Gefühlter Gewinn

Seit fünf Jahren befragt die Hamburger Lead Academy im Vorfeld der Lead Awards Entscheider aus Industrie, Medien und Werbung, welche für sie die besten deutschen Zeitschriften sind. Die Liste der Top 100 hat uns diesmal gut gefallen: brand eins belegt den zweiten Platz - nach dem "Spiegel", der die Spitzenposition seit fünf Jahren behauptet.




Wer brand eins gern liest, wird die 1214 Entscheider durchaus sachkundig finden. Wer brand eins für einen Ausrutscher der Mediengeschichte hält, wird mäkeln: Wer ist schon die Lead Academy? Was sind das für 1214 Entscheider? Und überhaupt: Ging es nicht eigentlich nur ums Erscheinungsbild?

Zahlen, Ranglisten, Statistiken. Als Nachricht beliebt, weil als Fakt, also Tatsache, missverstanden. " Zahlen sind eine Darstellung der Welt, die in ihrer konzentrierten Reinheit süchtig macht", sagt Axel Brauns, Schriftsteller und Autist, der wie viele Autisten Zahlen liebt: "Sie sind ein Ordnungssystem, das man versteht, ohne Gefühle aufbringen zu müssen." (S. 106) Zumindest wird mit Zahlen gern so umgegangen, nicht nur von Autisten. Ob ein Projekt Zukunft hat, ein Unternehmen Wert oder ein Manager Kapazität für die Spitze, ist mit Zahlen zu belegen, mit harten Fakten. Gutachten zum Beispiel gelten als solche, Bilanzen und Prüfberichte auch. All das lag vor, als sich die Bayerische Vereinsbank und die Hypo-Bank im September 1998 zur Hypo Vereinsbank vermählten - aber schon wenige Wochen später waren die Fakten aufgeweicht (S. 82). Noch deutlicher führen die Schuhzulieferer von Esjot-Goldenberg im Elsass vor, was sie von Zahlen halten, wenn das Gefühl nicht stimmt: Trotz ordentlicher Gewinne haben sie Insolvenz angemeldet, durchaus mit gutem Grund (S. 78).

Wer erst einmal begonnen hat, sich mit Aussagekraft und Standfestigkeit der Zahl zu beschäftigen, wundert sich eigentlich nur über die ungebrochene Wertschätzung (S. 56). Natürlich macht sich jeder über Statistiken lustig, natürlich sind die Verrechnungskünste der Bundesregierung immer einen Kommentar wert - und doch hat die Zahl durch Basel II gerade wieder eine dramatische Aufwertung erfahren. Und wer je mit professionellen Investoren sprach, der weiß: Auch wenn sie die Bedeutung von Idee und Managementqualität vehement betonen, am Ende zählt, was sie sich aus dem Businessplan herausgerechnet haben.

Dass sich die Zukunft in Zahlen fassen lasse, ist für den einstigen Wünsche-Vorstandschef Peter Littmann jedoch eine Illusion (S. 90). Konrad Schily, Gründer der Universität Witten/Herdecke, hat es deshalb gar nicht erst versucht (S. 92). Und Erwin Staudt, Ex-Deutschlandchef bei IBM und neuer Präsident beim VfB Stuttgart, bringt dem Verein zwar die Balanced Scorecard mit, aber auch das notwendige Gefühl dafür (S. 72).

"Zahlen geben Sicherheit", sagt Axel Brauns. Ein Irrtum. Zahlen sind ein Ordnungssystem, das nur versteht, wer ein Gefühl aufbringt.