Kommentar - Das Richtige tun

Politik ist Politik ist Politik. Sie ist nicht bedeutend. Ihre Vertreter sind nicht bedeutend. Ihre Themen sind nicht unsere Themen. Ihre Probleme sind nicht unsere Probleme. Ihr Land ist nicht unser Land.




Paparazzis verdienen ihren Lebensunterhalt mit Prominenten - und umgekehrt. Könige, Grafen und Superstars brauchen all jene, die ihnen tagelang auflauern, um prominent zu bleiben, und die Paparazzis ihre vermeintlichen Opfer, um dafür gutes Geld zu kriegen. Dieses Geschäft ist also auf Gegenseitigkeit gebaut und relativ ehrlich.

Ein sehr ähnlicher Regelkreis ist der der Politik-Politik.

Politik-Publizisten beobachten Politiker, und Politiker sagen, was Politik-Publizisten gern hören wollen. Zwischendurch, so ist es der Brauch, beklagen sich Politik-Publizisten und Politiker übereinander, weil jeder dem anderen Oberflächlichkeit und Populismus vorwirft. Das passiert immer öfter in Sendungen, die ausschließlich der Förderung von Politik-Politik gewidmet sind, zum Beispiel TV-Talkshows wie der von Sabine Christiansen.

Die Systeme Paparazzi-Prominente und Politik-Politik haben noch etwas gemein: Sie sind für das Wohlergehen und Glück der Menschheit vollkommen überflüssig.

Nützlich ist das Ganze nämlich nur für die, die im ewig gleichen Eintopf schwimmen: der unbekannte Paparazzi und irgendein nichtsnutziges Fürstengesockse und Berufspolitiker und professionelle Politik-Kommentatoren, eine äußerst häufige Spezies. Denn von Politik verstehen alle was: Republikretter, Leitartikler, Gutmenschen und zigtausende andere, denen im Zivilleben niemand zuhört. Da gilt das Wort des Kabarettisten: Privat bin ich ein Trottel, aber politisch kenn' ich mich aus.

Politik-Politik ist nicht neu. Im barocken Frankreich hielt sich Ludwig XIV. einen riesigen Hofstaat, alles führende Adlige, der mit einem riesigen Aufwand unterhalten wurde. Die Sache hatte einen Vorteil: Der Adel konnte nicht ungezügelt intrigieren, weil das am Hofe deutlich schwieriger war als abseits. Und der König hatte alles unter Kontrolle, das heißt fast. Ein paar Jahrzehnte später, das barocke Politik-Politik-System hatte sich gut eingerichtet, nahmen die Herrschaften wahr, dass draußen vor der Tür so etwas wie ein Volk war - das ihnen auch ohne Umstände ein Ende bereitete. Der wichtigste Grund für die französische Revolution war nicht die Not, sondern die Erkenntnis, dass die da oben nicht das Geringste an ihr zu ändern vermochten. Sie konnten es nicht. Sie hatten das Handeln längst verlernt. Sie waren mit sich ausreichend beschäftigt. Aber alles hat ein Ende.

Politik-Politik macht die Beschäftigung mit sich und seinesgleichen zur wichtigsten Sache. Nicht wichtig ist, was wozu und für wen reformiert werden soll, sondern unter welchen politischen Umständen das geschieht. Die schönste Gesundheitsreform ist öde, wenn nicht der 14. stellvertretende Kreisvorsitzende, dem wahrscheinlich nicht mal die eigenen Kinder zuhören, dafür den Kanzler kritisieren kann. Der wiederum ist die DIN-Vorlage für Politik-Politik: Ständig die eigene Person in die Waagschale werfen und dann monatelang den Märtyrer der Reformen spielen, launisch den Parteivorsitz an einen 64-jährigen Sauerländer weiterreichen und munter das Spiel spielen, ob der große Mann den Machtverlust, der freilich nur um des Vaterlandes willen erfolgt, auch verkraftet. Ja, warum denn nicht? Jemand, der andere Leute verklagt, weil er sich nicht die Haare gefärbt haben will, der kann so etwas aushalten.

Aber der moderne Hofstaat in Form von Talkshow-Gästen und Politik-Politik-Profis fragt sich stattdessen dummes Zeug: Geht es weiter mit den Reformdebatten? Ist die Opposition besser als die Regierung? Wer könnte mit wem koalieren? Und wer nicht? Nur eines fragen sie nicht: Was ist das Richtige? Was ist eigentlich unser Job? Was können wir schaffen?

Die Zeiten, in denen man sich hinter hohlen Beschwörungsformeln vor ehrlicher Arbeit verschanzen konnte, gehen dem Ende zu. Die Zeiten, in denen man die alte Hofstaatspolitik braucht, auch. Die Leute sind erwachsen geworden, und sie lassen sich nicht länger behindern oder langweilen von Besserwissern und Alleskönnern, von Machthabern und Bürokraten, denen der Respekt vor denen abgeht, für die sie arbeiten.

Politik-Politik ist Privatsache, und die sollte man respektieren - auf beiden Seiten. Wir wollen nichts mehr wissen von euch. Und ihr wisst nichts von uns.