Kommentar - Von Hänschen zu Hans

Was ist eigentlich Ausbildung? Warum muss man dafür was abgeben? Und was genau? Den Verstand? Viele Fragen, eine Antwort.




Früher war nicht alles besser, aber manches nur halb so schlimm. Zum Beispiel kassierte die Obrigkeit im Mittelalter die Steuern erst nach der Ernte. In der Berliner Republik kassiert man nicht nur schneller, als man erntet, sondern auch - und das ist entscheidend - als man denkt.

Das Tempo: Unternehmen sollen die geplante Ausbildungsabgabe im Vorhinein bezahlen. Erst wenn sie nachgewiesen haben, dass sie ausbilden, bekommen sie etwas zurück.

Die Ernte: gut ausgebildete junge Menschen, die eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben.

Das ist die Theorie.

Die Wirklichkeit ist eine ganz andere Frage.

Wie denkt der Staatslenker? Ganz einfach: Es gibt gute und böse Wirtschaft. Gute Wirtschaft, das sind Konzerne wie die Siemens AG, die in Berlin 400 Lehrlinge ausbildet - und der dafür vom Land bis zu 75 Prozent der Kosten erstattet werden. Dazu kommt noch, dass die öffentliche Hand im dualen Ausbildungssystem die Berufsschule finanziert und eine Reihe anderer Subventiönchen ausschüttet. Macht unterm Strich einen Azubi, der praktisch nichts kostet. Große Unternehmen, die Hand in Hand mit dem Staat dessen Plan erfüllen und mit Geld der Steuerzahler subventioniert werden, zahlen keine Ausbildungsabgabe.

Gute Wirtschart.

Für Klein- und Mittelbetriebe sind die Zugänge zu diesen öffentlichen Töpfen leider aufwändiger und viel schwieriger.

Böse Wirtschaft.

Dienstleistungsunternehmen zum Beispiel. Für sie ändern sich ständig die Anforderungen, und nicht zuletzt deshalb holen sie sich gern qualifizierte Leute als Quereinsteiger, in der Hoffnung, es mit lernfähigen, engagierten Mitarbeitern zu tun zu haben. Oder jene kleinen und mittleren Unternehmen, die das Rückgrat von Forschung und Entwicklung sind: Auch bei ihnen ändern sich die Anforderungen schneller, als der Gesetzgeber denken kann. Und sie wollen Mitarbeiter, die ständig lernen, nicht einmal und nie wieder. Ihnen ist mit der staatlichen Einmal-ausbilden-und-das-war's-Mentalität wenig geholfen.

Das aber ist das schlagende Argument für die Ausbildungsabgabe: Wer keine solide Ausbildung hat - die Rede ist stets von einer - der hat ein Leben lang darunter zu leiden. Deshalb wird eine Ausbildung subventioniert, permanentes Lernen nicht.

Denn: Wo kämen wir da hin?

Vom Hänschen zum Hans.

Tatsächlich kalkuliert kein vernünftiger Kaufmann heute über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren - das wäre Selbstbetrug. Und kein vernünftiger Mensch glaubt daran, dass er sein ganzes Leben lang an einem Beruf festhalten wird. Theoretisch wird Flexibilität gepredigt, praktisch wird Starrheit durch Starrsinn verordnet. Selbstverständlich geht es bei der Ausbildungsabgabe nicht nur um Ideologie - es geht auch darum abzukassieren. Aber wenn wir mal bei der Ideologie bleiben: Alle Analysen der deutschen Bildungsmisere verweisen auf einen gemeinsamen Kern - die Statik, mit der gelehrt und gelernt wird.

Keine permanente Fortbildung. Kein lebenslanges Lernen. Einmal - und nie wieder. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr - das tönt immer noch aus jeder Ecke. Andere Nationen glauben an Fähigkeiten, Deutschland an das Diplom. Aber könnte es nicht sein, dass das eine - hohe Altersarbeitslosigkeit - mit dem anderen - dem Einmal-und-nie-wieder-Lernen - zu tun hat? Und könnte es nicht sein, dass der regelwütige Staat, der gerade eine neue Blütezeit erlebt, ein großes Interesse hat an solchen Hänschen, die dabei zwangsläufig herauskommen?

Steuern und Abgaben dienen dem Gemeinwohl, nicht der Erfüllung seltsamer Planspielchen realitätsferner Sozialingenieure. Denn Abgaben, liebe Freunde der Plan- und Staatswirtschaft, sind das Produkt von Wirtschaff und von sonst gar nichts.

Wirtschaft ist die Summe tätiger Menschen.

Mit Hänschen ist dabei kein Staat zu machen. Das lernt der gerade. Viel Spaß, wenn der erwachsen wird.