TSCHÜSS DENN!

Wir brauchen den Aufbruch zu neuen Horizonten und müssen sofort los. Ja, ja, ja. Aber vorher müssen wir Abschied nehmen. Sonst schleppen wir mit, was wir nicht mehr brauchen. Oder bremsen uns durch alte Blockaden. Oder werden Halblebendige, Zombies.




Sei jedem Abschied voran, als läge er hinter dir. Rainer Maria Rilke Liebe Sophie!

Doch, ich teile deinen Verdacht, dass du an der Uni über Innovation vieles nicht hörst, was du später dringend brauchst. Du wirst aber auch in der Praxis vieles davon nicht hören. Was einfach daran liegt, dass es viele nicht wissen wollen und noch weniger praktizieren. Beispielsweise, dass kein Aufbruch ohne vorherigen Abschied gelingt.

Auf und los müssen wir in der Wirtschaft ständig. Das geht aber nur dann gut, wenn wir wissen, wohin. Wir brauchen, unbedingt, unsere eigene Richtung, unseren Horizont. Der ergibt sich nicht aus Charts und Modellen, den haben wir zu erschaffen. Leisten wir das wirklich, dann haben wir auch entworfen, wie das Unternehmen morgen sein soll, was es macht und wie es das macht. Vergleichen wir damit die Gegenwart der Firma, dann ist auch klar, was von dem Heutigen nicht zum Künftigen passt. Genau das müssen wir rigoros aufgeben. Und all das, was uns blockiert. Und alles, was nicht mehr lebendig ist. Also gibt es drei Kategorien: Unpassendes, Blockaden und Totes.

Unpassend ist nie nur das, was nicht mehr zeitgemäß ist. Es ist auch das, was nicht zu der künftigen Firma passt. Willst du morgen eine profitable Discount-Airline führen, dann musst du heute eine alte Organisation verabschieden, das herkömmliche Buchungssystem, Gastronomie während des Fluges, allerlei Schnickschnack - und die bisher angeflogenen Flughäfen.

Willst du als Lebensmittel-Discounter ins Computer-Geschäft, dann hast du dein vorsichtiges Disponieren aufzugeben. Du gehst stattdessen ins Risiko, bestellst eine Million Rechner - und verkaufst sie in einer Woche. Oder auch nicht.

Da gibt es ein Weltunternehmen, das ist sehr erfolgreich mit Softdrinks. Unter anderem deshalb, weil die Limonade eine ganz geheime Substanz enthält. Wie könnte man das Geschäft erweitern? Ah, mit Wasser! Und mit der Übertragung des alten Erfolgsrezepts auf Wasser in einer Flasche mit Taille aus einer geheimen, ganz besonderen Quelle. Millionen in die Werbung stecken und dann den halben Liter für 1,40 Euro verkaufen. Leider kam jetzt heraus, dass Coca-Cola sein geheimes Quellwasser aus der Leitung eines Londoner Vorortes bezieht. Wie konnte diese Katastrophe einem so erfahrenen Unternehmen geschehen? Weil es weitermachte wie bisher.

Maulesel und Rennpferde Falsch sind Ideen, Haltungen, Organisationen, Strategien, Formen der Macht, die nicht mehr passen und nicht verabschiedet wurden; das gilt erst recht für Blockaden.

Heinrich Nordhoff war mit seiner Firma so erfolgreich, dass er Mr. VW genannt wurde. Eines Tages stand er abrupt auf, mitten in der Präsentation einer wirklich innovativen Strategie für den Abschied von der Monokultur des VW-Käfers. Er rief alle Anwesenden zum Fenster, sie sollten hinausschauen. Ob sie da etwas anderes sähen als Käfer? Und ob sie daran zweifelten, dass es den Käfer immer geben würde? Ich dachte, er mache Witze. Machte er nicht. Für ihn bestand die Zukunft aus Vergangenheit. Aufbruch hieß: Alles hier geblieben. Sein bisheriger Erfolg war seine Blockade. Bernd Pischetsrieder, einer seiner Nachfolger, muss heute herausfinden, ob eine früher charmante Idee heute schon eine Blockade ist: Ist es möglich, sehr erfolgreich im Geschäft mit Mauleseln zu sein und gleichzeitig viel Geld mit der Zucht von Rennpferden zu verlieren?

Enzyklopädien sind notwendig und ein altes, bewährtes Geschäft. Der Computer kam, das Internet entstand. Die erfolgreichen Verlage blockierten sich noch nicht einmal lange, dann boten auch sie CD-Roms an und Services aus dem Netz. Doch die entscheidende Blockade hatten sie nicht aufgegeben: ihre Kompetenz als zentrales Richteramt zu verstehen. Anfang des Jahres 2001 entstand plötzlich Wikipedia, die Internet-Enzyklopädie, die von allen für alle geschrieben wird. Heute gibt es sie in mehr als 50 Sprachen, tausende Menschen bereichern sie jeden Tag. Bist du schon dabei?

Betoniertes Beharren Ebenso gefährlich wie Blockaden ist für jedes Unternehmen, auf dem zu beharren, was schon tot ist.

Gefährliche Strategien nicht aufzugeben ist die Beharrlichkeit von denjenigen, die sich nicht verabschieden wollen, weil sie dann zugeben müssten, früher einen Fehler gemacht zu haben. So wurde die Swissair ruiniert. Ihre so genannte Hunter-Strategie, die Jagd nach schwächelnden Fluggesellschaften, war von vornherein fragwürdig: Wird die Familie gesund wachsen, wenn sie lauter Kranke adoptiert? Die Strategie wurde selbst dann nicht aufgegeben, als alle schon auf der Intensivstation lagen. Crash.

Einer Tradition nicht Adieu sagen zu können ist die Kontinuität von Gestrigen. Computer-Business hieß lange: Wir erfinden's, wir produzieren's, wir vertreiben's über unsere Händler. IBM, Hewlett-Packard und alle anderen blieben dabei. Bis auf Dell. Ihr Angebot war nicht von gestern, sondern von heute: Sag uns, was für einen Rechner du willst, wir produzieren ihn genau so. Dann schicken wir ihn dir. Dell ist heute die Nummer eins.

Eine Gruppen-Hysterie ist teuflisch ansteckend. Da hilft nur noch sofortiges Exorzieren. Plötzlich war da eine Epidemie namens UMTS. Das! Große! Geschäft! Die Teufelsaustreibung wäre einfach gewesen. Du hast davon spätestens im zweiten Semester gehört. Wo führt das hin? Lässt es sich realisieren? Wie teuer kommt das?

Was kann es bringen, minimal, maximal? Es wäre nicht viel komplizierter gewesen als die Machbarkeitsstudie für eine Bockwurst-Bude. Äußerstenfalls hätte danach jemand einige Millionen Euro in das Risiko investieren dürfen. Stattdessen wurden dutzende Milliarden bei der Auktion der Frequenzen geboten. Und jetzt? Schwamm drüber, jetzt werden die Milliarden verabschiedet.

Dreierlei macht den Abschied so schwierig: Erstens, dass wir nichts von ihm wissen wollen, zweitens, dass wir ihn nicht wollen und drittens die Macht der Gewohnheit. Hast du ein einziges Lehrbuch gelesen, in dem wenigstens ein kleines Kapitelchen über den Abschied vorkommt? Nein. Allenfalls wird über Downsizing geredet, Abspecken, Costcutting. All das ist nicht Abschied, sondern Metzelei, bestenfalls Schönheits-Chirurgie.

Und im täglichen Leben, wer mag da schon Abschiede? Ankünfte vielleicht. Aber Abschiede? Tja, tschüss denn! Ich stand mal neben einem Unternehmer, der eben nach einer hitzigen Diskussion entschieden hatte, sein traditionelles Produkt aufzugeben. Er berührte es und sagte: Das war eine gute Zeit. Das war auch ein guter Abschied.

Und gegen die Macht der Gewohnheit hilft nur die Macht des Abschieds. Sonst bleiben wir selbst dann bei dem Gewohnten, wenn es uns zu Sklaven macht. Wir halten fest. Hans im Glück stand schließlich mit leeren Händen da: ... mit leichtem Herzen und frei von Last sprang er fort ...

Also nichts wie los zum Horizont - nach dem Abschied.

Ich lächle dir zu.