"Es geht um Vertrauen."

Der Kapitalismus hat sich entwickelt wie ein Auto, das immer perfekter, immer bequemer, immer schneller geworden ist – nur die Bremstechnik ist noch von gestern. Deshalb droht er aus der Kurve zu fliegen. Der Strategieberater Bolko von Oetinger, denkt über neue Bremssysteme nach.


Bolko von Oetinger ist jemand, der komplexe Sachverhalte im Plauderton erörtert. Das hat zwei Effekte. Das Thema wird verständlich. Aber man nimmt es auch ein bisschen weniger ernst. Ein Phänomen, das sich leicht auf die Person überträgt. Aber Person und/oder Botschaft zu unterschätzen wäre ein Fehler.

Die Unternehmensberatung The Boston Consulting Group (BCG) versteht sich als Strategieberatung. Die deutsche Niederlassung hat Bolko von Oetinger seit 1975 mit aufgebaut. Heute ist der 61-Jährige Senior Vice President und Director. Außerdem leitet er seit 1998 das BCG Strategie-Institut. Man könnte also sagen, Bolko von Oetinger ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Wissenskonzerns, der pro Jahr weltweit mehr als eine Milliarde Dollar umsetzt und dessen Kernaufgabe es ist, für seine Kunden perspektivische Aussagen in unterschiedlich feiner Auflösung darüber zu treffen, wie sich Märkte entwickeln und wie man sich am besten darin verhält. Ein imposanter Job. Aber wie gesagt, Herr von Oetinger macht es einem nicht leicht.

Statt sich mit Benchmarking, Best Practices und Balanced Scorecard zu beschäftigen, durchforstet er die Arbeiten von Anthropologen, Architekten, Künstlern, Chemikern, Literaturwissenschaftlern, Neurologen oder Physikern. Die Ergebnisse stellt er in einer Galerie der Strategien aus, und bevor man ihn trifft, bekommt man ein kleines Buch geschickt. "Das Kula und weitere Geschenke der Strategie" steht auf dem Cover, drinnen sind ein paar der Exponate beschrieben.

Das kleine Buch beginnt auf einer Inselgruppe im Westpazifik und erklärt den Brauch des Kula-Ringes. Jeder Ethnologe kennt dieses hoch ritualisierte Tauschsystem, das sich um die Weitergabe scheinbar wertloser Muscheln dreht, aber tatsächlich Handel und friedliche Beziehungen zwischen weit voneinander entfernt lebenden Inselvölkern sichert. Dann streift es den berühmten philosophischen Hippie-Roman "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten", erklärt den Erfolg des Popstars Madonna, durchläuft die Hirnwindungen der Londoner Taxifahrer und endet bei der Entdeckung eines Koffers voller Notizen und voll geschriebener Kladden, die 130 Jahre lang der Öffentlichkeit vorenthalten wurden, weil sie belegen, dass ihr Urheber, der Physiker Isaac Newton, ein Alchemist und Theologe war und dessen bahnbrechende Arbeiten zur Physik lediglich Destillate einer großen, damals ketzerischen Welttheorie sind.

Was soll das? Das dünne Büchlein reicht nicht mal für die Dauer eines Vollbades. Doch von Oetinger erweist sich als Meister der Inspiration. Kaum hat man es aus der Hand gelegt, fliegen die Gedanken. Sollten wir nicht ein paar Dinge gründlich überdenken? So geht es irgendwie nicht weiter. Haben wir nicht was vergessen? Aber was?

Bolko von Oetinger beschäftigt sich nicht mit Kleinkram. Zurzeit beschäftigt ihn die Krise des Kapitalismus. Und er fragt sich, was unsere aktuelle Vertrauenskrise in die Politik mit der Enron-Pleite, der Globalisierung und dem Irak-Krieg zu tun haben. brand eins: Herr von Oetinger, was ist größer, Ihre persönliche Langeweile über den Kapitalismus oder seine Krise?

von Oetinger: Langeweile habe ich niemals mit der Wirtschaft. Sie wird nur uninteressant, wo sie in Verwaltung übergeht und Dinge nur noch optimiert. Und Krise? Wahr ist: Wir befinden uns in einem Prozess starker globaler Veränderung, in deren Zuge wir Gefahr laufen, ein paar Fehler zu begehen.

Weswegen Sie kürzlich einen Kongress zu multiplen Modernitäten veranstalteten, Titel: "Rettet den Kapitalismus!" Ich mag den Kapitalismus, deswegen will ich ihn retten. Ihm ist nur etwas abhanden gekommen.

Wieso sollten wir den Kapitalismus retten?

Weil er wahrscheinlich von allen wirtschaftlichen Systemen, ähnlich wie das politische System der Demokratie, am besten geeignet ist, die Entfaltung des Menschen mit seinen persönlichen Freiheits- und Eigentumsrechten zu unterstützen. Es ist das beste Wirtschaftssystem, das die Menschheit bisher hervorgebracht hat.

Was fehlt ihm dann?

Die Wiedereinbindung in die Gesellschaft. Ökonomie ist eigentlich immer Teil der Kultur gewesen. In der Geschichte der Städte oder der Hanse waren Wirtschaft und Kultur stets eins. Und solange die Ökonomie in der Kultur aufgehoben war, gab es auch keine Probleme. Die tauchten erst auf, als der Kapitalismus so erfolgreich wurde, dass er überdrehte und sich verselbstständigte. An diesem Punkt möchten wir vom BCG Strategie-Institut dem Kapitalismus den Rettungsring zuwerfen, bevor er selbstzerstörerische Kräfte entfaltet.

Wie kann sich ein System wie der Kapitalismus durch Verselbstständigung zerstören?

Sie können das sehr gut an der Globalisierung festmachen. Wir hatten schon immer einen verflochtenen Welthandel. Ab den neunziger Jahren aber gesellte sich eine Ideologie zu dieser integrierten Weltwirtschaft, in deren Kern die Idee steckt, dass wir uns immer ähnlicher werden, von Schanghai bis New York. Am Ende leben wir in einer Art Weltzivilisation, der Weltbürger trifft sich im globalen Dorf, die Weltelite einmal im Jahr in Davos.

Das klingt mehr nach Hochkultur als nach Zerstörung.

Das Problem beginnt an der Stelle, wo Sie die Globalisierung mit der Entwicklung einer Moderne gleichsetzen. Diese Moderne wird als der westliche Kapitalismus ausgegeben, und in ihr erträumen wir uns eine freihandelsmäßige, westliche, hochgradig deregulierte Welt. Ein Bild, das uns allen so im Kopf schwebt. Die Frage ist: Wollen wir die westliche Moderne zur globalen, universalen Moderne erklären?

Der Kommunismus ist gescheitert. Es gibt doch offensichtlich nichts anderes, was funktioniert.

In dieser Selbstüberschätzung liegt die Gefahr. Das Problem hat zwei Aspekte: Kultur und Kulturen. Mit Kultur meine ich Folgendes: In dem Augenblick, in dem sich das Ökonomische aus der Zivilgesellschaff und ihren Werten herauslöst, entfaltet es eigene, exzessive Kräfte, die wir an den großen Finanzskandalen ablesen können, von Enron bis Parmalat. Wirtschaft, die im Prinzip auf Vertrauen beruht, kehrt sich langsam ms Gegenteil um: Der Gewinn ist wichtiger als das Vertrauen.

Die Idee des Kula, also des Tauschhandels, wird ausgehöhlt.

Genau. Es gibt diesen berühmten Satz aus dem Dotcom-Hype: "The winner takes it all." Der Sieger nimmt alles mit. Das ist ein interessanter Satz. Denken Sie mal an Richard Grasso, den früheren Chef der New York Stock Exchange, der ist dort wirklich mit 140 Millionen Dollar rausmarschiert.

Es gibt aber auch Gegenmaßnahmen aus der Wirtschaft. Nicht umsonst wird Corporate Governance wieder heiß diskutiert.

Aber diese Regeln drehen sich um Selbstverständlichkeiten. Auf dem Höhepunkt der Krise gab es eine "Business Week"-Ausgabe: "25 Schritte aus der Krise". Da stand sinngemäß: " Sagen Sie die Wahrheit. Fälschen Sie keine Zahlen. Erklären Sie Ihren Shareholdern die Lage." Das bedeutet, die Selbstverständlichkeiten sind nicht mehr selbstverständlich. Heute benötigt man schon ein Programm, um an die Zehn Gebote zu erinnern. Infolge der Parmalat-Pleite haben tausende kleiner italienischer Sparer durch Schuldverschreibungen ihr Geld verloren. Dabei hatten sie es dem Unternehmen im festen Vertrauen gegeben, dass es treuhänderisch verwaltet wird.

Der Investmentbanker George Soros sagt: Die größte Bedrohung nach dem Zerfall des Sozialismus ist der Kapitalismus.

Weil ihm das Vertrauen abhanden gekommen ist. Wirtschaftliches Handeln wie alles gesellschaftliche Handeln beruht auf Vertrauen. Daher ist das Resultat der Skandale von Enron, Worldcom, Parmalat, Tyco und anderen Firmen eine tiefe Vertrauenskrise. Dr. Jens Riedel hat auf unserer Konferenz über multiple Modernitäten Statistiken präsentiert, die belegen, wie dieser Niedergang des Vertrauens sich durch alle Institutionen in allen westlichen Gesellschaften zieht, auch durch Parlamente und Regierungen. Spiegelbildlich dazu sind mit Ausnahme von Westeuropa weltweit alle Religionen im Wachstum begriffen. So entsteht eine extrem instabile Lage. Wer kann hier einspringen? Es stellt sich die interessante Frage, ob in dieser globalen Welt nicht nur dem Unternehmer, sondern den Unternehmen generell quasi eine gesellschaftliche Aufgabe zuwächst: weil sie die Einzigen sind, die tatsächlich global tätig sind und einen alltäglichen Umgang mit Menschen in aller Welt pflegen. Umso schwerer wiegt vor diesem Hintergrund die Vertrauenskrise.

Die Aufgabe erfordert Kritikfähigkeit, aber damit scheinen die Konzerne überfordert.

Dabei ist die Kritik ein Zeichen, dass die Menschen dieses Engagement erwarten. Aber lassen Sie uns an dieser Stelle vielleicht auf den zweiten Aspekt der Krise zu sprechen kommen. Das Problem der Kulturen?

Genau. In der Globalisierung versteckt sich die Universalismus-These, dass also unsere moderne westliche, kapitalistisch-europäisch-amerikanische Weltsicht das einzig sinnvolle und sinnstiftende Modell wäre. George Bush vertritt eine solche positive Domino-Theorie. Der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara erklärte diese Sicht sehr anschaulich in seinen Memoiren am Thema Vietnam. Er sagte, dass es damals eine stillschweigende Annahme im Außenministerium und im Pentagon war, dass, wenn Vietnam kommunistisch würde, als Nächstes Kambodscha fiele, dann Burma, dann Pakistan, dann Indien usw. Das war ein feststehender Glaube, den niemand hinterfragte, der sich aber am Ende als falsch herausstellte.

Klingt nach dem Irak, der zur Keimzelle einer neuen Demokratie muslimischer Prägung werden soll.

Genau. Und wenn der Irak erst demokratisch ist, werden alle anderen auch demokratisch. Dagegen wehren sich aber nicht nur die betroffenen, sondern auch die umliegenden Staaten. Der Präsident des Irans, Mohammed Chatami, hielt bei seinem Deutschlandbesuch eine interessante Rede im Goethe-Haus in Weimar. Chatami sprach über Rudyard Kipling und Goethe. Von Kipling stammt das berühmte Zitat "East is East and West is West, and never the twain shall meet." Ost ist Ost, und West ist West, und niemals werden sich die beiden treffen. Damit wäre die Hoffnung auf eine Vielfalt der Moderne begraben. Aber Goethe, so erläuterte Chatami, beschrieb in seinem " West-östlichen Divan" schon früh, dass die Menschheit gemeinsame Wurzeln hat. Das war natürlich ein Politikum, der Präsident des Irans zeigt sich im Goethe-Haus als Kenner des "West-östlichen Divans". Sinngemäß bedeutete seine Rede: "Wir wollen modern sein, aber nicht westlich, sondern auf unsere Weise." Ganz blöd gefragt: Gibt es überhaupt eine westliche Moderne?

Nein, denn schon in Europa sehen wir eine historische und gerade wieder aufblühende Vielfalt. Neulich sprach László Kovács, der ungarische Außenminister, bei einer Veranstaltung, zu der die Herbert-Quandt-Stiftung eingeladen hatte. Kovács hielt eine normale Rede zur europäischen Einigung, in der nicht viel ausfindig zu machen war. Anschließend gab es Fragen. Alle anwesenden Ungarn beschäftigte wohl eine Frage, die dann auch jemand stellte: "Herr Außenminister, was werden Sie tun, um das Ungartum in der Europäischen Gemeinschaft zu verteidigen?" Die Wahrung der nationalen Identität war schon immer die erste Sorge jedes Beitrittslandes. Für Großbritannien ist sie sogar Leitlinie der Europapolitik. Und jetzt kommen Esten, Letten, Litauer, Tschechen, Ungarn, Polen, und ein jeder kommt mit seinem Ungarntum, Tschechentum, und wir erleben plötzlich eine Explosion der Vielfalt der Kulturen in Europa.

Könnte die Friedlichkeit dieses Miteinanders nicht eine Blaupause für die Weltwirtschaft sein? Das europäische Kuddelmuddel gleicht dem globalen.

Klar kann es das. Wenn es die gigantische Regulierungsmaschine in Brüssel nicht übertreibt und die sich gerade entfaltende Kultur der Kulturen erdrückt. Dann könnten wir aus der Vielfalt Europas eine große Stärke ziehen.

Sie tragen nun das Problem mit dem überdrehten Kapitalismus in die Vorstandsetagen. Sind die Manager offen dafür?

Sie werden erstaunt sein, wie ausgeprägt und verbreitet die Nachdenklichkeit gerade unter weltweit agierenden Top-Managern ist. Es herrscht eine gewisse Sorge, dass etwas nicht mehr stimmt. Das war auf unserer Konferenz deutlich zu spüren. Das systemische Auftreten von Vertrauenskrisen und Finanzskandalen stellt uns vor die Frage, wie weit sich das Ökonomische tatsächlich der Kontrolle entzogen hat. Und ob das zu großen Gegenreaktionen führen wird - von Seiten der sich weltweit formierenden Globalisierungskritiker oder auch der Regierungen. Einen Anfang macht der Sarbanes Oxley Act in den USA, der die Haftung von Vorständen neu regelt. Noch ein, zwei solcher großen Skandale, und wir werden eine nächste Welle der Regulierung erleben.

Was ist denn nun das Gegengift zum Kapitalismus in Reinform? Sie selbst schlagen in einem Aufsatz vor, das Ökonomische im Ökonomischen zurückzunehmen. Das klingt irgendwie ...

Sozialromantisch?

Sozialromantisch bis vielleicht durchgeknallt?

(lacht) Wenn Sie Ihre normalen wirtschaftlichen Beziehungen betrachten, also im Schuhladen, beim Friseur oder auch beim Autokauf, werden Sie feststellen, wie wenig Ökonomisches in der ökonomischen Transaktion liegt. Die exklusive, herausgelöste Betrachtung des Ökonomischen ist ein Kunstgriff. Sie können das gut festmachen an der Veränderung vom Stakeholder zum Shareholder. Wie in der westlichen Welt hatten wir auch in Deutschland immer ein Stakeholder-Konzept. Ein Unternehmen ist Teil einer Stadt, eines Landes, es hat Mitarbeiter, Aktionäre und ein Management, die allesamt in eine größere soziale Verantwortung eingebunden sind. Siemens in Erlangen, Boehringer in Ingelheim, Bayer in Leverkusen. Ganz langsam, aber oft einhergehend mit der Loslösung des Unternehmens vom Unternehmer, machte die Ökonomie ihren Spin-Off aus der Gesellschaft und landete beim Shareholder Value. Insofern war Enron systemkonform, denn es waren die Hauptaktionäre, die sich bereicherten.

Dennoch werden Sie die Uhr nicht zurückdrehen und globale Konzerne an einen Ort binden können. Globalisierung beschleunigt die Kapitalmärkte, die wiederum diktieren die Härte der Entscheidungen. Strukturveränderungen bestimmen die Wirtschaft. Am Ende müssen Unternehmer wie Manager ihre Entscheidungen ökonomisch treffen. Wenn Sie 10 000 Leute entlassen müssen, dürfen Sie auf den Einzelnen keine Rücksicht nehmen. Das ist die Tragik des Unternehmers. Natürlich hilft Ihnen bei solchen Entscheidungen das soziale und das wirtschaftliche Netz des jeweiligen Systems, das den Einzelnen auffängt und ihm hoffentlich eine neue Arbeit gibt. Das ist ja auch unser aktuelles bundesdeutsches Problem, wir sind zurzeit nicht in der Lage, die Leute, die ausscheiden, sofort wieder aufzufangen. Deswegen haben wir ein soziales Netz. Den Amerikanern, mit Brüchen hin oder her, gelingt es, die Menschen, die gehen müssen, im wirtschaftlichen Netz aufzufangen.

Gerade in den USA ist nun auch die Bevölkerung der ständigen Umbauten müde. Der demokratische Präsidentschaftskandidat John F. Kerry verspricht Freihandelsbeschränkungen. Ist die Globalisierungskritik im Mainstream angekommen?

Es sieht so aus.

Steht uns also ein Zeitalter des Protektionismus bevor?

Wenn wir es nicht schaffen, für alle verbindliche Regeln aufzustellen, könnte es in der Tat einen Rückfall in den Protektionismus geben.

Und das wäre Gift für die jungen, nachwachsenden Volkswirtschaften der Entwicklungsländer. Wo könnte ein Heilungsprozess ansetzen?

Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass es multiple Modernitäten gibt, also viele Modernen.

Was bedeutet das konkret?

Fangen wir bei den Institutionen an. Nehmen Sie zum Beispiel Universitäten mit ihren Auslandsstudenten. Wie toll wäre es, wenn wir zum Beispiel 100 000 Chinesen in Deutschland ausbilden würden. So entstünden chinesisch-deutsche Verbindungen, die zu gegebener Zeit wirtschaftlich aktiviert werden könnten. Gleichzeitig müsste ein europäischer Student zwei Sprachen neben seiner Muttersprache beherrschen. Die Vielfalt muss Teil unserer Curricula und unserer Gesellschaft werden. Auf der anderen Seite müssen wir überlegen, wie wir auch die Kultur wieder in die Ökonomie einführen. Heute erhalten Wissenschaftler, die sich mit Behavioral Economics beschäftigen, den Nobelpreis dafür, dass sie menschliches Verhalten in wirtschaftliche Entscheidungen wieder zurückführen. Für die Institutionsökonomik bedeutet das, dass mehr Soziologen an den Business Schools und in den betriebswirtschaftlichen Fakultäten unterrichten müssten.

Das Ergebnis wäre erst in vielen Jahren spürbar. Was können wir heute tun?

Wir brauchen einen Diskurs über die Rolle der Wirtschaft in der Gesellschaft in den großen Feuilletons und Wirtschaftsmagazinen - auf einem ähnlich hohen Niveau, wie er zur Gentechnik und der Frage des therapeutischen Klonens geführt wird. Und da geht es erst mal nicht um Antworten, sondern darum, dass wir die richtigen Fragen stellen.

Eine der Kernfragen lautet immer wieder: "Was ist der Mensch?" Ach, das wäre zu. hoch gegriffen.

Aber der Kapitalismus beruht auf einem falschen Menschenbild, das sagen Sie selbst. Der Homo oeconomicus, der gemäß seinem persönlichen Gewinnstreben logisch handelnde Mensch, ist eine Erfindung.

Richtig, den gibt es gar nicht. Der Homo oeconomicus war erst eine Karikatur, dann ein Gedankenmodell. Mittlerweile glauben wir an die reale Existenz dieses Zerrbildes, dass wir selbst erschaffen haben und mitunter zur Norm erheben. Weder auf der persönlichen noch auf der gesellschaftlichen Ebene handeln Menschen nach diesen egoistischen Gesetzmäßigkeiten.

Brauchen wir vielleicht doch wieder ein bisschen Sozialismus?

Nein, schon ein bisschen wäre eine Katastrophe.

Das Wort dürfen Sie natürlich nicht benutzen.

Um eine gesellschaftlich eingebettete Wirtschaft zu haben, braucht man doch keinen Sozialismus! Der Sozialismus ging mit gravierenden Einschränkungen der Freiheits- und Eigentumsrechte einher. Es gibt dann mehr oder weniger nur Gemeinschaftseigentum und kein Privateigentum mehr. Schauen Sie, sogar Adam Smith spricht von Vertrauen und Verantwortung. Ihm geht es auch um Rechte und Institutionen. Nur in Kombination mit diesen kann die unsichtbare Hand des Marktes ihre positive Wirkung entfalten.

Da steckt aber auch viel Schwammigkeit drin.

Ja eben. Darum geht es ja.

Ein bisschen Verantwortungsbewusstsein und Schwammigkeit, um den Kapitalismus aus seiner selbst erzeugten Freiheit wieder einzufangen? Das soll es sein?

Es wäre der größte Fehler, wenn wir nun nach dem großen Shareholder-Value-Programm das große Kulturprogramm ausrufen würden. Das funktioniert nicht. Wir unterhalten uns im Grunde über Geschichte. Wir reden über das aufklärerische, westliche rationale Denken, das solche Erscheinungen wie Kirche, Religion oder menschliche Beziehungen überlagert und ins Irrationale abgeschoben hat und sich im Ökonomischen schließlich sublimiert. Ein großes, fast zu großes Thema zwar, aber als der Think Tank einer weltweit tätigen Strategie-Beratung haben wir die Möglichkeit, die wichtigsten Entscheider dafür zu sensibilisieren. Das fangen Sie als Einzelunternehmen nicht mal eben so an. Das müssen wir prozessweise umsetzen, vielleicht ein wenig viral.

Wie können Unternehmen zur Rettung des Kapitalismus beitragen? Die sind schließlich ein Teil des Problems.

Der Wert einer Firma ist mehr als der Wert ihrer Aktien. Wir müssten unsere Anreiz-Systeme hinterfragen. Ist die vorrangige Ausrichtung nach dem Shareholder Value angebracht? Globales Management müsste sich anders bewerten lassen. Heinrich von Pierer betont immer wieder, dass Siemens zwar ein deutsches Unternehmen sei. Es sei aber auch, so von Pierer, ein amerikanisches Unternehmen, ein chinesisches Unternehmen und ein brasilianisches Unternehmen.

Ein bekannter Effekt der Globalisierung.

Die globalen Firmen haben sehr früh erkannt, dass sie mit dieser Vielfalt positiv umgehen müssen. Vielleicht brauchen wir andere Karrierewege, bei denen zukünftige Entscheider über vier, fünf Stationen in anderen Ländern mitbekommen, wie die Welt aussieht. Vielleicht brauchen wir auch andere Organisationsformen. In fast allen westlichen Firmen haben wir auf Grund der Globalisierung sehr starke Divisions: Eine Abteilung ist dann in der ganzen Welt zuständig.

Zu Ungunsten der lokalen Mitarbeiter, die von der Globalisierung im eigenen Wirtschaftsraum entmachtet werden ...

Genau. Daher ist die Frage, ob es nicht bald eine Renaissance der Landesorganisationen geben wird. Es geht um Gleichgewicht. Einheit in der Vielfalt oder Vielfalt in der Einheit. Es gibt eine bekannte Studie des Niederländers Geert Hofstede, der vor 20 Jahren die IBM weltweit untersuchte. Er stellte fest, dass selbst unter der starken IBM-Kultur die nationalen Kulturen der Franzosen, Engländer, Deutschen, Amerikaner etc. voll erhalten sind. Da müssen Sie sich überlegen, wie Sie diese Kulturen hochkommen lassen und welche Querbänder Sie ziehen. Bei der Vielfalt der Kulturen, mit denen wir leben, werden wir dezentrale Strukturen nicht nur respektieren, sondern aktiv nutzen müssen.

Wenn die Kapitalismuskrise aus einer Überbetonung des Rationalen resultiert, müssen wir dann auch das Irrationale in die Wirtschaft einbringen?

(lacht) Nein, nein, das nicht.

Das wollen Sie nur nicht sagen.

Das meine ich auch nicht. Es geht nicht um das Irrationale. Sondern um die soziale Verortung des Ökonomischen. Nehmen Sie die wunderbare Geschichte von Newtons Koffer, in dem seine Nachfahren dessen alchemistische Schriften versteckten. Das Überraschende daran ist: Es war den Leuten jahrhundertelang peinlich, dass der große Physiker gleichzeitig ein Alchemist, ein Philosoph und ein Theologe war. Aber eigentlich ist das etwas Wunderschönes.

Ganz ehrlich, ist es nicht auch eine Luxusdiskussion, die wir hier führen? In China haben sie ganz andere Probleme mit der Globalisierung.

Das ist kein Luxus, das ist eine absolute Notwendigkeit. Wenn dieses System sich weiter so loslöst und ins Ökonomische driftet, wird es Rückwirkungen geben. Die werden sein: Die Regierungen werden mehr regulieren. Und ich weiß gar nicht, ob wir das so wollen. Dann wird es, wie Samuel P. Huntington in "Clash of Civilizations" brillant geschildert hat, einen Kampf der Kulturen geben. Wir brauchen aber eine Kultur der Vielfalt, auch in der Wirtschaft. Sonst wird der Diskurs über die Interpretation der Moderne nicht mehr friedlich ausgetragen.

Also führt der Weg aus der Krise unweigerlich über das Gespräch. Wer redet, tauscht aus. Das wäre wie ein moderner Kula-Ring, der den Welthandel schützt. Statt Muscheln tauschen wir Gedanken aus?

Das ist der Kula. Sie bleiben im Gespräch miteinander. Das ist der Wert des Tausches. Und des Handels.