Die am eigenen Ast sägen

Sie sind Opportunisten. Sie produzieren dem Volk nach dem Maul. Sie ruinieren die Preise. Sie beklagen die niedrigen Gewinnmargen. UND MACHEN SICH AUS DEM STAUB.




Was ist ein Gewährleistungsabzocker? Nie gehört? Eberhard Kaiser schon. Er weiß genau, was das für Typen sind. Er spricht von ihnen in einem Tonfall, als handle es sich dabei um einen Geheimbund, um eine hochprofessionelle kriminelle Vereinigung. Und dann erzählt Herr Kaiser, wie die Gewährleistungsabzocker seiner Firma 4MBO, deren Pressesprecher er ist, mächtig zugesetzt haben. Gut, in seiner Branche gehört Jammern zum Handwerk, aber Eberhard Kaiser ist kein Schlecht- oder Schönredner. Er spricht auch nicht von Herausforderungen, wenn in Wahrheit Mordsprobleme gemeint sind.

In rund zwei Jahren hat sein Arbeitgeber ein Mordsproblem weniger. Wenn alles gut geht. Bis dahin sollten nämlich die letzten seiner Volks-PCs über die Ladentische gegangen beziehungsweise deren Garantiezeit abgelaufen sein. Und idealerweise sollten auch die besagten Gewährleistungsabzocker 4MBO in Ruhe lassen. Sicher ist das aber nicht, obwohl 4MBO schon Ende vergangenen Jahres die Produktion seiner Rechner eingestellt hat, die massenwirksam in der "Bild"-Zeitung gepriesen und über den Discounter Plus an den Mann gebracht wurden. Was die Gewährleistungsabzocker Verwerfliches treiben? Sie kaufen sich hochwertige Geräte, am liebsten Computer, und tauschen sie kurz vor Ablauf der Garantiezeit wieder um. Angeblich weil ein Teil daran kaputtgegangen ist, was auch stimmt. Allerdings haben sie selbst nachgeholfen: einen kleinen Kabelbrand verursacht, die Festplatte zerkratzt oder an der Software herumgepfüscht - so etwas in der Art. Es gibt auch Spitzbuben, die einzelne Bauteile herausmontieren, Arbeitsspeicher zum Beispiel. Oder am besten gleich den ganzen PC ausweiden, das Gehäuse anschließend mit Backsteinen füllen und zum Supermarkt fahren, um den "Schadensfall" zurückzugeben. Der Halbsatz "Geht nicht" reicht den Verkäufern meist als Umtauschargument. Denn die haben selten Ahnung von den Hightech-Geräten, die für sie nichts anderes sind als ein Posten Aktionsware, mit dem sie es ab und an zu tun haben. Davon abgesehen sind Servicefälle ohnehin nicht ihr Bier, sondern das der Hersteller.

Gewährleistungsabzocker lieben Schnäppchenrechner aus dem Supermarkt. 4MBO, Marketing- und IT-Dienstleister für Handelsunternehmen im schwäbischen Plochingen, mittlerweile nicht mehr. Als das Unternehmen im Oktober 2001 zusammen mit Plus den "Volks-PC" aus der Taufe hob, herrschte Goldgräberstimmung; Da schwitzten und schubsten die Kunden schon, bevor die Palette Billig-PCs neben die H-Milch bugsiert war. 50 000,70 000, ach, hunderttausende von Rechnern ließen sich mit den Aktionsgeschäften innerhalb weniger Stunden losschlagen.

Zwei Jahre später, im Herbst 2003, ist es mit der Herrlichkeit vorbei. Nicht nur Aldi und sein Haus- und Hoflieferant Medion bleiben immer häufiger auf den 999-Euro-Modellen sitzen. Lidl und Zulieferer Actebis spüren die schwindende Kaufwut ebenso wie die Tengelmann-Tochter Plus. Zwar haben nun auch Langschläfer und Schwiegermütter ohne Nahkampfausbildung eine Chance, bei Aldi, Lidl, Penny oder Tengelmann eines der Aktionsgeräte zu erstehen - aber so war es eigentlich nicht geplant. Der blau-orangefarbene Discounter Plus jedenfalls sah sich im vergangenen Jahr gezwungen, die Bestellungen für die Weihnachtsaktion zu reduzieren. Der Preis wurde zudem auf 899 Euro gesenkt. Und 100 Euro sind bei solchen PCs ein Vermögen.

Beinahe sozialdemokratisch: Geräte für alle zum niedrigen Preis. Was kommt dabei raus? Geschäftsaufgabe Eine Woche vor Heiligabend zog 4MBO die Notbremse. Am 17. Dezember gab das Unternehmen bekannt, aus dem Desktop- und Notebook-Geschäft auszusteigen. Firmensprecher Kaiser sagt: "Die Zeiten, in denen wir 60 000 PCs in einer Aktion verkaufen konnten, waren urplötzlich vorbei." Er spricht von "einem traurigen Tag für das Unternehmen" und davon, dass "diese Entscheidung an unseren Grundfesten rüttelt". Kein Wunder, mit der Entscheidung verabschiedet sich auch rund die Hälfte des Firmenumsatzes. Als Grund für die Geschäftsaufgabe wurde die "dramatische Kaufzurückhaltung des Konsumenten" genannt.

So kann man es auch nennen. Denn im Grunde ist die Misere hausgemacht, eigentlich sogar Teil des Geschäftsmodells von 4MBO, Medion und Co. Denn die Einkäufer und Vermarkter solcher Aktionsgeschäfte, dem raschen Verramschen von ehedem hochpreisigen PCs, DVD-Playern, Flachbildschirmen, Funkuhren, Halogenleuchten und Rauchmeldern, sind Opportunisten. Sie produzieren, was das Heer der Schnäppchenjäger fordert: das Beste zum billigsten Preis, nimm's mit.

Und dann? "Minutenartikel" hat Christof Klein, 4MBO-Vorstand, seine Rechner einmal genannt. Er spielte damit auf den Verzicht teurer Lagerhaltung an, die dem Einzelhandel zu schaffen macht, und beschreibt damit zugleich treffend sein Geschäftsmodell: In wenigen Minuten produziert, verschifft, verkauft. Die kritische Masse in Minuten überschwemmt, fertig. Schon morgen wird die Kundschaft mit anderen Dingen beglückt.

"Sie sägen schnellstmöglich am Ast, auf dem sie sitzen, und hoffen, dass darunter inzwischen ein anderer gewachsen ist, auf den sie dann aufspringen können", so ein Branchenkenner. Noch vor wenigen Jahren hat 4MBO Handys zusammenbauen lassen, aber das Segment war schnell abgefrühstückt. Auf der aktuellen Abschussliste stehen nun Digital-Kameras, munkeln BranchenInsider. Doch auch hier sei der Markt übersättigt und kein Gewinn mehr zu machen. Als neuen Trend hat das Plochinger Unternehmen DVD-Brenner ausgemacht und interaktives Fernsehen - TV-Geräte mit eingebauten Digital-Dekodern und Breitbandmodems. "Es stimmt schon", sagt Kaiser nachdenklich, "in gewisser Weise untergraben wir ständig unser eigenes Geschäft." Doch man müsse es schließlich auch positiv sehen: "Wir ermöglichen es der breiten Masse, günstig an Hightech-Geräte zu kommen, die, bis wir da sind, nur für eine kleine Schicht erschwinglich sind." Fast schon sozialdemokratisch, die Philosophie. Dass Unternehmen wie 4MBO dabei die Preise, auch ihre eigenen, ruinieren, liegt in der Natur der Sache. Besonders deutlich war das bei DVD-Playern zu beobachten. Ende 2002 kostete ein gut ausgestattetes Modell noch knapp 300 Euro, mittlerweile ist ein gleichartiges Modell dank Medion und Actebis für 70 bis 80 Euro zu haben. Das Spiel wird sich in diesem Jahr wohl bei den DVD-Videorekordern wiederholen. Experten gehen davon aus, dass die Geräte Ende 2004 für weniger als 100 Euro zu haben sein werden, ein Viertel dessen, was sie jetzt kosten. Gut möglich, wiegelt Kaiser ab, "zumindest wenn es nach unseren Vertriebsleuten geht".

Der Haken für die Billiganbieter: Sie sind für den Service zuständig. Und der kann teuer kommen Das Fatale am System ist, dass es sich nicht zurückdrehen lässt -sind die Preise erst mal unten, bleiben sie es auch. "Die Verbraucher haben mittlerweile einen PC-Festpreis verinnerlicht", so Sven Weier von der Investment-Bank UBS-Warburg. Will heißen: Ein neuer Computer kostet 1000 Euro, kostet 1000 Euro, kostet 1000 Euro. Das Einzige, was sich ändere, sei die Ausstattung, und natürlich verlange der Kunde immer mehr fürs gleiche Geld: Leistung, Speicher, Hardware, Software. Dass normale Nutzer damit völlig überdimensionierte PCs kaufen, interessiert niemanden. Die Computer-Branche ist eine Männer-Branche, und da gilt oft das Motto: Mehr ist besser.

Der Ausstattungskrieg aber drückt die Margen der Hersteller. Schätzungsweise 50 bis 70 Euro, netto, verdienen 4MBO und Medion bei einer Aktion pro PC. " Die Netto-Marge dürfte bei sechs Prozent liegen", schätzt auch UBS-Warburg-Experte Weier. Bei einer durchschnittlich laufenden Aktion, bei der die Anbieter 55 000 Rechner auf eigene Kosten produzieren lassen, springt für sie also ein Gewinn von 3,3 Millionen Euro heraus. Solange nichts schiefläuft. Das aber kann schnell passieren. Zum Beispiel, wenn der Handel seinen Zulieferern nicht die zugesagten Stückzahlen abnimmt oder sie zur Rücknahme nicht verkaufter Ware zwingt. Gericom zum Beispiel, der mittlerweile schon fast namhafte Notebook-Hersteller, muss seinen Kunden, unter anderem Plus und die Metro-Töchter Saturn und Media Markt, nicht verkaufte Laptops wieder abnehmen.

Doch was macht man mit tausenden bereits bezahlter mobiler PCs? "Wegschmeißen", lautet der Rat des Branchenkenners. "Als Markthändler können Sie Ihre Salat-Reste auch nicht tagelang aufbewahren." An der Börse würde man sagen: Verluste realisieren.

Dieses Problem hat 4MBO nicht, seine Kunden, also die Discounter, müssen zusehen, wie sie die bei der gefloppten letzten Aktion übrig gebliebenen PCs wieder loswerden. Das bedeutet aber nicht unbedingt Glück im Unglück für die Schwaben. Denn im Februar dieses Jahres hat Plus seine Lager geräumt und die Reste zu einem nochmals reduzierten Preis verhökert. Schön für den Discounter, potenziell schlecht für 4MBO. Als Hersteller und Allround-Dienstleister ist das Unternehmen auch für den so genannten After-Sales-Service, vulgo Garantieleistungen, verantwortlich. Und je länger Plus braucht, die ollen Kisten loszuwerden, desto länger hat 4MBO mit der Erfüllung seiner Garantiezusage zu kämpfen.

Ist der neu gekaufte Computer zufälligerweise ein Befehlsverweigerer oder mit defektem Netzteil versehen, dann ist das ein Fall für Herrn Häwecker aus Erfurt vom Dienstleister CSG. Wer mit ihm oder seinen Kollegen spricht, tut dies meistens für zwölf Cent die Minute, selten länger als 200 Sekunden und nie nach 20 Uhr, weil sich ein PC-Hersteller wie 4MBO keinen 24-Stunden-Service leisten kann.

Abgerechnet wird im Hotline- und Garantie-Gewerbe pro Dienstleistung. Im Fall von 4MBO bedeutet das: " Verkaufen wir 50 000 Geräte, dann haben wir auch 50 000 potenzielle Schadensfälle", sagt Eberhard Kaiser. Und das nicht nur ein paar Wochen nach Ende der Aktion, sondern zwei Jahre lang, der üblichen Garantiezeit eben. Man müsse sich vorstellen, so Falk Häwecker, "wir schicken einem Kunden ein Ersatzteil im Wert von 20, 30 Euro. Der schickt sein altes aber nicht zurück, und 4MBO bleibt auf den Kosten sitzen. Da ist schnell ein Betrag von 50, 60 Euro zusammen und der schmale Gewinn wieder weg".

Auch aus diesem Grund möchte das Unternehmen aus Plochingen keine Computer mehr bauen. Der Dienstleister kann es drehen und wenden, wie er will - was auch passiert, irgendwas ist immer verkehrt: Entweder die Marge stimmt nicht, oder die Schadensfälle fressen sie auf. Zum Glück hat 4MBO noch ein paar andere Produkte im Angebot: Mikrowelle, Pulsuhr und Staubsauger. Die sind zwar unspektakulär, verursachen aber auch fast keinen Service. Was für ein Glück.

------------

siehe auch:
Was wurde aus ... 4MBO?
(vom 2.3.2004)