Nicht nur fürs Geld

Wenn es ums Arbeiten geht, verstehen die Deutschen keinen Spaß. Arbeit ist Pflicht, Freizeit der Lohn dafür. Was aber wäre, wenn der Mensch nicht um des Geldes willen arbeiten würde, sondern für sein Glück? Drei Antworten auf eine naheliegende Frage.




Arbeit hat hier zu Lande kein gutes Image. Vielen gilt sie als Unterbrechung der Freizeit und damit als Raub von Lebensqualität. Und weil daran für die meisten nichts zu ändern ist, muss die Arbeitszeit möglichst teuer verkauft werden.

In ähnlicher Weise verengt das ewige Vorurteil, Sozialhilfeempfänger ließen es sich auf Kosten aller gut gehen, Arbeiten aufs reine Geldscheffeln. Es gipfelt in der Forderung, Langzeitarbeitslose für frei werdende Stellen etwa in der Altenpflege heranzuziehen, sollte der Zivildienst abgeschafft werden. Das Argument: Wer sich jahrelang von der Gemeinschaft durchfüttern lasse, dürfe sich nicht zu schade für Stellen sein, die andere links liegen lassen.

Dass in Zeiten eines stetig sinkenden Arbeitsaufkommens privilegiert ist, wer einen erfüllenden und befriedigenden Beruf ausübt, und nicht, wer arbeitslos zu Hause sitzt, gerät dabei leider in Vergessenheit.

Sicher, Geld spielt in der Welt der Arbeit eine zentrale Rolle. Wer würde schon leugnen, dass es ihm nicht auch auf einen vollen Kühlschrank und einen trockenen Platz zum Schlafen ankommt? Doch geht es bei der Arbeitsfrage um wesentlich mehr als den monatlichen Gehaltsscheck: Es geht auch ums Ego - um Ruhm und Anerkennung. Und darum, ständig dazuzulernen, an neuen Herausforderungen zu wachsen, soziale Kontakte zu knüpfen und sich weiterzuentwickeln.

Dass sich Arbeiten sogar lohnen kann, wenn man nichts oder nur wenig dafür bekommt, zeigen die folgenden Beispiele dreier Frauen. Sie zeigen, dass der tiefere Sinn auch darin bestehen kann, unter tosendem Applaus mit einer diamantbesetzten Hummel ausgezeichnet zu werden, das gute Gefühl zu spuren, verärgerte Hotline-Anrufer gebändigt zu haben, oder einfach nur darin, nicht verrückt zu werden.

ELKE BARTELS, KOSMETIKBERATERIN BEI MARY KAY Es gab Zeiten, da setzte sich Elke Bartels grundsätzlich in die letzte Reihe. Bei Elternabenden und Vorträgen galt: Bloß nicht auffallen, nur nichts sagen müssen. Damals war sie schüchtern, blass und unauffällig - "eine graue Maus", wie sie heute sagt. "Mich in einer fremden Runde vorstellen zu müssen war ein Albtraum." Ständig sei sie rot geworden, ewig sei sie ins Fettnäpfchen getreten. Ein Wunder, dass ausgerechnet sie heute mehrmals pro Woche in der ersten Reihe steht. Dass ausgerechnet sie wildfremden Frauen erklärt, wie sie mehr aus sich und ihrem Leben machen können. Und dass gerade sie neuerdings ständig Komplimente für ihr perfektes Make-up und ihre gelungene Frisur bekommt. Elke Bartels ist ein neuer Mensch - innerlich und äußerlich.

Wer sie von früher kennt, kann die Geschichte der 40-Jährigen kaum glauben: Auslöser für die Verwandlung sei ihre Neurodermitis gewesen, erzählt Elke Bartels. Keine Creme, keine Lotion wollte ihre Haut vertragen, bis ihr vor zwei Jahren eine alte Bekannte und Vertreterin für Mary Kay Cosmetics von ihren Hautpflege-Produkten vorschwärmt. "Probier es doch mal, Elke. Du hast ja nichts zu verlieren." Wenn es die Freundin sagt, dann ist es wohl einen Versuch wert. Und tatsächlich - es funktioniert. Elke Bartels ist so begeistert, dass sie auch auf den zweiten Vorschlag der Freundin eingeht: Werde doch selbst Mary-Kay-Beraterin! "Erst habe ich gedacht, ich kann das nicht, will das nicht und habe sowieso keine Zeit", sagt sie. Nicht können, weil sie ja keinen Satz flüssig herausbringt. Nicht wollen, weil es doch unmöglich ist, anderen Menschen Produkte aufzuschwatzen. Und keine Zeit, weil sie als Hausfrau und Mutter von vier kleinen Töchtern ohnehin mehr als ausgelastet ist. Dann traut sie sich doch in ein " Montags-Meeting", dem wöchentlichen Jour fixe der Mary-Kay-Schönheits-Consultants. Dort lernt sie, dass es um weit mehr geht als um das Verhökern von Cremes und Pasten. Die Mission ist, "das Leben von Frauen zu bereichern".

Diese Philosophie stammt von der Amerikanerin Mary Kay Ash, die den Direktvertrieb für Kosmetik und Hautpflege 1963 mit nur 5000 Dollar Startkapital gründete. Der Mittfünfzigerin gelang, was für Frauen - zumal ihres Alters - damals noch als undenkbar galt. Sie legte den Grundstein für einen Weltkonzern, der heute in 37 Ländern präsent ist. Ihr Erfolgsrezept: Sie hatte erkannt, dass niemand einer Frau besser Kosmetik verkaufen kann als eine Frau ihres Vertrauens. Und so bot sie ihren ersten Kundinnen, meist Hausfrauen und Müttern wie Elke Bartels, nicht nur Lippenstifte und Eyeliner an, sondern auch gleich eine Wohnzimmer-Karriere nach Maß. Bei freier Zeiteinteilung sollten die Frauen Verwandte, Freundinnen und Nachbarinnen besuchen, in puncto Schönheit beraten und Schönheits-Utensilien wie das "Samtpfötchen-Programm" oder die "Instant Action Eyecream" anpreisen. Und tatsächlich: Die ersten Mary-Kay-Damen waren nicht nur exzellente Verkäuferinnen, sie erwiesen sich auch als die beste Reklame. So wurde Mary Kay Cosmetics fast ohne Marketing-Budget nicht nur zu einer der bekanntesten Kosmetik-Marken in den USA, sondern zog auch noch eine Million Beraterinnen in aller Welt in seinen Bann.

Was aber bewegt Frauen wie Elke Bartels, eine komplette Verwandlung zu vollziehen und über Lippenstift und Lidschatten zu dozieren? Ums Geld geht es nur einem kleinen Teil der Beraterinnen. Das sind die, die aus der Schönheitsberatung ihren Hauptberuf machen, in der Hierarchie bis zur Verkaufsdirektorin aufsteigen, Mitstreiterinnen werben und bis zu 6000 Euro monatlich allein an den Umsätzen ihrer Untergebenen verdienen. Für den großen Rest aber ist die Tätigkeit bei Mary Kay nur eine wenig lukrative Beschäftigung neben Beruf, Hausfrauendasein oder Kinder-Hüten. Das belegen die Zahlen: Die durchschnittliche Beraterin setzt pro Jahr gerade einmal 2800 Euro um und bekommt davon zwischen 40 und 50 Prozent Provision. Ihr bleiben also knapp 120 Euro monatlich - abzüglich der Investitionen in Pröbchen, Vorführprodukte und Benzingeld. Auch bei Elke Bartels bleiben unterm Strich nur 200 bis 300 Euro übrig - " aber ich mache das ja nicht des Geldes wegen, sondern für mich".

Das Geld, von dem sie sonst lebt, stammt vom Konto ihres Mannes, auf ihrem eigenen summieren sich Anerkennung, Ruhm und soziale Kontakte. "Behandle andere so, wie du selbst gern behandelt werden möchtest", heißt der kategorische Imperativ für Cremeverkäuferinnen. Das hat auch Elke Bartels überzeugt. "Meine Eltern haben sich kaum um mich gekümmert. Da hat es mir imponiert, wie man bei Mary Kay miteinander umgeht." Wenn zum Beispiel von P & L die Rede ist, drehe es sich nicht wie bei anderen Unternehmen um Profit and Loss, sondern um People and Love. Ihre Kolleginnen, allen voran die Leiterin ihrer Oldenburger Unit, hätten ihr beigebracht, sich selbst als etwas Besonderes wahrzunehmen und ihr neues Selbstbewusstsein an andere weiterzugeben. "Jede von uns hat ein eigenes Motto - meines ist jetzt: Vertrauen und Stärke kommen von innen." Anerkennung ist bei Mary Kay greifbar: Für jede ihrer 11 500 Beraterinnen hat die deutsche Dependance ein Punktekonto eingerichtet - Miles-& -More für Vielverkäuferinnen. Für besonders Fleißige gibt es goldene Anstecknadeln in Form kleiner Erfolgsleitern. Ab 4050 Punkten im Quartal - ein Punkt entspricht etwa einem Euro Umsatz - wird der Beraterin auf dem Montags-Meeting unter dem Applaus der anderen ein Saphir-Sternchen zum Aufstecken auf die Leiter verliehen. Ab 6750 gibt es einen Diamant- und ab 9450 einen Goldstern. Das geht immer so weiter, bis schließlich nach unzähligen Sternchen und Leitern, der goldene Kometenschweif winkt. Für die Creme de la Creme unter den Verkäuferinnen gibt es sogar Goldschmuck, Krönchen, einen rosa Mercedes als Firmenwagen oder eine der begehrten Diamant-Hummeln für die Fleißigste eines Gebiets. "Ich finde es gut, dass bei Mary Kay Leistung honoriert wird. Von meinen Kindern kann ich ja kaum eine Anerkennung verlangen, wenn ich zu Hause putze", sagt Elke Bartels.

Während andere, wie etwa der Rostocker Arbeitspsychologe Friedemann Nerdinger, diese bei Direktvertrieben üblichen Belohnungssysteme als "sektenähnliche Strukturen" bezeichnen und von " Scheinkarrieren" sprechen, die den Beraterinnen geboten werden, ist Mary Kay für Elke Bartels "mit das Beste, was mir je passiert ist". Zwei Saphirsterne kann sie mittlerweile auf den Montags-Meetings vorweisen. Und genießt es, jeden Mittwoch- und Donnerstagabend, wenn ihr Mann die Kinder übernimmt, in die Rolle der Mary-Kay-Beraterin zu schlüpfen. "Dann kann ich anderen etwas von dem abgeben, was mir gegeben wurde." GISELA DRAGUNSKI, MÄDCHEN FÜR ALLES IN HERNE Ein Industriegebiet am Rand von Herne. Abfallreste auf der Straße, die Luft riecht nach chemischer Reinigung. Der Bus hält hier nur alle halbe Stunde und ist doch fast immer leer. Es gibt kaum eine Ecke, an der sich die Stadt im Ruhrpott von einer schlechteren Seite zeigt. Mitten in dieser Tristesse stehen die zwei Flachbauten der städtischen Beschäftigungsgesellschaft. Kaum zu glauben, dass sich Gisela Dragunski über jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde freut, die sie hier arbeiten darf - und das, obwohl es sich mit keinem Cent bezahlt macht.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war die heute 44-Jährige in einer schöneren Welt zu Hause. Fast 20 Jahre lang wohnte sie mit ihrer Familie in Santiago de Chile. "Zwei Stunden vom Strand entfernt und zwei Stunden von malerischen Skigebieten", schwärmt sie. Alles war perfekt: Gisela brachte vier Kinder zur Welt. Zuerst machte die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin nachts, wenn alle schliefen, ihr Abitur nach und büffelte fürs Schauspiel-Studium. Sie wurde Drittbeste. Dann jobbte sie tagsüber für eine Comedy-Show des chilenischen Fernsehens, trotzdem blieb noch genug Zeit für die Kinder. "Eine Super-Kombination. Sich selbst weiterentwickeln, Kinder großziehen und etwas dazuverdienen", erinnert sie sich. Ihr Mann sorgte dafür, dass regelmäßig ausreichend Geld in die Haushaltskasse kam. Der Familie ging es gut.

Bis Anfang vergangenen Jahres. Plötzlich geht alles schief - ihr Mann "fährt alles gegen die Wand", erleidet unternehmerischen Schiffbruch. "Von einem auf den anderen Moment hatten wir nichts mehr." Was passiert ist, mag sie nicht erzählen. Nach einer Pause sagt sie: "Ich kann mir den Luxus nicht leisten, depressiv zu sein, reden wir lieber über das Hier und Jetzt." Das Hier ist die düstere Kantine der Herner Beschäftigungsgesellschaft. Der Blick aus dem Fenster schweift über den Parkplatz - nichts erinnert an Sandstrand und schneebedeckte Andengipfel.

Das Jetzt beginnt im März vergangenen Jahres: In ihrer Not bricht die Familie alle Zelte in Südamerika ab und steigt in ein Flugzeug nach Deutschland. One-way-Ticket Richtung Ruhrpott, wo Gisela Dragunskis Eltern wohnen. Und wo - anders als in Chile - ein soziales Netz all diejenigen auffängt, die nichts mehr besitzen.

Tatsächlich hilft das Sozialamt in Herne schnell und unbürokratisch. Die Familie hat Anspruch auf 848 Euro pro Monat plus eventuelle Mietkosten. Die Chancen, schnell Arbeit zu finden, sind für sie und ihren Mann gleich null. Herne hat eine Arbeitslosenquote von rund 15 Prozent und eine ungewöhnlich hohe Zahl an Sozialhilfeempfängern - oder wie Sozialdezernent Meinolf Nowak es ausdrückt: "Verhältnisse wie sonst nur im Osten." Grund genug, dass Herne als eine der ersten Städte der Republik die Parole "Fördern und fordern" ausgab. 7,5 Millionen Euro lässt sie sich ihr über alle Parteigrenzen hinweg beschlossenes Programm "Wege in die Beschäftigung" jährlich kosten - jeder dritte der rund 3800 Sozialhilfeempfänger wird angesprochen.

Wer arbeiten kann, soll seinen Beitrag für die Gemeinschaft leisten. Manche werden nur verpflichtet, einen Sprachkurs zu besuchen, um so ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Andere kommen bei der kommunalen Beschäftigungsgesellschaft unter - sie pflastern für ihre Sozialhilfe und zwei Euro pro Stunde extra Fahrradwege, kehren Laub und sanieren Spielplätze. Das zahlt sich aus: Dank einer Vermittlungsquote von 10 bis 15 Prozent ihrer Sozialhilfeempfänger in den Arbeitsmarkt belegt die Stadt im Vergleich zu anderen Kommunen regelmäßig Spitzenplätze. Noch mal 10 bis 15 Prozent geben ihre Sozialansprüche auf, sobald sie arbeiten sollen - und melden sich nie wieder. Wer nicht reagiert und kooperiert, muss mit weniger Sozialhilfe rechnen - bis hin zur totalen Streichung. " Solidarität ist keine Einbahnstraße", sagt Nowak, dessen Konzept polarisiert. Die einen werfen dem Sozialdezernenten vor, das soziale Netz zu durchlöchern. Die anderen halten das Programm für zu lasch.

Mit Gisela Dragunskis Realität haben beide Positionen wenig zu tun. Für sie war es eine Erleichterung, als sie nach nur sechs Wochen Sozialhilfe vom Sozialamt zum Gespräch gebeten wird. Auf die Frage, welche Tätigkeit sie sich vorstellen könne, antwortet sie: " Hauptsache eine schöne Arbeit." Und sie hat Glück - bei der Beschäftigungsgesellschaft ist eine Stelle als Bürokraft frei. "Ich hätte auch im Altenheim angefangen, ich wollte unbedingt etwas tun. Wir hatten zwar bei meinen Eltern Unterschlupf gefunden, und ich stand nicht unter dem Druck, unbedingt arbeiten zu müssen", sagt sie. Aber die Vorstellung, nichts Sinnvolles tun zu dürfen und von anderen abhängig zu sein, sei unerträglich gewesen. "Sozialhilfe bedeutet, nichts besitzen zu dürfen, keinerlei Privilegien zu haben und jeder Eigenverantwortung beraubt zu werden. Das wollte ich auf keinen Fall. Vor allem aber wollte ich meine Kinder nicht als Sozialfälle aufwachsen lassen. Ich wollte ihnen zeigen, dass Arbeiten Normalität ist." Heute ist sie Mädchen für alles, zuständig für Urlaubspläne und Überstundenabrechnung oder Altpapier-Sammlung. Täglich von sieben bis eins - für rund 1500 Euro netto im Monat. Abzüglich der Miete verdient sie kaum mehr, als sie zuvor vom Sozialamt bekam. Ein Nullsummenspiel - nicht für Gisela Dragunski. " Lieber würde ich natürlich im Theaterbereich arbeiten, das habe ich schließlich gelernt. Aber es macht mich auch glücklich, wenn zum Beispiel verärgerte Menschen bei der Beschwerde-Hotline anrufen und nach einem Telefonat mit mir besänftigt wieder auflegen." CORINNA SLOTTY, DOKUMENTARIN Corinna Slottys Küche ist die Kommandozentrale ihrer Familie. Auf dem Stundenplan an der Wand werden die Schlachten gegen die Zeit geschlagen. Generalstabsmäßig wird festgehalten, was jedes Familienmitglied am nächsten Tag, in der nächsten Woche oder im nächsten Monat vor hat. Eine Spalte für sie, eine für ihren Mann und je eine für die beiden Töchter, die zweijährige Emilia und die sechsjährige Leona. Kindergeburtstage, Arzttermine, Bürozeiten - alles minutengenau aufeinander abgestimmt. "Mein Mann und ich arbeiten. Das mit den Bedürfnissen von zwei Kindern unter einen Hut zu bringen erfordert eine ausgefeilte Logistik", sagt sie. "Wenn. ich jemandem erzähle, dass ich mir den ganzen Stress mache, obwohl finanziell unterm Strich fast nichts übrig bleibt, hält er mich für verrückt. Dabei stimmt es für mich umgekehrt: Wenn ich nicht arbeiten ginge, würde ich verrückt werden." Der Kampf um die Minuten beginnt vor sieben Jahren. Corinna Slotty hat damals ein Germanistik-Studium hinter sich und arbeitet als Dokumentarin beim Verlag Gruner + Jahr, ihr Mann ist leitender Beamter in der Hamburger Kulturbehörde. Als sie beschließen, Kinder zu bekommen, ist für sie und ihn gleichermaßen klar: Meinen Job will ich behalten. Also wälzen sie nächtelang Gesetzestexte, suchen nach Spielräumen, rechnen hin und her. Schließlich finden sie eine Lösung, mit der alle leben können. Sogar Corinna Slottys Arbeitgeber: Sie nimmt nach der Geburt eine Auszeit von sechs Monaten. Dann beginnt sie wieder zu arbeiten. Erst 10, dann 15, dann 20, dann 25 Wochenstunden - und schließlich Vollzeit. Ein ideales Aufbauprogramm, wenn man noch nicht weiß, wie sich ein Kind mit dem Alltag vereinbaren lässt. "Für mich war es immer selbstverständlich zu arbeiten. Meine Mutter war allein erziehend und musste acht Wochen nach meiner Geburt wieder in den Job - ich kannte es gar nicht anders." Andere schon. "Es gab eine Bewegung, die das Muttersein überbetonte." Man geht zur Babymassage und zum Kinder-Samba oder spielt dem ungeborenen Kind klassische CDs vor, weil man so angeblich dessen IQ steigern kann. Wem auch immer Corinna Slotty damals von ihrem Plan erzählt, es kommt immer die gleiche Antwort: "Das kannst du nicht machen, kleine Kinder brauchen doch ihre Mutter." Auch ihr Chef ist sich sicher: "Warten Sie erst mal, bis das Kind da ist. Dann werden auch Sie feststellen, dass es schönere Dinge auf der Welt gibt, als zu arbeiten." Corinna Slotty aber weiß, dass es Schöneres auf der Welt gibt, als Mutter im Dauereinsatz zu sein. "Ich liebe meine Arbeit", sagt sie. "Ich muss mich jeden Tag in neue Themen einarbeiten, ständig lesen. Ich wüsste nicht, wie ich ohne all das am gesellschaftlichen Leben teilnehmen sollte." Außerdem gebe der Job ihrem Alltag Struktur. "Ohne diese Ordnung wäre es auch schwer für mich, mich überhaupt zu motivieren", sagt sie. Ein Phänomen, das die Familienforscherin Gisela Erler vielfach beobachtet. "Sicherlich bedeuten Kinder viel Freude. Doch ausschließlich mit einem Kind zusammen zu sein kann auch ziemlich langweilig sein." Eine Unterforderung, die zu Depressionen und Aggressionen führen könne. "Besonders qualifizierte Frauen streben deshalb nach Rollenvielfalt. Und davon gibt es immer mehr." Auch das sich hartnäckig haltende Vorurteil, Kindern ginge es nur bei einer Ganztags-Betreuung durch ihre Mütter wirklich gut, kennt Gisela Erler zur Genüge. "Heutzutage ist es zwar Standard, dass Paare zunächst mal festlegen, die Kinderbetreuung partnerschaftlich organisieren zu wollen." Letztendlich entschieden sich dann aber doch viele, es traditionell zu versuchen - zum Beispiel wegen des Ehegatten-Splittings oder weil der Mann einfach mehr verdient. Also gehe er arbeiten und sie bleibe zu Hause. "In der Folge sind oft beide unzufrieden mit der Situation, werden depressiv und versuchen den hohen Preis, den sie bezahlt haben, zu rechtfertigen. Dann heißt es: So haben wir es gemacht, und so muss es gemacht werden, sonst ist man eine schlechte Mutter. Und der Mythos lebt weiter." Corinna Slotty hat gleich zweimal bewiesen, dass es auch anders geht. Vor zwei Jahren hat sie ihr zweites Kind zur Welt gebracht - und ist wieder nach nur sechs Monaten zurück an den Schreibtisch gegangen. Dieses Mal allerdings war nur ein nicht ganz so flexibler Teilzeitvertrag mit 21 Wochenstunden möglich. Sie arbeitet nun montags, dienstags und mittwochs ganztags. Trotzdem ist sie glücklicher denn je, dass sie ihren Job nie aufgegeben hat. "Meine Abteilung wird ständig verkleinert, und das ist in anderen Verlagen nicht anders. Hätte ich gekündigt, bekäme ich wahrscheinlich nie wieder einen Job, der so viel Spaß macht." Das hat seinen Preis: Rund 900 Euro netto verdient sie pro Monat - 440 Euro zahlt die Familie für den Kita-Platz der Jüngsten, 400 Euro für eine Kinderfrau, die beide Kinder nachmittags von Schule und Kindergarten abholt. "Da habe ich pro Arbeitsstunde nicht mal einen Euro mehr raus, als wenn ich zu Hause bleiben und mich selbst um Emilia und Leona kümmern würde." Verrückt? Vielleicht bald ganz normal. Die Arbeitswelt verändert sich schneller, als Politiker und Verbandsvertreter reagieren können. Frauen wie Elke Bartels, Gisela Dragunski und Corinna Slotty sind Vorreiterinnen, die für sich schon einmal eine Lösung gefunden haben. Und die den Begriff Arbeit in einen ganz neuen Zusammenhang stellen. Wann lohnt sich Arbeit? Wenn sie glücklich macht.