Die unmögliche Universität

Das erste Treffen begann richtig gut: Der Bittsteller kam 40 Minuten zu spät. Rings um Gütersloh lagen die Engländer im Manöver, und zur Zentrale von Bertelsmann war kein Durchkommen. Als Konrad Schily schließlich verschwitzt vor der Tür von Konzernchef Reinhard Mohn stand, sprang ihn auch noch ein Schild an: Nichtraucher. "Da wollte ich gleich wieder umkehren", erinnert sich Schily und klopft mit der nächsten Zigarette auf die Tischplatte.




Drei Jahre nach dem ersten Treffen brachte Reinhard Mohn den Durchbruch. Er versprach der Universität Witten/Herdecke 25 Millionen Mark, wenn das Land Nordrhein-Westfalen die gleiche Summe investierte. Es konnte also endlich gebaut werden. 1993 bezog die erste private Hochschule in Deutschland ihren Campus im Ruhrgebiet, mit Blick auf das Bergische Land.

Das war der vorläufige Höhepunkt einer Geschichte, die in den siebziger Jahren begann. Damals arbeitete der Mediziner Konrad Schily, 1937 in Bochum geboren, an dem nach anthroposophischen Grundsätzen geführten Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke. Dort wurden nicht Fälle behandelt, sondern Menschen. Mit demselben Anspruch wollte sich die Klinik auch an der staatlichen Ärzte-Ausbildung beteiligen, doch die Universität Essen lehnte ab. "Intellektuell haben wir in dieser Auseinandersetzung nicht schlecht ausgesehen", erinnert sich Schily. Aber das spielte keine Rolle. Auf der Heimfahrt von Essen schlug die Wut in Trotz um. Er sagte sich: ,Jetzt kriegen sie eine ganze Uni." Eigentlich eine hoffnungslose Angelegenheit, das hätte ihm jeder Wirtschaftswissenschaftler ausrechnen können.

Doch Konrad Schily begann, sich in seine Idee zu verbeißen. Schon früher hatte er die staatlichen Hochschulen für erstarrt gehalten. Außerdem motivierte ihn ein Ideal: "Eine demokratische Gesellschaft braucht freie Orte, an denen sich unabhängiges Denken entwickelt." Der hagere Mann hat die Beine übereinandergeschlagen, der freie Fuß wippt unablässig. Im Gesicht ähnelt Schily seinem älteren Bruder, dem Innenminister. Nur kämmt Konrad sein graues Haar in kühnem Schwung nach hinten. Seine Augen schauen listig unter dichten Brauen hervor.

1983 nahmen tatsächlich 27 Studenten ihr Medizinstudium in Witten auf. Heute unterrichten hier 62 Professoren rund 1100 handverlesene Hochschüler: Von 13 Bewerbern übersteht in der medizinischen Fakultät einer das Auswahlverfahren. Dafür liegt die Quote der Studienabbrecher bei sensationell niedrigen zwei Prozent. Inzwischen ist das Fach Wirtschaftswissenschaften dazugekommen, in dem 42 Prozent der Absolventen in Führungspositionen landen. Eine Folge der Auswahl, besonderer Studieninhalte und besonderer Studienbedingungen: So hat zum Beispiel jeder Student über eine Magnetkarte 365 Tage im Jahr Zutritt zu seiner Universität, er kommt damit auch am Sonntagmorgen in die Bibliothek.

Ohne Kapital, aber mit einer Handvoll Idealisten hatte sich Konrad Schily Mitte der siebziger Jahre auf den langen Marsch begeben, eine Reformuniversität zu gründen. "Kein Geld gab's schon immer", sagt er gem. Der Kampf mit der Ministerialbürokratie war noch zäher. Verbündete fand der Herdecker Kreis bei Unternehmern: Berthold Beitz, Alfred Herrhausen, Detlev Rohwedder. Konrad Schily, ein Mensch mit breiter Bildung und erlesenen Manieren, ist im persönlichen Gespräch überaus gewinnend. Alfred Herrhausen, Vorstand der Deutschen Bank, erzählte seiner Frau von der Begegnung mit Schily: "Zu mir kommen jede Woche vier Wahnsinnige. Aber heute war einer da, dem ich helfen will." Schily erzählt: "Die Herren haben erkannt, dass da einer neue Schläuche für neuen Wein braucht. Sie wollten Räume scharfen, in denen sich Zukunft abzeichnet." Heute gruppieren sich diese Räume auf drei Stockwerken um ein lichtes Foyer. Treppen schwingen sich durch den Raum, luftige Geländer wecken Assoziationen an einen Dampfer auf großer Fahrt. Der größte Hörsaal hat nur 180 Plätze - Frontalunterricht in klassischen Vorlesungen findet hier nicht statt. Im so genannten Phantomsaal beugen sich 18 Studenten der Zahnmedizin über 18 braune Plastikköpfe und üben an 18 lebensgroßen Gebissen, wie man Plomben einsetzt.

Ein Wirtschaftswissenschaftler spricht aus, was die ganze Universität beweist: Nackte Zahlen bedeuten überhaupt nichts Professor Bernd Frick, 44, sitzt seit fast drei Jahren auf dem Reinhard-Mohn-Lehrstuhl für Unternehmensführung, finanziert von der Bertelsmann Stiftung. Man könnte den Mann für einen Sektierer halten, so missionarisch schwärmt er von seiner Hochschule: "Es macht jeden Morgen gute Laune, hier arbeiten zu können: keine Graffiti, kein Müll auf dem Boden. Der Respekt aller Beteiligten vor der Institution verhindert, dass mit ihr Schindluder getrieben wird." Frick war Professor in Greifswald, als er zeitgleich einen Ruf nach Wien und Witten bekam. Er entschied sich für die Privatuniversität und gegen den gesicherten Beamtenstatus, was viele seiner Freunde nicht verstehen konnten. "Aber hier habe ich nicht das Gefühl: 80 Prozent studieren BWL, weil Papa das geraten hat. Ausgerechnet ein Professor der Wirtschaftswissenschaft demonstriert, wie wenig Zahlen besagen: "Hier kann ich trotz knapper Mittel meine Themen frei wählen und auch zu Fachtagungen fliegen." Die Entscheidungswege sind kurz, entsprechend gering die Reibungsverluste: "Wenn ich Computer brauche oder Mitarbeiter, ist das eine Sache von Stunden, höchstens Tagen." Zwar hat das Land Nordrhein-Westfalen seinen Förderbeitrag um 1,2 Millionen Euro reduziert. Leo Kirchs Unterstützung von jährlich 1,25 Millionen Mark brach aus den bekannten Gründen weg. Doch die finanzielle Unsicherheit der Universität ficht das Selbstbewusstsein von Bernd Frick nicht an: "In den vergangenen zwei Jahren hat sich die finanzielle Situation merklich entspannt. Wenn wir gut sind, haben wir Geld." Für ein Vollstudium in Witten/Herdecke zahlt der Student 15200 Euro. Um nicht nur Kindern reicher Eltern die Ausbildung zu ermöglichen, können die Gebühren aber auch nach Abschluss des Studiums bezahlt werden, sobald der Absolvent eigenes Geld verdient. Im vergangenen Geschäftsjahr trugen die Studiengebühren sieben Prozent zu den Einnahmen bei.

Um dem einst utopischen Projekt seine reale Basis zu erhalten, muss jeder Fachbereich etwas zum Budget beisteuern. So hört Konrad Schily, wenn er in Witten beim Gemüsemann einkauft, manchmal: "Sie sind doch der Mann von der Zahnklinik." Nun hatte Schily zwar noch nie einen Bohrer in der Hand, aber dieses Missverständnis macht ihn stolz - weil eine Dienstleistung seiner Universität bei der Bevölkerung angekommen ist. Die zahnmedizinische Fakultät erwirtschaftet gut 70 Prozent ihrer Kosten, indem sie Patienten behandelt. Ein dicker Plüschbär soll Kindern die Angst nehmen, auch auf Notfallpatienten ist die Zahnklinik eingerichtet. Im Foyer mischen sich die Patienten unter die Studenten, Helferinnen im weißen Kittel sitzen beim Mittagessen neben Musiktherapeuten. Die Mensa wird von Studenten geführt; nur sagt hier niemand Mensa, sondern Cafeteria.

Der Donnerstag ist freigehalten für das Studium fundamentale. Diese Fakultät soll das Fachidiotentum verhindern, hier muss jeder Student 20 Prozent seiner Leistungen erbringen. Das kulturwissenschaftliche und künstlerische Angebot erstreckt sich von Geschichte über Philosophie bis zur Malerei. Im Wintersemester gastierte ein 23-jähriger Chinese als Gastkompositionsschüler, sein Werk für Violine solo wurde in Witten uraufgeführt. Auch das Studium fundamentale finanziert die Universität mit. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete es 450 000 Euro, indem es Fortbildung für Unternehmen anbot. So lernten beispielsweise Manager in einem Seminar, ein Orchester zu dirigieren.

Aus Spenden, Stiftungen und Sponsoring erlöste die Privatuniversität 9,4 Millionen Euro. Die Abteilung Fundraising beschäftigt acht Mitarbeiter, die auch vor den Niederungen des Einzelhandels nicht zurückschrecken. So unterstützt heute jede verkaufte Tüte der Weingummi-Mischung "Rock 'n' Gums" von Katjes den Studiengang Musiktherapie.

Am Anfang wurden aus nichts 75 Millionen Mark. Aktuell sorgen Familienunternehmen für einen neuen Zaubertrick Konrad Schily spendet auch selbst. Seine Honorare aus Beiräten fließen an die Universität. Als das Finanzamt darauf Steuern erheben wollte, verhandelte Schily, bis die Beamten ihren Ermessensspielraum ausschöpften: Die Hochschule muss nur den halben Mehrwertsteuersatz nachzahlen. "Ich habe immer auch die andere Seite gesehen", sagt Schily über unzählige Auseinandersetzungen mit der Bürokratie, die für ihn so etwas wie sportliche Herausforderungen sind. Der kühnste Streich gelang ihm, als Reinhard Mohn seine 25 Millionen gab und das Land den gleichen Betrag drauflegte. Da schlug Schily einem Staatssekretär vor, beim Bund zusätzliche 25 Millionen Fördermittel zu beantragen. "Der Mann war eigentlich gegen uns. Aber wir hatten ein preußisch aufrichtiges Verhältnis, und meine Idee leuchtete ihm ein." So wurden aus einem Nichts in kurzer Zeit 75 Millionen Mark.

Erklärtes Ziel der Universität ist es, unternehmerische Praxis in das Studium zu integrieren. Nach dem Examen verdienen 25 Prozent der Absolventen von Witten/Herdecke ihr Geld als Selbstständige - an staatlichen Universitäten liegt die Quote bei acht Prozent. Geld und Geist sind in Witten kein Gegensatz, was bisweilen zu Missverständnissen und falschen Verdächtigungen führt. So wurde Witten lange als "Bertelsmann-Uni" abgestempelt, und in den achtziger Jahren hatten selbst die Studenten Probleme mit dem Geld von der Deutschen Bank.

Das ist Vergangenheit. Seit 1997 finanziert die Deutsche Bank der Uni das Institut für Familienunternehmen: Vier Professoren erforschen seither die spezifischen Bedingungen, unter denen Familienunternehmen wirtschaften. Mitte Februar veranstaltete das Institut den sechsten Kongress. Die Workshops behandelten unter anderem die Nachfolge im Familienbetrieb und die Frage nach der gerechten Aufteilung zwischen Unternehmerkindern. Die Referenten reichten von Wendelin von Boch bis Kim-Eva Wempe. "130 Familienunternehmer konnten unter sich diskutieren, weder Berater noch Banker waren anwesend", sagt Sophie Hummel. Sie studiert im dritten Semester und hat zusammen mit fünf Kommilitonen den Kongress in eigener Regie organisiert. Nebenbei haben sie neue Förderer geworben: Im kommenden Jahr läuft die Finanzierung des Instituts durch die Deutsche Bank aus. Deshalb sucht Witten/Herdecke 40 Familienunternehmen, die mit jeweils 25 000 Euro pro Jahr den Fortbestand sichern. 16 Firmen haben bereits zugesagt.

"Heute wäre die Gründung einer solchen Universität ohne Kapital nicht mehr möglich", urteilt Professor Wolfgang Wintermeyer. "Und auch damals ging es nur, weil Konrad Schily nicht viel Sicherheit brauchte." Wintermeyers Büro sieht aus wie frisch bezogen, kein Bild, die Regale aus hellem Holz gähnen leer. Lediglich eine Platon-Büste steht in der Ecke, die hat Wintermeyer von seinem Vorgänger übernommen. Ende vergangenen Jahres hat sich Konrad Schily als Präsident zurückgezogen. Seit Januar vertritt Wintermeyer als Sprecher der Geschäftsführung die Universität, bis ein neuer Präsident gefunden ist. Lang wolle er das nicht machen, sagt er, er möchte rasch zurück zu seiner Arbeit als Molekularbiologe. Aber er hat ein klares Bild der anstehenden Aufgabe: "Die Universität muss sich vom Übervater lösen und in die Nach-Schily-Phase eintreten." Was das heißt? " Wir müssen uns neu auf unsere Ziele besinnen." Witten/Herdecke soll in der aktuellen Diskussion um Elitehochschulen mitmischen. "Der Elite-Begriff wird auf die Ausbildung verengt - wir aber wollen Bildung." Deshalb nennt er, wie fast alle in Witten, das eigene Haus lieber eine Spitzenuniversität.

Der Gründer sieht der Nach-Schily-Phase gelassen entgegen: "Ich will mich bei meinem Nachfolger vor dem Schwiegermutter-Syndrom hüten." Aber Pläne hat er schon noch für sein Kind: Eine juristische Fakultät soll gegründet werden, und Witten muss "auf dem internationalen Bildungsmarkt aktiv werden". Schily sieht vor seinem geistigen Auge bereits ein Wohnheim, das ausländischen Studenten die Integration erleichtert. Der Architekt hat seinerzeit bereits eine Erweiterung eingeplant: Das große Bullaugenfenster neben dem Haupteingang ist die Stelle, an der ein Neubau andocken soll.

"Ich hatte gehofft, dass wir nach zehn Jahren auch Studenten aufnehmen dürfen, die kein Abitur haben", sagt Konrad Schily. "Das würde uns ein Reservoir von Menschen mit anderen Lebensläufen eröffnen. Aber in diesem Punkt bin ich gescheitert." Klingt das resigniert? "Nö", antwortet er und seine Augen lächeln. "Ich suche noch das richtige Bohrloch."