuvor als so gut beurteilt hatten, dass sie für die Beförderung vom Studienrat zum Oberstudienrat genügten, noch mal überprüft werden - sie hätten sich im vergangenen Jahr verschlechtert. Und schließlich habe er sich an formale Anforderungen nicht gehalten: Klassenbucheinträge seien fehlerhaft gewesen, und auch das Formblatt " Erklärung über Nebentätigkeiten für das Kalenderjahr 2003" sei nicht ordnungsgemäß unterschrieben gewesen. Durch Gespräche mit dem Personalrat der Schule und dem Bezirkspersonalrat des Oberschulamts Stuttgarts erfuhr er in den kommenden Wochen, dass seine Beförderung, die für den Oktober 2004 geplant gewesen war, nun erst mal verschoben sei.

Reinecke ging auf Spurensuche und erinnerte sich an einige Ereignisse des vergangenen Schuljahres. Ihm fiel ein zufälliges Zusammentreffen mit seiner Schulleiterin in Begleitung seiner Schüler ein, das erst ein paar Monate zurücklag. Er habe ihr zuvor Einladungskarten für die Präsentation des Technikerprojektes vorgelegt, und weil sie so lange nichts von sich habe hören lassen und die Zeit drängte, sei es aus ihm herausgeplatzt: "Gut, dass ich Sie hier treffe, die Schüler sind schon völlig demotiviert." Kurz darauf habe ein Brief in seinem Fach gelegen, in dem unter anderem gestanden habe, er solle in Zukunft die Schulleitung nicht öffentlich ansprechen.

Und es fiel ihm sein direkter Vorgesetzter ein, der Fachleiter Graf, der genervt schien, als er wegen der Präsentation der Technikerprojekte zwei Abende zusätzlich in der Schule erscheinen sollte. Und er erinnerte sich an Kollegen, die bemängelten, dass sich die Schüler so in ihre Projektarbeit stürzten, dass sie den anderen Unterricht vernachlässigten.

Eine viel zu fette Tortengrafik wird aufgetischt, und auch sonst bekommt die Geschichte einen komischen Geschmack Am Tag vor den Sommerferien hatte Ralf Reinecke noch an die gütliche Lösung des Konfliktes geglaubt. Und seiner Schulleiterin folgenden Vorschlag gemacht: "Entweder Sie nehmen alle Maßnahmen gegen mich zurück, oder wir schließen einen Kompromiss: Ich absolviere das kommende Schuljahr, und dann lassen Sie mich versetzen." Mittlerweile kann sich der Lehrer überhaupt nicht mehr vorstellen, noch einmal an seine Arbeitsstelle zurückzukehren. Der Kommentar der Schulleitung zu den Ereignissen ist knapp. "Alles, was wir wissen, ist: Herr Reinecke ist krank. Wir hoffen natürlich, dass Herr Reinecke wieder gesund wird und dann den Weg an unsere Schule zurückfindet", sagt Schulleiterin Birgit Scholze-Thole. Sie sitzt gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Friedrich-Jasper Stahl in ihrem Büro. Vor dem Gespräch hat sie sich juristisch beraten lassen, Stahl führt Protokoll. Es sei eine schwierige Situation, in der sie sich nun befinden, sagt sie. Und sie dürfe nichts über Kollegen erzählen, es gehe schließlich um Interna. "Nur so viel: Alles, was hier passiert, entspricht dem völlig regulären Verlauf an einer Schule." Dann legt die Direktorin die Ergebnisse der "Selbstevaluation der Schulleitung" auf den Tisch. Sie sind im Rahmen des Projektes "Operativ eigenständige Schule" entstanden, einer Initiative zum Qualitätsmanagement von beruflichen Schulen in Baden-Württemberg, an der die Stuttgarter Schule als eine von 15 Schulen teilnehmen durfte. Vier Kuchendiagramme sind darauf zu sehen, in allen geht es um die Zufriedenheit der Lehrer mit ihrer Schulleitung. Die Stücke, die große Zufriedenheit ausdrücken, sind in allen Fällen besonders dick, die anderen meist verschwindend klein. "Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel", sagt Friedrich-Jasper Stahl und seine Vorgesetzte betont: "Es tut uns Leid, wenn wir nicht jeden Wunsch eines Kollegen erfüllen können, doch 99 Prozent von ihnen sind bereit, das zu akzeptieren." Aber warum hat sich der Personalrat der Schule im Fall Reinecke einem internen Papier zufolge vom Vorgehen der Schulleitung deutlich distanziert und will dies demnächst auf einer Personalversammlung erörtern? Und stimmt es, dass Ralf Reinecke im neuen Schuljahr fast nur noch an der Berufsschule unterrichten soll und nicht mehr betriebliche Kommunikation an der Fachschule? " Kommunikation gibt es gar nicht als reguläre Lehrbefugnis. Außerdem gibt es keinen Automatismus, welchen Lehrauftrag ein Kollege hat", sagt Stellvertreter Stahl. Und was eine Beförderung oder erneute Überprüfung von Herrn Reinecke angehe, dazu dürfe man sich leider nicht äußern. "Ich führe nicht über Noten", sagt Birgit Scholze-Thole, "sondern über Gespräche. Aber dazu gehören bekanntlich zwei." Am Oberschulamt in Stuttgart will man sich zu dem Fall nicht äußern. Hausjurist Bernhard Gayer bestätigt nur, dass Schulleitungen die erneute Überprüfung der Leistungen eines Lehrers anordnen können, wenn alte Beurteilungen nicht mehr angemessen scheinen.

Der Personalrat der Schule schweigt ebenfalls, er macht lediglich eine vorsichtige Andeutung: "Herr Reinecke ist vielleicht manchmal etwas emotional, aber auf keinen Fall ein Fantast oder Spinner." Darüber hinaus wisse man nicht, was man sagen dürfe und was nicht, denn sie seien alle im Hauptberuf Lehrer und juristisch leider nicht sattelfest. Ach ja, und Namen solle man besser auch nicht erwähnen.

Auf Ralf Reineckes Esstisch liegt eine CD, auf der Schüler nach der umfangreichen Sichtung von Möbelprospekten die Frage beantwortet haben, welche die kommenden Trends im Büro sein werden. Auf großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos lächeln Sonderberufsschüler in die Kamera - sie haben die Bilder selbst gemacht. Daneben liegt ein Haufen ausgedruckter E-Mails: Reinecke hat in den vergangenen Wochen ehemalige Schüler angeschrieben und sie gebeten, ihre Meinung zu seinen Lehrmethoden zu sagen. In den Antworten wird sein praxisnaher Unterricht gelobt. Die Ehemaligen betonen, wie wichtig die bei ihm gelernten Dinge für ihren heutigen Arbeitsalltag seien, beispielsweise als Projektleiter.

Veränderungen sind nur langsam möglich, erklärt jene Person mit Bedauern, die das ändern könnte Ralf Reinecke macht bei der Erläuterung, wie die Schülerprojekte zustande kamen, welche Lerntheorien dahinter ständen und was deren Sinn ist, keine Pausen. Jetzt sprüht er wieder vor Energie. Aus dem Nebenzimmer holt er Artikel und Bücher: eine Ausgabe des " Harvard Businessmanagers", Bücher über Hirnforschung, Bildbände über Licht, das Buch " Führen, leisten, leben" des Professors Fredmund Malik der Universität St. Gallen.

Birgit Scholze-Thole, die seit sieben Jahren die Gewerbliche Schule für Holztechnik leitet, sagt: " Öffentliche Systeme haben ihre ganz eigenen Gesetze. Es geht nur in ganz kleinen Veränderungsschritten vorwärts. Ich wäre manchmal froh, wenn das System flexibler wäre. Schule ist eine träge Masse." Reinecke war vor nicht allzu langer Zeit auf der Karlsruher Learntec, einer Fachmesse für Bildungs- und Informationstechnologie, seit fünf Jahren fährt er dorthin. Die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn hat dort einen Vortrag gehalten, in dem sie mehr Projektarbeit und innovative Lernmodelle in den deutschen Schulen forderte. Außerdem besuchte Reinecke die Stuttgarter Messe "Wirtschaft trifft Wissenschaft". Hier fühlte er sich verstanden. Doch als er am nächsten Tag in der Schule einem Fachlehrer begeistert davon erzählte, habe der ihn unterbrochen und gesagt: "Man kann doch nicht alles wissen." Dann erzählt Reinecke von einem Prüfer der Handwerkerinnung. Der habe, als Schüler in der praktischen Abschlussarbeit nicht die erwartete Leistung gebracht hätten, gefragt: "Machen Sie an der Schule eigentlich nur noch Projektarbeit?" Obwohl wegen Reineckes Arbeit nicht eine Stunde praktischen Handwerks ausgefallen sei, hätte man das Problem schnell bei ihm verortet: "Da sind die Schüler im Hobeln schlecht, aber schuld ist am Ende der Deutschlehrer."