Glaubensantworten

Gott vergib ihm, denn er weiß nicht, was er getan hat: Mel Gibson und „Die Passion Christi“.




Okay, stell dir vor, du hast einen echt miesen Tag. Am frühen Morgen wirst du verhaftet und vor eine Bande fundamentalistischer Geistlicher einer antiquierten Religion geschleppt, die dich dafür, dass du bist, wer du bist, liquidieren will. Du wirst von den Deppen vor diverse Verwaltungsbeamte gezerrt, die sich nicht so recht durchringen können, den alten Männern mit einer flotten Hinrichtung eine Freude zu machen und dich schließlich auspeitschen lassen. Das ist eine äußerst blutige, schmerzhafte Angelegenheit, ein Fall für Amnesty International, aber noch lange nicht der Tiefpunkt. Das demokratische Votum einer Gruppe ungewaschener Analphabeten sorgt nämlich dafür, dass du trotzdem hingerichtet wirst, und zwar gekreuzigt. Das war dein Tag, du hast sogar das Kreuz, an das sie dich schlagen wollen, selbst tragen müssen, und nun haut ein unterbezahlter Ordnungsbeamter Nägel in deine Hände. Wenn du jetzt sagst, "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", dann ist es sicher: Du bist ein Christ. Oder hältst dich zumindest für einen.

In der Unsicherheit sucht der Mensch Orientierung. Also erschafft er Götter, die ihm die Welt erklären, aber auch das ist keine Lösung, denn Götter sind den Menschen unverständlich. So braucht es Vermittler zwischen den Menschen und ihren Göttern, es entstehen Religionen mit Priestern und Ritualen, und wer mit nacktem Finger auf angezogene Beamte zeigt und " böse Bürokratie" murmelt, sollte eine Sekunde an die Verwalter des Glaubens denken: Verwaltung ist grundsätzlich unproduktiv und potenziell überflüssig, aber nichts ist überflüssiger als das Verwalten eines Grundstoffs, der überall und immer für jeden verfügbar ist. Wie etwa Luft, Oder Götter. Folgerichtig hat die religiöse Bürokratie gemacht, was jede Bürokratie irgendwann tut: sich selbst an die Stelle des von ihr zu Verwaltenden gesetzt - ab jetzt wird nicht mehr ohne Regeln geatmet, und was Gott ist, bestimmen wir. Es heißt, Gott brauchte sechs Tage, bis er den Menschen erschaffen hatte. Der Mensch brauchte länger, um sich seine Götter zu erschaffen, aber das lag nur daran, dass er erst eine Bürokratie erfand, die das für ihn erledigte.

Das Problem der religiösen Beamten, die sich selbstständig gemacht haben und fortan für ihre Privilegien statt für ihren Gott kämpfen, steht auch am Anfang von "Die Passion Christi": Jüdische Priester fordern den Tod von Jesus Christus, weil sie ihn als lästigen Konkurrenten sehen, und Regisseur Mel Gibson lässt an ihren niederen Beweggründen keinen Zweifel: Im Tempel herrschen alte Männer, die böse hinter langen Bärten lauem, während die Christen jung und schön sind, allen voran der Sohn Gottes, der aussieht wie der feuchte Traum einer 14-Jährigen um 1970, die sich nicht entscheiden kann, ob sie John Lennon oder den Sänger der Doors Jim Morrison besser findet, und beide in einem kuscheligen Langhaaridol vereint. Die jüdische Religion ist alt und zynisch, die christliche jung und unschuldig - das kann man antisemitisch nennen. So wie man auch sagen kann, dass es frauenfeindlich ist, wenn der Teufel von einer Frau gespielt wird. Aber das sind nur die offensichtlichsten Opfer eines komplett gescheiterten Machwerks.

"Die Passion Christi" ist ein ganz mieser Film. Mel Gibson ist ein guter Schauspieler, aber als Regisseur ist er eine Niete. Die letzten zwölf Stunden im Leben von Jesus sind langweilig, kitschig und schleppend erzählt. Die Darsteller sind absurd schlecht, Jesus-Darsteller Jim Caviezel leidet schief in die Kamera wie ein Nebendarsteller in einem Kannibalenfilm aus den siebziger Jahren. Der Film spricht die dumpfesten Instinkte mit billigsten Mitteln an, das Arsenal des Großkampftagkinos wird auf niedrigstem Niveau aufgefahren. Es ist, als hätte Mel Gibson den " Triumph des Willens" für das Christentum geplant, doch nur eine müde Folge von "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" geschafft. Vor allem aber ist der Film idiotisch fundamentalistisch.

Was der Regisseur selbstverständlich leugnet: Er habe nur eine realistische Darstellung der Ereignisse zeigen wollen, sagt Mel Gibson, und mal ganz abgesehen davon, dass Realismus ohnehin eine schmale Klinge ist, an der sich schon wesentlich größere Geister geschnitten haben, ist solch ein Vorsatz gerade bei einem von so vielen Interpretationen überladenen Text wie der Bibel ein sicheres Zeichen für Rechthaberei: Ich zeige nicht meine Version der Dinge, sondern die Wahrheit. Aha? Jesus Christus war also ein Hippie mit großer Leidensfähigkeit, der dem Kampf das Durchhalten vorzog und dem Handeln das Abwarten? Dann wären seine legitimen Erben aber nicht die christlichen Eroberer, die früher mit Schwertern und heute mit Handelsabkommen die Welt unterwerfen, sondern die entkräfteten Menschen der westlichen Industrieländer im 21. Jahrhundert, die auf der Couch liegen und hoffen, dass sich irgendwann irgendetwas von selbst ändert. In 2000 Jahren vom Sich-kreuzigen-Lassen zum Abhängen - da gibt es eine historische Linie.

Es ist nicht verwunderlich, dass sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche den Film nicht wirklich empfehlen wollen: Niemand lässt sich gern seine Kernkompetenz streitig machen, schon gar nicht von einem Schauspieler. Doch Gibsons Grundhaltung geht weit über Detailfragen hinaus. Er greift, ohne es zu wollen, den Kern der Religion an, den Glauben, weil er Sicherheit verspricht, also Wissen. Unsicherheit schafft Glauben, weil es keine Alternative gibt. Sicherheit zerstört ihn. Fundamentalismus ist kein Zeichen für die Stärke eines Glaubens, sondern seiner Schwäche. Die Menschen wenden sich an die Religion, weil ihnen die Welt Angst macht, aber sie können nicht mehr glauben, also werden sie Fundamentalisten, die die Wahrheit wissen.

Das hat wenig mit Religion und viel mit Politik zu tun, wenig mit der Größe der Götter und viel mit der Schwäche der Menschen. Und es hat nichts mit der Schönheit des Glaubens zu tun. Vor fünf Jahren traf ich den Regisseur Kevin Smith zur Premiere seines Films " Dogma". In der Komödie spielt die Rocksängerin Alanis Morissette so liebevoll, wann und sanft Gott, dass das Christentum als die sympathischste Religion aller Zeiten erscheint. Smith, ein dicker, lustiger und sehr gläubiger Christ, erklärte mir strahlend, dass er, hätte er die Wahl an Gott zu glauben oder nicht, immer glauben würde: Sein Leben sei damit so viel besser und so viel reicher. Ich glaube ihm.