Nackt im Wald mit Nietzsche

Karlheinz Deschner schreibt seit mehr als einem halben Jahrhundert gegen die Verlogenheit des Christentums an. Leben konnte er von dieser Mission nie. Dafür hält sie ihn quicklebendig.




An diesem Ort geht es um das Wesentliche. Es gibt kein Internetcafe. Der Main fließt gemächlich. Das Zentrum liegt übersichtlich zwischen zwei alten Türmen. Man hat viel Zeit für ein Stück Kuchen in der fränkischen Kleinstadt Haßfurt und viel Ruhe zu jeder Tages- und Nachtzeit. Hier lebt der "bedeutendste Kirchenkritiker der Gegenwart" (Österreichischer Rundfunk), "der wohl kompromissloseste Autor und Denker im deutschsprachigen Raum" (" Weltwoche"), "der sowohl schärfste wie kenntnisreichste Kirchenkritiker des 20. Jahrhunderts" ("El Independiente"), " ein Voltaire unserer Tage" ("Basler Zeitung" ) - Karlheinz Deschner.

Er wohnt in dem Haus, das seine Eltern gebaut haben. "Ich selbst hätte mir nie so was leisten können." Das Haus ist funktional, klar, unscheinbar. Dort schreibt er seit mehr als 50 Jahren Bücher gegen das Christentum, gegen die USA, gegen schlechte Literatur. Mehr als 15 000 Druckseiten hat er bis heute gefüllt. "Aufklärung ist Ärgernis; wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher", ist einer seiner Sätze. Seine Feinde nennen ihn "Oberteufel", "Antichrist" oder "Menschenfeind".

"Warum wollen Sie zu mir kommen?", hatte er gefragt.

"Wir wollen ergründen, was Sie treibt." " Ich warne Sie: Sie werden enttäuscht sein. Bis auf einen alten Mann und alte Katzen werden Sie nichts finden." Deschner ist ein hagerer, flinker 80-Jähriger. Er hat wache Augen. Er kann zuhören. Und er hat eine sehr leise Stimme. "Hier habe ich die Welt im Griff", sagt er und zeigt in sein Arbeitszimmer. Das ist bis in die letzte Ecke voll gestopft mit Büchern, Papier und Akten über vergangene Menschen, vergangene Epochen, vergangenes Leben. Es riecht nach Papier und Tier. Seine Kaninchen und Katzen erinnern ihn wohl daran, dass das Kleine oft das Große im Leben ist.

Hier vergehen Tage, Monate, Jahre und Leben - in denen aus Schmidt Kohl und aus Kohl Schröder wird, aus der Bundesrepublik Deutschland und aus der DDR nichts. Während all dessen sitzt Karlheinz Deschner hinter seinem Schreibtisch, liest, denkt und schreibt, schreibt wie ein Galeerensträfling, der nicht anders kann, seit mehr als einem halben Jahrhundert, bis zu 14 Stunden am Tag, 100 Stunden die Woche, 5000 im Jahr. "Die 40-Stunden-Woche", sagt er lächelnd, "würde für mich bedeuten, dass ich weniger arbeiten müsste." Aber für einen wie Deschner zählen Zahlen nicht. Für einen wie ihn zählt das, was am Ende herauskommt und dann vielleicht bleibt. "Auch, wenn irgendwann mal alles schnuppe ist, was ich geschrieben habe." Was treibt diesen Mann? Woher kommt sein Radikalismus? Und vor allem: Warum hat sich sein Radikalismus noch nicht in Rente begeben? Oder wurde die Rente nur erfunden, um unruhige Geister wie Deschner ruhig zu stellen?

1962 veröffentlichte Deschner das bis heute als kirchenkritisches Standardwerk geltende Buch " Abermals krähte der Hahn", in dem er Laien erstmals verständlich erklärte, wie das Christentum zu dem wurde, was es ist. Er entlarvte die Scheinheiligkeit der Moral, der Dogmen, das Weihnachts- oder Osterfest als Plagiate, den Widerspruch zwischen Verkündung und Tatsache. Letzten Endes ließ er nur Haare in der Suppe zurück.

An den 700 Seiten hatte er in 5 Jahren 25 000 Stunden gearbeitet. Und das nur, weil ihm die Presse 1957 Feigheit vorgeworfen hatte. Denn Deschner hatte ein Buch veröffentlicht, in dem bekannte Autoren schrieben, was sie vom Christentum hielten. Deschner als Herausgeber schrieb keinen Beitrag. "Den Vorwurf der Feigheit konnte ich doch nicht unerwidert lassen." Wenn radikal bedeute, an die Wurzeln und Quellen zu gehen, "dann bin ich ein Radikalist, aber ein vernünftiger", sagt er und streichelt mit der linken Hand seinen kleinen Hund, der ihn sehnsüchtig ansieht. "Mein Radikalismus ist nur geistiger Art, ich habe noch nie ein Fenster eingeworfen. Und ich war nur zwei Mal auf einer Demo - zufällig." Wie wird man ein Radikaler?

Zunächst sei das eine Frage des Temperaments, der Ehrlichkeit, setzt er an, vielleicht müsse man auch ein bisschen altmodisch und weltvergessen sein. Und dann sagt er: "Man muss sehr wach sein, genau beobachten, dann sollte man einigermaßen sensibel sein und, was ganz wichtig ist, man sollte weitab von jeglichem Opportunismus stehen, und das ist am schwierigsten." Seit 1970 schreibt er an der auf zehn Bände angelegten "Kriminalgeschichte des Christentums", ein monumentales Werk, das hält, was der Titel verspricht. Der erste Band erschien 1986. Deschner war da schon 62 Jahre alt. In einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe setzen, begann er diesen Feldzug gegen den Opportunismus. Es geht ums Foltern, Verbrennen, Morden, Abschlachten im Namen Gottes. Es geht um Prostitution, Korruption und Betrug im Namen des Christentums - von den Anfängen bis heute.

Deschner haut drauf, wo es nur geht, so stark, wie es nur geht - als empörter Ankläger mit dem Hammer der Faktenlast und dem Schwert der Wortgewalt. Das klingt so: "Es muss ein eigentümliches Vergnügen sein, im Blut der Menschheit zu schwimmen. Es muss ein eigentümliches Vergnügen sein, fast zwei Jahrtausende zu fälschen und zu täuschen." (...) "Wo sonst gibt es eine Religion, die aus Liebe tötet, aus Liebe foltert, aus Liebe raubt, erpresst, entehrt, verteufelt und verdammt. Das Ganze heißt nicht Geisteskrankheit, das Ganze heißt Christentum." Seine Feinde werfen ihm Diffamierung, fehlende Wissenschaftlichkeit, Einseitigkeit und Polemik vor, bezeichnen ihn als Misanthropen, Ketzer, Hetzer. So einen wie Deschner hätte man im Mittelalter verbrannt. Dass er noch lebe, hat ihm mal ein Leser gesagt, sei ein Zeichen dafür, dass die Kirche doch nicht mehr so schlecht sei. Heute beten sogar Katholiken für ihn. Nach einer Lesung kamen mal einige Frauen auf ihn zu: "Wir beten für Sie. Wir beten für Sie, dass Sie Ihr Buch fertig stellen." Im Vergleich zu Deschner sind bekanntere Kirchenkritiker wie Hans Küng oder Eugen Drewermann nur Kuscheltiere.

Der Mann ist liebenswürdig, heimatverbunden, tierlieb. Und sagt: "Gott geht in den Schuhen des Teufels." "Mönchlein, Mönchlein, du gehest einen schweren Gang", sagte sein Vater ihm immer wieder - den Satz, den man Martin Luther vor seinem Gang zum Wormser Reichstag gesagt haben soll. "Er hatte wohl eine Ahnung, was mir bevorstand", sagt der Sohn heute. Er wurde als Karl Heinrich Leopold Deschner am 23. Mai 1924 im bischöflichen Bamberg geboren. Der Vater war katholisch, Förster und Fischzüchter; die Mutter war protestantisch aufgewachsen. Seine Heimat, "die Landschaft meines Lebens", um den Steigerwald in Franken, hat Deschner nie verlassen.

Wer heute mit ihm in seinem alten BMW durch die idyllischen Dörfer fährt, merkt sofort, dass er hier zu Hause ist. Vom Straßenrand grüßen ihn die Menschen. Hier Freunde, dort Verwandte. Felder, Wälder, Wiesen wecken Erinnerungen. "Hier haben wir gewildert. Dort war ich mit meiner ersten Liebe. Wenn ich in München groß geworden wäre, wer weiß, ob ich da Kirchenkritiker geworden wäre - bei all diesen Gebäuden, die einem den Blick verstellen." Seine Familie, sagt er, sei bunt gewesen. Sozialisten, Kommunisten, Juden, Sektierer, Freimaurer und Nazis. Der kleine Deschner saß bei Familienfesten zwischen den diskutierenden Verwandten, hörte zu, verstand sicher noch nicht alles, aber, dass die Welt nicht einfach einzuteilen ist.

In die Schule ging er bei den Franziskanern, Karmelitern und englischen Fräuleins. Deschner war ein fauler Schüler. Aber: "Nein. Ich bin nie misshandelt worden. Ich hatte eine glückliche Jugend. Ich habe wunderbare Mönche kennen gelernt. Und doch habe ich mich geistig vom Christentum distanziert." An schönen, sonnigen Tagen führ Deschner mit dem Rad zur Bahn, um dann weiter zur Schule zu fahren. Dort kam er oft nicht an. Er schlug sich, angezogen von den Sonnenstrahlen und der Freiheit, in den Wald, zu einer Lichtung, zog sich aus und las - Nietzsche. Das gab die Richtung. Später noch Kant und Schopenhauer.

Nach dem Krieg - er war Fallschirmjäger - studierte er zunächst Forstwirtschaft, dann Jura, Theologie, Philosophie und Psychologie, ohne je ein Seminar zu besuchen. Deschner war fleißig, er stand um vier Uhr auf, las und las - vor allem das, was ihn interessierte, selten das, was er sollte. Er promovierte mit einer Arbeit über "Lenaus Lyrik als Ausdruck metaphysischer Verzweiflung" und bestand die Prüfung "mit viel Glück". An einen Tag in den Fünfzigern kann sich Deschner noch sehr gut erinnern. Es war ein Tag, der ihm sagte, wo all das, was er bis dahin geworden war, noch hinführen sollte. Bei einem Spaziergang mit seinem Hund sah er in der Feme zwei Geistliche unter Apfelbäumen. Deschner erinnert sich: "Etwas atemlos noch verfolgte ich beide, genoss ihr geistliches Leben, so ruhig alles, friedlich, und dachte plötzlich: Gott geht in den Schuhen des Teufels. Dieser Gedanke bestimmte meine Arbeit, mein Leben." 1956 veröffentlichte er einen autobiografischen Roman. " Die Nacht steht um mein Haus". Es ist der Befreiungsschlag eines Mannes in der Nachkriegszeit - ein bohrender, negativer Monolog über die Befreiung von der eigenen, feigen Unzulänglichkeit. "Wer verstehen will, was diesen Menschen treibt, ihn bewegt, ihn die Arbeit tun lässt, für die andere Menschen mehr als ein Leben bräuchten, der liest dort: "Ich drehe mich wie ein Kreisel fortwährend im Nichts, ich bin schwindlig davon, ich bin schwach davon, ich sehe nicht, wie ich zur Ruhe kommen soll, und wenn ich zur Ruhe komme, dann ist es eine Ruhe in der Verzweiflung." Deschners Verzweiflung steckt an. Als den Kirchen in den Achtzigern und Neunzigern die Menschen wegliefen, hatten viele ihre Gründe bei Deschner gefunden. "Ich denke, also bin ich kein Christ", sagt er. Seine Fans, darunter Professoren, Arbeiter, Lehrer, Hausfrauen, Journalisten und auch Priester oder Theologen, feiern seine Sprache, seine Sachkenntnis, seine Ironie, Spitzfindigkeit und seine Radikalität.

Herbert Steffen, einer seiner beiden Mäzene, sagte in einem Interview: "In Deschners Büchern hat mich immer wieder diese Radikalität aufgewühlt. Weil mir dadurch immer klarer bewusst wurde, wie belogen und betrogen ich in meinem früheren Leben war und was die Kirche, die die reine Lehre und nur Liebe und Güte predigt und den Menschen Frieden verheißt und Trost und Erlösung, was diese Kirche angerichtet hat. Sooft ich ein Deschner-Buch gelesen habe, möchte ich am liebsten meinen Job an den Nagel hängen und nach dem Motto Voltaires vorgehen: Ecra-sez l'infame!" - Zerschlagt die Infamie!

Deschners langjähriger Lektor bei Rowohlt, Hermann Gieselbusch, hat ihn mal als " Streitschriftsteller" bezeichnet. Das ist er. Außerdem Freidenker, Skeptiker, Provokateur. Vor mehr als 40 Jahren hat er bereits Aufsehen erregt - mit der literarischen Streitschrift "Konventionen und Kunst", in der er Suhrkamp-Großautoren seiner Zeit die Leviten las und sich auf die Seite von solch kauzigen Underdogs wie Hans Henny Jahn und Robert Musil schlug. Er war Gegner der mächtigen Gruppe 47, "die alle für den literarischen Betrieb wichtigen Redakteursposten in Deutschland innehatte". Er schrieb gegen den Kitsch als "dickhäuterischen Optimismus" und als Vegetarier für die Rechte der Tiere. Deschner ist nichts heilig.

Seine Hauptzielscheibe aber blieb das Christentum. Wer von all den bluttriefenden Verbrechen bei Deschner liest, erwartet vielleicht jemanden, der so laut ist wie seine Worte, vielleicht einen wie Michel Friedman. Deschner ist das Gegenteil. "Nehmen Sie Plätzchen, nehmen Sie Plätzchen", sagt er und lässt sich in einem schweren Sessel nieder. "Noch Kaffee?" Von einem Foto im Regal lächelt Erich Kästner. Wer Deschner einmal auf seiner Lesung gesehen hat, der sieht einen Mann in einfachem Jackett, einfachem Pullover und einfacher Hose, der kommt, liest und wieder geht. Ohne Schnörkel, ohne Pomp - so wie er schreibt, ohne unnötigen Ballast. Es gäbe keine schlechtere Vorführung, wenn da nicht seine Worte wären, die dem Zuhörer wie Granaten um die Ohren fliegen. Applaus empfängt er mit einem Nicken, während seine Augen umher wandern und der Mann anscheinend nur eines will: weg hier! "Ich bin ein Mann des Schreibtischs", sagt er. Ob er das Leben draußen nicht manchmal vermisse? "Wer schreibt schon nebenbei? Die Frage ist, ob man nebenbei leben kann!" Erst vor zwei Monaten, erzählt er, habe er entdeckt, "dass der Frankenwein ja ganz gut ist". Deschner hat sein ganzes Leben in Franken gelebt.

Zum 80. Geburtstag gab's für "den berühmtesten Sohn der Stadt" einen Sektempfang. Und seine Feinde schäumten In Haßfurt ist Deschner bekannt - vor allem aus der Zeitung, "denn Deschner tritt hier eigentlich nie auf". Das sagt Wolfgang Sandler. Er ist der Chefredakteur des "Haßfurter Tagblatts" , ein kleiner, rundlicher Mann mit Brille und Schnauzbart. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche. "Nein, Ärger gibt es hier keinen mit Deschner. Zumindest keinen, der von ihm ausgeht." Deschner sähe man kaum und wenn, dann bei nächtlichen Spaziergängen auf einsamen Straßen, "wie ein Nachtgespenst".

Nur zum 80. Geburtstag, den er im Mai dieses Jahres feierte, hatten Stadt und Landrat einen Sektempfang organisiert. Karlheinz Deschner durfte sich als " berühmtester Sohn der Stadt" in das Goldene Buch dieser katholischen, schwarzen Stadt eintragen. Einige Einwohner liefen Sturm, schickten Leserbriefe an die Zeitung, in denen sie beklagten, dass Steuergelder für jemanden ausgegeben würden, der ihre religiösen Gefühle beleidige. "So ist das eben", sagt Deschner. "Früher war es schlimm, wenn die Menschen einen gemieden haben und ich auf einer ganzen Zeitungsseite fertig gemacht wurde." Warum hat er nicht alles hingeworfen, nicht aufgegeben? Bei all dem Druck? All den Anfeindungen?

"Ich will das nicht Glaube oder Idealismus nennen, sondern blinder Wille. Ich hatte eine gewisse Energie und einen Trieb, das immer weiter zu machen." Und gab es keine Zweifel?

"Zweifel gab es immer, aber es ist die Kunst, nicht daran zu verzweifeln." Nicht zuletzt deshalb ist Deschners unermüdliche Schufterei der Versuch, sich selbst gnadenlos offen zu legen, sich zu erkennen, so wie er als junger Mann im Wald lag und Nietzsche nackt an sich heran ließ. Ohne Puffer, ohne Schutz.

Allerdings bekennt er in einer Aphorismensammlung auch: "Jeden Augenblick hätte ich für meine Kinder mein Leben hergegeben, für die ich doch nur Augenblicke meiner Zeit hergab." Und man ahnt, welche familiären Opfer er brachte. "Für Katja, Bärbel und Thomas (1959-1984)" ist in seinen Büchern oft als Widmung zu lesen. Katja und Bärbel heißen seine Töchter. Thomas hieß sein Sohn. Deschner hat mit seiner Schreibmaschine bis heute 15 000 Druckseiten in mehr als 50 Büchern gefüllt. Seine Bücher haben sich insgesamt mehr als eine Million Mal verkauft. Er hat mehr als 60 000 Leserbriefe bekommen und mehr als 2000 Vorträge gehalten. Aber: Seitdem er als 32-Jähriger sein erstes Buch veröffentlichte, konnte Deschner eigentlich nie von seiner Arbeit leben.

Störenfriede wie Deschner bekommen keine Lehraufträge und Stipendien. Dafür hat er zwei Mäzene "Das Elend war mein ständiger Begleiter", sagt er. " Ich wusste manchmal nicht, wie ich meine Familie ernähren sollte. Furchtbar war das. Furchtbar." Er bewarb sich erfolglos als Lehrer, Redakteur, Forstwirt, " Wer nimmt einen wie mich schon?" Einmal bekam er allerdings die Stelle eines Programmdirektors beim Saarländischen Rundfunk angeboten. "Ich war total pleite. Aber damals war der Intendant Referent bei Adenauer. Das wäre sicher nicht gut gegangen." Alle diese Ausbruchsversuche hätten ihn von seiner " Linie" etwas abgebracht, nicht geistig, "aber in dem Sinne, dass ich weniger Zeit fürs Schreiben gegen die Kirche gehabt hätte." Er musste schreiben, um zu leben und zu überleben. So erscheint seine Arbeit, das ständige Schreiben, wie ein ewiger Kampf um das klarste Wort, den bestechendsten Gedanken, die wahrste Aussage. "Wer die Wahrheit gewinnen will, muss aufräumen wollen, sich vom Schund trennen können. Kein Autor, der so aufs Ganze geht und sich selbst dabei nicht ungeschoren lässt, sich bis ins Innerste misstraut, bespitzelt, belästigt, zertrümmert, demontiert und schlechtmacht." Das schrieb der Schweizer Autor Dieter Fringeli 1989 über ihn.

Mehr als 60 Menschen haben Deschners Findungsarbeit bis heute ermöglicht, darunter zwei Mäzene. Denn Störer wie Deschner bekommen keine Stipendien oder Lehraufträge. Selbst all die Schreibmaschinen, auf denen er arbeitet, sind Geschenke seiner Leser. So hat etwa ein Chef einer Krankenkasse aus Würzburg dafür gesorgt, dass er seine Zeit bei der Wehrmacht und die Arbeit bei seinem Vater, der Förster war, als Rente angerechnet bekommt. " Rente? Ich? Da wäre ich nie drauf gekommen." Ohne solche Hilfen hätte Deschner nie überlebt. Er wäre nie zu dem Deschner geworden, der es allein aus seinem Zimmer heraus mit 2000 Jahren Christentum aufnimmt - und der heute in großen Buchhandlungen wie Gonski in Köln ein eigenes Fach hat. "Deschner" steht da, wie eine Marke - neben "Heilige Schrift" und " Theologie". Trotzdem hat er sich nie wirklich frei gefühlt. "Klar, mir hat niemand über die Schultern geschaut. Aber ich bin abhängig, wie jeder. Von Verlagen, von meinen Mäzenen, von mir selbst. Frei ist nur, wer wirtschaftliche Unabhängigkeit hat. Ein Unternehmer." Es bleibt die Frage: Wer braucht einen radikalen Deschner heute noch? Ist Kirchenkritik überhaupt noch zeitgemäß?

"Nach außen hin verlieren die Kirchen an Macht, aber nach innen bleibt sie. Sehen sie die Parteien, Politik, die Sozialgefüge in Dörfern und Städten. Die Kirche ist noch überall", sagt Deschner. "Und: Es wird immer noch mehr Geld für Volksverdummung als für Bildung ausgegeben. Dagegen hilft nur radikale, geistige Opposition." Einen Computer hat er immer noch nicht, und als Sabine Christiansen bei ihm anrief, um zu fragen, ob er nicht in ihrer Sendung auftreten wolle, antwortete er: "Nein!" Was ist in einer Gesellschaft, in der alles wesentlich ist außer dem Wesentlichen, radikaler als eine Absage bei Christiansen? Substanzlosigkeit sei ihm ein Graus, sagt er. "Und in zwei, drei Minuten lässt sich im Fernsehen nichts sagen, was von Belang wäre. Also bleibe ich lieber zu Hause und schreibe." Oder er hört Bruckner, schreibt über Franken oder fährt ans Meer, das er über alles liebt. Es gibt Fotos, die zeigen ihn am Strand, mit einem Barett auf dem Kopf, eingehüllt in einen Trenchcoat, wie der "Detektiv Jerry Cotton ihn trägt, mit einem großen Fernglas, raus aufs Meer gen Horizont blickend. "Es geht mir um die kritische Aufklärung", sagt er. "Und die ist, auch wenn es überzogen klingt, wichtiger als alles." Würde er sein Leben wieder so leben?

"Ich bereue nichts. Ich würde alles wieder so machen. Meine radikale geistige Haltung hat nie gelitten. Sie hält mich wach." Er hält inne und schweigt. Seine Augen schweifen durch das Zimmer, entlang an den Büchern, Büchern, Büchern. "Eines würde ich ändern", sagt er. "Ich würde nicht mehr mein halbes Leben gegen das Christentum verwenden, sondern für eine noch hoffnungslosere Thematik - die Tiere." Literatur (Auswahl): Karlheinz Deschner: Die Nacht steht um mein Haus (1956), Konvention und Kunst (1957), Abermals krähte der Hahn (1962), Der manipulierte Glaube (1971), Kriminalgeschichte des Christentums, Bände 1 bis 8 erschienen (1986 bis 2004), Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert (1991), Bissige Aphorismen (1996), Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom (1985).