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Die Sorgen der Sieger

Etwas ist passiert. In der Innenstadt schließt ein altes Traditionsgeschäft nach dem anderen. Auch einige Kindergärten haben zugemacht. Außerdem heißt es, für junge Leute sei es nicht mehr selbstverständlich, eine Lehrstelle zu bekommen. Weil wir jetzt arm sind. Aber wie kann das sein? Etwas ist passiert. Und das war nicht geplant. Es war nicht geplant, dass etwas passiert.Es sollte alles so bleiben, wie es war. Für immer. Weil es gut war. Hier bei uns. In Schwäbisch-Hall.




Es ist kühl im Haalamt von Schwäbisch Hall. Die Decke ist niedrig in dem Fachwerkhaus, der Boden uneben, die Treppe zum Büro knarrt laut. Auf einem dunklen, knorrigen Holztisch liegen zwei große, dicke, in Leder gebundene Bücher, etwa 200 Jahre alt. Peter Hubert, der Haalschreiber, ist ein runder, gemütlicher Mann, ein promovierter Historiker mit einer tiefen Stimme. Er spricht nur in ironischem Ton, ab und zu macht er klar, dass er die Welt da draußen seltsam findet, dass er Abstand halten will, dass man nicht bei allem mitmachen muss. Ein Typ, den die Realität und ihre Hektik nicht interessieren. Er sagt: "Ich habe heute Morgen den 115 200sten Teil von einem Sieden ausgerechnet, er belief sich auf null Euro. In jedem Jahr bekommen zehn bis fünfzehn Erben nichts, das kommt immer wieder vor." Zurzeit gibt es etwa 300 Schwäbisch Haller Familien mit Siedrecht, das Überbleibsel einer alten Tradition. Salz war in Hall früher außerordentlich wichtig. Der Siedherr war ursprünglich der deutsche König, der die Erlaubnis, Salz zu sieden, an eine kleine Gruppe vergab. Diese Bürger wurden damit reich, sie verpachteten ihre Siedrechte, vererbten sie und teilten sie auf. Manchmal stellten sie Leute ein, die für sie die Arbeit machten, die Siedknechte - die vererbten dann ihren Anspruch auf einen Arbeitsplatz. Doch nach den Napoleonischen Kriegen war damit Schluss, die Sieder mussten ihre Rechte an den württembergischen König abtreten. Dafür bekamen sie eine Rente für sich und ihre Familie, "solange die Sonne aufgeht". Also für immer. Anfangs berechneten Beamte die Verteilung des Geldes, aber da das sehr zeitaufwändig ist, übernahm der Haalschreiber den Job. Er errechnet und verteilt die Rente heute an drei Tagen in der Woche und ist damit ganzjährig vollauf beschäftigt. Das System ist so kompliziert und schwierig, dass niemand das Ergebnis nachrechnen kann. Auch das zuständige Finanzamt will schon lange keine Einzelheiten mehr wissen, sondern nur sehen, dass alle Beteiligten unterschrieben haben, also zufrieden sind.

Siedererben waren früher reiche Menschen, nur stand in dem Vertrag nichts von Inflationsausgleich, und so holt sich heute ein Sieder 18 Cent ab, ein anderer 3, mancher hätte Anrecht auf 0,01 Cent. Aufgeteilt werden insgesamt 15 000 Euro, die das Land Baden-Württemberg jährlich auszahlt. Die Anteile rechnet Peter Hubert nach altem Brauch aus: "Drei Eimer, zwei Maas und sechs Schoppen ist ein Sieden. Ich rechne hier in krummen Maßeinheiten, die es seit mindestens 150 Jahren nicht mehr gibt." Das sagt er genüsslich, er mag es, wenn sich die Zuhörer wundern. Er kultiviert das Seltsame des Siederwesens.

Hubert zeigt eine Liste von Leuten, die dieses Jahr 0,3 Cent oder 0,55 Cent bekommen. "Der hier kriegt viel." Hubert deutet auf einen Namen, dahinter steht: 10,30 Euro. Manche Siedrechte sind so geteilt, dass einer alle sieben Jahre etwas bekommt, ein anderer jedes dritte. Allerdings bekommt einer, der Siedrechte hat, sein Geld nur, wenn er Mitglied im Verein ist. Jahresbeitrag 31 Euro. Schließlich muss die Teilzeitstelle des Haalschreibers finanziert werden. Damit ist klar: Es geht nicht um Geld. Sieder zu sein ist in Schwäbisch Hall wie ein Adelstitel. Das Statussymbol schlechthin. Jeder kennt seine Siedersbaas und Siedersvetter und spricht sie auch so an. Und alle kommen an einem Tag zusammen. Der Haalschreiber sagt mit einem zufriedenen Lächeln: "Es ist hier wie vor 200 Jahren." Das Haalamt befindet sich in einem sehr schönen, gut erhaltenen Fachwerkhaus direkt am Kocher, dem Fluss, der die Stadt teilt. In jeder anderen Stadt wäre das Gebäude ein historischer Schatz, hier in Schwäbisch Hall fällt es kaum auf. Die in einem schmalen Tal liegende Altstadt besteht fast ausschließlich aus Architekturdenkmälern, Fachwerkhäusern, romanischen und barocken Bauten, alle in bestmöglichem Zustand, und dazwischen makellosem Kopfsteinpflaster. Märchenhaft. So stellt man sich vermutlich in Milwaukee Europa vor. Auf dem Weg zum Rathaus, einem Barockgebäude, ruft eine dicke Amerikanerin ihrem dünnen Mann immer wieder zu: " This is unreal. This is a movie." In ihrem Gesicht eine bis ins Entsetzen gesteigerte Faszination. Sie ruft viel zu laut: "This city must be a thousand years old." Knapp daneben: 1204 wurde Hall erstmals schriftlich als Stadt erwähnt.

Nahe liegendes und einfallsreiches Sparen: Der Bürgermeister lässt so wenig wie möglich renovieren und führt Linux ein Der Stadtarchivar Andreas Maisch sitzt in seinem Büro in einem weiteren schönen alten Gebäude am historischen Marktplatz und erzählt: Hall lag schon immer zwischen Schwaben, Franken und dem Hohenlohischen, war Reichsstadt, also selbstständig, und fast immer reich, wegen der Salzsiederei und der Münzprägung. Der deutsche Heller kommt von hier, die Münze, die sich gegen die traditionellen Silbermünzen durchsetzte, weil sie aus Silberblech geprägt war und damit billiger. Wenn die Einwohner versuchten, Abstand zum Bischof von Würzburg zu halten, sagte man Hall in Schwaben, gingen Briefe nach Württemberg, hieß die Stadt nur Hall - man wollte seinen Reichtum nicht teilen. Offiziell zu Schwäbisch Hall wurde Hall im Dritten Reich, als es darum ging, sich dem von den Nazis geplanten Reichsgau Franken zu entziehen. Der Gau entstand nie, doch der Name blieb. Das Hin und Her, diesen Pragmatismus einer reichen Stadt, fasst Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim so zusammen: "Wir sind zwar wer, aber wir müssen Bündnisse eingehen." Die gewölbte Decke im Büro des Oberbürgermeisters ist rund dreieinhalb Meter hoch, Wände und Decke zieren alte, gut aussehende Fresken, frisch saniert. Helle Farben dominieren, Himmelblau, Weißtöne. An der Wand hinter dem großen Schreibtisch schwebt ein Engel vor Wolken. Der Raum vermittelt ein erhabenes Gefühl. Hier herrschten Reichtum und alte Kultur. Aus den hohen Fenstern kann man über den Marktplatz auf die steile Treppe der Kirche St. Michael sehen, auf deren 54 Stufen seit 1925 die Zweitältesten Freilichtspiele Deutschlands stattfinden. Oberbürgermeister Pelgrim wurde 1997 gewählt, er hat noch die gute Zeit erlebt, als Schwäbisch Hall eine der reichsten Städte der Bundesrepublik war und dazu ein deutsches Symbol: die Bausparkassenstadt. Eine Milliarde Euro hat die Stadt in den 20 guten Jahren an Gewerbesteuer eingenommen. Und ausgegeben. Doch seit 2001 fehlt das Geld, weil neue Steuergesetze dafür sorgen, dass der mit weitem Abstand größte Steuerzahler, die Bausparkasse, ihre Gewinne mit ihrer Holding in Frankfurt, der genossenschaftlichen DZ Bank, verrechnen kann. 2003 gab es wieder mal einen Rekordgewinn, aber die DZ Bank hat mit dem vielen Geld aus Hall ihre Verluste ausgeglichen. Übrig blieb nichts.

Selbst wenn er sich ärgert, bleibt Oberbürgermeister Pelgrim, SPD-Mitglied, aber das spielt keine Rolle in dieser Stadt, unaufgeregt. Er spricht druckreif, lächelt, macht kurze Pausen und verbiegt dabei eine Büroklammer. Er spricht von der großen Historie der freien Reichsstadt, "aber eben auch immer Veränderung" . Er zählt auf: Hall war ein Zentrum der Reformation in Süddeutschland. Das Genossenschaftswesen begann hier, bereits im Mittelalter organisierten sich hier die Salzsieder in dieser Form. Dann kommt er auf die Bausparkasse, "den deutschen Weg Bausparen", zurück. Die sei so erfolgreich, weil sie ihren Vertrieb über Genossenschaftsbanken organisiert hat.

Endlich sagt der Bürgermeister in seinem traumhaften Büro: "Wir sind das Symbol einer neuen Armut. Das gab es schon früher, dass es einem Unternehmen schlecht ging und dann eben auch der Stadt, das hing immer zusammen. Aber hier gibt es jetzt eine neue Armut mit einer vollständigen Entkopplung von Ursache und Wirkung." 2003 war das beste Jahr in der gesamten Geschichte der Bausparkasse Schwäbisch Hall, doch der Stadt hat das nichts gebracht. Man leide hier, ganz deutsch sei das, unter "unserer Handlungsunfähigkeit, wir sind ausgeliefert". In der Folge seien bei den Bürgern "diese Reflexe, die Angst vor der Veränderung besonders deutlich spürbar". Weil es immer so gut lief, ist der Kontrast jetzt besonders stark.

Hall hatte schon mal schlechte Zeiten, so ab 1800. Es lief nicht mit der Industrialisierung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, kurz nachdem die in Berlin ausgebombte Bausparkasse hierher kam und sich einige Jahre später sogar Bausparkasse Schwäbisch Hall nannte, ging es los. Die Deutschen bauten und bausparten, die Sparkasse verdiente, und der Stadt ging es gut. Hall hat doppelt so viele Spielplätze wie das benachbarte, gleich große Backnang, mehr Kultureinrichtungen, mehr Sportplätze. Eine neue dreistöckige Stadtbibliothek in der Innenstadt. Ein großzügiges, kürzlich saniertes Solebad. Bis vor kurzem mussten die Vereine nichts zahlen, wenn sie Sporthallen nutzten. Als alles lief, bediente man die Bürger, baute noch einen Kindergarten, noch eine Schule, noch eine Tagesstätte. In Hall gab es Kindergärten mit nur einer Gruppe, ganz nahe an den Wohnungen, damit die Kleinen keinen langen Weg hatten. Dieser Luxus ist jetzt nicht mehr finanzierbar, einige der Häuser wurden geschlossen.

Nach der Bausparkasse ist heute das Diakoniekrankenhaus der zweitgrößte Arbeitgeber. Es gibt einige Firmen, die Verpackungs- und Abfüllanlagen herstellen. Recaro baut hier Flugzeugsitze, nach dem 11. September 2001 allerdings weniger. Es gibt Klafs, einen Saunabauer. Eine Hochschule für Gestaltung. Etwas IT im Solpark, dem Gewerbegebiet. Etwas Industrie, ein wenig Tourismus und auch einen Happen Kultur - die Lage ist langfristig gesehen also nicht hoffnungslos.

Tatsächlich ist das größte Finanzproblem der Stadt zurzeit die Umlage: Geld, das an ärmere Gemeinden weitergegeben wird. Sie muss an den Landkreis und das Land mit zwei Jahren Verspätung gezahlt werden, was dazu führt, dass Hall jetzt 34 Millionen Euro zahlen muss, berechnet nach den guten Einnahmen des Jahres 2001. Die bereits ausgegeben sind. Das ist die so genannte Umlagenfalle, in die schon viele Städte geraten sind. In Hall wurde das Problem noch durch den Landkreis verstärkt. Als der sah, dass die guten Zeiten Halls erst mal vorbei sind, hob er in einem Jahr zweimal die Umlage an, um aus dem letzten guten Jahr der Stadt für das Land möglichst viel rauszupressen. Obwohl klar war, dass die Stadt ein Problem bekommen würde.

Natürlich hatte die Stadt Reserven. Doch die Rücklage enthält inzwischen nur noch die gesetzlich vorgeschriebenen 1,25 Millionen Euro. Außerdem wurden für 50 Millionen Euro Gebäude verkauft, das Geld wanderte in den Haushalt. Bürgermeister Pelgrim nennt Zahlen und ein paar Fakten, um die Armut von Schwäbisch Hall zu beschreiben: Das Haushaltsvolumen der Stadt für 2001 betrug 351 Millionen Mark, also grob 180 Millionen Euro, für 2004 beträgt es 115 Millionen Euro. Ein echter Schnitt. Die mittelfristige Planung sieht vor, muss vorsehen, dass in den nächsten Jahren der Haushalt weiter schrumpft. Neues wird nicht mehr gebaut, saniert wird so wenig wie möglich. Gut, alles ist bestens saniert, doch der Oberbürgermeister stellt klar: " Noch sind die Gebäude in einem sagenhaften Zustand. Aber unter den jetzigen Rahmenbedingungen sieht es noch fünf Jahre so gut aus, vielleicht zehn, dann nicht mehr." Pelgrim erzählt, wie er ganz am Anfang seiner Amtszeit die Kindergartengebühren, die verglichen mit dem Rest der Republik, lächerlich waren, leicht erhöhen wollte. Der Gemeinderat war empört, alle, ohne Ausnahme, haben dagegen gestimmt. Inzwischen kostet ein Kindergartenplatz so viel wie in Stuttgart. Fast jede andere Gebühr wurde ebenfalls kräftig erhöht. Und noch eine Sparmaßnahme: Schwäbisch Hall ist die erste Stadt in Deutschland, die alle Microsoft -Programme aussortiert und Linux einführt, um die Folgekosten zu drücken. München zieht gerade nach. "Das mit Linux war vordergründig eine Finanzentscheidung. Aber auch die Antwort auf die Frage: Trauen wir uns das? Wir haben gesagt, wir schaffen das. Es ist Zeit für Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein." Also ist die Notsituation auch ein Aufbruch? Pelgrim deutet aus einem der großen Fenster zur St.-Michael-Kirche. "Das ist das erste Jahr, in dem nicht an der Kirche gearbeitet wird." Das Bauwerk ist, wie die ganze Stadt, innen und außen, von der imposanten Treppe bis zum letzten Reliefbild in der dunkelsten Ecke, in einem fantastischen Zustand.

Der Vorsitzende der Bürgerstiftung sieht die Krise als Chance: Die Bürger können Aufgaben der Stadt effektiver ausführen Hall, sagt der Oberbürgermeister, sei symbolhaft für Deutschland nach dem Krieg, weil es nicht immer so schön war. "Vor 30 Jahren war die Stadt nicht so in Schuss." Der Reichtum sei Folge " der gigantischen deutschen Produktivitätsentwicklung gewesen. Das hat nachgelassen. Die Leute sind erschreckt." In gewisser Weise sei die Stadt auch ein Symbol für das Wesen der Bundesrepublik. "Hier wurde viel gesellschaftliche Verantwortung auf den Staat übertragen. Weil die Stadt so reich war, war das besonders ausgeprägt. Die Alimentation durch die Stadt war extrem. Das Anforderungsprofil war gigantisch." Erste Ansätze, auf die veränderten Verhältnisse zu reagieren, gibt es bereits. Vor einem Jahr ist ein Bürgerverein entstanden, Bürger und Firmen finanzieren nun etwa die Musikschule mit, die nur deshalb nicht dichtgemacht wurde. Andere Bürger übernehmen für Bäume und Grünflächen Patenschaften und entlasten damit die Stadtkasse. Thomas Preisendanz ist Leiter des Gymnasiums bei St. Michael und Vorsitzender der Bürgerstiftung "Zukunft für junge Menschen". Er sagt: "Die Bürgerstiftung wurde gegründet, weil wir der Ansicht sind, dass Bürger Aufgaben übernehmen müssen, die bisher die öffentliche Hand übernommen hat." Die Stiftung hat inzwischen 650 000 Euro eingesammelt, 500 000 davon gab es zum Start von der Bausparkasse. Das Geld ist mit vier Prozent angelegt, macht 26 000 Euro jährlich, die ausgegeben werden können. Dazu kommen noch Spenden, die nicht ins Spendenvermögen kommen, sondern direkt verwendet werden.

Preisendanz zählt die Aktivitäten der Stiftung auf: Der Jugend-Gemeinderat wurde auf den Weg gebracht, ein HipHop-Konzert wurde gesponsert, zwei Lehrer für Aussiedler, die bisher das Land bezahlt hat, wurden von der Stiftung für ein Jahr gemeinsam mit der Sparkasse und der Volksbank finanziert, eine Akademie für begabte Grundschüler bekommt Geld. Außerdem, sagt der Oberstudiendirektor, gebe es noch andere Fördervereine. Vergangenes Jahr wurde einer gegründet, der dem Stadtarchiv hilft, ein weiterer finanziert das Museum mit, die Schulen haben ebenfalls Fördervereine. Er sieht die Krise als Chance: "Wenn die Stadt ihre Aufgaben zurückfahrt und die Menschen machen lässt, kommt mehr heraus." Zu Weihnachten, erzählt er stolz, haben ihm Bürger Spenden gegeben, einer hundert Euro, ein anderer fünf. Das klingt gut, solange man nicht nachrechnet: Schwäbisch Hall hat 36000 Einwohner, bei fünf Euro pro Person kämen im Idealfall gerade mal 180 000 Euro zusammen. Wobei man nicht vergessen darf, dass hier viele gut verdienende Angestellte leben - größere Spenden wären drin.

Doch die Bürger sind verunsichert. Sie verdienen zwar nicht weniger als früher, haben aber wegen der stark gestiegenen Gebühren trotzdem weniger Geld. Das führt zu dem Geiz-ist-geil-Syndrom, unter dem auch der Einzelhandel leidet. Die Innenstadt prägten früher lokale Traditionshäuser, es gab viele Optiker und kleine Modehäuser, die jetzt langsam von H & M und anderen ersetzt werden. Die Leute fahren in die großen Einkaufszentren, nach Heilbronn oder Stuttgart, weil der Preis mehr zählt als die Qualität oder die Erhaltung eines funktionierenden lokalen Sozialsystems. Die Panik führt zu Gier und Geiz, und das Dauergejammer in Zeitungen und TV entspannt auch nicht. Auch die Lokalpresse stimmt wacker in das Katastrophengebrüll mit ein. "Pro", ein "Magazin für die Region Heilbronn-Franken", beschreibt eine Situation, die in Mecklenburg-Vorpommern eine Utopie wäre, so: " Werden Lehrstellen auch in der Region Heilbronn-Franken Mangelware? Ganz so dramatisch ist es nicht. (...) Für den Ausbildungsbeginn zum Herbst 2003 waren dem Arbeitsamt in Schwäbisch Hall 3152 offene Stellen gemeldet, 605 weniger als im Vorjahr." Alles halb so schlimm, aber was soll's: Hauptsache, die Situation ist erst mal schrecklich.

"Die Negativstimmung ist in erster Linie eine Frage der Medien - nach dem Motto: ,Good news are no news, bad news are good news.' Beispielsweise ist Deutschland seit August 2003 wieder Weltmeister im Export - vor Japan und auch den USA, die 280 Millionen Bürger haben, wir dagegen nur 82 Millionen. Das steht allenfalls auf Seite sieben oder acht als kleine Notiz, dabei könnte die Überschrift auf Seite eins lauten: ,Wir sind Exportweltmeister.'" Das sagt der Unternehmer Reinhold Würth in einem Interview in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift "A Tempo". Würth hat Erfahrung mit Aufbauarbeit: 1954 übernahm der damals 19-Jährige den Zwei-Personen-Betrieb seines Vaters in Künzelsau, einem Nachbarort von Schwäbisch Hall, der heute 41 000 Mitarbeiter hat und Weltmarktführer bei Schrauben ist. Vor drei Jahren hat der Kunstsammler Schwäbisch Hall ein Museum geschenkt: Modern und großzügig, die Fassade aus Stahl, Glas und Muschelkalk passt es sich gut in das historische Stadtbild ein. Der Eintritt ist frei.

Die Kunsthalle Würth basiert auf der mehr als 6000 Bilder umfassenden Sammlung ihres Stifters, zu deren Schwerpunkten Pablo Picassso, Emil Nolde, Max Beckman und Max Ernst gehören. Aufwändige Ausstellungen finanziert eine Stiftung, wenn deren Mittel nicht reichen, hilft Reinhold Würth auch mal persönlich. Für die Stadt ist das ein weiterer kultureller Höhepunkt, der Touristen anzieht, die Lebensqualität erhöht - und manchmal die Menschen in sehnsüchtige Seufzer verfallen lässt.

Gute Kunst, böse Kunst: Schöne Gemälde aus vergangenen Zeiten finden viele Freunde, ein modernes Theater aber stört So lief bis Ende Februar unter dem Titel " Poesie des einfachen Lebens" eine Ausstellung mit Bildern des Malers Max Liebermann: Gemälde, die großbürgerliche Landsitze in heimeligen Parks zeigen, bescheidene Arbeiter bei einfachen Tätigkeiten und anständige Bürger in einem Biergarten. Davor standen Besucher im Durchschnittsalter 60 plus, die sich verzückt über das schöne Licht freuten, die einfachen Leute, das fruchtbare Land. Es herrschte eine große Einigkeit: Die Vergangenheit war das Beste, was den Menschen je passiert ist. Die Sonne schien, die Bäume waren grün, die Häuser alt, sahen aber aus wie neu, der anständige Bürger war das Ideal einer gesunden Gesellschaft, die Kinder waren niedlich und wohl erzogen, und wenn eine Familie eine Rente bekam, die bis in alle Ewigkeit versprochen war, war das keine Skurrilität, sondern Zeichen einer besonderen gesellschaftlichen Stellung.

Ach ja, die Ordnung. Kaum jemand hier will die Veränderungen, die anstehen. Oder überhaupt irgendwelche. Das liegt daran, dass fast alle zu den Siegern gehören. Sieger wollen keine Veränderung. Denn das heißt, Bequemlichkeit aufzugeben. Privilegien. Status. Schwäbisch Hall hat ein Problem, und das sieht man überall. Zum Beispiel bei den Ladenöffnungszeiten: In der Innenstadt ist um 18 Uhr Ladenschluss, die Mittagspause ist obligatorisch, einige gönnen sich zwei Stunden. Das ist gut für den Einzelnen, funktioniert aber nur, weil es hier keine Armut gibt, niemanden, der bereit ist, länger zu arbeiten, weil er Geld braucht, jedenfalls nicht direkt vor Ort, die Armut ist woanders, irgendwo da draußen, wo sie von Kindergärten und Ausbildungsplätzen träumen. So wie sie hier von der Vergangenheit träumen.

Christoph Biermeier ist der neue Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall, dem Kultur-Ereignis Nummer eins in der Stadt. Die Bausparkasse sponsert die Veranstaltung, die Stadt unterstützt sie, ein Großteil des Tourismus hängt an ihr, 50 Prozent der Besucher der über drei Monate laufenden Veranstaltung übernachten im Ort. Biermeier inszenierte zuletzt in Halle, einer dieser Städte im Osten, die sich mit riesigen Plattenbausiedlungen herumplagen, hohen Arbeitslosenzahlen und einer schrumpfenden Bevölkerung. Es ist sein erstes Jahr, er führt neben den traditionellen Shakespeare- und Schiller-Stücken auch "Dracula" auf, um ein neues Publikum anzusprechen. Er war schon früher häufiger in Schwäbisch Hall, weil er hier mal eine Freundin hatte, und wunderte sich oft. "Ich habe immer gedacht, die Leute hier leben in einer anderen Welt. Aber das ändert sich langsam. Ich glaube, jetzt kommen sie langsam in der Realität an." Am Ufer des Kochers steht das Haller Globe Theater, das Shakespeares Globe Theater in London nachempfunden ist. Es ist ein dreistöckiger Rundbau aus Holz ohne Dach, traditionell und doch modern, weltweit gibt es nur vier solche Theater, und dies ist das einzige, in dem das Konzept mit modernen Elementen erweitert wurde. Der Bau hat die Stadt nichts gekostet, mehrere Firmen aus Hall haben sich gratis oder nur gegen Materialkosten beteiligt. Ein Kalligraf hat die Fassade rundum mit einem Sonett von Shakespeare beschriftet, auch hier trifft Tradition auf Moderne, und der Künstler, vorher Hüter eines fast vergessenen Handwerks, ist seitdem wieder gut im Geschäft. Also alles prima? Nein, das Haus soll weg. Wegen des Denkmalschutzes. Außerdem war es nur für die Spielzeit 2000 genehmigt. Ein Mitarbeiter des Festivals erzählt, dass man die zeitliche Begrenzung akzeptiert habe, weil man sonst keine Genehmigung bekommen hätte. Offensichtlich hatten alle gedacht, der Bau würde für sich selbst sprechen. Das tut er auch, aber nicht jeder ist bereit zuzuhören. Die Kritiker sagen, das Haus zerstöre das Stadtbild. Die historische Anmutung. Aber noch steht es. Und so wird es wohl erst mal auch bleiben. Es fehlt das Geld für den Abriss.