Wider das Jodel-Haus

Der Augsburger Architekt hält seine Häuser für minimalistisch. Dummerweise sehen das seine Nachbarn ganz anders. Eine Posse, die zeigt, wie schnell man hier zu Lande zum Radikalen werden kann.




Claus Kaelber hat ein Haus gebaut. Es heißt " 9x9" und wird vom 10. September an im deutschen Pavillon der Architekturausstellung der Biennale in Venedig zu sehen sein. Fachzeitschriften überschütten den Architekten mit Lob. Der Kubus hat einen Preis " für vorbildliches Bauen in Schwaben" gewonnen, und die Chancen auf weitere Auszeichnungen stehen gut. Für das Bauamt der Augsburger Vorortgemeinde Stadtbergen ist Kaelber dagegen ein "Schwarzbauer". Und das Landratsamt verlangt von ihm, die Natursteinfassade hinter "Feinputz, nicht grell" und das Steindach unter Blech verschwinden zu lassen.

Dies ist eine architektonische Erfolgsgeschichte. Und die Leidensgeschichte eines designverliebten Bauherrn in Deutschland, der einen taktischen Fehler begangen hat. In der Geschichte kommen ein Architekt mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein, klagefreudige Nachbarn, vermutlich mit Rechtsschutzversicherung, ein sympathischer Bauamtsleiter, eine 80 Jahre alte Rotbuche, Rumpelstilzchen und der Stammtisch des örtlichen Musikvereins vor. Die Geschichte weist über weite Strecken die Genremerkmale der Provinzposse auf. Sie wirft aber auch die Frage auf, ob der Kleingeist immer über den Großmut siegen muss und ob unter diesen Voraussetzungen in diesem Land Innovation möglich ist. Doch zum Grundsätzlichen später.

Eigentlich wollte Claus Kaelber gar nicht bauen. Der Münchner Kommunikationsberater suchte 2001 gemeinsam mit seiner Frau, einer Augsburger Rechtsanwältin, eine Eigentumswohnung. Mehr als 100 Quadratmeter sollte die groß sein, gute Anbindung an das öffentliche Nahverkehrsnetz haben und Kaelbers Ansprüchen an " zeitgemäße Wohnarchitektur" genügen. Eine solche Wohnung fand er in Augsburg nicht, dafür ein günstiges Grundstück im Vorort Stadtbergen. Der Stammtisch des Musikvereins wird sich später darauf einigen, dass der Baugrund eigentlich nur ein "Handtuch" ist. Der sympathische Bauamtsleiter wird von einer "von vornherein schwierigen nachbarschaftlichen Situation sprechen". Und der sendungsbewusste Architekt wird versichern, dass "es keine schlechten Grundflächen gibt, sondern nur schlechte architektonische Lösungen". Kaelber jedenfalls sah die Chance, seine Ansprüche an zeitgemäße Wohnarchitektur in Form eines Einfamilienhauses zu einem reellen Preis selbst umzusetzen.

Rund 550 Quadratmeter misst das Grundstück an der Maria-Hilf- Straße 19, laut Stadtbergener Bauausschuss eingebettet in "ein gutbürgerliches Gebiet mit gewachsener Struktur". Links vom Kaelber-Grundstück beleidigt eine schmuddelige Monster-Garage das Auge. Ein paar Häuser weiter haben sich die Hausherren eine Holzgaube an die Wand geklatscht, die stark an eine überdimensionale Kuckucksuhr erinnert. Angrenzend, im Garten eines Kunstlehrers mit grünem Parteibuch, steht eine wunderschöne Rotbuche, deren Wurzeln sich ohne Rücksicht auf die kommunale Bauordnung bis zum Grundstück Nr. 19 durchgegraben haben. Der Vorbesitzer von Kaelbers unbebautem Handtuch hatte schon mehrfach versucht, auf dem Grundstück ein Haus zu errichten, was immer an juristischen Einwänden zur Rettung der Rotbuche scheiterte. Die Stadt beschloss daraufhin einen Bebauungsplan, der klare Vorgaben machte. Auf dem Grundstück durfte mit einer Grundfläche von neun mal neun Metern gebaut werden, in ausreichendem Abstand zum Baum.

Nun ist Kaelber nicht nur ein Freund von zeitgenössischer Architektur. Er mag auch Rotbuchen und hatte kein Interesse daran, von seiner Terrasse aus zunächst auf einen sterbenden Baum und später ins Küchenfenster der Nachbarn zu blicken. Um auf der sicheren Seite zu sein, ließ er vor Baubeginn einen so genannten Wurzelgraben ausheben, mit dem die tatsächliche Ausbreitung der Wurzeln geprüft wurde. Das Ergebnis des Wurzel-Gutachtens lautete: Keine Gefahr für den Baum, die Baugrube darf mit einem Bagger ausgehoben werden.

Mit Baubeginn begann für Kaelber und seine Frau dennoch "so eine Art B-Horror-Movic" bayerisch-schwäbischer Machart. Kaum stand das erste Baugerät auf der Wiese, rauchte bei den Bauherren das Fax. Die Anwälte der Nachbarn teilten mit, dass die Mitarbeiter der Elektrizitätswerke deren Grundstück nicht betreten dürften, um Kaelbers Verbindung zum kommunalen Stromnetz herzustellen. Auch dürfte der Kran mit seinem Aufleger nicht über den Luftraum der Nachbargrundstücke schwenken, was die Baufirma vor größere technische Probleme stellte. Zudem hatten Schaufel und Hacke kein Recht, am Gartenzaun der Nachbarn zu lehnen. Auch der zuständige Beamte der Bauaufsicht im Augsburger Landratsamt bekam zwischenzeitlich Post: eine Dienstaufsichtsbeschwerde, er käme seinen Pflichten in der Maria-Hilf-Straße 19 nicht nach. Den Nachbarn konnte dagegen niemand vorwerfen, die Bauarbeiten nicht genauestens verfolgt zu haben.

Volkes Stimme ist gut genährt, fährt Fahrrad und macht seinem Herzen an der Baustelle Luft: "Du Betonsau!" Die Betonhülle des Hauses wuchs dennoch Schale um Schale in den zweiten Stock. Im Inneren feilte der Architekt Titus Bernhard am komplexen Raum- und Licht-Konzept seiner "bewohnbaren Skulptur". Im Windschatten der nachbarlichen Monstergarage (Ostseite) entstand gemäß Baugenehmigung ein vergleichsweise dezenter Carport. Der bescherte der örtlichen Anwaltschaft ein weiteres Umsatzplus. Das Verfahren ging zu Gunsten des Bauherrn aus, was der (zur Erinnerung: Kommunikationsberater) auf seiner Web-Seite wort- und bildreich dokumentierte.

Ursprünglich hatte Kaelber vor, den Bau seines Hauses für den Architekten-Nachwuchs festzuhalten. Nun machte er gleich noch die rechtlichen Streitigkeiten publik, was ihm prompt eine Anzeige wegen übler Nachrede einbrachte. Das Urteil des Augsburger Amtsgerichtes wies Kaelber an, seine Web-Seite in einigen wenigen Punkten zu verändern. Als "einfältig und borniert" durfte er die Nachbarn nicht bezeichnen. "Rumpelstilzchen" hatte der Bauherr bereits freiwillig gestrichen. Das berühmte Karl-Kraus-Zitat durfte hingegen online bleiben: "Wo die Sonne der Weisheit am tiefsten steht, werfen selbst Zwerge große Schatten." Titus Bernhard, 41, tiefe Falten von der Nase zu den Mundwinkeln, ist nicht nur Architekt, der sein Handwerk beim New Yorker Branchenstar Richard Meier gelernt hat. Er ist Missionar. 15 Häuser hat das Büro Bernhard in den vergangenen zehn Jahren gebaut. Jedes war ein Statement "gegen das Jodel-Haus". Bernhard will jungen Architekten "neue Perspektiven aufzeigen" . Er tritt an "gegen das Geschmacksdiktat der Mittelmäßigen". Bei ihm klingt das nicht arrogant. Mit bayrischem Akzent hinterfragt er nicht nur die Baugesetzgebung, sondern ständig auch sich selbst. Zu seiner Mission gehört allerdings die Provokation. Seine "Fortentwicklungen der klassischen Moderne" setzt Bernhard mit sichtbarer Freude in ,Jodelhaussiedlungen". Anecken ist Ziel. Beim Haus 9x9 ist ihm das bereits in der Rohbauphase gelungen. Eines Tages stand der Architekt mit einem Mitarbeiter vor dem Kubus, bei dem noch die Fassade fehlte. Ein Radfahrer mit dickem Bauch fuhr heran und schrie: "Du Betonsau!" Der Mann mag dem Volk in Stadtbergen seine Stimme geliehen haben, inhaltlich war sein Beitrag unbegründet. Laut Bauantrag hatten Bauherr und Architekt vor, die Betonschale des Hauses mit einem " mineralischen Putz" zu versehen. Während der Bauphase erhielten Kaelber und Bernhard jedoch ein verlockendes Angebot. Ein Anbieter von Steingabionen - das sind gefüllte Drahtkörbe - wollte das Haus zum Werbeobjekt machen und sponserte eine Natursteinfassade. Das brachte neben dem optischen Akzent auch noch ökologische Vorteile: Die Gabionen konnten das Designhaus dank hervorragender Dämmwerte auch noch zum Niedrig-Energiehaus aufwerten. Kaelber und Bernhard überlegten, ob sie eine Änderung des Bauantrags beantragen sollten, die der städtische Bauausschuss genehmigen musste. Nach den Erfahrungen mit den Nachbarn und dem Radler entschieden sie sich dagegen und ließen sich auf ein riskantes Pokerspiel ein. Die Drahtkörbe mit den Natursteinen sollten einfach an einem Tag montiert werden, zur Not würde man im Nachhinein ein Bußgeld akzeptieren. Dummerweise passten die gelieferten Gabionen nicht genau. Neue Körbe mussten angefertigt werden, was mehr als eine Woche dauerte.

Von wem auch immer alarmiert, verhängte die Bauaufsicht im Landratsamt einen Baustopp. Nun begingen Kaelber/Bemhard einen gravierenden Fehler. Der Bauherr sah die Kosten aus dem Ruder laufen. Um doch weiterbauen zu dürfen, behauptete das Duo, über die Natursteine käme noch ein mineralischer Putz, und das Blechdach sei auch schon in der Mache. Nachdem der Baustopp aufgehoben und die letzte Gabione montiert war, stellte Kaelber dann doch seinen Antrag auf Änderung des Bauantrags. Der Bauausschuss lehnte diesen mit einer Mehrheit von neun zu null Stimmen ab. Aus dem Sitzungsprotokoll geht hervor, dass unter anderem der Dritte Bürgermeister (Bündnis 90/ Die Grünen) sich gegen das Niedrig-Energiehaus stark machte. Für Kaelber war damit klar, dass zumindest in seinem Fall die architekturästhetische Reaktion in Stadtbergen "nicht von irgendwelchen Lederhosenseppeln" getragen wurde.

Bauamtsleiter Ulrich Lange sitzt in einem leicht missproportionierten Rathaus aus dem Jahr 1994. Viel Glas, viel Weiß, viele Streben. Weil es einen Stock höher ist als die angrenzende Bebauung, hat der Architekt auf Traufhöhe der Nachbarhäuser Fassadenornamente anbringen lassen, die an einen griechischen Tempel erinnern. Das Rathaus soll sich so besser in seine Umgebung einfügen. Langes Büro ist leider etwas kleiner geraten als geplant, wegen Abstandsvorgaben auf dem etwas zu kleinen Grundstück. "Bauen bedeutet halt immer auch Kompromisse schließen", sagt der Mitvierziger.

Lange ist von Haus aus Diplomverwaltungswirt. Seine Sachkenntnis hat er "aus den nötigen Fortbildungen". Er trägt ein kariertes Baumwollhemd und braune Baumwollhosen. Für schwierige Fälle nimmt er sich immer viel Zeit, hört allen Seiten geduldig zu. Lange ist im besten Sinn ein Mann des Kompromisses.

Der richtige Mann für seinen Job. Mit Titus Bernhard, betont der Beamte mehrfach, ist er bislang " hervorragend ausgekommen". Immer wieder habe er bei anderen Bauvorhaben Bernhards für Befreiungen von Bauvorschriften gesorgt. Noch öfter betont Lange, dass er "die Entscheidungen des demokratisch gewählten Bauausschusses zu respektieren und loyal zu vertreten" habe.

Aus Langes Sicht stellt sich der Fall so dar: Der Architekt versucht nachträglich eine Architekturdiskussion anzuzetteln, um sich über geltendes Baurecht hinwegzusetzen. Bernhard hätte den Bauausschuss von vornherein von seinem Vorhaben überzeugen müssen, dann hätte der Bebauungsplan noch geändert werden können. Charismatisch wie der Architekt sei, wäre das durchaus möglich gewesen. Die Mitglieder des Bauausschusses müssen sich auf jedem Gartenfest dafür rechtfertigen, warum sie diesem oder jenem Bürger diese Gartenmauer oder jenen Spitzgiebel nicht genehmigt haben. Und nun kommt so ein Stararchitekt aus Augsburg daher, beschimpft die Häuser, in denen die Mehrzahl der Stadtbergener wohnen, als Jodelhäuser und will im Nachhinein seine angebrannte Extrawurst retten. So geht es nicht. Recht ist nun mal Recht! Und Bauen ist nun mal Kompromiss!

Amtsleiter Lange gehört dem Bauausschuss nicht an. Er hatte dem Gremium empfohlen, trotz der nicht ganz korrekten Vorgehensweise der Bauherren - und gegen das klare Votum des Ersten Bürgermeisters (SPD) - die Steinfassade nachträglich zu genehmigen. Womit wir beim Grundsätzlichen wären. Wo ist eigentlich das Problem?

Bernhard nennt das Haus 9x9 minimalistisch. Lange findet die Attribute "eigentlich harmlos" und " nimmt sich sehr zurück". Die "Gefahr, dass das Haus Nachahmer findet", hält der Bauamtsleiter für "sehr gering". Der Bauausschuss hingegen sieht die "Ruhe des Straßenbildes nachhaltig gestört". Warum sind nach Bauordnung Monstergarage und überdimensionale Kuckucksuhr erlaubt, ein Biennale-Haus aber nicht? Kaum eine Branche in Deutschland ist so reglementiert wie die Baubranche. Kaum einer Branche geht es schlechter. Titus Bernhard kann leicht nachweisen, dass ihn das Design-Haus rund dreimal so viel Arbeit gekostet hat wie ein Standardhaus aus der Schublade. Da er nach der gängigen Gebührenordnung für Architekten abrechnet, bekommt er diese Mehrarbeit nicht honoriert. Die richtet sich nämlich nach den Gesamtkosten für den Bau, und die lagen dank Fassaden-Sponsoring bei nur 310 000 Euro. Bernhard leistet diese Mehrarbeit trotzdem, weil er ein Besessener ist, der etwas Außergewöhnliches schaffen will. " Nach heutigem Baurecht wäre Neuschwanstein nicht genehmigungsfähig", merkt Bauamtsleiter Lange an. Bauen war offenbar nicht immer Kompromiss, und Besessene durften Außergewöhnliches schaffen.

Claus Kaelber sieht derweil mit gemischten Gefühlen seinem Verfahren vor dem Augsburger Verwaltungsgericht gegen den Regierungsbezirk Schwaben entgegen. Falls nötig, will er bis in die letzte Instanz gehen, in der Hoffnung irgendwann auf einen gnädigen Richter zu treffen, der ihn mit einer Geldstrafe davonkommen lässt. Auch eine Duldung wäre rechtlich möglich. Das Haus zu verputzen kostete rund 50000 Euro, womit unter Umständen die Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt wäre. Für den sympathischen Bauamtsleiter Lange käme der Putz " einer Todsünde" gleich. Architekt Bernhard hat bereits angekündigt, dass dies ohnehin "nur über seine Leiche" möglich wäre.

Den Gasthof Lamm in Stadtbergen könnte auch der " Stararchitekt" übrigens kaum als Jodel-Haus bezeichnen. Der Hof ist alt und ehrlich. Am späten Nachmittag sitzen vier Herren vom Musikverein beim Weizenbier am Stammtisch. Sie kommen gerade von einer Beerdigung, auf der sie gespielt haben. Die Stimmung ist gut, die Frage nach dem Haus 9x9 willkommen. Die Musiker sind über den Fall aus der Lokalpresse gut informiert. Zwei der vier haben sich das Haus bereits genauer angeschaut. "Am Tag der offenen Tür der Bayerischen Architektenkammer?" "Nein, mir san halt kurz drum 'rum g'schlichen und ham halt rein'schaut." Der Wortführer am Tisch fällt sein Urteil: "Mir g'fällt's!" Keiner widerspricht. Es folgt eine längere Debatte über die Handtuchgröße des Grundstücks, die Dichtigkeit der in den Beton eingefassten Fenster und die Frage, wie lange Natursteingabionen überhaupt halten. Dann fällt ein weiser Satz: "So ein G'schrei weg'n so einem kleinen Häuserl!" Die vier Musiker lachen laut. Sehr laut.