Elsass, aufsässig

Um sich vor den "Plünderungen" der britischen Muttergesellschaft zu retten, erklärte sich ein profitables Unternehmen in Frankreich für zahlungsunfähig. MANAGEMENT IN DER BREDOUILLE.




Konkursverwalter erleben ja so einiges, aber dieser Fall, sagt Claude-Maxime Weil, dieser Fall sei wirklich " tres special" und "tres complique". Denn seit gut vier Monaten kontrolliert Konkursverwalter Weil eine Firma, von der er selbst sagt, dass es ihr eigentlich prächtig gehe. In ihrer Nische - Stahlkappen und Stahlsohlen für Arbeitsschuhe - gilt sie sogar als Weltmarktführer.

Stürmische Zeiten bei Esjot-Goldenberg in Monswiller, eine gute halbe Autostunde hinter Straßburg. An einer der Fabrikhallen hat der Wind ein Spruchband weggerissen, das die Wut der Belegschaft hinausschrie: "Schluss mit der Plünderung!" Und an der Innenseite der Eingangstür hängt noch jene Kette, mit der der neue Präsident von Esjot-Goldenberg, in den Augen der Mitarbeiter ein Handlanger der "Plünderer", daran gehindert wurde, sein Amt anzutreten und sich an seinen rechtmäßigen Präsidenten-Schreibtisch zu setzen. Arbeiteranarchie im Elsass?

Daniel Lereau wird nicht ausgesperrt. Lereau, 43, ist Direktor von Esjot-Goldenberg und im Grunde ganz zufrieden: "Wir haben ein sehr gutes Geschäftsjahr hinter uns, wie in den vergangenen Jahren auch. Wie geplant erwirtschafteten wir 2003 bei einem Umsatz von 20 Millionen Euro einen Gewinn von 1,7 Millionen Euro nach Steuern. Und der Januar ist auch sehr gut angelaufen." Trotzdem ging er Ende Oktober zum zuständigen Gericht in die Nachbarstadt Saverne und erklärte Esjot-Goldenberg für zahlungsunfähig. Seitdem hat sich wenig verändert: In den Hallen wummern die Pressen, Lereau macht das operative Geschäft, und ab und zu schaut "Maître" Weil vorbei, der Konkursverwalter. Zu sanieren hat er nichts, eine Liquidation kommt ohnehin nicht in Frage. Mit ihrem Trick haben die Franzosen aber erreicht, dass jetzt der " Maître" die Hand auf den Konten hat und nicht mehr der Eigentümer. Und das ist gut so, findet nicht nur Daniel Lereau.

Seit 1999 gehört Esjot-Goldenberg zur britischen Texon-Gruppe, die sich als weltweit führender Anbieter in der Schuh-Zuliefererindustrie preist. In Texons 18 Tochtergesellschaften werden Einlagen, Sohlen oder Schuhnägel für die Verarbeitung in Ballett-, Wander- und Sportschuhen produziert und in mehr als 90 Ländern vertrieben. Und eine der am hellsten glänzenden Marken im Texon-Verbund sind die Stahlkappen und Stahlsohlen von Esjot-Goldenberg.

Genau das scheint das Verhängnis der Franzosen zu sein. "Wir sind Texons Milchkuh", klagt Betriebsratschef Christophe Barinsky, 29, Blaumann, Lärmschutzhörer in der Hand. Er sagt das ganz ruhig, nicht wie ein eifernder Kapitalistenhasser - vielleicht auch, weil er das Gefühl, eine Milchkuh zu sein, schon seit Jahren kennt. Barinsky nennt Zahlen: "Als Texon uns 1999 übernahm, hatten wir 1,2 Millionen Euro flüssiges Kapital. Heute stehen wir mit 2,9 Millionen im Minus und haben zusätzlich Lieferantenforderungen von 1,5 Millionen." Wahrend der vergangenen vier Jahre habe Texon mehr als 15 Millionen Euro aus dem Unternehmen abgezogen, aber nur etwa 300000 Euro in eine neue Stahlpresse investiert, eine Presse von 14. "Dabei müssten wir die Kapazitäten und die Produktivität erhöhen, zum Beispiel könnten wir durch Verpackungsmaschinen viel Geld sparen." Barinsky läuft zu einer Stelle in der Pressenhalle, an der eine Pfütze am Boden schimmert, und zeigt auf das Dach darüber: "Das müsste dringend repariert werden. Aber die Leute von Texon kümmert so was nicht, die waren hier nie länger drin als fünf Minuten." Die feindlichen Eigentümer wollen nur Cash, Cash, Cash -und sie haben noch einen Nachteil: Sie sind Ausländer Direktor Lereau ist ahnungslos, als er im Frühjahr 2003 als neuer Chef zu Esjot-Goldenberg kommt. Texon hat den Absolventen der Business School Insead, zuvor in Diensten von Alcatel und Alstom, mit Hilfe eines Headhunters nach Monswiller geholt. Lereau ist voller Tatendrang: So klein das Unternehmen ist, so stark ist es in seiner Nische mit einem Weltmarktanteil von 35 Prozent, es ist profitabel, hat zwei Zweigwerke in Deutschland und Italien und eine Exportquote von 80 Prozent. "Ich habe gedacht, da ließe sich etwas entwickeln", sagt er. Doch bald, so schildert er, muss er feststellen, dass für Investitionen kein Geld da ist und sich die Muttergesellschaft großzügig aus den Firmenkonten bedient. Mehrfach habe er dagegen protestiert, den Geldabfluss habe er damit aber nur für wenige Monate stoppen können. Habe er Finanz- und Investitionspläne vorgelegt, sei er hingehalten und vertröstet worden; einmal hätten ihn seine englischen Chefs sogar ausgelacht. "Das ist nicht mehr lustig - unsere Telefongesellschaft hat wegen offener Rechnungen schon gedroht, uns abzuklemmen", erzählt Lereau, der schließlich zu dem Eindruck gelangt: "Die haben keinen Plan, die wollen und können nichts für die Zukunft der Firma tun." Deshalb geht er, ohne Texon vorzuwarnen, zum Insolvenzgericht, das dem Antrag überraschenderweise stattgibt. Die Zahlen, mit denen er das Gericht von der Zahlungsunfähigkeit überzeugt, seien von einem "unabhängigen" Steuerprüfer für korrekt befunden worden, beteuert Lereau.

Die Briten reagieren: Sie legen Widerspruch gegen die Entscheidung ein, den sie ihrerseits mit Zahlen eines "unabhängigen" Steuerprüfers unterfüttern; und sie ernennen den Franzosen Christian Guillaume zum neuen Präsidenten von Esjot-Goldenberg. Doch als der Mann Ende 2003 in seine Firma will, hindert ihn eine Abordnung der Morgenschicht und jene Kette an der Eingangstür; Guillaume hat sein Büro bis heute nicht betreten. Seitdem befindet sich Esjot-Goldenberg in einem eigentümlichen Schwebezustand: autark und gleichzeitig unter staatlicher Kontrolle, der Kontakt zwischen Mutter und Tochter findet nur noch vor Gericht statt oder über die Anwälte und den Konkursverwalter. Es habe nie missbräuchliche Dividenden-Entnahmen gegeben, wehrt sich Christian Guillaume, der verhinderte Präsident, und beschwört die verheerende Wirkung auf die Investitionslust ausländischer Geldgeber in Frankreich, sollte das Gericht seine Entscheidung nicht zurücknehmen: "Wenn ein Investor in Zukunft keine Dividenden mehr entnehmen darf, ohne deshalb gleich vor Gericht gezerrt zu werden, warum sollte er dann noch investieren?" Lereau habe dem Gericht unvollständige und falsche Zahlen vorgelegt und es damit missbraucht, es sei " absurd", Esjot-Goldenberg als insolvent zu bezeichnen.

Im Gegenteil: Seit 1999 habe Texon eine Million Euro in das elsässische Werk investiert, sagt Guillaume und korrigiert diese Zahl ein paar Stunden später auf 1,8 Millionen Euro nach oben. Er streitet nicht ab, dass es der gesamten Texon-Gruppe zeitweise schlecht ging - so schlecht, dass die Mutter sich bei ihrer Tochter eben Geld leihen musste; so schlecht auch, dass im vergangenen Jahr der auf Restrukturierungen spezialisierte US-Fonds MatlinPatterson Global Opportunities bei Texon einstieg. Bei einem Umsatz in 2002 von knapp 130 Millionen Pfund habe Texon einen Verlust von fast 32 Millionen Pfund eingefahren, sagt Betriebsrat Barinsky, der darin das Motiv für die hohen Dividendenentnahmen sieht. ,Ja, wir waren in einer Verlustphase", bestätigt Guillaume, "inzwischen sind die Verlustbringer aber verkauft oder geschlossen, jetzt sind wir wieder auf einem guten Weg." Texon wolle in den nächsten zwei Jahren eine weitere Million Euro in Esjot-Goldenberg investieren.

Eine ehemalige Führungskraft von Esjot-Goldenberg erzählt von "inakzeptablen Geldforderungen" der Briten seit ihrem Einstieg 1999. Texon sei weltweit führend in der Schuh-Zuliefererindustrie, habe sich aber durch die Übernahme neuer Tochterunternehmen wohl übernommen; "und als dann die Amerikaner das Kommando übernahmen, galt nur noch die Devise: Cash, Cash, Cash." In Monswiller will deshalb niemand mehr daran glauben, dass jetzt alles besser werden soll, wie Guillaume beteuert. Zumal Direktor Lereau mindestens vier Millionen Euro für notwendig hält, um die Marktposition der Firma zu sichern. Die meisten der 92 Mitarbeiter haben eine Petition gegen den " plündernden Aktionär" und den neuen Präsidenten unterschrieben; sie wären sogar bereit, mit eigenen Einlagen, wenn auch teilweise nur mit symbolischen Beträgen, in das Unternehmen einzusteigen.

Längst arbeitet Direktor Lereau an einem Management-Buy-Out (MBO), die Berater gehen ein und aus in Monswiller. Mehrere Banken, darunter eine größere in Straßburg, seien interessiert; ebenso eine europäische Firma aus einer anderen Branche, die sich Synergien davon verspreche, gemeinsam den chinesischen Markt zu entwickeln, der schon heute Esjot-Goldenbergs wichtigstes Absatzgebiet ist. Dort will Daniel Lereau ein Zweigwerk bauen, in dem die Stahlkappen-Rohlinge aus dem Elsass weiterverarbeitet und vertrieben werden sollen.

Für Texon ist der MBO im Stile einer feindlichen Übernahme mit anderen Mitteln freilich kein Thema. " Esjot-Goldenberg ist integraler Bestandteil von Texon, es gibt für uns keinen Anlass, über einen Verkauf nachzudenken oder zu verhandeln", sagt Guillaume.

10. Februar 2004: Nach dreistündiger Verhandlung kommt die Wirtschaftskammer in Saverne zum Schluss, dass sie vorerst nichts beschließen, sondern sich bis Mitte März weiter beraten will. Mindestens so lange ist Claude-Maxime Weil weiterhin Konkursverwalter einer profitablen Firma, die einen - laut Gericht -rechtmäßigen Firmenpräsidenten namens Christian Guillaume hat, dem die Belegschaft aber weiterhin den Zutritt verwehrt.

Die Kette hängt noch.

Der Fall ist wirklich "très spécial".