TANZENDE SCHATTEN

Menschen sprechen gern in Zahlen, weil sie ihren Gefühlen nicht trauen. Und weil Zahlen etwas eindeutig Falsches suggerieren: Eindeutigkeit.




"Und wenn man kein Geld hat, geht man auf die Bank und lässt sein Gehirn als Pfand dort, und da kriegt man tausend Mark. Der Mensch kann nämlich nur zwei Tage ohne Gehirn leben; und er kriegt es von der Bank erst wieder, wenn er zwölfhundert Mark zurückzahlt." Aus dieser Bemerkung aus Erich Kästners "Emil und die Detektive" folgt zweierlei. Erstens: Zinsen können zeitweise recht hoch sein. Zweitens: Manche Bankgeschäfte setzen zumindest bei einer beteiligten Partei ein gewisses intellektuelles Defizit voraus.

Abgesehen davon, müssen wir wohl die Tatsache akzeptieren, dass Geld - oder allgemein - Zahlen, die uns persönlich betreffen, großen Einfluss auf unsere Gefühlswelt haben. Woran liegt das? Warum vertrauen immer weniger Menschen ihrem Gefühl? Liegt es am Misstrauen gegenüber der wahrlich schwer kalkulierbaren Wirkung von Gefühlen? Schwer kalkulierbar? Eigentlich doch unkontrollierbar!

Ja, das könnte der Schlüssel sein, es geht um Kontrolle. Kontrolle - ausgeübt oder eingebüßt - setzt Endorphine frei. Man braucht kein Kulturpessimist zu sein, um die Gültigkeit von Murphys Gesetz im täglichen Leben zu bestätigen: Was schief gehen kann, geht schief. Oft kommt es anders als erhofft. Daher gehört wahrscheinlich der Kontrollverlust zu den wichtigsten Antriebskräften der kulturell-technischen Evolution.

Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn hat diesen Kampf ums Rechthaben mit dem Begriff " Paradigmenwechsel" beschrieben. Die gute Nachricht: Nicht alle Bemühungen gehen ins Leere, nicht alles geht schief. Wenn menschliche Bemühungen Früchte tragen - das nennt man dann Erfolg - gibt es dafür in der Regel die kapitalistische Belohnung Geld. Geld wird also zum Speichermittel für Leistung und somit quasi zur " geronnenen Anerkennung", womit wir wieder beim Gefühl wären.

Die Raffinerie des Gehirns wandelt den äußeren Stimulus Geld in Gefühle um, toll! Noch toller wäre, wenn das auch umgekehrt wieder funktionierte. Sie tippen richtig, die Rede ist von Visionen.

Was ist wichtiger? Gefühl oder Zahlen? Was gilt als verlässlicher Wertmaßstab? Vor allem aber, was ist ein Wert? Nehmen wir den Shareholder Value, der ab und an gern mit Geld verwechselt wird. Value aber heißt Wert, nicht Geld. Und Werte sind oft immaterieller Natur. Schon beinahe regelmäßig schreckt mich mein Computerbildschirm: "Kursanstieg durch Stellenabbau". Hat der CEO den Shareholder Value wirklich langfristig gesteigert? Die Zukunft wird die Lehre aus der Leere zeigen: Preis und Wert wurden verwechselt. Übrigens: Das Wort Zahl ist mit dem Begriff Fetisch verwandt, doch dazu später ...

Hier noch ein Beispiel aus der Kunstwelt: 1961 verpackte Piero Manzoni 30 Gramm einer gut verdauten Mahlzeit in Döschen und bot sie interessierten Kunstsammlern unter dem Arbeitstitel "Merde d'Artiste" auch sogleich an. Anfang der Neunziger kostete ein Döschen 75000 Dollar, neun Jahre später hingegen laut Sotheby's Katalog 3000 Dollar. Der Kurs des Kots schwankt, doch sogar am tiefsten Punkt muss man dafür immer noch mehr bezahlen als für eine vergleichbare Menge besten Kaviars. Werte sind also relativ und höchst persönlich, sie ändern sich laufend. Geld kann daher keinen Wert und Wert daher keinen Preis haben. So viel also zur Relativität von Werten, ausgedrückt in Preisen.

Buchstaben können nur Spuren der Realität vermitteln. Zahlen auch Der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski hat seine eigene Meinung zum Thema Geld: "... wenn das Geld für so verschiedene Dinge wie Bibel, Schnaps und Sexualverkehr einen gemeinsamen Wertausdruck schafft, dann kann man darin eine Verbindung zum Gottesbegriff des Nikolaus von Kues entdecken, für den Gott die Coincidentia Oppositorum, den Einheitspunkt aller Gegensätze bedeutet. Indem das Geld zum Äquivalent aller Werte wird, erhebt es sich (wie einst Gott) über die Mannigfaltigkeit der erscheinenden Welt. Die Zirkulationsmacht des Geldes hat den Geist überflügelt, dem man einst nachsagte, er wehe, wo er will ..." Er wehe, wohin er will, der Wind des Zeitgeistes. Die Windrichtung wird täglich gesucht. Dabei brauchen Menschen, die Entscheidungen treffen, nun mal verlässliche Grundlagen. Verlässlich ist gleichzusetzen mit allgemein verständlich, wiederholbar und somit vergleichbar. Es geht daher um transparente Begrifflichkeit, um gemeinsame Codes, um Sprache. Buchstaben oder Zahlen? Was hat mehr Gewicht?

Der französische Philosoph Jacques Derrida hat eine Antwort, die für die Literaturkritik entworfen wurde, durchaus aber auf sprachliche Probleme bei wirtschaftlichen Prozessen anwendbar ist. Unsere Sprache, so Derrida, ist nicht in der Lage, eine klare, eindeutige Bedeutung zu vermitteln. Worte schaffen keine allgemein verbindliche Realität. Diese Erkenntnis hat Konsequenzen für unsere Weltsicht. Seit Platon versucht die westliche Philosophie, zu eindeutigen Bedeutungszusammenhängen zu gelangen. Dies geschieht aber mithilfe der unpräzisen Sprache.

Sprache kann uns höchstens Spuren von Realität vermitteln. Meist führt sie uns jedoch in die Irre, denn auch die Bedeutung des Gelesenen verändert sich - je nachdem, wer den Text gerade liest und in welchem Kontext er dies tut. Die Aufforderung "Beschreibe deine Vision" würde somit ungleich mehr Antworten auf den Schreibtisch eines Managers bringen als die Frage nach dem Kassenstand. Ist diese Vielfalt überhaupt erwünscht?

Zahlen stehen für Genauigkeit, die Sprache für das Kreative. Ganz so scharf ist die Trennung aber nicht, wie Enron und Parmalat jüngst bewiesen. Der Versuch einer Abgrenzung führt uns zu Werner Heisenberg. Seine " Unschärferelation" (man kann nichts messen, ohne es zu beeinflussen) treibt uns gerade zu den genauen Maßstäben, die sich bei korrekter Anwendung nicht verändern lassen.

Rechenoperationen lassen sich nachvollziehen, beliebig wiederholen und gelten als unbestechlich. Die Grenze zwischen Buchstabe und Zahl, zwischen Sprache und Mathematik ist in der binären Welt, in der wir heute leben, sehr fließend. Man versucht sämtliche Bewusstseinsinhalte auf Zahlensysteme zu reduzieren: Bist du eine Null oder eine Eins?

Die Eindeutigkeit tut mancherorts weh - Sprache als Zahl! Übersetzt werden einzelne Buchstaben, das Wort Literatur (= Buchstabenmenge) gewinnt somit eine völlig neue Bedeutung. Wir sollten uns nicht nur für die Summen, also Worte, sondern auch für die einzelnen Elemente, die Buchstaben, interessieren. So wie das schon Umberto Eco im "Foucaultschen Pendel" gemacht hat. Oder auch Pythagoras, der versucht hat, eine alles erklärende Weltformel mathematisch zu formulieren. Es muss ja nicht gleich ein 512-Bit-Code sein. Auch das Ersetzen von Buchstaben durch ihren Zahlenwert des Alphabets (A = 1 ... Z = 26) wird seit Jahrhunderten praktiziert.

Gleiche Wort-Quersummen deuten auf Sinnverwandtschaften von Begriffen hin, die nicht immer auf den ersten Blick fassbar sind. So, nun sind wir bei der Numerologie angelangt. Wie hilft uns diese im Spannungsumfeld Sprache/Zahl weiter?

Details kabbalistischer Quersummen-Spielereien lassen wir beiseite, eines aber ist gewiss: Wer mit Zahlen alles (Wort-Quersumme 49) erklären will - eindeutig und ohne Spielraum - liegt damit wahrscheinlich auf eindeutigem Kurs; falsch (Wort-Quersumme ebenfalls 49). Da sich numerologisch die wirkliche Ordnung (93) hinter dem Schweigen (93) verbirgt, wollen wir nicht wesentlich tiefer gehen. Nur eines noch. Bewaffnen wir uns mit einem Augenzwinkern und formen wir einmal folgende Gleichung um: Rechnung90 + Grammatik93 = Schrift83 + Mythos100 Rechnung90 = Schrift83 + Mythos100 - Grammatik93 Ist der Unterschied von Schrift und Rechnung wirklich so groß? Müssen Zahlen wirklich Gefühle verschütten? Nein. Dies ist ein Plädoyer für das Gefühl, ich breche eine Lanze für die Mehrdeutigkeit! Ich wünsche mir, dass viele entscheidende Entscheider ihre Rolle als Cave Potatoes frei nach Platons Gleichnis aufgeben, aus der Höhle treten und vieles, was bisher als sichere Entscheidungsgrundlage gegolten hat, als tanzende Schatten verwerfen. Begrüßen wir sie: Willkommen an der frischen Luft!