Das Soja-Roulette

Mit Argentinies Wirtschaft geht es wieder aufwärts - dank einer unscheinbaren Bohne. Die Frage ist nur: Wie lange dauert diese Glückssträhne?




Es ist Hochsommer in Argentinien, und in der Provinz Santa Fe sind es noch zwei Monate bis zur Ernte. Neben der Ruta Nacional No. 8 ein Meer aus Soja-Feldern: Das dunkle Grün der Blätter zieht sich bis zum Horizont, unterbrochen lediglich von kleinen Wäldern und blauen Lagunen. Juan Romagnoli steuert seinen Chevrolet Blazer über die kerzengerade Straße. Selten kommt ein Auto entgegen, die Klimaanlage bläst, nur das Rauschen aus dem Funkgerät unterbricht gelegentlich die Stille. Unvermittelt bremst er, biegt rechts ab auf eine breite Sandpiste, und wieder geht es geradeaus. Nach 30 Minuten biegt er wieder rechts ab, dann, hinter einem der Felder links. Schließlich bleibt er stehen. "El Trajín" heißt die Farm, zu Deutsch etwa: Hochbetrieb.

Doch so kurz vor der Ernte gibt es wenig zu tun. Romagnoli steigt aus dem Wagen, läuft auf das Feld und sieht prüfend nach seinen Pflanzen. So weit das Auge reicht, nur Soja. Kein Unkraut. Keine von Käfern angefressenen Blätter. "Die stehen gut da", sagt er. Er zieht eine Staude aus dem Boden, schaut nach den noch kleinen blauen Blüten. "Nur Wasser könnten sie gebrauchen." Aber Romagnoli wirkt nicht so, als würde ihn das sorgen.

Argentinien im Hochsommer 2004. Langsam erholt sich das Land von seiner schweren Wirtschaftskrise. Die Regierung in der Hauptstadt Buenos Aires redet den Aufschwung herbei. "Schritt für Schritt kommen wir aus der Hölle zurück", tönte Präsident Néstor Kirchner kürzlich. Doch noch ist es ziemlich heiß: Die Banken sind unterkapitalisiert, die Auslandsschuld in Höhe von 80 Milliarden Dollar wird noch nicht bedient, ein schlüssiges Wirtschaftsprogramm ist nicht erkennbar.

Wie kam es dann, dass die argentinische Wirtschaft im vergangenen Jahr um sieben Prozent wuchs? Warum nahm der Staat 40 Prozent mehr Steuern ein als im Vorjahr? Und vor allem: Warum ist der argentinische Peso so erstaunlich stabil?

Die Antwort auf diese Fragen wächst auf Romagnolis Feldern: Argentinien erlebt einen enormen Boom durch Soja. Die Landwirtschaft ist der Motor des Aufschwungs, 40 Prozent der Exporterlöse bringt allein das Soja. Und der Boom der Landwirtschaft zieht andere Branchen aus der Krise: die Chemie- und die Bauindustrie, den Maschinenbau und den Dienstleistungssektor.

Doch das Wachstum kann ebenso schnell wieder beendet sein. Die Soja-Monokultur raubt dem Boden Nährstoffe, inzwischen werden auf fast 50 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Sojabohnen angebaut. Außerdem sind mehr als 98 Prozent der angebauten Sojapflanzen genetisch verändert. Sie sind resistent gegen Glyphosat, ein Totalherbizid, das jedem Kraut den Garaus macht. Der Agrarmulti Monsanto hat das Patent auf die genetisch manipulierten Pflanzen und verkauft sie im Paket mit dem Spritzmittel Roundup, das aus Glyphosat hergestellt wird und alles außer dem Soja vernichtet. Für die Bauern ist dieser Deal riskant: Sie sind Monsanto ausgeliefert.

Trotzdem überwiegt im Moment des Booms der Optimismus. "Die Krise war unser Glück", sagt Luis Spurio. Er sitzt in seinem Büro in dem Ort Villa Canás, im Süden der Provinz Santa Fe. Von seinem Schreibtisch aus blickt er auf sechs graue Metallsilos, jedes so groß wie ein Einfamilienhaus. In den Regalen stapeln sich Papiere, an der Wand hängt sein Diplomzeugnis der Agrarwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rosario. Spurio ist 50 Jahre alt, er trägt einen Vollbart und ein graues Polohemd. Zusammen mit Romagnoli betreibt er in Villa Canäs die Firma Fumisem. Die beiden verkaufen Kunstdünger und Saatgut, sie trocknen und lagern Getreide. Vor allem aber bauen sie auf 17 000 Hektar selbst Getreide an. Das ist etwa die Hälfte der Fläche des Bundeslandes Bremen und etwas mehr als die von Liechtenstein.

Spurio holt einen Taschenrechner aus der Schublade. Er rechnet vor: Bevor Argentiniens Ökonomie Ende 2001 kollabierte und seine Währung abwerten musste, war ein Peso einen Dollar wert. Heute sind drei Pesos einen Dollar wert - und die Einkünfte von Fumisem damit dreimal so hoch. Die Firma gibt Pesos aus und nimmt Dollar ein, da Getreide auf dem Weltmarkt in Dollar gehandelt wird. Zwar stiegen auch die Ausgaben: Kunstdünger, Spritzmittel und Saatgut, Pacht und Miete für die Felder werden weiter in Dollar gehandelt. Aber: Strom, Telefon, Steuer und Löhne blieben stabil und sind in Pesos zu bezahlen. "In der Summe", so sagt Spurio und blickt auf seinen Taschenrechner, " verdienen wir heute doppelt so viel wie früher." Die Krise war für ihn ein Segen.

Von Buenos Aires nach Villa Canás sind es dreieinhalb Stunden. Zuerst geht es auf die Stadtautobahn, vorbei am Hafen, dann mitten durch den Slum Villa Retiro, wo man bei voller Fahrt in die ärmlichen Backsteinhäuser hineinschauen kann. Abseits der Mautstelle vergammeln leer stehende Fabriken, an denen die Müllsammler der Hauptstadt mit ihren Pferdekutschen vorbeiziehen. Drei Stunden später ist man in einem anderen Land. An der Ortseinfahrt von Villa Canás stehen sechs Silo-Türme, dahinter sechs weitere. 10000 Einwohner zählt der Ort, es riecht nach Getreide und Stroh, schwere Lastwagen donnern über die Dorfstraßen. Es wird gebaut, Güterzüge mit 40 Waggons schieben sich über das einspurige Bahngleis, die Auslagen der Geschäfte quellen über, bunte Werbetafeln preisen neue Traktoren an. Und Nacht für Nacht steigen dutzende von Handelsvertretern im Hotel "La Piamontesa" ab. Sie haben Landmaschinen, Kühlschränke und Werkzeug in ihren Katalogen. Boom statt Baisse im krisengeschlagenen Argentinien.

Und mit nichts ist in der Landwirtschart derzeit so viel Geld zu machen wie mit Soja. Als die Regierung Anfang 2002 den Peso abwerten musste, kostete die Tonne noch 150 Dollar. Heute kassiert Spurio 230 Dollar für dieselbe Menge, die Exportsteuer schon abgerechnet. Die BSE-Krise in Europa, in deren Folge die Verfütterung von Tiermehl verboten wurde, ließ die weltweite Nachfrage explodieren. Soja ist Tierfutter, steckt in pflanzlichen Ölen und Fetten, wird als Grundstoff für Emulgatoren etwa Jogurt beigemischt, und auch Fertigprodukte werden aus Sojaeiweißpräparaten gekocht.

Argentiniens Bauern sind keine Naturburschen, sondern Unternehmer, die große Risiken eingehen Längst setzen nicht nur Landwirte wie Romagnoli und Spurio auf das Soja-Wunder. Auch Investmentgesellschaften und Industriefirmen steigen in das Geschäft ein und pachten Ackerland, was die Preise nach oben treibt. Bei Spurio im Büro klingelt das Telefon. Die Besitzer der Ländereien von El Trajín haben ein Angebot bekommen: 340 Dollar pro Hektar wollen sie nächstes Jahr als Pacht, 40 Dollar mehr als derzeit. Spurio und Romagnoli haben, so sagen sie, keine Wahl: "Manchmal muss man Verluste hinnehmen, sonst ist man draußen aus dem Geschäft", klagt Spurio und schaut auf seine Siloanlage.

Aussteigen kann er nicht mehr. Fumisem hat inzwischen 65 Mitarbeiter: Agraringenieure, Treckerfahrer, Mechaniker, Lagerarbeiter, Lohnbuchhalter. Allein mit dem Anbau von Getreide machen sie zehn Millionen Dollar Umsatz im Jahr, Handel und Lagerung mit eingerechnet, waren es im vergangenen Jahr 30 Millionen. Die Firma ist enorm gewachsen, im Jahr 1990 waren es noch sieben Millionen Dollar Umsatz. "Nie haben wir ein richtig schlechtes Jahr gehabt", sagt Spurio.

Der Gewinn ist hoch - der Einsatz auch. Spurio ist der Mann hinter den Zahlen bei Fumisem. Er greift wieder zum Taschenrechner, auf einem Blatt notiert er: Um einen Hektar zu bestellen, muss er 120 Dollar für Saatgut, Dünger und Spritzmittel ausgeben, 300 Dollar kommen gegenwärtig für Pacht hinzu. Das macht eine Gesamtinvestition von 420 Dollar pro Hektar. Nach der Ernte hat er drei Tonnen pro Hektar in seinen Silos, pro Tonne bekommt er zurzeit 210 Dollar. Macht einen Gewinn von 210 Dollar je Hektar. Theoretisch. Vergangenes Jahr hat ein Gewitter die komplette Weizenernte verhagelt; der Mais wurde geerntet, als das Wasser einen Meter hoch im Feld stand; Soja musste ganz neu gesät werden. Das Wetter ist die große Unbekannte beim Getreide-Roulette.

Romagnoli fährt zum nächsten Feld. Mit hundert Stundenkilometern rast er den Feldweg entlang zu Acker Nummer 49. Auch hier fehlt Wasser. Die Pflanzen lassen in der Mittagshitze ihre Blätter hängen. Erst 30 Zentimeter sind sie hoch, mindestens 70 Zentimeter müssten sie messen. Von der anderen Seite des Feldes kommt ihm die Spritzmaschine entgegen, am Steuer Javier Salguero. Der junge Mann hört Radio und macht den ganzen Tag nichts anderes, als Unkrautvernichtungsmittel auf die Sojapflanzen zu sprühen. Per Global Positioning System (GPS) bekommt er den Weg gezeigt, damit er nicht eine Reihe zweimal besprüht. Drei grüne Punkte müssen auf der Anzeige im Armaturenbrett leuchten, dann steht auf dem Display: "Bien" - gut. Bei zwei roten Punkten ist er zu weit vom Weg abgekommen, beim dritten piepst der Bordcomputer.

Auch die drei Mähdrescher von Fumisem sind mit modernster Technik ausgestattet. Sie misst schon beim Dreschen, wie viel Tonnen je Hektar geerntet werden und wie hoch der Feuchtigkeitsgehalt im Getreide ist. Alle Daten speichert der Rechner auf eine PCIA-Karte, die Romagnoli in seinem Büro in den Computer steckt. Auf dem Bildschirm sieht er dann, wo der Boden Nährstoff braucht und wo er optimale Leistung bringt.

Argentinische Landwirte sind mehr im Büro als auf dem Feld. Sie sind mehr Unternehmer als Naturburschen. Sie gehen wirtschaftliche Risiken ein, investieren in Hightech und bilden sich permanent fort. Neue Anbaumethoden, wie die Direktsaat, behalten sie ebenso im Auge wie die Preisveränderungen auf den Weltmärkten. Es sind diese Superbauern, die Argentinien derzeit aus der Krise führen. "Der Agrarsektor ist deswegen so effizient", sagt Spurio, "weil er extrem flexibel ist." Soja bringt nicht nur Geld, sondern ist auch Zahlungsmittel: Ein 320-PS-Schlepper kostet 760 Tonnen Soja Auch vor unorthodoxen Geschäftspraktiken schrecken die Agrar-Unternehmer nicht zurück. Als die Bankkonten in Argentimen eingefroren wurden, mussten sie ihre Millionengeschäfte ohne die Banken abwickeln - und begannen Kömer zu tauschen. "Das ist unser Konto", sagt Spurio und zeigt auf seine Silo-Türme. Er meint das ernst. Traktoren und Autos, Künstdünger und Saatgut, alles wird in Getreide gehandelt. Für seinen neuen, 320 PS starken John-Deere-Schlepper hat Spurio 760 Tonnen Soja bezahlt.

Das Tauschverfahren ist sicher und simpel. Sind sich Käufer und Verkäufer handelseinig, dann wird der Preis der Ware am Verkaufstag mit Soja oder einem anderen Getreide aufgewogen. Das Ersatzgeld geht dann zu einem Exporteur, der dem Verkäufer binnen fünf Tagen das Geld überweist.

Ohne diesen bargeldlosen Zahlungsverkehr geht nichts mehr in der argentinischen Agrarwirtschaft. Rund 60 Prozent aller Trecker- und Mähdrescher-Verkäufe laufen bei Agco Allis in Argentinien per Tausch. Der Chemieriese Bayer wickelt fast die Hälfte seines Geschäftes mit Pflanzenschutzmitteln so ab. Und Getreide-Broker arbeiten schon daran, Tauschpläne für Häuser und Urlaubsreisen zu erarbeiten. Pablo Bini von der Broker-Agentur BLD in Rosario weiß auch, warum sich die Wirtschaft plötzlich so für Körner interessiert: "Das Geld liegt auf dem Land." Aber es wäre noch viel mehr drin. " Wir sind hier vom Klima und den Märkten abhängig, Landwirte in Europa hingegen vom Staat", sagt Romagnoli, als er abends durch die Felder wieder Richtung Villa Canäs zurückfährt. Die EU subventioniert ihre Landwirtschaft jährlich mit 40,4 Milliarden Euro, fast der Hälfte des Gesamtetats der Union. Dabei sind weniger als fünf Prozent aller Erwerbstätigen in Europa in der Landwirtschaft tätig; in Ländern wie Argentinien oder Brasilien sind es 25 Prozent. Unter diesen Wettbewerbsbedingungen ist es selbst für Superbauern wie Romagnoli unmöglich, mit den EU-Konkurrenten Schritt zu halten. Und das, obwohl er wesentlich effizienter und preiswerter produziert. "Es ist unmöglich zu konkurrieren", resigniert er. Dass sich daran bei den Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO) bald etwas ändert, wagt er nicht zu hoffen. Lieber hofft er auf Regen.

Trotzdem lebt Argentinien zurzeit nicht schlecht von Soja. Nach den USA und Brasilien ist das Land der drittgrößte Produzent der Welt. Ökonomen und Agronomen zweifeln allerdings an der Nachhaltigkeit des Bohnen-Booms - vor allem wegen der Kombination der genetisch manipulierten Pflanzen mit dem Pflanzengift Roundup. Auf den Feldern von Romagnoli und Spurio wird die Gen-Gift-Mischung verwendet, und das sieht komisch aus: Der Grasstreifen am Feldrand ist tot, er sieht aus wie verbrannt, nur die Sojapflanzen stehen in voller Pracht.

Die Soja-Monokultur entzieht dem Boden Nährstoffe, es muss stärker gedüngt werden und vor allem: Es wird Gift gespritzt, ohne Gnade. 150 Millionen Liter Roundup fließen pro Jahr in Argentimen auf 14 Millionen Hektar Sojapflanzen. Schon haben sich Unkräuter gebildet, die gegen Roundup resistent sind. In Kanada ist bereits ein Gen-Raps entdeckt worden, der zur Plage wurde, da er gegen eine Reihe von Pflanzenschutzmitteln resistent ist. So droht der Boom der Monokultur in Argentinien zum Bumerang zu werden.

Für Monsanto ist er das schon heute. Mitte Januar hat die Firma verkündet, künftig kein genmanipuliertes Saatgut mehr in Argentinien zu verkaufen, weil die Produzenten nach der Ernte einfach einen Teil ihrer Bohnen zurückbehalten und sie in der nächsten Saison wieder aussäen. Dafür müssten sie an Monsanto Patentgebühren bezahlen - nur tut das niemand. Die Folge: Monsanto behauptet, kein Geld mehr mit dem genmanipulierten Saatgut zu verdienen.

Für den Agrar-Unternehmer Romagnoli ist das nur ein Problem mehr. Abends sitzt er mit Freunden auf Plastik-Gartenstühlen auf der Plaza von Villa Canás vor einer Dorfspelunke. Sie trinken kalten Sekt und knabbern Erdnüsse. "Das, was Sie heute gesehen haben", sagt er und deutet in Richtung seiner Soja-Felder, " davon lebt dieses Land." Und wenn im Juni die Ernte vorbei ist, dann werden die argentinischen Landwirte wieder mehrere Milliarden Dollar mit ihrem Soja eingespielt haben.

Allerdings nur, wenn der Weltmarktpreis stabil bleibt, nur, wenn die EU keine Anti-Dumping-Maßnahmen verhängt, nur wenn es nicht zu viel regnet und nicht zu heiß wird. Nur dann wächst Argentinien. Der Aufschwung ist auf Soja gebaut.

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von brand eins Autor Ingo Malcher