Guten Tag, auf Wiedersehen

Wie geht es der Musikindustrie? Schlecht, wie gehabt. Und wie geht es der Musikwirtschaft? Nicht so schlecht. SIE ERFINDET SICH GERADE NEU.




Der Niedergang der Musikindustrie verläuft weiterhin überraschungsfrei. Die Umsätze sind im vergangenen Jahr laut einer Schätzung des deutschen Phonoverbandes um weitere 20 Prozent auf etwa 1,6 Milliarden Euro gesunken - 1997 waren es noch 2,6 Milliarden. Als Grund wird nun immerhin auch die Konkurrenz durch Handys, Computerspiele und andere Spaßgüter akzeptiert, was allerdings nahe legt, dass sich das Zielpublikum der Unternehmen nicht geändert hat: Es sind weiterhin in erster Linie Kinder und Jugendliche. Der größte Feind bleibt folgerichtig das Internet mit seinen Tauschbörsen und Download-Dschungeln, die vor allem von Kids genutzt werden. In den USA hat die Branche rund 600 Nutzer von Tauschbörsen verklagt, in Deutschland will man dem Beispiel folgen. Kinder in den Knast - die Image-Kampagne aus der Hölle.

Mit ihrer legalen Download-Plattform Phonoline lässt sich die deutsche Musikindustrie trotzdem Zeit: Ursprünglich sollte sie auf der Popkomm im August 2003 starten, nun ist sie für die Cebit im März geplant. Wenn es dann nicht klappt, wird es wohl auf der Popkomm 2004 losgehen oder später, vielleicht am Tag nach Armageddon. Es ist sowieso egal, die enormen Umsatzrückgänge werden bezahlte Downloads kaum auffangen können. Apple hat sich mit seinem bejubelten Download-Dienst I-Tunes Musicstore vor allem ein gutes Hardware-Geschäft beschert: Der Verkauf des I-Pod-Players, auf dem die Tracks abgespielt werden, machte allein im vierten Quartal 2003 sieben Prozent des Konzernumsatzes aus. Daneben sind die 30 Millionen Tracks, die in den USA seit April 2003 zu 99 Cent pro Stück verkauft wurden, Krümel. Und auch die Musikindustrie, die von den so eingenommenen rund 30 Millionen Dollar etwa 90 Prozent bekommt, kann damit gerade die Portokasse auffüllen. Fachleute gehen davon aus, dass 99 Cent viel zu wenig sind, um die enormen Verluste aufzufangen, gleichzeitig aber bereits zu hoch, um Käufer anzulocken.

Die letzten beiden Visionäre haben passend zum Finanz-Desaster ihre Führungspositionen verlassen. BMG-Chef Thomas Stein vertrat den Kurs eines alternden Stahlbarons, der angesichts der Erfindung von Plastik immer größere Stahlwerke baut. Zumindest im vergangenen Jahr war er damit einigermaßen erfolgreich: Sein Crossmedia-Projekt "Deutschland sucht den Superstar" brachte Bertelsmann eine erhebliche Umsatzsteigerung, und so ist sein Abgang einigermaßen rätselhaft. Klarer ist die Lage bei Universal-Chef Tim Renner. Er hatte lange seine Mitarbeiter und Musiker geschützt und mit der Universal-Download-Plattform Popfile versucht, die Musikindustrie ins Internet zu bringen - übrigens ohne den Mutterkonzern zu informieren. Er kündigte offiziell, weil sich die Unternehmensführung auf internationale Künstler konzentrieren und deshalb 75 Prozent der deutschen Universal-Acts entlassen will. Vermutlich ahnt Renner aber auch, dass für die großen Musikunternehmen das schöne Leben endgültig vorbei ist.

Besonders krass zeigt das der Rauswurf von Antonio Reid, dem Chef des US-Labels Arista, der als letzter großer Hitmacher galt (und schnell einen neuen Job als Chef des traditionell innovativen Labels Island/Def Jam fand). Sein letzter Erfolg war die neue CD "Speakerboxx/The Love Below" des HipHop-Duos Outkast, das sich allein in den USA mehr als sieben Millionen Mal verkaufte, zuvor hatte er Superhits mit Pink und Avril Lavigne. Viel erfolgreicher geht es eigentlich nicht, trotzdem soll Arista im vergangenen Jahr etwa 200 Millionen Dollar Verlust gemacht haben.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des US-Bankhauses Morgan Stanley behauptet, das Ende der CD und anderer physischer Tonträger und damit auch das Ende der Industrie, die auf diesen Formaten basiert, stehe kurz bevor. Das ist natürlich auch nur ein Orakel für Fortgeschrittene, aber inzwischen ist wohl allen klar, dass die in guten Zeiten gewachsenen Verwaltungs- und Marketing-Abteilungen nicht länger finanzierbar sind. In den vergangenen Jahren wurde in der deutschen Musikindustrie nach Schätzungen bereits 30 bis 40 Prozent Personal abgebaut, und das war nur der Anfang: Die geplante Fusion von BMG und Sony dürfte weitere Stellen kosten, Warner will ebenfalls mehr sparen, und bei Universal steht nach Tim Renners Abgang auch niemand mehr einer flotten Massenentlassung im Weg.

Doch bevor die Sekretärin des Vorstandsvorsitzenden gestrichen wird und der seinen Kaffee selbst kochen muss, lässt sich noch woanders kürzen: bei den Künstlern. Nachdem die Musikunternehmen lange beteuert haben, dass es vor allem die Musiker seien, die sie mit ihrer Geschäftspolitik schützen würden, will die Phono-Industrie nun für CDs den Urheber-Anteil, also das Geld, das Komponisten und Texter bekommen, um 40 Prozent kürzen. Der Deutsche Musikverleger-Verband hat protestiert, jetzt geht es vor ein Schiedsgericht, das Verfahren kann bis zu fünf Jahren dauern, die Industrie zahlt derweil das strittige Geld, etwa 200 Millionen Euro, auf ein Sperrkonto. Für irgendwas wird das wohl gut sein, sei es nur für die Bilanzen. Und wer weiß, in fünf Jahren gibt es einige dieser Firmen vielleicht schon nicht mehr.

Denn eines ist ganz klar: Die fetten Jahre kommen nicht zurück. Die Kids sind weitergezogen, sie brauchen ihr Geld für Handys, Computerspiele, Sammelkarten oder was gerade angesagt ist. Die Erwachsenen, die sich für Musik nicht interessieren, werden ab und zu eine CD, vielleicht auch einen Download kaufen, aber kann ein Unternehmen davon leben? Und die Interessen der echten Musikfans sind zu vielfältig, als dass sie eine einzelne Firma abdecken könnte, ganz abgesehen davon, dass gerade in diesen Kreisen die Glaubwürdigkeit eines Labels eine enorm große Rolle spielt - das Produkt eines globalen Gemischtwarenladens ist immer nur eine ungeliebte Notlösung. Der Musikmarkt ist groß genug, um mittelständischen Unternehmen langfristig eine sichere Existenz zu ermöglichen, für Konzerne, in denen Führungskräfte siebenstellige Gehälter und Shareholder zweistellige Umsatzsteigerungen erwarten, reicht er aber nicht. Für die Hörer ist das eine gute Nachricht: Kleinere Firmen werden schon aus Eigeninteresse für neue Formate und bessere musikalische Qualität sorgen, was auch immer das in dem jeweiligen Genre bedeutet. Es wird also aufregender werden für Musikfans. Aber natürlich auch unübersichtlicher. Doch bei Orientierungsproblemen hilft bekanntlich das Internet.

BEGEISTERTE FÜHRUNGSKRÄFTE Udo Raaf sitzt in seiner Wohnung im Prenzlauer Berg. Auf dem Schreibtisch deutet allein ein Notebook darauf hin, dass sich hier die Firmenzentrale von Tonspion befindet. Mehr braucht der Internet-Unternehmer nicht. Sein Programmierer sitzt in Ettlingen, die Korrespondenten in Hannover, Leipzig und Los Angeles, das Content-Management-System kommt aus Darmstadt. Raaf macht mit dieser Firmenstruktur unter anderem Geschäfte mit Universal, Virgin, Mute, Lycos, Fireball, der Popkomm und dem Online-Angebot der Berliner Zeitung "Tagesspiegel".

Das Angebot des Tonspion-Teams ist simpel. Es zeigt Musikfans, wo sie kostenlos und legal MP3s runterladen können, denn es gibt inzwischen so viel Musik im Internet, dass es unmöglich ist, den Überblick zu behalten. Neue Künstler, die bekannt werden wollen, stellen ebenso ihre Songs ins Netz wie große Stars, die ihren Fans die Möglichkeit bieten, erst mal in eine neue CD reinzuhören, bevor sie dafür bezahlen. Etwa 140 000 Nutzer im Monat sehen sich nach Angaben der Firma an, was das Team für gut hält. Verglichen mit den Zuschauerzahlen bei Viva oder MTV mag das wenig sein, aber das stört Raaf nicht: "Alles, was im Musikgeschäft über die Charts hinausgeht, ist ein Liebhaberthema. Wir wollen ausdrücklich Musikfans erreichen und neue Musikfans gewinnen - dazu bietet das Internet den idealen Rahmen." Vor fünf Jahren kaufte sich Raaf, der zehn Jahre in einer Band sang, seinen ersten Computer. Beim Surfen im Netz faszinierte ihn, dass man dort auch Musik in CD-Qualität findet. Damals baute er seine erste private Seite, auf der er MP3s von Amateurbands anbot. Ein halbes Jahr später hatte er so viele Besucher, dass er ein Geschäft daraus machte. Trotzdem ist es immer noch mühsam, große Plattenfirmen davon zu überzeugen, dass es für sie gut ist, Musik im Netz zu verschenken. "Die Reaktionen gehen von ,Finden wir super' bis ,Das ist das Ende der Musikindustrie'." Selbst bei Firmen, die mit Tonspion zusammenarbeiten, "ist es mir manchmal unerklärlich, welche Wege das geht, bis ein Stück als MP3 freigegeben wird". Mit Independent Labels sei alles viel einfacher. Doch Raaf glaubt, dass bald auch die großen Firmen von neuen CDs kostenlose MP3s anbieten werden. "Alle Medienkanäle sind verstopft. Bei Viva oder im Radio neue Titel unterzubringen ist ein Lotteriespiel. Da wäre es dumm, wenn man das Internet nicht nutzt." Angst davor, dass die großen Firmen Tonspion Konkurrenz machen könnten, hat Raaf nicht: "Die können sich als Unternehmen nicht hinstellen und sagen: Kommt zu mir, ich zeige euch, wo die tolle Musik ist - das wäre unglaubwürdig. In unserer Redaktion sitzen dagegen Musikfreaks, die unabhängig entscheiden, was sie toll finden. Die Musikindustrie wird um Communities wie unsere nicht herumkommen, denn bei uns erreicht sie die Fans direkt." Für Musikhörer ist also gesorgt. Und für Musiker? Früher galt für sie wie für alle Angestellten: Bloß nicht entlassen werden! Das Label finanzierte die Plattenproduktion, erledigte den Vertrieb, das Marketing und die Werbung, kümmerte sich um Radiosender und Konzerttouren - und es gab keine Alternative. Heute gibt es unzählige Unternehmen, die alle Dienstleistungen anbieten, und neue Business-Modelle, die dem Musiker gleichzeitig mehr Geld und eine größere künstlerische Freiheit bringen. Wie das funktionieren kann, zeigt die vor mehr als 20 Jahren in Berlin gegründete Industrial-Sturm-und-Drang-Rockband Einstürzende Neubauten.

AUFBAUENDE NEUGIERIGE Der Ort ist ein Klischee: ein grauer Gewerbehof im Berliner Arbeiter-Stadtteil Wedding. Weit und breit kein italienisches Cafe, kein Sushi, kein grünes Thai-Curry. Natürlich kein Aufzug. Durch die alte Holztür rein, drei Treppen hoch, durch einen langen, dunklen Gang, noch eine Tür. Dahinter: Schrott. Stahl, Eisen, Blech. Musikinstrumente. Ein Keyboard. Eine Bohrmaschine. Das Berliner Aufhahmestudio der Einstürzenden Neubauten. Wenn es nicht so aussähe, wäre es peinlich, es dermaßen plump zu erfinden. " Am Anfang verlief das DSL-Kabel quer über den Hof in ein anderes Gebäude, weil es in diesem Haus keinen Anschluss gab", erzählt Sänger Blixa Bargeld. Inzwischen gibt es einen.

Das DSL-Kabel ist der Schlüssel zum jüngsten Projekt der Gruppe. Im Studio stehen drei Videokameras, die mit einem Server verbunden sind, über den die aktuellen Bilder ins Internet übertragen werden können. Damit haben die Einstürzenden Neubauten ihre neue CD finanziert. Jeder, der 35 Euro bezahlte, hatte als Unterstützer die Möglichkeit, die Aufnahme-Sessions per Live-Stream zu verfolgen und sie im Chatroom zu kommentieren. Außerdem konnte er sich eine eigene Neubauten-eMail-Adresse zulegen (etwa: paul@neubauten.org), neue Songs hören und, das Wichtigste, er bekam am Ende der Aufnahmen eine CD und eine DVD, die nicht im Handel erhältlich sind.

Die Idee dazu kam von Erin Zhu, der kalifornischen Webmasterin von www.neubauten.org, die zuvor lange in Internetfirmen im Silicon Valley gearbeitet hat. Möglich war das Projekt nur, weil die Band finanziell nicht besonders erfolgreich ist, wie Blixa Bargeld freimütig erklärt: "Wir sind eine weltbekannte Band, aber keine, die weltbewegende Umsätze macht. Wenn wir einen Vertrag mit einem großen Konzern hätten, hätte man uns das wohl nicht gestattet. Wir haben uns 20 Jahre sehr bewusst überlegt, was wir unterschreiben und was nicht. Das Nichtunterschreiben sorgt jetzt dafür, dass uns niemand etwas verbieten kann." Rund 2000 Unterstützer aus mehr als 40 Ländern hatten ihre Kreditkarten gezückt und ihre Exklusiv-CD und DVD im Voraus bezahlt. Phase I wurde im September 2003 abgeschlossen (da gab es die CD), Phase II war Ende 2003 beendet (dann kam die DVD). "Wir haben das Projekt billiger abgewickelt, als es irgendwer für möglich gehalten hätte", sagt Zhu stolz. Blixa Bargeld ist immer noch die Überraschung anzumerken, wenn er erzählt, dass "wir, obwohl wir sehr viel Equipment gekauft haben, in der Lage waren, die CD in einem statt in anderthalb Jahren und mit weniger Geld zu produzieren. Seit dem ersten Album 1983 ist das die billigste CD, die wir gemacht haben". Warum? Erin Zhu grinst: " Weil ihnen die ganze Zeit Leute aus aller Welt über die Schulter schauten. Da mussten sie natürlich härter arbeiten." Ein Erfolg auf der ganzen Linie also? Es gibt einen Wermutstropfen. Bargeld: "Wir mussten anerkennen, dass wir nicht ohne eine Plattenfirma auskommen, wenn wir eine Tour machen wollen, weil wir dafür einen weltweiten Vertrieb brauchen." So haben sich die Neubauten entschlossen, neben dem Unterstützer-Album auch eine offizielle CD zu produzieren. "Natürlich hätten wir uns für jedes Territorium einen unabhängigen Vertrieb suchen können, aber das wäre mit viel Arbeit verbunden gewesen und vor allem Zeit, die wir nicht haben." Aber Mut zur Inkonsequenz mussten schon viele beweisen, die etwas Neues versuchten. Und vielleicht geht es beim nächsten Mal ganz ohne Plattenfirma.

Finanzierungsmodelle wie das der Einstürzenden Neubauten funktionieren natürlich nur, wenn eine Band schon bekannt ist. Um das zu schaffen, muss man sehr viel arbeiten. In der Musikbranche heißt das vor allem: Konzerte spielen.

BLÜHENDE LANDSCHAFTEN Berlin-Kreuzberg, mittendrin. Links ein türkischer Gemüsehändler, rechts eine Konzertkasse, dazwischen ein Hauseingang. Hier residiert in einer Altbauwohnung das Unternehmen Die Veranstalter, eine Agentur, die im Großraum Berlin Konzerte durchführt, von Robbie Williams bis zu Independent-Bands. "Das ist unser Konferenzraum", sagt der Chef Bernd Hofmann grinsend und zeigt auf einen der drei Bürostühle. Auf den anderen sitzen er und seine Assistentin. Die Deutschland-Zentrale des Plattenriesen Universal steht etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt am Spree-Ufer, und doch in einer anderen Welt: Geklagt wird im prunkvoll renovierten ehemaligen Speicher, nicht bei Bernd Hofmann.

Denn den Konzertveranstaltern geht es gut. In den vergangenen Jahren sind die Umsätze kontinuierlich gewachsen, selbst steigende Eintrittspreise scheinen die vermeintlich geizigen Deutschen nicht zu stören. Die größte Sorge des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft, in dem sich etwa 230 Unternehmen zusammengeschlossen haben, ist folgerichtig neben den Streitereien um die Vergnügungssteuer oder die ungerechte Besteuerung ausländischer Künstler: das Gejammer der Musikindustrie, das ein schlechtes Licht auf die Branche wirft. Der Verbandsvorsitzende Jens Michow erklärt immer wieder gern, dass die Musikwirtschaft nicht nur aus der Tonträgerindustrie bestehe und verweist auf eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung aus dem Jahr 2000, nach der bereits 1999 die Veranstalter mit 2,71 Milliarden Euro rund 240 Millionen Euro mehr Umsatz machten als die Plattenfirmen. Aktuellere Zahlen gibt es nicht, der Markt ist mit mehr als 2000 Unternehmen sehr unübersichtlich, aber der Abstand hat sich seitdem mit Sicherheit erheblich vergrößert. Kein Wunder, dass einige Branchenkenner inzwischen sogar glauben, das CD-Format könnte in Zukunft nur noch als kostenloser Werbeträger für Konzerte überleben.

Bernd Hofmann, seit 18 Jahren Konzertveranstalter und seit fünf Jahren selbstständig, hält nicht viel von generellen Aussagen, auch nicht über wachsende Umsätze. "Im vergangenen Jahr habe ich große Open Airs veranstaltet, in diesem Jahr werde ich keins machen, weil keine der bekannten Bands nach Berlin kommt. Wenn dann mein Umsatz geringer ist als im Vorjahr, bedeutet das für das Geschäft insgesamt wenig." Dass es in den vergangenen Jahren schlechter gehe, kann er nicht sagen. Auch das Internet wirkt sich nicht negativ auf das Geschäfte aus: "Ein MP3-Track auf dem Rechner ersetzt kein Konzert." Wie weit man es mit Konzerten bringen kann, zeigt die Berliner Band 17 Hippies. Gegründet 1995, spielte das 26-köpfige Ensemble, das zum Großteil aus Freizeitmusikern besteht, jahrelang jeden ersten Montag im Monat in der Berliner Kulturbrauerei - Eintritt frei. Die Musik, eine fröhliche Mischung aus Weltfolklore, Pop, Schlager, Filmmusik und was sonst noch geht, setzte sich durch, die Band wurde erst zu einem Mythos und dann zu einem Erfolg. Inzwischen hat die Gruppe in Frankreich Superstar-Status, es gibt erfolgreiche CDs, Notenbücher und Soundtracks, zum Beispiel für den ebenfalls unauffällig zum Erfolg gewordenen Film "Halbe Treppe", und die Konzerttouren laufen ebenfalls prächtig. Obwohl die Auftritte inzwischen Eintritt kosten.

Konzerte können bekannt machen und viel Geld bringen. Aber irgendwann möchte jeder Musiker auch mal seine Musik in einem Studio aufnehmen und veröffentlichen. Dafür kann er sich ein Label suchen, das zu ihm passt. Er kann sein eigenes Label gründen und auch noch die Musik seiner Freunde unter die Leute bringen. Oder er kann seine Songs direkt über das World Wide Web vertreiben. Zum Beispiel, indem er sie von den Fans verkaufen lässt.

HANDELNDE HÖRER Ilmenau ist ein Kaff im Thüringer Wald mit nur 30 000 Einwohnern, aber einer Universität mit Tradition und mehr als 7000 Studenten. Das ist gut für die Stadt. Und es könnte auch gut sein für Musiker und Fans auf der ganzen Welt. Denn in Ilmenau entwickelten Rüdiger Grimm und Jürgen Nützel Potato, ein System, das den Musikvertrieb im Internet revolutionieren könnte.

Grimm ist Professor für Multimediale Anwendungen am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Nützel wissenschaftlicher Assistent an der Fakultät für Informatik und Automatisierung. Zusammengekommen sind sie durch ein Forschungsprogramm für Integrierte Schaltungen des Fraunhofer Instituts - den Erfindern des MP3-Formats. Auf die Musikindustrie sind beide schlecht zu sprechen, denn die bestraft ihrer Meinung nach ihre treuen Kunden. Weil sich andere in Tauschbörsen kostenlos Musik besorgen, werden die verbliebenen ehrlichen Käufer mit Kopierschutz und Digitalem Restriktionsmanagement (DRM) belästigt: Wer eine CD im Laden kauft, kann sie nicht mehr kopieren, obwohl er ein Recht dazu hätte, wer sich einen Song aus einem legalen Musikangebot im Netz zieht und dafür bezahlt, kann ihn unter Umständen nicht auf seinen MP3-Player übertragen, weil er per DRM an den Tischrechner gekettet ist. Nur wer sich über Tauschbörsen kostenlos versorgt, kann mit seiner Musik machen, was er will.

Aber, sagt Grimm: "DRM funktioniert nicht auf Dauer, es gibt dafür keine technische Lösung." Denn es wird immer jemanden geben, der auch noch den ausgefuchstesten Kopierschutz überwindet. Und wenn er das getan hat, wird er die Daten anderen zur Verfügung stellen - das passierte erst kürzlich wieder mit dem DRM-System des I-Tunes Music Store von Apple. Das ist aber längst nicht alles, sekundiert Nützel. "Wenn man die positive Eigenschaft des Digitalen wegnimmt, nämlich die beliebige, verlustfreie Kopierbarkeit, dann ist die Frage, was den Kunden an Mehrwert bleibt." Bei Potato, dem System der beiden Forscher, bleibt dieser Mehrwert erhalten: Die Tracks sind ungeschützt und beliebig zu vervielfältigen. Dennoch gibt es einen Anreiz, sie nicht kostenlos aus dem Netz zu ziehen und weiterzugeben, sondern für sie zu bezahlen - denn Potato beteiligt nicht nur die Musiker an den Erlösen, sondern auch die Kunden.

Das funktioniert so: Wenn ein Musiker einen Song bei Potato anmeldet, erstellt der Potato-Server einen Link zu diesem Track. Diesen Link kann der Musiker zum Beispiel auf seiner Website veröffentlichen. Wer draufklickt, wird auf das Potato-System umgeleitet und kann dort den Track kaufen. Damit erhält der Käufer aber nicht nur das Musikstück, sondern auch das Vertriebsrecht dafür. Potato erstellt automatisch einen neuen Link, der nicht an den Verkäufer gebunden ist, sondern an den Käufer. Dafür muss er sich nur selbst bei Potato anmelden, damit die Verkaufsprovision abgerechnet werden kann. Wenn er dann den für ihn erzeugten Link in sein eigenes Web-Angebot stellt und jemand den Song über diesen Link kauft, wird er mit 20 Prozent am Kaufpreis beteiligt. Wenn der Käufer, der ihm das Stück abgekauft hat, den Song weiterverkauft, bekommt er zehn Prozent, in einer dritten Stufe noch fünf Prozent. Erst in der vierten Stufe fällt der erste Verkäufer aus der Kette heraus und erhält keinen Anteil mehr. Nur die Urheber bekommen immer 30 Prozent vom Umsatz. Potato ist Marketingwerkzeug und Vertriebssystem in einem, sagt Jürgen Nützel. Zu Beginn habe der Künstler nur einige wenige Fans, aber darunter seien stets einige Enthusiasten, die sagten: Cool, ich platziere das auf meiner Website. "So kann die Begeisterung der Fans genützt werden. Die erzählen nicht nur von der Musik, die verkaufen sie weiter." Die Premium-Version eines solchen Fans ist Oliver Schütz. Von seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg aus betreibt er das Online-Musikmagazin Dorfdisco.de. Geboten wird " Rock, Dance und Cybergeschwätz", das Design ist kraus und die Texte so, wie man sie in einem Fanzine erwartet: ungeschliffen, direkt, nah dran. Und jetzt ist Dorfdisco.de auch noch die erste Website, auf der Musik über das Potato-System verkauft wird. Bands wie Kesseteens, Burnsteen oder Husky Stash stellen nicht ihr komplettes Repertoire zur Verfügung, aber genug, um das System auszuprobieren. Nun heißt es abwarten. Schütz ist gelassen. "Der Gedanke, wir müssen erst was verdienen, dann bewegen wir uns, ist falsch. Wir machen das jetzt, sehen, wie es läuft, und verbessern es. Ohne Idealismus kann man sowieso nichts anfangen." Es ist also für alle gesorgt. Außer für die großen Plattenfirmen. Für die gibt es zurzeit nur einen Lichtblick: Klingeltöne. Im vergangenen Jahr wurden mit Klingeltönen weltweit 3,5 Milliarden Dollar umgesetzt, in der Musikindustrie blieben davon immerhin 293 Millionen Dollar hängen. Allein europäische Mobilfunk-Kunden laden 60 Millionen Melodien im Monat auf ihre Handys. Universal war in Deutschland auch hier Vorreiter, so wurden im vergangenen Juni über T-Mobile zur Eminem-Konzerttour zwei Eminem-Tracks als mehrstimmige Klingeltöne für 1,99 Euro plus Download-Kosten angeboten. Und ein weiterer Markt ist bereits in Sicht, Ringbacks, Töne, die das Freizeichen und das Tuten beim Verbindungsaufbau ersetzen - in Asien ein Hit, demnächst auch in diesem Theater. Ist das die Zukunft der Musikindustrie? Die Senior-Geschäftsführerin Antonella Mei-Pochtler von der Unternehmensberatung Boston Consulting meint: zum Teil.

GETRENNTE KOMPETENZEN "Die Musikindustrie zerfällt eigentlich in drei Bereiche. Deshalb könnte es sein, dass es in Zukunft drei Typen von Unternehmen geben wird, die natürlich miteinander verbunden sein müssen. Zum einen sind das unternehmerische Einheiten, die Künstler, getrennt nach Genres, in ihren Communities entwickeln. Da wird die kreative Hauptarbeit geleistet. Dafür braucht man Manager mit tiefem Verständnis für die Künstler und starker Verankerung in der jeweiligen Community. Sie geben den Künstlern Orientierung und helfen ihnen bei ihrer Entwicklung. Die Pflege des kreativen Kerns ist extrem wichtig, und die ist unter dem Kostendruck der vergangenen Jahre leider vernachlässigt worden. Der zweite Bereich ist die Produktion und Vermarktung, die sehr systematisch und hochgradig effizient sein muss; die sollte eigentlich wie bei Procter & Gamble funktionieren. Dort braucht man kaufmännisch denkende Leute, die darauf achten, dass systematisch gearbeitet und vernünftig investiert wird. Und der dritte Bereich ist das Publishing, die Verwertung von Musik in verschiedenen Kontexten wie Werbung, Klingeltöne oder Filme.

Der klassische, voll integrierte Musik-Major wird in der alten Form nicht überleben. Er muss diese drei Bereiche sehr differenziert handhaben - bis zu einer Ausgliederung einzelner, nicht strategischer Funktionen wie beispielsweise der Produktion. Auf eine eigene Künstlerentwicklung sollte jedoch nicht verzichtet werden - Procter & Gamble hat schließlich auch eine große Abteilung für Forschung & Entwicklung. In Zukunft wird die Cross-Media-Vermarktung eine immer größere Rolle spielen. Da geht es nicht nur um Musik, sondern darum, den Künstler insgesamt zu vermarkten. Die Definition der Musikindustrie ist heute immer noch sehr eng, früher war sie sogar noch enger, da sagte man Plattenindustrie. Die Entwicklung geht aber in Richtung einer breiteren Entertainment-Industrie, in der Künstler zu Identifikationsfiguren entwickelt werden, speziell auch für Werbetreibende. Gerade die Verbindung von TV und Musik wird in diesem Gebiet an Bedeutung zunehmen." (Antonella Mei-Pochtler) Womit wir wieder am Anfang wären, bei Thomas Stein und Tim Renner. Stein war der Verfechter des Cross Media, Renner plädierte für gute Musik, professionelles Geschäft und flächendeckende Präsenz von Künstlern. Die Unternehmensführung, vor der er kapitulierte, hat Vivendi Universal im vergangenen Jahr einen Umsatzrückgang von 58,15 Milliarden Euro auf 25,48 Milliarden beschert. Es geht also nicht nur um die sterbende Musikindustrie, neue Technologien und ihre Folgen. Es geht um ein Problem, das die gesamte Wirtschaft lähmt, das teure Anzüge trägt und von der eigenen Macht so überwältigt ist, dass es nicht mehr in der Lage ist, zu lernen oder zuzuhören: internationale Manager. Doch die Musikindustrie zeigt auch, wie man das Problem löst: Wenn es nicht mit ihnen geht, dann eben ohne sie.