SCHULDEN ALS REFERENZ

Wer wenig Geld hat, muss viel ausgeben, um mehr Geld zu bekommen. Wer aber über Jahre hohe Zinsen zahlen kann und trotzdem überlebt, hat unter Beweis gestellt, dass er kreditwürdig ist. Seltsame Logik? Ein Geschäftsmodell.




Michael Döhnert ist einer von denen, die sich in Probleme verbeißen, ein richtiger Wühler. Er kann nicht aufhören, über etwas nachzudenken, bis er eine Lösung gefunden hat. Döhnert ist Chef von Interest, einem Unternehmen, das sich auf die Finanzierung des Mittelstandes spezialisiert hat. Seit zehn Jahren lotet er die tiefen Wasser des Metiers für seine Klienten aus. Er ist einer, der unaufhörlich Fragen stellt, was seine Partner zwar schlauer macht, aber auch erschöpft. Doch die Mühe kann sich lohnen. Sein momentanes Lieblingsprojekt ist ein neues Finanzierungsmodell für seine Stammkunden. Denn gerade im Mittelstand gibt es zahlreiche Ungereimtheiten, wenn es um frisches Geld geht. Im Besonderen in Zeiten von Basel II.

Seine Ausgangsüberlegung dabei ist so schlicht wie einleuchtend: Wenn ein mittelständisches Unternehmen in der Lage ist, über Jahre hinweg hohe Zinsen auf Lieferantenkredite und Ähnliches zu zahlen, weil es keine Bankkredite bekommt, und wenn es trotz der enormen Finanzierungskosten überlebt - dann müsste es allemal für einen günstigeren Kredit gut sein. Von dieser Art Unternehmen gibt es in Deutschland reichlich. Viele von Döhnerts Kunden gehören dazu.

Lieferantenkredite sind teuer. Aber vielfach die einzige Chance Wie teuer die Finanzierung ist, wenn sie nicht über Bankkredite läuft, lässt sich leicht ausrechnen. Angenommen, ein Lieferant bietet seinem Abnehmer zwei Prozent Skonto, wenn er innerhalb von 45 Tagen zahlt, und ein Nettozahlungsziel von 60 Tagen. Der Kunde nimmt, weil er nicht genug Liquidität hat, den Zahlungsaufschub voll in Anspruch. Daraus ergibt sich ein effektiver Zinssatz von 48 Prozent pro Jahr.

Bei einem Skontoziel von 14 Tagen und einem Zahlungsziel von 30 Tagen sind es immerhin noch 45 Prozent Zinsen per anno, die er zu bezahlen hat. Zum Vergleich: Ein Kontokorrentkredit kostet aktuell effektiv um die zehn Prozent Zinsen im Jahr. Das bedeutet, der Unternehmer zahlt für diese Art der Finanzierung bis zu 38 Prozentpunkte Zinsen mehr als bei einer Bankfinanzierung. Klar, dass bei einer derartigen Zinsbelastung kaum noch Geld übrig bleibt, um die Eigenkapitaldecke und damit die Bonität für künftige Bankkredite zu verbessern.

Nicht viel besser sieht es bei einer Finanzierung über das Factoring aus, eine Mittelbeschaffung, die sich angesichts fehlender Bankkredite und geringer Liquidität immer mehr durchsetzt. Beim Factoring verkauft der Unternehmer einen Teil seiner Forderungen an eine Factoring-Gesellschaft, die ihm dafür den größten Teil seiner häufig erst viel später fällig werdenden Außenstände sofort ausbezahlt. Der Unternehmer bekommt sein Geld also wesentlich früher, als mit dem Kunden vereinbart.

Das ist für viele Mittelständler verlockend - aber nicht günstig. Denn neben den Kreditzinsen kassiert die Factoring-Gesellschaft in der Regel eine Gebühr. Die wird allerdings nicht auf die Kreditsumme berechnet, sondern auf den zu Grunde liegenden Umsatz.

Und das läppert sich.

Bei einer Laufzeit von 40 Tagen, einer Factoring-Gebühr von 1,5 Prozent bezogen auf den Umsatz und einem Kreditzins von 10 Prozent p. a. macht das eine effektive Belastung von 23,5 Prozent pro Jahr. Beträgt die Gebühr ein halbes Prozent mehr, sind es sogar 28 Prozent Zinsen im Jahr. Hinzu kommen häufig noch weitere Kosten, etwa Gebühren je Rechnung.

Pauschalsätze sind in der Regel nicht günstiger. Rechnet man mit einem "Allesinklusive-Satz" von vier Prozent, dann beträgt die effektive Belastung im Jahr bei einer Kreditdauer von 40 Tagen immerhin 36 Prozent.

Nicht gerade ein Schnäppchen.

So weit zum Dilemma der Firmen. Ihm gegenüber steht das Dilemma vieler Anleger, die auf der Suche nach einem renditeträchtigen Investment sind. Die sind rar in Zeiten, in denen Aktien ihre Attraktivität eingebüßt haben und die Zinsen niedrig sind. Doch die soliden mittelständischen Firmen mit Liquiditätsengpass könnten für Kapitalgeber eine durchaus interessante Anlagemöglichkeit sein, wenn sie nur wüssten, wie sie eine Finanzierung bewerkstelligen sollen.

Die Investoren kassieren, die Firmen bekommen mehr Luft Was dem Finanzierungsexperten aus Wertheim vorschwebt, ist, kurz gesagt, ein Pool, der die Kreditnachfrage mittelständischer Unternehmen bündelt und an dem sich Geldgeber beteiligen können. Ein Modell, das für alle Beteiligten seinen Reiz hat. Die Kapitalgeber investieren ihr Geld nicht in ein einziges Unternehmen, sondern können ihr Risiko streuen - sie stellen ihr Geld den Unternehmen im Pool zur Verfügung. Geplant sind verschiedene Pools, deren Portfolios beispielsweise nach Branchen zusammengestellt sein könnten. Zur Absicherung für die Geldgeber ist zudem das laufende Controlling durch unabhängige Experten vorgesehen und die Verpflichtung für die Kreditnehmer, einen Teil der eingesparten Zinsen für die Aufstockung des Eigenkapitals zu verwenden.

Welche Unternehmen aber sollen in den Genuss der Kredite kommen? Solche, sagt Döhnert, "die bereits teure Nichtbankenfinanzierungen nutzen und/oder auf renditeträchtigen Umsatz verzichten, weil ihnen die Mittel zur Vorfinanzierung fehlen". Wichtig allerdings: Döhnert will mit seinem Pool nicht ins Risikokapitalgeschäft gehen oder die Aufbaufinanzierung übernehmen, sondern im Grunde die Funktion eines Kontokorrentgebers. Ob das bei einer Finanzierung der Fall ist, soll ebenfalls durch unabhängige Prüfer festgestellt werden.

Ob Döhnerts neues Konzept aufgeht, hängt auch davon ab, ob er es schafft, die von ihm als Minimum geplante Kreditnachfrage von 50 Millionen Euro zu bündeln. Dabei müsste jedes Unternehmen einen Mindestkreditbedarf von 250 000 Euro schlüssig nachweisen und die Due Diligence bestehen. Eines der entscheidenden Kriterien dabei sind die bislang pünktlich bedienten teureren Kredite - etwa über Lieferanten.

Wenn Michael Döhnerts Plan aufginge, hätten alle etwas davon: die Unternehmen endlich eine wesentlich günstigere Finanzierungsquelle und die Kreditgeber eine renditeträchtige Anlagemöglichkeit. Und für den Erfinder selbst bliebe vermutlich auch mehr übrig als eine Denksport-Aufgabe weniger.