Teuer ist besser

Die elende Diskussion um die Elite kostete bisher nur Nerven. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Wer sich fortan äußern möchte, soll dafür bezahlen.




Es ist nichts passiert. Es wird nichts passieren. Auch gerade jetzt passiert überhaupt nichts.

Da, die Toten erheben sich aus den Gräbern. Lass uns diskutieren, ob sie dabei ein Kopftuch tragen dürfen. Josef Ackermann geht es gut. Seine Feinmotorik funktioniert erstklassig. Und dieses Lächeln. Kann ein solcher Mensch überbezahlen? Oder überbezahlt sein? Deutschland ist prima. Wenn wir uns anstrengen, besonders die Arbeitslosen, werden wir eines Tages auch auf den Mars fliegen. Da wurde gerade Wasser entdeckt. Also kann ein Strand nicht fern sein. Destination Mars. Tourismus extrem. Mars ist geil. Geiz ist geil. Gier ist geil. Deutschland extrem. Extrem verwaltet. Extrem verschuldet. Extrem verblödet. Wir brauchen eine Lösung. Eine Endlösung. Wir brauchen Elite-Unis.

Von allen Dummheiten, die mir gerade einfallen, ist die Idee der Elite-Unis die dümmste. Würde man Menschen das Schwimmen lehren, um sie hinterher in der Wüste auszusetzen?

"Die Führung der Menschheit durch die westlichen Menschen schwindet nicht, weil die westliche Kultur materiell verarmt ist oder ihre ökonomische und militärische Macht schwächer wird. Die Zeit des westlichen Systems endet in erster Linie, weil es die lebensgebenden Werte verloren hat, die es zum Führer der Menschheit machten." (Sayyid Qutb, " Meilensteine") Sayyid Qutb gilt als einer der ideologischen Väter des islamistischen Fundamentalismus und der terroristischen Gruppen, die ihm entsprangen. Der Ägypter war ein intelligenter Intellektueller, ein Mitglied der Elite, und mal abgesehen davon, dass seine Schriften auf dem Koran basieren, an den man glauben muss, um ihm glauben zu können, ist gegen viele seiner Schlussfolgerungen wenig zu sagen. Sayyid Qutb wurde 1966 in Ägypten zum Tode verurteilt und gehängt. Neue Eliten sagen selten Dinge, die der alten Elite gefallen.

Was sollen intelligente, gut informierte, vorausschauende, vernünftige Mitglieder einer neuen Elite in einem Land, in dem im günstigsten Fall der Durchschnitt herrscht, in dem Gier und Geiz die letzten Werte sind, in dem sich eine kleine Managerkaste unkontrolliert Jobs und Abfindungen zuschiebt, in dem ein toter Planet, ausgestellte Tote und einer, der einen Toten gegessen hat, nichts als Tod Tod Tod, die Nachrichten bestimmen, in dem Prominente Würmer essen oder in Kakerlaken baden, damit sie weiterhin prominent genug sind, um Einkaufszentren, Supermärkte, Schuhläden oder Möbelhäuser eröffnen zu können, in denen alle Waren billig sind wie sonst nirgends, weil sie aus China kommen, aus dem Ostblock, aus Gefängnissen, aus Heimarbeit, aber ganz sicher nicht aus einem deutschen Betrieb, denn erst müssen die Steuern runter und die Kosten, erst müssen alle und alles flexibler werden, außer dem Profit, dem Shareholder Value, der Gier, damit der Gewinn und die Abfindungen größer werden, bis sich jeder Manager einen neuen Pool in seinen Garten, ach was, Park bauen kann, allerdings, EU sei Dank, von Rumänen, beaufsichtigt von der thailändischen Putzfrau?

Der Ruf nach einer neuen Elite ist eine kollektive Bankrotterklärung, ein Eingeständnis, dass andere das tun sollen, was die heutigen Entscheider nicht einmal versuchen: vernünftig und konsequent zu denken und zu handeln. Insgeheim haben sie begriffen, dass sie sich alle wie Idioten benehmen, für die es kein Gestern und kein Morgen gibt, keine Gemeinschaft und keine Werte, und dass ihnen das den Kopf kosten wird. Also soll sie nun eine neue Elite retten - denn sie wollen, können und werden sich nicht ändern. Aber was passiert Menschen, die klüger sind als ein durchschnittlicher Prokurist, der es bis in den Vorstand geschafft hat? Sie werden gehasst. Oder ignoriert.

Denn natürlich gibt es längst eine neue Elite. Sie kommt nur nicht in Führungspositionen, weil sie sich selbst genügt und kein Interesse hat an einer Karriere, die sich an Status statt an Lebenssinn orientiert. Und weil sie, wenn sie durch Zufall doch mal in eine hierarchische Struktur gespült wird, gegen die Arschkriecher keine Chance hat. Und weil sie, wenn sie trotzdem eine entscheidende Position erreicht, von Konzernzentralen, Aufsichtsräten und Shareholdern nach höchstens drei ungewöhnlichen Ideen abgesetzt wird. Denn ändern soll sich eigentlich nichts. Gewünscht wird ein "Wer wird Millionär?"-Gewinner mit BWL-Studium und guten Manieren, der die 100 wichtigsten Bücher aller Zeiten gelesen hat - wobei selbstverständlich keines aus den vergangenen 20 Jahren stammt. Dabei reicht es eigentlich, "Die Buddenbrooks" zu lesen, um das Problem zu verstehen: Die neue Elite soll so weitermachen wie bisher, nur effizienter - und das funktioniert nicht.

Die alte Elite will nichts ändern, die neue Elite kann nichts ändern, also brauchen wir eine dritte Kraft: eine Elite, zu der wir alle gehören, die weiß, was sie will, kann, braucht und muss und die das auch durchsetzt. Um die zu schaffen, muss ein gemeinsames Lernprogramm her. Und da in diesem Land nur noch gelernt wird, wenn es um Geld geht, muss alles teurer werden.

Ich bin für Studiengebühren. Ich bin für höhere Lebensmittelpreise. Ich bin dafür, dass DVD-Player teurer werden. Die Fernsehgebühren müssen rauf. Das Umsonstfernsehen wird abgeschafft. Es soll überhaupt nichts mehr umsonst geben. Vor allem nicht Kultur. Kunst hat einen Gehalt, den man nicht einfach wegkonsumieren kann, und da jeder das am höchsten achtet, was er am teuersten gekauft hat, soll jeder, der irgendwas sehen, hören oder lesen will, zahlen. Und zwar reichlich. Ich will nicht mehr gefragt werden, ob ich eine CD gebrannt haben will, ich will, dass Musik etwas kostet. Ich will keine kostenlosen Downloads aus dem Internet und illegale Kopien von Hollywood-Blockbustern, abgefilmt mit Videokameras in indischen Vorhöllenkinos. Ich will keine Frauenzeitschriften für einen Euro und TV-Magazine für 50 Cent. Ich will, dass sich alle überlegen, was sie konsumieren. Ich will, dass sich jeder fragt: Will ich das? Brauch' ich das? Ist das gut für mich? Ich will, dass das zu einer Gewohnheit wird. Aber solange wir in einer Welt leben, in der es alles für alle fast umsonst gibt, wird das nicht passieren. Ich habe die Schnauze voll von Leuten, die mir jede Woche erneut erzählen, sie hätten den ganzen Abend ferngesehen, aber da sei nichts Vernünftiges dabei gewesen, und hinterher hätten sie sich schlecht gefühlt. Ich will, dass jeder, der den ganzen Abend rumzappt, dafür 20 Euro zahlen muss. Mindestens. Und zwar an Josef Ackermann.

Jawohl, auch das noch: Ich will, dass jeder Manager ab sofort sein doppeltes Gehalt bekommt. Und wenn das nicht reicht, wird das Geld noch mal verdoppelt. Bis wenigstens einer sagt: Es ist genug. Wenn das niemand sagt, geht eben die Welt unter. Und ich will, dass auch das Eintritt kostet.