Was ist eigentlich - E-PAPER?

Papier ist geduldig: Seit Jahren wartet es auf seine Ablösung durch ein elektronisches Speichermedium. Und man glaubt es kaum - tatsächlich könnte es bald so weit sein.




Sony und Philips - das sind üblicherweise erbitterte Konkurrenten. Kein Wunder also, dass eine gemeinsame Presseaussendung vom März dieses Jahres ziemlich auffiel: Zusammen mit dem US-Unternehmen E-Ink präsentierten die beiden Konzerne das weltweit erste kommerzielle E-Paper-Produkt. LIBRIé, so der Name des gemeinsamen Babys, ist ein so genanntes Elektronisches Papier. Die Sony-Philips-E-Ink-Variante hat das Format eines Taschenbuches, wiegt 190 Gramm und ist mit einer Speicherkapazität ausgestattet, die es erlaubt, bis zu 500 Bücher zu archivieren.

Vor einigen Jahren hätte man das noch E-Book genannt. Aber das war - nicht nur im Vergleich zum E-Paper - eine zutiefst langweilige Erfindung. Sony hatte bereits vor gut einem Jahrzehnt ein solches Gerät im Programm. Mit dem Bookman konnte, wer wollte, beispielsweise Shakespeare auf einem miesen Bildschirm lesen - unterwegs im Zug etwa. Warum das jemand tun sollte? Weil es technisch eben möglich war. Ein Argument, das potenziellen Käufern freilich nicht reichte. Sie hatten keine Lust, sich mit jämmerlich schlechten Displays und der lästigen Abhängigkeit von Batterien und Ladegerät abzugeben. Produkte wie der Bookman waren zu unflexibel im Vergleich zum Original, dem Papier, dem Medium der Gutenberg-Galaxis. So kam es zu einem scheinbaren Paradox; Je mehr die Unternehmen vom Electronic-Paper-Business redeten, desto mehr Drucker und Papier wurden verkauft. E-Paper und E-Books waren out. Doch in der Welt der Technik funktioniert, was anderswo unmöglich ist: Nicht selten lassen sich längst abgeschriebene Entwicklungslinien erfolgreich wiederbeleben.

Es gibt Menschen, die müssen kraft ihres Amtes an so ein Comeback glauben, wie etwa Will Frederiksz, Entwickler bei Philips: "Es hätte damals auch niemand gedacht, dass CDs jemals Schallplatten ablösen würden. Und wir wollen mit unseren Displays langfristig Papier ersetzen." Immerhin: Ziel ist nicht mehr die Revolution, sondern allmähliches, evolutionares E-Papern.

Zusammen mit dem US-Unternehmen E-Ink hat man bei Philips drei Jahre lang an der neuen Display-Technologie namens E-Paper gefeilt.

Das Prinzip: Die 1997 am Massachusetts Institute of Technology entwickelte elektronische Tinte, E-Ink, besteht aus vielen winzigen Mikrokapseln, die mit elektrisch geladenen schwarzen und weißen Partikeln gefüllt sind. E-Ink ist eine Art Film, der auf jede Oberfläche aufgetragen werden kann und über Schaltkreise von dort gesteuert wird. Wird positiv geladene elektrische Spannung angelegt, schwimmen die schwarzen Partikel nach oben und sind dort für den Betrachter als schwarze Punkte sichtbar. Gleichzeitig werden die weißen Teilchen durch eine gegenteilige Spannung nach unten gezogen. Der Prozess funktioniert auch umgekehrt. So wird Schrift auf dem Display erzeugt - eigentlich ganz einfach.

Das Resultat: Die Buchstaben auf E-Paper erscheinen gestochen scharf und kontrastreich, die Schrift lässt sich auch dann tadellos erkennen, wenn man von der Seite auf den Bildschirm schaut. Für entspanntes Lesen sind das wichtige Kriterien. Zudem funktioniert das neuartige Display auch im hellen Sonnenlicht und in dämmriger Umgebung, Bedingungen also, unter denen herkömmliche Monitore versagen. Und die neue Technologie ist ausdauernd und sparsam. Bis zu 10000 aufgerufene Seiten fernab der Steckdose sind heute schon möglich.

Das erste Testfeld: Japan Die Akzeptanz technischer Innovation misst man am besten in Japan, sagt Frederiksz. Die Japaner sind verspielt und nutzen jede neue Technologie. Japan ist eine Art großes Praxis-Labor für die Welt. Irgendwann, so die Erfahrung, kommt ein Abkömmling einer neuen Technik, die in Japan Furore macht, auch zu uns. Deshalb war Philips die Kooperation mit Sony höchst willkommen: In den ersten vier Wochen auf dem japanischen Markt verkauften die Partner 400 Exemplare von LIBRIé. Für Will Frederiksz ist das ein exzellentes Ergebnis.

Allerdings eines, über das Papier- und Druckerhersteller bisher schmunzeln. Dennoch beobachten sie den neuen Markt mit Argwohn. Was ihnen Sorge macht, ist eine Entwicklung, die vor allem ihre besten Kunden betrifft: die Verleger und Papiergroßverbraucher. Einer von ihnen, Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, träumte bereits am Jahresanfang öffentlich von einer "Bild", die auf E-Paper erscheinen würde.

Indes: Das, was der Springer-Chef da öffentlich träumte, hat wenig mit der neuen E-Paper-Technologie gemein. Im Verlagsgeschäft versteht man unter E-Paper nämlich eine digitalisierte, originalgetreue 1:1-Version der Print-Ausgabe. Die E-Paper-Ausgabe imitiert also auf elektronischem Wege das, was in der wirklichen Welt existiert.

"E-Paper ist ein Trend, von dem alle Verlage derzeit glauben, ihn mitmachen zu müssen", sagt die Münchener Medienexpertin Katja Riefler. In Europa gibt es bereits 100 bis 120, in Deutschland etwa 30 digitale Abbilder gedruckter Zeitungen. Verleger in Not erwarten sich durch die kostenpflichtigen E-Paper-Ausgaben ein Zusatzgeschäft mit allen, die nicht rechtzeitig mit der Papier-Variante versorgt werden können.

Was es den Lesern bringt? Die vertraute Tageszeitung auf Reisen, das gewohnte Lese-Erlebnis auch an entlegenen Orten der Erde, Internet-Anschluss vorausgesetzt. Auch die "Neue Zürcher Zeitung" bietet ihr E-Paper, "NZZ global", seit dem 1. März 2004 kostenpflichtig an. "Für unsere internationale Leserschaft bedeutet E-Paper eine Kostenersparnis, denn wir müssen unseren Abonnenten im Ausland die Vertriebspreise nicht mehr aufschlagen", sagt Andreas Häuptli, bei der "NZZ" für die Vermarktung verantwortlich. Was bedeutet, dass Leser in Timbuktu, am Nordpol oder in Lima dieselbe Abo-Gebühr zahlen wie die in der Schweiz.

Als Nischenprodukt im Informationsmix der Verlage ist E-Paper also durchaus sinnvoll. Mit E-Paper-Abos könnten eines Tages vielleicht sogar die Auflagenzahlen gesteigert werden. Allerdings: So weit ist es noch lange nicht. Selbst Deutschlands ältester E-Paper-Anbieter, die Koblenzer "Rhein-Zeitung", hüllt sich über Abonnenten-Zahlen lieber in Schweigen. Nur so viel: Die "New York Times" (Papier-Auflage: eine Million) ist mit 4000 Abonnenten in Sachen E-Paper momentan am erfolgreichsten.

Grund zur Euphorie gibt es also nicht. Dafür Visionen. Zum Beispiel die, dass in multimedial angereicherten E-Paper-Versionen Anzeigen und Werbung in einer ganz neuen Qualität präsentiert werden könnten: Autoverkäufer inserieren mit Bild, wer seine Wohnung verkaufen will, tut es per Kurzvideo, Anzeigen werden auf Klick zu interaktiven Erlebnisreisen.

Gerlinde Hinterleitner, seit zehn Jahren für den Online-Auftritt der österreichischen Tageszeitung " Der Standard" verantwortlich, kennt solche Pläne. "Viele Zeitungen haben in den vergangenen Jahren das Anzeigengeschäft verpasst und müssen aufholen", sagt sie und ist stolz, dass die Online-Tochter des " Standard" 2003 durch Online-Werbung erstmals einen operativen Gewinn verbuchen konnte. E-Paper sei dabei lediglich ein Service, eine große Zukunft sieht sie aber nicht: "Print und Online sind getrennte Welten." Die Erfolgsbedingung: echter Nutzen Also zurück zur echten Innovation. Am allerschönsten wären Displays in allen Größen - gut leserlich, auf Wunsch faltbar und strapazierfähig. Philips experimentiert gerade mit ultradünnen, flexiblen Plastikfolien auf Polymerbasis, auf denen E-Ink-Technologie zum Laufen gebracht wird. Die große Roadmap hat Philips-Entwickler Will Frederiksz bereits heute klar vor Augen: In vier bis fünf Jahren soll es farbige E-Paper-Displays geben, gut doppelt so lange wird es dauern, bis organische und gleichzeitig robuste Displays auf den Markt kommen.

Bis es so weit ist, verfolgen E-Paper-Entwickler wie Sony und Philips allerdings realistischere Pläne. Zum Beispiel sollen Flugkapitäne für ihre dicken Handbücher E-Paper-Geräte bekommen oder Schulkinder in China mit einem einzigen, universellen E-Book für alle Fächer ausgestattet werden. Ist das alles billig zu haben, strapazierfähig, Energie schonend, kurz und gut: praktisch, dann, aber nur dann, könnte sich das Blatt wenden.