Vom kleinen Glück

Früher war alles besser. Da waren Taxifahrer noch angesehene Kleinunternehmer und ihre Kunden Gast. Wer sagt, dass das heute vorbei ist?




Voilà, hier kommen geballt die Klischees. Taxifahrer sind 1.) entweder so mundfaul, dass ihr beständiges unwirsches Schweigen aggressiv wirkt. Oder sie leiden 2.) an einer derart ausgeprägten Wort-Inkontinenz, dass sie ihre beschränkte kleinbürgerliche Sicht der Welt auch wirklich jedem auf die Nase binden müssen. Sie sind 3.) so unfreundlich, dass man sich als Fahrgast dafür entschuldigen möchte, zu diesem anscheinend ungünstigen Zeitpunkt eingestiegen zu sein. 4.) sprechen sie nur Kisuaheli oder Pakistanisch oder Bayerisch oder ein Mischmasch aus allem und haben 5.) leider noch weniger Ahnung von den Straßen ihrer Stadt als der Passagier im Fond.

Draußen hinter dem verschlossenen Fenster rauscht der frische kalte Winter vorbei, im 6.) überheizten und 7.) vermüllten Inneren der 8.) Klapperkiste verströmt ein am Rückspiegel baumelnder Wunderbaum penetrant künstlichen Waldduft. Hier ist man 9.) dazu verdammt, allein mit dem Fahrer und dessen meist furchtbarem Musikgeschmack - mittelasiatische Basarmusik oder mitteldeutsche Blasmusik - im Stau zu stehen. Aber man muss ja 10.) dankbar für jegliche Art von Beförderung sein, weil einen die Damen und Herren Kollegen haben stehen lassen: So ein Fuzzi nur mit Handgepäck will wahrscheinlich ohnehin nur um die Ecke zum Airport-Hotel, und dafür reiht man sich als Taxifahrer natürlich nicht etliche Stunden in die Schlange ein. Für einen Dokumentarfilm wäre der passende Titel schnell gefunden: "Nightmare on Earth".

Natürlich ist das maßlos übertrieben und scheint doch irgendwie wahr: Die Branche leidet unter ihrem schlechten Image, nicht immer begründet und doch nicht ohne Grund.

Die gute alte Zeit. Und zwei Brüder, die mit dem Taxi zufriedene Menschen geworden sind Alfred Rast, 59, kann sich über den Imageverfall und die Gründe dafür kilometerlang erregen. Er ist ein Kutscher vom alten Schlag, im Geschäft seit gut 25 Jahren, und sein Selbstverständnis entstammt einer Zeit, als der Beruf des Taxi-Fahrers noch etwas Exklusives war und man als Chauffeur etwas galt.

Inzwischen hat er, es hat schon ein wenig geschmerzt, seine Konzession zurückgegeben. Einer unter vielen der Altgedienten, sagt der Taxiverband: Die selbst lenkenden Kleinunternehmer geben auf, denn ein Wagen muss heute rund um die Uhr laufen, um rentabel zu sein und Gewinn einzufahren. So steuert er nun nachts das Taxi einer alten Bekannten, steht mit blitzblankem Mercedes der C-Klasse am Flughafen, dreht bei den großen Hotels seine Runden. Es ist schwieriger geworden, die Konkurrenz ist härter, die Kameradschaft fehlt, sagt er mit Bitterkeit in der Stimme.

Nein, früher war nicht alles besser. Und doch hatte er damals die Chance, die heute kaum noch ein kleiner Taxiunternehmer hat: "Ich habe ruhig und gelassen alles das geschafft, was ich wollte. Und dabei ging es mir nie nur ums Geld." Die grauen Haare hochgebürstet, aufrecht sitzend, mit wachen Augen fährt Alfred Rast durch die Stadt. Wortkarg ist er nicht, aber er muss auch nicht die Politik des Ministerpräsidenten kommentieren. Zu Hause wartet keine Frau auf ihn, er wird heute Nacht so lange fahren, bis er für sich und seine Chefin, die rund die Hälfte der Einnahmen bekommt, genügend Geld verdient hat. Oder bis sein Bauch ihm sagt, dass bis zum Morgengrauen keine Nachtschwärmer mehr unterwegs sein werden. "Es ist ein schönes Gefühl, frei zu sein. Machen zu können, was man will." Verlässlich wirkt er. Auch auf Kunden, die ihren Anschlussflug verpasst haben und nun ein Hotel brauchen, um am nächsten Morgen Weiterreisen zu können. Alfred Rast hört zu, nickt - schlägt dem Professor aus Malta vor, doch gleich mit dem Taxi nach Rotterdam zu fahren und nicht erst am nächsten Tag zu sehen, ob er einen Flug dorthin bekommt. Oder er verspricht dem Ehepaar, sie sicher nach Wasserburg am Bodensee zu bringen. Weil das bequemer ist und vielleicht sogar billiger. Er vermittelt dem Passagier stets: Du, Fahrgast, kannst mir, Fahrer, vertrauen. Das ist eine Kunst. Es scheint in der Familie zu liegen.

Am Küchentisch im Frankfurter Speckgürtel, in Schöneck, Ortsteil Büdesheim. Rechts vom Käsekuchen sitzt Alfred Rast, links Erwin, der vier Jahre ältere Bruder. Wenn Alfred am Morgen nach Hause kommt, übernimmt Erwin das Auto. Erwin Rast ist jemand, der zur Karnevalszeit schon einmal mit schwarzer Security-Mütze durchs Bankenviertel fährt und allerlei Anekdoten über Prominente zum Besten geben kann, die bei ihm mal auf der Rückbank saßen. Vor allem aber ist er ein pfiffiger Geschäftsmann, der seine Chancen anders als sein Bruder immer ausreizen wollte. Als Aushilfe hat er im Taxi vor fast 40 Jahren angefangen, dann kam die erste Konzession, dann wurde das Geschäft ausgebaut. Am Ende stand neben den sieben Wagen in Frankfurt/ Main die eigene kleine Zentrale in Schöneck mit vier Autos - eine Aufgabe für die ganze Familie. "Irgendwann möchte man aber ruhiger leben. Und weil die Kinder das Geschäft nicht übernehmen wollten, haben wir langsam abgebaut." Auch er scheint zufrieden, liebt seinen Beruf noch immer. Vielleicht geht es in ein paar Jahren, wenn Ehefrau Martha in Pension geht, zurück in die alte Heimat nach Berlin. Dann aber wirklich ohne Taxi - das scheint für beide Brüder ein Familienmitglied geworden zu sein, das nur zufällig in der Garage steht.

Alfred und Erwin Rast haben ihr Handwerk gelernt. Und sind heute Meister ihres Fachs, auch wenn niemand auf die Idee kommen würde, ihren Beruf durch die Aufnahme in die Handwerksrolle zu adeln. Sie sind Fahrer, mehr nicht, und bei den Arbeitsämtern stößt oft auf taube Ohren, wer sich in diesem Gewerbe eine neue Existenz aufbauen will. Viele Deutsche wollen dieses Risiko wohl auch nicht mehr eingehen, und so wandern immer mehr Konzessionen an Ausländer, deren meist ebenfalls ausländische Fahrer eine der wenigen Chancen sehen, Her Geld zu verdienen. Daneben gibt es die Studenten, die ihre Runden drehen, und die skurrile Mischung aus Ab- und Umsteigern, die eine Fahrt von A nach B interessant machen kann. Doch vom einst hohen Sozialprestige des Chauffeurs ist wenig geblieben, ein Schicksal, das er mit den Flugbegleitern teilt: Früher eine lukrative Tätigkeit, würden heute wohl nicht nur Billig-Airlines die teure Bedienung lieber einsparen, wenn sie könnten.

Die gute neue Zeit. Und eine Taxi-Genossenschaft, die bundesweit Standards bei Service und Innovation setzt Wer einen Taxifahrer heute fragt, wie die Geschäfte laufen, kennt die Antwort. Empirisch belegt, verkündet die Zentrale des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands in Frankfurt: Dem Gewerbe geht es immer schlechter, die Kosten für den Unterhalt der Fahrzeuge steigen, die Leute sparen bei Geschäfts- und Privatfahrten, mit den Gesundheitsreformen brechen die Krankentransporte weg. "Wir müssen um jeden Kunden kämpfen", steht im Geschäftsbericht der Zentrale. Qualitätsbewusstsein soll her, die ersten Modellversuche mit festgelegten Service-Standards laufen bereits in Bremen und Dortmund. Mit alten Tugenden und Unternehmer-Initiative wollen sie die Wende schaffen.

Nicht Berlin, sondern Hamburg ist mit rund 3800 Wagen Deutschlands Großstadt mit der höchsten Taxidichte pro Einwohner. Hier arbeitet eine der wohl innovativsten Genossenschaften der Republik - mit einem simplen Konzept. "Bei uns ist es wie bei den Hamburgern von McDonald's", sagt Fahrer Durkan Kavali, der heute schon zum dritten Mal Gäste am Flughafen auf dem reservierten Parkplatz von Hansa Funktaxi abholt. " Die sollen überall auf der Welt gleich schmecken. Und bei uns sollen sich die Kunden auch sicher sein können, dass sie in jedem Taxi den gleichen guten Service bekommen." "Das ist schon ein ziemlich spektakulärer Coup", sagt Manfred Gieselmann und gibt sich gar nicht erst große Mühe, sein zufriedenes Grinsen zu unterdrücken. Gieselmann, ein jovialer 55-Jähriger, ist der umtriebige Vorstand der Hansa Funktaxi Genossenschaft, die mit ihrem ungewöhnlichen Service- und Qualitäts-Konzept von sich reden macht. Jahrelang hatte er für die Idee gekämpft, seinen " besten Stammkunden", wie er sie nennt, das in Hamburg besonders nervige Warten am Taxi-Halteplatz zu ersparen und sie bequem, mit bestellten Wagen am Flughafen abholen zu können.

Am Ende bekam Taxi-Pionier Gieselmann zwar nicht die eigene Spur, dafür durfte die Genossenschaft zehn Kurzzeit-Parkplätze direkt am Terminal mieten. Wer nun in Hamburg-Fuhlsbüttel ankommt und sich telefonisch ein Taxi bestellt (obwohl, paradox, draußen ein paar Dutzend warten), der muss nach der Zollkontrolle nur schnell die Rolltreppe hoch und wird am Seitenausgang meist schon vom Fahrer empfangen.

Nur auf dem Flughafengelände warten dürfen die Hansa-Bestell-Taxen nicht, sonst gäbe es Ärger: Mit der Betreibergesellschaft des Airports und natürlich mit den Konkurrenten, die Stoßstange an Stoßstange in der Schlange stehen. Deshalb lauern die Hansa-Taxis an Tankstellen in der Umgebung, bis sich die Zentrale mit einem Auftrag meldet und sind innerhalb von fünf Minuten vor Ort. Nach 800 Fahrten im November 2002 bestellen inzwischen monatlich 7200 Kunden ihr Gefährt auf diese Weise. Seit Mitte März 2004 gibt es das Angebot auch am Hamburger Hauptbahnhof. Eine Vorzugsbehandlung für Hamburgs größtes Taxi-Unternehmen? Die Mitbewerber hätten auch Parkplätze bekommen können, erklärt Manfred Gieselmann. Aber sie wollten eben nicht. " Jetzt hat 211 211 die Konkurrenz schon wieder überholt", heißt es lakonisch in Frankfurt beim Taxiverband.

Die schlichte Lehre: Jede Zeit ist so gut wie die Leute, die etwas daraus machen Geschäftsführer Jürgen Kruse (der sein Jura-Studium nach dem achten Semester abbrach, weil er als Taxi-Fahrer gutes Geld verdiente) intoniert die Glaubenssätze der Genossenschaft: "Wir reden nicht mehr über schmutzige Autos. Sie müssen sauber sein. Wir reden nicht mehr über mangelnde Ortskunde. Unsere Fahrer müssen eine separate Prüfung bestehen. Wir reden nicht mehr über klapprige Autos. Wir haben eine der modernsten Flotten in Deutschland." So weit die Vision. Die durchaus der Realität entspricht. Aus dem vor 30 Jahren gegründeten " Schweinefunk" (der seinen Spitznamen der Tatsache verdankt, dass sich die Neulinge einst auf die nicht gerade beliebte Klientel aus Gaststätten und Kneipen konzentrierten) ist mit 40 Millionen Euro Umsatz im Jahr Hamburgs wichtigstes Taxiunternehmen geworden, das dem größten Konkurrenten Autoruf immer mehr Marktanteile abnimmt. 643 Autos und 1400 Fahrer sind für Hansa Funktaxi unterwegs. Das Wachstum soll weitergehen: Hansa will den Abwicklungs-Service seiner Taxi-Zentrale auch anderen Genossenschaften in Norddeutschland anbieten. Zudem bitten ständig Unternehmer um Aufnahme in die Genossenschaft (inzwischen stehen 150 Namen auf der Warteliste) und Fahrer um einen Job - meist vergeblich.

"Wir nehmen im Moment nur noch Leute auf, die bei uns das Fahren neu lernen, weil wir sie dann genau auf unser Konzept einschwören können", sagt ein sehr zufrieden aussehender Jürgen Kruse. Dem Geschäftsführer kommt der Run auf den Betrieb wie gerufen: So kann er assoziierte Partner (die nicht Mitglied in der Genossenschaft sind, aber für Hansa Funktaxi fahren) leichter zu mehr Disziplin verpflichten und sogar - eine Revolution für die eigentlich selbstständigen Unternehmer - einen verbindlichen Schichtplan einführen, der auch eingehalten werden muss. "Wir müssen unsere Truppe manchmal zum Geldverdienen zwingen", sagt er mit Verve. "Zu Spitzenzeiten lehnen wir im Moment sogar Aufträge ab, weil nicht genügend Wagen zur Verfügung stehen. Andere würden sich die Finger nach solchen Fahrten lecken." Gingen die Fahrer besser abgestimmt auf die Straße, so die Argumentation, wurden am Ende alle mehr verdienen - weil sich nachts um drei dann eben nicht mehr fünf Kutscher um einen einzigen Gast streiten.

Dass Hansa-Fahrer Deutsch sprechen, die Stadt kennen und die wichtigsten Höflichkeitsregeln beherrschen sollten, versteht sich von selbst. Doch Geschäftsführer Jürgen Kruse will mehr: "500 Kleidungsstücke mit Logo haben wir inzwischen an die Fahrer verkauft. Wenn sich irgendwann mehr als die Hälfte der Fahrer damit eingedeckt haben, werden wir über einheitliche Kleidung reden. Das wäre das Sahnehäubchen. Und die Leute würden sich noch mehr mit dem Betrieb identifizieren als bisher." Doch im mobilen Gewerbe sind Veränderungen nicht im Hau-Ruck-Verfahren durchzusetzen, das wissen die Funktionäre, die selbst lange Jahre auf der Straße unterwegs waren. "Taxi-Fahrer sind nun mal oft bodenständige Leute und nicht besonders innovativ." So ist es auch noch längst nicht zu allen Fahrern durchgedrungen, dass sich guter Service auch in höherem Trinkgeld niederschlagen kann. "Ein fleißiger Fahrer kann 2500 Euro brutto im Monat verdienen - wo gibt es das schon für eine Arbeit, die so schwierig nicht zu lernen ist." Als Gieselmann noch selbst durch Hamburg tourte, hatte er immer einen Vorrat an billigen Feuerzeugen im Auto - und schenkte sie den Passagieren, die sich eine Zigarette anzünden wollten. "Wer sich solche Ideen einfallen lässt, um den Fahrgast zu beeindrucken, hat am Ende fast automatisch ein höheres Trinkgeld." Da kann es sich auch lohnen, auf alte und lange erprobte Verhaltensweisen zurückzugreifen wie die, dem Passagier beim Einsteigen behilflich zu sein oder auch mal den Koffer zu tragen. "Die Wagentüren öffnet und schließt nach Möglichkeit der Hansa-Fahrer und nicht der Fahrgast" , heißt es in der Funkordnung.

Früher muss nicht alles besser gewesen sein. Buchtipps: Julika Jänicke (Hrsg.): Taxi Geschichten. DTV, 2002; 8,50 Euro Risa Mickenberg: Taxi Driver Wisdom. Chronicle Books, 1996; 13,50 Euro