Das geht - Das macht zwei Chiemgauer, bitte!

Schule fürs Leben: Ein Lehrer bringt mit seinen Schülern eine neue Währung in Umlauf - den "Chiemgauer".




In Prien am Chiemsee mit seinen 10 000 Einwohnern gehen die Uhren nicht anders als im übrigen Deutschland: Gegen die Rabattschlachten der Discounter und Supermärkte haben die kleinen Geschäfte keine Chance. Doch das soll sich ändern, geht es nach dem Willen des Schülervereins Chiemgauer Regional e.V. Er bringt seit einem Jahr eine regionale Währung heraus, den Chiemgauer, der die einheimische Wirtschaft stärken und die Menschen dazu anregen soll, ihr Geld in der Region auszugeben.

Ein Chiemgauer hat den Wert von einem Euro. Wer ihn in den Ausgabestellen erwirbt oder über ein Kundenabo bezieht, wird zugleich Mitglied im Verein Chiemgauer Regional. Hundert Unternehmen akzeptieren die Währung bereits - Apotheken ebenso wie Optiker, Bioläden, Schuh- und Textilläden, Restaurants, Architekten, Steuerberater oder Physiotherapeuten. Die Unternehmen können die eingenommenen Chiemgauer weiter zirkulieren lassen, indem sie ihre Außenstände mit ihm begleichen oder aber gegen Euro wieder eintauschen. Allerdings werden beim Rücktausch zwei Prozent Verwaltungsgebühr zu Gunsten des Schülerprojektes berechnet. Weitere drei Prozent werden für ein gemeinnütziges Projekt gespendet, das sich der Kunde selbst auswählen kann.

"Für die Kunden ist das ein gutes Gefühl. Sie bezahlen den normalen Preis und wissen, dass sie gleichzeitig etwas für die Region und für einen guten Zweck tun", sagt Christian Gelleri, von dem die Idee stammt. Auch für die Unternehmen lohnt sich der Chiemgauer, 15 Prozent mehr Umsatz haben sie seit der Einführung der Lokalwährung geschafft, erzählt der Lehrer. Während seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften erfahr Gelleri von verschiedenen regionalen Geldexperimenten, etwa der internen Währung der Diakonie Bethel, von den WIR-Verrechnungseinheiten der Schweizer WIR-Bank und dem Währungsexperiment der Tiroler Gemeinde Wörgl (brand eins 09/03). Als Gelleri im Herbst 2002 als Wirtschaftskundelehrer an die Waldorfschule Prien kam, sollte an der Oberstufe ein zukunftsweisendes Unternehmensprojekt gegründet werden. Gelleri schlug den Schülern der 10. Klasse seine Idee des Chiemgauers vor. ,Jeder von uns hat sich darunter etwas ganz anderes vorgestellt", sagt Cathrin Förster. Sie ist inzwischen 17 Jahre alt und zuständig für das Marketing. "Sechs von uns haben sich sofort gemeldet und arbeiten bis heute an dem Projekt." Die Schüler arbeiten mit klarer Arbeitsteilung: Sie drucken den Chiemgauer, sprechen Leute an, betreuen die Geschäfte, verhandeln mit Lieferanten, entwickeln Werbestrategien, halten Vorträge und führen genauestens Buch.

Rund 30 Stunden im Monat arbeiten sie freiwillig an dem Projekt, neben dem normalen Unterricht. Bürgerarbeit wie aus dem Bilderbuch. Und sie hat Erfolg: Chiemgauer im Wert von rund 60 000 Euro wurden innerhalb eines Jahres getauscht, davon sind zurzeit ungefähr 9000 im Umlauf. Gedruckt werden die Scheine im Wert von 1, 2, 5, 10, 20 und 30 Euro in der Waldorfschule. Um sie möglichst fälschungssicher zu machen, haben sich die Schülerinnen entschlossen, neben Seriennummern und UV-Sicherung jeden Schein durch den Aufdruck eines Prägesiegels sowie durch zwei Originalunterschriften zusätzlich zu sichern. Außerdem müssen Quartalsmarken auf die Scheine geklebt werden, denn bleiben die Chiemgauer im Umlauf und werden nicht gegen Euro zurückgetauscht, verlieren sie alle drei Monate zwei Prozent ihres Nennwertes. Christian Gelleri: "Durch diese Wertminderung hoffen wir, dass die Gutscheine schneller zirkulieren, dass das Geld im Fluss bleibt und die beteiligten Unternehmen höhere Umsätze haben." Auch wenn immer mehr Geschäfte, selbst in den Nachbargemeinden, den Chiemgauer akzeptieren, sieht sich das junge Unternehmen vor zwei große Herausforderungen gestellt. "Unser Experiment ergibt nur Sinn, wenn es uns gelingt, den Kreislauf zwischen Erzeugern, Vertrieb und Verbrauchern zu schließen", so Gelleri. "Unsere Rücktauschquote ist mit 90 Prozent noch viel zu hoch. Wir können die Quote nur senken, wenn wir auch die regionalen Produzenten und Lieferanten gewinnen." Zwar sind die ersten Gespräche mit Bauern und Käsereien, mit Mühlen und Großbäckereien gerührt, doch offenbarten sie ein weiteres Problem: Die Unternehmen wickeln größere Geschäfte meist bargeldlos ab. Für die Entwicklung eines elektronischen Buchungssystems hat das Schülerunternehmen inzwischen die Unterstützung der GLS-Gemeinschaftsbank in Bochum erhalten. Doch wird der erste Testlauf frühestens Ende dieses Jahres starten.

Trotz all dieser Schwierigkeiten ist die Idee von der regionalen Währung auch anderswo attraktiv. Inzwischen haben sich in rund 20 Städten und Gemeinden der Republik Initiativen nach dem Vorbild des Chiemgauers gebildet.

Chiemgauer Regional e.V., Bernauer Str. 34, 83209 Prien, Telefon: 0 80 51/939 29 66 eMail: Service@Chiemgauer.info, Internet: www.Chiemgauer.info