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Dick und Doof

Weniger Menschen, weniger Produktion = mehr Elend. Mit dieser falschen Gleichung wird der Umbau im Land verhindert. Dabei könnte der Rückbau auch ein Ausbau sein.




WENN DIE IRRTÜMER VERBRAUCHT SIND, SITZT ALS LETZTER GESELLSCHAFTER UNS DAS NICHTS GEGENÜBER.

Bert Brecht, Die Nachgeborenen 01 DIÄTFEHLER Nachts, wenn die Mächtigen nicht schlafen können, denken sie vielleicht über wahre Größe nach.

Dann kann es sein, dass sie den Blick verträumt nach oben richten, in die endlosen Weiten des nächtlichen Horizonts. Dort oben ist die Welt noch in Ordnung. Da schrumpft nichts, da geht nichts ein, da gibt es keine Grenzen, nur Wachstum. Da wird nicht diskutiert, da wird expandiert, und das seit mehr als elf Milliarden Jahren. Es einmal richtig krachen lassen - und schon ist das Wachstum da, und zwar für immer.

Was, fragen die Mächtigen, machen wir falsch? Nun ja, erstens: Deutschland ist nicht das Universum. Hier kracht nichts, hier knirscht es bloß. Da wächst nicht viel. Und nicht nur nachts sehen viele, am Himmel wie auf Erden, schwarz. Aber es lässt sich auch nicht behaupten, dass gar nichts wächst: Der Bürger setzt auf Wachstum - ganz individuell. Schon 49 Prozent der Gesamtbevölkerung sind übergewichtig, rund ein Prozent mehr als im Vorjahr.

Jahr für Jahr versprechen die meisten Dickies sich und ihren Lieben, jetzt aber wirklich ernst zu machen mit dem Abspecken. Und sie versuchen es. Doch ein Jahr später sind die alten Pfunde wieder drauf und ein paar neue noch dazu. Hier ein staatlich subventioniertes Fabrikchen, da ein Häppchen Ausnahmen, danach eine dünne Schnitte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und zum Hauptgang ein fettes, großes Stück Selbstbetrug. Vor kurzem veröffentlichte der "MIT Technology Review" eine Geschichte, die die letzten Erkenntnisse aus der Ernährungswissenschaft widerspiegelt. Alle bisherigen Diäten und Mittel zum Abnehmen seien weitgehend für die Katz, wird dort sinngemäß ein Forscher zitiert. Man müsse in einen weit bedeutenderen Bereich des menschlichen Körpers vordringen, um nachhaltiges Abnehmen zu ermöglichen: das Gehirn.

02 DAS FRESSVERHALTEN VON SOZIALSTAATEN Wer kann, denkt nach - dann dämmert's schon: Es muss wohl an den Zielen liegen. Diäten und Sparprogramme haben eines gemeinsam: Sie sollen im Ergebnis schlanker und beweglicher machen, leistungsfähiger und agiler. All das sieht unterm Strich zudem besser aus. Und klappt doch meist nur für ein Weilchen. Denn sehnsüchtig erwartet der Vielfraß den Tag X, an dem die Diät endet. Dann wird wieder alles verdrückt, was er greifen kann. Der Sozialstaat des Industriezeitalters ist ein geborener Vielfraß. Umverteilen, ausgeben, verfuttern, und all das im wachsenden Umfang - das ist seine Natur.

Als Anfang Mai Regierungsmitglieder wie Joschka Fischer vom Ende des Sparkurses träumten, konnte man für einige Stunden, bis zum gequälten Dementi des Kanzlers, erkennen, wie das Fressverhalten erwachsener Sozialstaaten funktioniert. Was dicker macht, ist seelisch gleichsam eine Erleichterung.

Vor diesem tückischen Effekt warnen Ernährungswissenschaftler und einige wenige Volkswirte seit Jahr und Tag. Da hilft keine F.-X.-Mayr-Kur und keine Agenda 2010. Kalorienzählen bringt nichts. Die Ernährung muss umgestellt werden.

Wer ständig altes Wachstum will - also Industrie und Arbeitsplätze, damit der Sozialstaat Gebührenzahler hat - der stirbt an Herzverfettung.

Dass die Deutschen immer dicker werden, wird nach heute gesichertem Wissensstand zumindest keine Platzprobleme mit sich bringen. Denn die deutsche Gesellschaft schrumpft mangels Nachwuchs deutlich. Die berühmt-berüchtigte demografische Entwicklung beschreibt die zwei Seiten, die jede Medaille hat: das Wachsen und das Schrumpfen. Und sie zeigt wie keine andere, dass das eine ohne das andere nicht funktioniert.

So steigt die Lebensdauer der Bürger deutlich an: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug die Lebenserwartung 46 Jahre. Am Ende des Jahrhunderts hatte die - aus dem statistischen Mittelwert für Frauen wie Männer - wahrscheinliche Lebenswartung um 32 Jahre zugenommen. Selbst bei zurückhaltenden Prognosen, die keine massiven Fortschritte in der Medizin berücksichtigen, wird der Durchschnittsdeutsche im Jahr 2050 gut 83 Jahre alt. Das ist die Seite des Wachsens.

Der Sozialforscher Meinhard Miegel beschreibt das Szenario in seinem Standardwerk "Die deformierte Gesellschaft" so: "Mit der Anzahl der 79-Jährigen, die im Jahr 2040 in Deutschland leben werden, könnte - gleichnishaft - ganz Niedersachen bevölkert werden (...)", während die Zahl der über 89-Jährigen noch locker genügen würde, um die heutige Bevölkerung von Hamburg - 1,8 Millionen - zu ersetzen.

Auf der anderen Seite steht ein massives Schrumpfen; Die letzte Generation, die noch so viele Kinder aufzog, wie in ihrem eigenen Geburtsjahrgang geboren wurden, kam im Jahr 1892 zur Welt. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist das Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern konstant geblieben; Nur 65 Prozent des Nachwuchses, den man bräuchte, um die Gesamtbevölkerung von 82,3 Millionen Bundesbürgern zu erhalten, kommt tatsächlich auf die Welt. Setzt sich dieser Trend fort, dann hat sich die Gesamtbevölkerung bis zum Jahr 2080 halbiert - ein Gesamtverlust, der der 80-fachen Einwohnerzahl einer Großstadt wie Hannover entspricht.

03 KALORIEN UND KANNIBALISMUS Nichts gegen Hannover: Aber auch nach diesem scheinbar gewaltigen Aderlass wäre die Bundesrepublik nichts weiter als ein ganz normal bevölkertes Land der Ersten Welt. Das ist es heute keineswegs. Pro Quadratkilometer drängeln sich 231 Menschen - mehr als sonstwo auf dem europäischen Kontinent. In Frankreich, das nicht gerade als Inbegriff der öden, menschenleeren Steppe gilt, teilen sich nur 109 Bürger denselben Platz. In Dänemark leben 124 Menschen auf einem Quadratkilometer, in Polen 122. Das genügt auch. Was wäre so schlimm daran, nicht ständig angerempelt zu werden?

Im Grunde gar nichts. Aber der Sozialstaat, dessen Bestand von den Machthabern um jeden Preis gefordert wird, verlangt immer neues Futter in Form von Beitragszahlern. Zudem baut das totale, auf Pump finanzierte Umverteilungssystem auf Vollbeschäftigung. Die aber war ein vergängliches historisches Phänomen, das nur in hoch industrialisierten Staaten erreicht werden kann - und auch nur auf begrenzte Zeit.

Der Sozialstaat kann mit dieser Einschränkung nicht leben. Er braucht unbegrenztes Wachstum, sowohl in der Produktion als auch in der Zahl der Arbeitsplätze, deren Wertschöpfung ein mächtiger Staat hin- und hertransferiert.

Die Tatsache, dass Deutschland wurde, was es ist, nämlich Europas am dichtesten besiedelte Nation, liegt an der Sogkraft, den die Industrialisierung ausübte. Zuwanderung und massive Geburtenförderung galten damals wie heute als entscheidende Kriterien für den Aufstieg.

Sonderkonjunkturen nach den Kriegen gaukelten vor, dass sich die Spirale endlos nach oben drehen ließe. Der Sozialstaat, der die industrielle Explosion durch die Absicherung der wichtigsten Grundrisiken moderieren sollte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer gewaltigen Fressmaschine. Das alles ist längst bekannt, bleibt aber folgenfrei, weil die Köche der fetten Brühe - Politik, Verbände und große Teile der Industrie -gar kein anderes Rezept anbieten können.

Der größte Teil der Bürger verhält sich, wie es ihm beigebracht wurde: Bei Mutti schmeckt's am besten. Jeder Versuch, daran zu drehen, auch nur mal den Vorschlag zu wagen, den Nachtisch ausfallen zu lassen, führt dazu, dass die verfressene Meute den Köchen die Teller um die Ohren knallt.

Schließlich kann man, bevor man hungert, das Schrumpfen der Bevölkerungszahl durch ein Zuwanderungsprogramm ausgleichen. Daran glauben alle fest, die nicht rechnen wollen. Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Charlotte Höhn, Leiterin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, hat vor zwei Jahren Folgendes ausgerechnet: Um die Alterung in Deutschland durch Zuwanderung auszugleichen, müssten jährlich 3,4 Millionen Zuwanderer ins Land kommen ~ und hoch qualifizierte noch dazu, denn sie sollen den Sozialsystemen mehr geben als nehmen. Angesichts von 200 polnischen Informatikern, der Ausbeute der einst groß aufgeblasenen Greencard-Aktion der Bundesregierung, also ein nicht gerade Erfolg versprechendes Konzept.

Selbst wenn es sich erfüllen ließe, passierte laut Höhn Folgendes: "Bis zum Jahr 2050 hätte die Bundesrepublik dann 300 Millionen Einwohner. Das bedeutet, dass das Land vollkommen verstädtert wäre. Und 80 Prozent aller Bürger wären Zuwanderer oder ihre Familienangehörigen." Das ist, klar und deutlich auf den Nenner gebracht, der Preis der Fortschreibung des Sozialstaats, wie wir ihn kennen.

04 WAS DER BAUER NICHT KENNT Es ist kein Wunder, dass das niemand hören mag - und dass die Bürger gern an die dicke Lüge glauben, der Sozialstaat würde bloß ein wenig "umgebaut".

Wer das glaubt, glaubt an fast alles, zum Beispiel an die Rückkehr des Wachstums durch Industrie und Vollbeschäftigung und damit auch an eine zweite Blüte des Sozialstaats. Und vor allem glaubt er, dass die Politik das auch ermöglicht. Die Gläubigkeit in die Fähigkeiten der Politik, das Unvermeidliche zu verhindern, machte selbst den Vatikan neidisch.

Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat im Auftrag des Deutschen Studienpreises der Körber-Stiftung im März dieses Jahres eine repräsentative Umfrage unter dem Titel "Mythos Markt?" durchgeführt.

Danach schreiben die meisten Deutschen der Politik die größte Kompetenz bei der Lösung von Wachstumsschwäche und Arbeitslosigkeit zu. "Ein Weg zwischen Scylla und Charybdis", schreibt Allensbach-Demograf Edgar Piel lapidar im Vorwort der Studie: "Die Vorstellungen, die die Bevölkerung zur Lösung der Wirtschafts- und Arbeitsmarktprobleme im Kopf hat, ist paradox, buchstäblich in sich widersprüchlich. Auf der einen Seite fordert die Mehrheit, dass der Staat die Bedingungen für die Wirtschaft und für die Unternehmen verbessert. Das, so hoffen 57 Prozent, würde dazu beitragen, dass neue Arbeitsplätze entstehen. Auf der anderen Seite fordern exakt ebenfalls 57 Prozent, dass der Staat misstrauisch darauf achtet, dass die soziale Gerechtigkeit keinen Schaden nimmt. Sonst, bitte, soll er eingreifen und die Wirtschaft regulieren." Mit anderen Worten: fressen ohne Reue und nicht nur das, auch ohne jede Veränderung der Grundzutaten. Denn in derselben Studie findet sich auch die Einstellung der Deutschen zu wissensorientierten Technologien und Verfahren, deren Akzeptanz und letztlich Beherrschung die Grundlage für den Umstieg vom Industrie- zum Wissenssystem bilden. Hier zeigt sich nochmals dramatisch, wie das Denken der Deutschen dem vergangenen Industriezeitalter verhaftet ist. Zwar könnten, meint eine Mehrheit von 62 Prozent, Wachstum und neue Arbeitsplätze vor allem im Dienstleistungsbereich entstehen, und dabei seien Computer, Telekommunikation und Energiewirtschaft weit viel versprechendere Trümpfe bei einem nötigen Aufschwung als alte Industrien oder das Baugewerbe. Doch gleichzeitig bestätigt sich, so die Allensbach-Forscher, eine bereits Mitte der neunziger Jahre durchgeführte Umfrage, bei der sich die Deutschen als Weltmeister in Sachen Technikfeindlichkeit, insbesondere gegenüber Computern und neuen Medien, bewiesen. Nur eine Minderheit von 36 Prozent glaubt, dass Wirtschaft, Wachstum und Arbeitsmarkt durch den Fortschritt von Technik und technische Neuentwicklungen gelindert oder gar gelöst werden könnten: "Die meisten bezweifeln das", so Piel. Da passt ins Bild, dass 65 Prozent der Deutschen glauben, dass die Zukunft der Ökonomie den Konzernen gehört, den Industriebrocken also. Auf Selbstständigkeit und kleine Unternehmensformen setzen ganze fünf Prozent.

Vorwärts nimmer, rückwärts immer.

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht - und so kann den Kostgängern des Sozialstaats, die daran glauben, dass mehr, egal wovon, immer besser ist, auch getrost Aufgewärmtes serviert werden.

Von ganz links bis ganz rechts im gesellschaftlichen Spektrum gilt als wichtigste Maßnahme gegen das " Aussterben der Deutschen", also die Annäherung an das normale Maß anderer, die massive Förderung von Geburten.

Grüne Politiker wettern gegen den " Gebärstreik" und sind sich darin mit Christdemokraten einig. Die SPD wiederum findet das völlig in Ordnung, stellt aber die Schaffung möglichst vieler Kindertagesstätten und Lehrerstellen in den Vordergrund - ein Mitnahmeeffekt: Denn die als Stammwähler ausgemachten Berufsgruppen Kindergärtner und Lehrer sollen auch künftig etwas haben von der Aufrechterhaltung des "Industriestandorts Deutschland, den wir wieder und wieder stärken müssen", wie SPD-Chef Franz Müntefering vor kurzem wieder klar machte: "Wachstum suchen, mit allem, was möglich ist", so lautet sein Credo. Reaktionär ist das, aber kein seltener Standpunkt. In Bayern bedient sich Edmund Stoiber unter stärkerer Betonung des Heimat- und Schollegedankens fast genau derselben Worte. Kein Wunder: Ohne Sozialstaat wären die Apologeten der Industriegesellschaft arbeitslos, denn etwas anderes können sie nicht. Der neue Sozialtrend zu Kind und Herd hat seine Entsprechung im Industrie-Kapitalismus. Auch in dessen zentraler Doktrin, der Economy of Scale, geht es darum, die Stückzahl zu erhöhen, um mehr herauszuschlagen.

Statt Umbau ist Ausbau angesagt. Notwendig wäre, da sind sich theoretisch alle einig, eine Konzentration auf Know-how, Wissen, Bildung und Kreativität. Dennoch konzentriert sich alles auf die gewohnte Kost. Bestand und Ausbau des gegenwärtigen Systems - im Regierungserklärungs-Sprech von Kohl bis Schröder unter dem Schlagwort "Stabilität und Wachstum" bekannt -, das sind Dogmen, an denen nicht gerührt werden darf. Gemeint ist bei näherem Hinsehen immer industrielles Wachstum. Denn das ist systemkompatibel.

Ein "Illusionistentheater" hat das Meinhard Miegel genannt, eine Schmierenkomödie, die aber " den Niedergang des tradierten Sozialstaats nicht aufhalten kann. Seine empfindliche Schwäche ist der Zwang zu Expansion..., bis er platzt". Die Grenzen des Wachstums sind erreicht - und das gilt eben innerhalb des alten Systems, das sich nicht mehr von selbst weiterentwickeln kann: "Der Sozialstaat neigt ganz besonders zur Größe - er wird von den Begünstigten sowohl physisch als auch psychisch konsumiert", sagt Miegel. Mit anderen Worten: Der Sozialstaat frisst sich selbst.

05 GESTÖRTER HORMONSPIEGEL Unter 82,5 Millionen potenziellen Kannibalen gelten Debatten über Ernährungsgewohnheiten als besonders unfein. In der anglo-amerikanischen Wirtschaftswissenschaft ist der Begriff des Shrinkings, des Schrumpfens, ganz natürlich in der Nachbarschaft des geplanten Rückbaus alter zu Gunsten neuer Strukturen definiert, der Transformation.

Danach kann man hier zu Lande lange suchen. Denn der nötige Rückbau von industrieller Infrastruktur wird - wenn überhaupt - verschämt, geradezu verstohlen vorgenommen.

Industrieunternehmen, Staat, Länder und Gemeinden lassen bei Wirtschaftsexperten höchstens mal nachrechnen, was das sukzessive Entfemen überflüssiger Plattenbauten im Osten kostet. Der dringend nötige Umbau und Rückbau industrieller Anlagen und dazugehöriger Infrastruktur wird von Politikern, die von der neuen Realität unter Kostendruck gesetzt werden, meist als ökologische Maßnahme verkauft. Was nicht sein darf, kann nicht sein - und dieser Etikettenschwindel setzt sich in Trends fort.

Etwa dem der Anti-Aging-Industrie. Milliarden setzen findige Mediziner und Wellness-Manager mittlerweile mit der Angst der Menschen vor Veränderung, und sei sie noch so natürlich, um. Der menschliche Organismus beginnt ab der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts allmählich abzubauen, und noch mal rund 30 Jahre dauert es, bis der Schrumpfungsprozess offensichtlich wird. Verantwortlich dafür ist ein normaler biologischer Prozess, bei dem die körpereigene Produktion von Wachstumshormonen sukzessive verlangsamt wird. Die Lösung wider die Natur ist einfach: Wachstumshormone schlucken. Besonders populär ist dabei das Wachstumshormon DHEA (Dehydroepiandrosteron). Mediziner setzen dieses Mittel ein, um bei bestimmten Dispositionen Schwankungen des Hormonspiegels auszugleichen. Doch längst wird das für 25 Euro pro 60 Stück in Internet-Apotheken angepriesene Wachstumshormon nicht für diesen, seinen eigentlichen Zweck verkauft.

Silberhaarige Herren jenseits der 60 versuchen sich damit auf das Level von 30-Jährigen zu dopen. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie hat den Preis dafür in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2003 genannt: Bei der unkontrollierten Zuführung von Wachstumshormonen bestehe die Gefahr, dass auch Tumorzellen vermehrt wachsen. So lernen nicht wenige Anwender der Wachstumspillen die andere Seite des Anti-Aging kennen.

06 VERDAUUNGSSTÖRUNGEN Jedem Einerseits folgt ein Andererseits, jedem Extrem sein radikaler Gegenpol.

Während die meisten von Umbau und Änderung nichts wissen wollen und lieber bei großen Rationen bleiben, formieren sich am Rand der Gesellschaft immer deutlicher jene, die als einzigen Ausweg aus dem Dilemma die Nahrungsverweigerung predigen. Ausstieg, Askese, Verzicht gelten dabei als Grundtugenden.

Neu ist das nicht.

Die erste massive Verzichtserklärung begann vor hundert Jahren, mit dem Aufstieg der Wandervogel-Bewegung, eine Gegenreaktion auf die zunehmende Technisierung und Kommerzialisierung des Alltags. In den zwanziger Jahren hingen mehrere zehntausend Jugendliche dem seltsamen Naturkult an, der sich vor allem dadurch auszeichnete, dass er Fortschritt und Wachstum grundsätzlich ablehnte. Je weniger ein Wandervogel besaß, desto angesehener war er unter seinesgleichen.

Heute findet Askese anderswo statt. Mitten im Zentrum der Wachstumsgesellschaft.

So registrieren Trendforscher seit Mitte der neunziger Jahre das Phänomen der so genannten " Downshifters", einer Schicht bewusster Konsumverzichter. Bemerkenswert ist deren gesellschaftlicher Standort: In mittleren Jahren, beruflich etabliert, mit wenig freier Zeit, aber hohem verfügbaren Einkommen. Die Downshifters sind dabei eigentlich die Elite der Wachstums-Armee - ihr Wohlstand und sozialer Rang fußt auf engagiertem Mitziehen. Aber irgendwie fühlt sich diese Schicht von dem sie umgebenden Wohlstand nicht mehr richtig angetörnt. Die Ersten hier zu Lande, die dieses geistige Verdauungsproblem erkannten, sind die Autoren Werner Tiki Küstenmacher und Lothar J. Seiwert.

Küstenmacher ist eigentlich evangelischer Pfarrer, Moderator von Kindersendungen, Zeichner und wirkte bis vor drei Jahren als Autor von Werken wie "Die 3-Minuten-Bibel". Seiwert wiederum ist gefragter Zeitmanagement-Coach. Im Oktober 2001 erschien die erste Auflage ihres gemeinsamen Buches "Simplify Your Life". Anfang dieses Jahres ging der Frankfurter Campus Verlag in die 12. Auflage. Weit mehr als eine Million Exemplare wurden bisher abgesetzt, ein einmaliger Erfolg. Das Geschäft mit Lizenzausgaben für China, Russland, Japan, Großbritannien läuft eben erst an.

"Simplify Your Life" hat den wenig systemfreundlichen 68er-Slogan "Macht kaputt, was euch kaputt macht" auf harmonische Füße gestellt. Entrümple dein Leben. Schreibtisch organisieren, überflüssige Kleidung und Möbel entsorgen, Versicherungen kündigen - damit wird das Leben übersichtlicher. "Immer weniger Menschen sind bereit, die Zeit und Kraft raubende Komplexität des modernen Lebens zu akzeptieren", behauptet der Verlag in seinem Werbetext.

Dagegen werden "einfache Techniken" und " verblüffend neue Methoden" aufgefahren. Die münden in Anregungen wie "Entkrampfen Sie Ihre Beerdigung" oder "Sieben Wege, das Nein beziehungsorientiert zu verkaufen".

Der Wandel und seine Widersprüche - ein Fall für den Sperrmüll.

07 IRRTUM GRÖSSE Wem vor schierem Wachstum graut, der setzte immer schon aufs genaue Gegenteil - Schrumpfen bis zum Kern.

Verzicht gehörte zu den Grundtugenden der frühen Ökologiebewegung. Die wurde ganz entscheidend von zwei Veröffentlichungen geprägt: dem 1972 erschienenen Report des Club of Rome mit dem Titel "Die Grenzen des Wachstums" und dem ein Jahr später nachgelegten Buch "Small is beautiful" des deutsch-britischen Ökonomen Fritz Schumacher.

Beide Werke konzentrieren sich auf den Umstand, dass endloses Wachstum auf natürliche Grenzen - die der industriellen Produktion zugrunde liegenden natürlichen Rohstoffe, der Ressourcen - stoßen musste. "Die Party ist vorbei", heißt das bei Schumacher, einem Schüler des österreichischen Ökonomen Leopold Kohr, der den bis heute populären Slogan "Small is beautiful" erfand.

Auch für Kohr, der 1983 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, war der Zusammenbruch der industriellen Gesellschaft nur eine Frage der Zeit. Doch anders als sein Schüler oder der Hauptautor von " Grenzen des Wachstums", Dennis Meadows, war für Kohr nicht das Nachschubproblem entscheidend, sondern die Komplexität des Systems. Größe an sich, also das Resultat von Wachstum, war für ihn verwerflich. " Die zu große Größe ist das zentrale Problem der menschlichen Existenz, im sozialen wie im physischen Sinn." Kohr glaubte und lehrte beispielsweise, dass ein Staat mit mehr als 12 bis 15 Millionen Menschen nicht mehr funktionieren könne. Konzerne verglich Kohr stets mit Sauriern - unter nachdrücklichem Hinweis auf deren evolutionäres Schicksal. "Slow" und " small" seien die wichtigsten Faktoren im Kampf für das menschliche Maß. In seinem bereits Anfang der fünfziger Jahre fertig gestellten Hauptwerk "The Breakdown of Nations" (auf Deutsch als "Das Ende der Großen" erschienen) stellte Kohr fest, dass sich der auf Wachstumsproduktion ausgerichtete Nationalstaat, der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in ganz Europa auch Sozialstaat war, nicht mehr weiterentwickeln könne. Zwar könnten neue Technologien eine Zeit lang die schlimmsten Krisen überbrücken helfen, doch auch sie verschleierten lediglich, dass der industrielle Nationalstaat, ausgerichtet auf schieres Wachstum, an seiner eigenen Komplexität zugrunde gehen müsste.

08 TRENNKOST Was Kohr von den Schrumpf-Theoretikern unterschied, war eine ganz wesentliche Idee; Quantitatives Wachstum, also die Stückzahl-Doktrin der Industriegesellschaft, die sich selbst unausweichlich bis zu einer nicht mehr bekömmlichen Größe aufschaukelte, sollte seiner Ansicht nach durch qualitatives Wachstum ersetzt werden. So könnte eine Ökonomie entstehen, die aus Forschung und Neugierde zu Neuem führt, meinte Kohr. Weder ohnmächtiges Mitwachsen noch verzweifeltes Aussteigen, sondern der Wandel, die Transformation, ist die Lösung. Wo Bildung und Wissen wachsen, muss nicht mehr die fette Kost von gestern verlangt werden. Trennkost ist angesagt.

Dazu müssen die Energien aber auch auf Qualität gelenkt werden. Erkenntnisse gibt es genug. Bei den wissensorientierten Hightech-Dienstleistungen, zu denen etwa Forschung und Entwicklung, Telekommunikation und Datenverarbeitung gehören, wuchs die Zahl der Arbeitsplätze in den Ländern der EU zwischen 1996 und 2001 jährlich um 6,1 Prozent.

Seit Mitte der neunziger Jahre verliert Deutschland jährlich fünf Prozent seiner Industriearbeitsplätze - doppelt so viel wie in anderen EU-Staaten, die sich allerdings bereits vor Jahren vom Dogma des industriell betriebenen Sozialstaats, der Illusion der Arbeitsplatzmaschine, verabschiedet haben.

In der Republik Irland hat die intensive Förderung der wissensorientierten Dienstleistungen - und das Ende der staatlichen Intervention zu Gunsten von alten Industriearbeitsplätzen - dazu geführt, dass die Transformation nun auch wieder Produktionsarbeitsplätze schafft. Die allerdings werden weder vom Staat gefördert noch verwaltet, auch nicht von staatsnahen Konzernen. Die Menschen, die in diesen neuen Industriejobs arbeiten, haben auch verstanden, dass die neue Zusammenstellung der Kost bekömmlich sein kann.

Doch das elend langsame Tempo des Wandels in Deutschland, fürchtet die Berliner Zukunftsforscherin Beate Schulz-Montag, ist vor allem ein Wahrnehmungsproblem der richtigen Chancen: "Natürlich gibt es Wachstum - Wissensdienstleistungen wachsen weiter enorm. Nur wird eben transferiert. Doch das sieht man nicht. Man sieht nur die Industriebrachen im nördlichen Nordrhein-Westfalen oder in Ostdeutschland. Und dann festigt sich eine seltsame Haltung, nämlich die, es gäbe im Land ein festgelegtes Quantum an Arbeit, das geringer wird. Dass neue Märkte entstehen, wird nicht mehr wahrgenommen." Die Schönrederei polinscher und industrieller Lobbys, sagt die Gesellschafterin des Zukunftsinstituts Z_Punkt, ist dabei das größte Problem: "Politiker verkaufen Menschen, die es nicht besser gelernt haben, Arbeitsplätze und Sicherheit, die sie nicht versprechen können - das ist das ganz normale kurzfristige Wahlkampfkalkül." Ursache und Wirkung sind eins: Ein Land, in dem die meisten nicht gelernt haben, auf Neues zu setzen - auf Visionen, neue Lebenskonzepte wie Technologien gleichermaßen - ist, auch wenn es hart klingen mag, im internationalen Vergleich ungebildet. Dick und doof schrumpft es um alte Werte herum. "Wer sich Bildung und Innovation so verweigert, der ist natürlich auch nicht reif für selbstbewusste Bürger- und Zivilgesellschaften. Bildung, mit allen Mitteln und auf allen Ebenen, ist die einzige Chance, selbstbewusst zu werden. Menschen mit weniger Bildung haben nicht nur weniger Möglichkeiten, sie sind auch mutloser", meint Schulz-Montag.

Gesundschrumpfen? Weiterwachsen wie bisher? Alles Schnee von gestern, sagt die Wissenschaftlerin: "Rückbau und Wachstum sind überholte Begriffe, es geht um Transformation. Allerdings würde es bei uns schon einer Revolution gleichkommen, die Realität zur Kenntnis zu nehmen." Die Grenzen des Wachstums liegen im Kopf, dort, wo Forscher längst das Entscheidungszentrum aller Diätprobleme ausgemacht haben.

Gewachsen und geschrumpft wird immer, alles bleibt in Bewegung - was nicht heißt, dass alles gut wird. Das kann man auch im Weltall beobachten, wenn man will. Da blähen sich, in all dem ewigen Wachstum, ganz normale Sterne zu riesigen Gebilden auf, die sich nicht satt fressen können an all der Materie ringsum. Rote Riesen sind das, die für Wachstum alles tun. Das Ende vom Lied: Unter ihrem eigenen Gewicht brechen die Giganten zusammen.

Das nennt man Schwarzes Loch.

Das Nichts.