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Der Knall

Früher gab es das Internet, die Euphorie und die große Blase. Heute gibt es das Internet, die Normalität und einen Wachstumsmarkt. Der Unterschied ist Erfolg.




"In den nächsten 50 Jahren wird kein Mensch fliegen."
Wilbur Wright, 1901, zwei Jahre vor dem Erstflug seines Flyer I in Kitty Hawk

I DER KNALL AN SICH

Manche Dinge kann man sich schwer vorstellen. Aber es gibt sie, und wie. Zum Beispiel ist es nicht ganz einfach, sich vorzustellen, wie vor 16 Milliarden Jahren das Universum mit einem gewaltigen Peng, dem Urknall, entstanden ist. Seither dehnt es sich aus und wächst weiter.

Nun gut - der Urknall ist ziemlich lange her und die Trümmer ziemlich weit weg.

Etwas anderes ist es, wenn es um Ereignisse geht, die direkt vor unseren Augen ablaufen. Da ist etwas merkwürdig: Es gibt viele, die können sich nicht nur nicht vorstellen, dass funktioniert, was sie sehen. Sie merken gar nicht, dass sie etwas sehen. Sie merken eigentlich gar nichts.

Das ist bemerkenswert.

Und auch dieses Phänomen hat mit einem Knall zu tun, und zwar einem gehörigen. Nach einer kurzen Zeit der Euphorie platzte in den Jahren 2000 und 2001 die Börsenspekulation rund um Internet, Neue Medien, Telekommunikation und Biotechnologie - New Economy genannt - mit einem gewaltigen Knall. Das war die Internet-Blase.

Wie oft haben wir diese Phrase seither gelesen und gehört. An sie zu glauben macht den Unterschied aus zwischen einen Knall hören und einen Knall haben.

Internet? Da war doch was. Genau. Heute, da der ideale Schwiegersohn wieder bei der Sparkasse arbeitet statt noch wie vor fünf Jahren bei einer Dotcom-Firma, gilt es in der Republik beinahe als unanständig, etwas mit dem Web zu tun zu haben. Niemand kann sich erklären, wie das kam. Man will es gar nicht wissen. Wie immer, wenn etwas schief läuft in diesem Land, gibt es viele, die nichts wussten, nichts hörten, nichts sahen.

II DER UNTERSCHIED Der Ärger darüber, dass diejenigen, die wie immer nichts wagten, auch diesmal nichts gewannen, dauert an. Mitgemacht haben alle - doch nur wenige waren bei Verstand. Dabei gab es mehr als eine Warnung.

Auf dem Gipfel der großen Gier, im Frühjahr 2000, befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa diejenigen, die all den Zauber letztlich bezahlen sollten: die Kunden. Es stellte sich heraus, dass gerade mal 23 Prozent der Deutschen das Internet nutzten - und nicht mal die Hälfte davon konnte sich überwinden, täglich ins Web zu gehen. Die Pressemeldung zur Studie trug die unmissverständliche Überschrift: "Drei Viertel der Deutschen haben keine Ahnung vom Internet." Wie konnte man nur auf die Idee kommen, eine Sache, die die Menschen noch nicht begriffen hatten, zur Leitkuh der Ökonomie zu machen? War es Arroganz? Oder das, was so oft der Fall ist, wenn es um Fehlurteile geht: die Unfähigkeit, sein eigenes System zu verlassen - über den Tellerrand zu sehen?

"Das Web war eine Freak-Veranstaltung", sagt Jörg Rheinboldt, Managing Director von Ebay Europa. "1998, 1999 wollte kein normaler Mensch wissen, was eine eMail oder ein Cookie ist. Experten unterhielten sich mit Experten - das war's. Heute ist alles normal. Du hast es mit ganz normalen Leuten zu tun, die unbedarft mit dem Internet umgehen." Er fügt ein festes Gott sei Dank hinzu.

Rheinboldt ist 32 - und das ist in seiner Branche durchaus ein fortgeschrittenes Alter. Er kennt den Aufstieg und den vermeintlichen Fall des deutschen Sektors des World Wide Web. Deshalb freut er sich über das Normale, das das Außergewöhnliche ist: " Normalität ist ganz wunderbar. Denn sie ist ein Zeichen dafür, dass etwas funktioniert. Früher wurde über Geschäfte geredet, jetzt ist es ein Geschäft. Es ist sogar ein Massenmarkt. Und noch etwas: einer, der wächst." Ganz normal. Da schlagen nun nicht wenige das Kreuz. Schon wieder Internet? Ein neuer Boom?

III DIE THEORIE Am Anfang waren die unbegrenzten Möglichkeiten. Zu Beginn der neunziger Jahre, als das Internet laufen lernte, bot es die Grundlage einer völlig neuen ökonomischen Theorie: Weil mit dem Medium Interaktivität, möglich wurde, also die direkte Kommunikation zwischen Märkten und Anbietern, müsste es über kurz oder lang auch die Verhältnisse in der Ökonomie auf den Kopf stellen. Denn die Bürger - und Kunden - würden sich über die immer dichter werdenden Netze des Webs besser informieren können und wollen. Der Glaube an eine Marke würde durch Wissen über ein Produkt abgelöst werden. Wissen ist Macht. Und der an das Web angeschlossene, gut informierte Mensch würde leichter und klarer sagen können, was er sich als Kunde wünscht, was er fordert und will. Damit wäre er ruck, zuck vom Mündel zum Vormund geworden, der selbst entscheidet, was auf den Tisch kommt, statt alles zu fressen, was man ihm vorsetzt.

Das wäre was: der Kunde, der Mensch, der Bürger als Zentrum der Ökonomie. Das Prinzip der Industriegesellschaft - immer weniger Leute entscheiden darüber, was immer mehr Leute brauchen und konsumieren sollen - hätte ausgedient. Das Evangelium der neuen Wirtschaft, der New Economy, ist die marktgetriebene Ökonomie.

Was logisch klingt und auch ist, hat allerdings ein paar Haken, die mit dem Leben an sich zu tun haben. Erstens: Nicht alles, was man weiß, lässt sich gleich umsetzen. Zweitens: Es gibt auch Stumme, Taube, Dumme.

Und was am schlimmsten war: Der Kunde, der neue König, der Souverän der neuen Wirtschaft, wusste noch gar nichts von seinem Glück. Was er vorfand, war Flickwerk, eilig zusammengeschusterte Technik, verbunden mit vielen großen Worten. Hinzu kam: Nahezu alles war bloß eine Kopie dessen, was außerhalb der digitalen Welt längst existierte - und die Originale waren von viel besserer Qualität. Alles musste eben erst mal werden. Oder ganz einfach: Es ging noch nicht.

Es brauchte Zeit. Man muss sich vergegenwärtigen, in welchen Zeiträumen die digitale Ökonomie ins Laufen gebracht werden sollte. Erst Anfang 1996 gab es für die ersten Freaks halbwegs vernünftige Webbrowser. Zwar wurde vom Web damals viel geredet, doch drin waren hier zu Lande nur eine Handvoll Experten und Eingeweihte. Nur zwei Jahre später wurde von einer Infrastruktur geredet, die es so einfach noch nicht geben konnte - und falls doch, dann nur auf dem Papier oder in den Träumen der Investoren.

Man brauchte Zeit, viel mehr Zeit. Aber so lange konnten die, die ganz schnell ganz furchtbar reich werden wollten, natürlich nicht warten.

In solchen Phasen blüht die Dummheit besonders üppig - und so gerieten die wichtigsten Regeln durcheinander. Die Welt der New Economy stand Kopf, denn die, die sie betrieben, vergaßen den entscheidenden Unterschied zur alten Welt: Der Kunde ist in der neuen Wirtschaft wirklich König, also Souverän. Die Zeiten des Adels sind vorbei. Die Ökonomie demokratisiert sich. Die Regel "Friss (kauf) oder stirb (lass es)" galt nicht mehr.

Die alte neue Wirtschaft, die rund um die erste Welle des Webs platziert war, verhielt sich in der Geldgier der Börsenspekulation wie ihr schlimmster Feind. Denn nicht der Markt, der Kunde, war es, der die Technik nachfragte und damit die Grundlage für solide Unternehmen schuf. Es wütete ein fiktiver Markt, der nur in den Köpfen von Spekulanten und Fachidioten existierte - hier Banker, Konzerne und Risikokapitalgeber, dort Ingenieure, Programmierer und Gründer - eine Mischung, die alles andere als normal ist. Verkauft wurde, was irgendwann mal funktionieren könnte. Vielleicht. Möglicherweise.

Aber: Waren deshalb alle Dotcoms doof?

IV ZWISCHENSUMME "Sicher gab es Windeier unter den Web-Unternehmen, Leute, die im Grunde nichts anderes wollten als rasch an die Börse, um dort abzuzocken. Aber viele Firmen, die 1999 oder 2000 gegründet wurden und gleich wieder verschwanden, würden heute funktionieren. Einfach deshalb, weil heute ein Markt da ist, würden sich ihre Produkte verkaufen", lautet Rheinboldts Fazit.

Anfang des Jahres 2004 verfügen immerhin 55 Prozent der Bundesbürger über einen Internetanschluss. Und was noch wichtiger ist: Sie nutzen ihn auch. Rund 94 Prozent aller deutschen Web-Nutzer, also bereits die Mehrheit der Deutschen, holen sich vor einer Kaufentscheidung ihre Informationen bevorzugt aus dem Internet. Preis- und Produktvergleiche, vor allem aber das, was die frühen Netzapostel ahnten: Wissen und Informationen rund um Produkte und Dienstleistungen sind es, die die Menschen am meisten interessieren. Und vier von fünf Befragten, die Nielsen Netratings im Januar dieses Jahres interviewte, beurteilen das, was ihnen das Netz bietet, als sehr sinnvoll.

Die Spekulanten des Jahres 2000 surften in einem Netz, das elend langsam war und die meisten Versprechungen nicht annähernd halten konnte: Zwischen drei und sieben Sekunden verstrichen vor vier Jahren durchschnittlich, bis sich eine Website aufgebaut hatte. Multimedia, gar Videos oder qualitativ vernünftige Musik aus dem Netz gab es nur dann, wenn trickreiche Jungunternehmer ihren Investoren offline vorführten, was online irgendwann möglich sein könnte. Banker und Investoren fielen auf die potemkinschen Dörfer prompt rein. Zum einen, weil sie bis dahin keinerlei persönliche Erfahrung mit dem Web gemacht hatten, zum anderen - die Dollarzeichen in den Augen hatten sich schon eingebrannt -, weil jeder daran glauben wollte.

Mittlerweile treibt ein krummes Wort die Entwicklung an: Breitband, schnelle Internet Verbindungen, die wie DSL mit 780 bis 1500 Megabits - nach neueren Standards auch ein Vielfaches davon - Daten aus dem Netz ziehen. Die Digital-Subscriber-Line-Technologie kam bereits Ende der neunziger Jahre auf - doch die großen Telefongesellschaften und Hype-Treiber jener Tage hatten ganz andere Pläne gemacht: Statt billiger Flat-Rates und schneller Zugänge sollten den Kunden alte Technologien, immer noch ISDN und - für den mobilen Bereich - UMTS verordnet werden.

Aber es war der Markt, der sich durchsetzte. Allein der Marktführer T-Online zählte Anfang des Jahres mehr als vier Millionen mit DSL ausgestattete Haushalte, und kaum jemand zweifelt daran, dass sich bis 2007 die Zahl der Anschlüsse auf zehn Millionen erhöhen wird. Der EU-Kommissar für Unternehmen und Informationsgesellschaft, der Finne Erkki Liikanen, nannte das Breitband kürzlich "die wichtigste Antriebskraft für die Zukunft".

Warum?

Zum einen wird damit Realität, was vor vier Jahren noch nicht machbar war: ein schnelles Internet, das die Verbreitung multimedialer Inhalte ermöglicht. Im Jahr 2000 waren gerade mal vier Prozent aller Internetanschlüsse breitbandige Turbolader, und die standen fast ausnahmslos in Banken, Konzernen, Regierungsstellen und Universitäten.

Wo schnell und ruckelfrei Videos aus dem Netz kommen, Software und Spiele ohne nervtötende Wartezeiten geladen werden können oder mit Musik aus dem breitbandigen Internet auch etwas zu verdienen ist, ändert sich nicht nur der Inhalt, der konsumiert wird, sondern auch das Verhalten der Benutzer. Breitband-Kunden verbringen, das hat der Marktforscher Nielsen im vergangenen Jahr herausgefunden, mit mehr als zwei Stunden pro Tag doppelt so viel Zeit vor dem Rechner wie Kunden mit einer herkömmlichen Verbindung.

Und: Für Qualität wird auch bezahlt. Die Null-Bock-auf-Bezahlen-Mentalität der ersten Internetjahre wandelt sich allmählich.

Ebay, längst der größte elektronische Handelsplatz der Welt, ist mittlerweile auch in Deutschland Leitbild des Handels geworden. Fast 100 Millionen Kunden zahlen weltweit eine Vermittlungsgebühr für Waren, die sie ver- oder ersteigern. Vor kurzem kaufte das Unternehmen, das in Deutschland seinen Sitz in Kleinmachnow bei Berlin hat, für rund 121 Millionen Euro das Auto-Portal Mobile.de. Dort finden sich, wie bei den Konkurrenten von Autoscout24.de, das Ende vergangenen Jahres an T-Online verkauft wurde, mehr als 800 000 Autos zur Auswahl. Drei Viertel des gesamten Gebrauchtwagenbestands der Republik durchläuft eines der beiden großen Portale. Jeder dritte Wagen, der verkauft wird, wurde über das Internet gesucht und gefunden - oder die Informationssysteme des Webs spielten die kaufentscheidende Rolle. Als Mobile.de im Vorjahr Gebühren von den Kunden forderte, hielt man kurz den Atem an. Doch nichts geschah. Für eine vernünftige Leistung zahlen die Kunden eben.

Nicht anders liegen die Dinge, von großer Politik und Konzernen weitgehend unbemerkt, auf einem weiteren Milliarden-Markt: dem der Gesundheit. Bereits vor einem Jahr ergab eine Umfrage der Europäischen Kommission, dass 23 Prozent der EU-Bürger das Internet nutzen, um zuverlässige Informationen über Gesundheitsfragen zu erhalten. Vor allem in Ländern, wo zeitgemäß reformierte Gesundheitssysteme etabliert sind wie in Dänemark und den Niederlanden, nutzen bis zu 40 Prozent der Burger das Web, um sich über Gesundheitsthemen zu informieren oder um Medikamente einzukaufen. Bereits eine Million Deutsche haben im Vorjahr bei einer Internet-Apotheke eingekauft - zehnmal mehr als im Jahr 2000.

Immerhin verdreifacht hat sich in diesem Zeitraum der Umsatz des gesamten Internet-Versandhandels in Deutschland: auf 3,6 Milliarden Euro. Im Krisenjahr 2002/2003 legte das Geschäft um 34 Prozent zu, während das klassische Versandhandelsgeschäft gerade mal ein Prozent plus schaffte, die Umsätze von Online-Reisediensten und Fluggesellschaften noch nicht mitgerechnet. Es sind traditionelle Versandhändler, die von der leisen Revolution besonders profitieren. Otto.de zum Beispiel oder die Kaffeeröster und Gebrauchsartikel-Versender von Tchibo.de, die sich mittlerweile auf Platz zwei der größten deutschen Online-Versender vorgearbeitet haben.

V FRAGEN Verkauft wird, was die Kunden wollen - in einzelnen Sparten ist die marktorientierte Ökonomie der neuen Wirtschaft in Reinkultur zur Realität geworden, wie bei der Berliner Jamba AG. Dort sitzen die Brüder Marc, Alexander und Oliver Samwer, alte Bekannte aus den Hypezeiten. 1999 gründeten sie mit Alando.de die Blaupause für den deutschen Ableger der damals bereits in den USA erfolgreichen Auktionsplattform Ebay. Über Monate studierten die drei Brüder nichts anderes als das Geschäftsmodell ihres Vorbildes in den USA - und vor allem das Verhalten der Kunden. Und schnitten es so gut auf den deutschen Markt zu, dass Ebay den Laden der Youngster einfach übernahm.

Jamba, die neue Firma der drei Brüder, verkauft Klingeltöne, Spiele und Programme fürs Handy, bald sollen Videos dazukommen, die auf den neuen Multimedia-Schirmen der Mobiltelefone laufen. "Wir fragen unsere Kunden, Schüler und Jugendliche, dauernd, was sie wollen. Wir orientieren uns also an dem, was wir Fokusgruppe nennen - im Grunde bedeutet das nichts anderes, als zuhören, aufschreiben, machen und umsetzen", sagt Marc Samwer.

Genau mit dieser Methode gelang es Jamba auch, in einen scheinbar völlig fremden Geschäftsbereich vorzustoßen: Geräteversicherungen. Wer bei einem der Jamba-Gesellschafter, zu. denen die Mediamarkt-Saturn Holding, Debitel oder EP:Electronicpartner zählen, etwas kauft, kann die Ware preiswert versichern. Runtergefallen oder geklaut ist schnell etwas. Allerdings sind die meisten Geräteversicherungen zu teuer. Die Samwer-Brothers wissen das von Schülern, also von ihren Kunden.

Der Rest war Verhandlungssache, konkret mit der Axa-Versicherung. Ein durchschnittliches Notebook kostet im Monat 3,99 Euro an Versicherung. Ein Preis, der gerade zu vereinbaren ist mit dem Budget junger Leute. Jedes dritte Gerät, erzählt man sich in der Branche, das in einem der großen Elektronikläden verkauft wird, wird heute via Jamba versichert.

Give the people what they want. Will man wissen, was die Samwer-Brothers als Nächstes vorhaben, antwortet Marc Samwer: "Fragen Sie doch mal die Leute, was sie brauchen." VI SCHAM Marc Samwer hat, wie seine Brüder auch, gar keinen Grund, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Alando.de war eine bemerkenswerte Aktion, und Jamba kennt jedes Kind. Dennoch gibt es da einen Schatten. Denn die Gebrüder Samwer sind einer der Störfälle des Systems - die, die es trotzdem geschafft haben. Die eben nicht zum falschen Zeitpunkt von Banken und Investoren abhängig waren, sondern ihr Ding selbst machen konnten. Im Grunde dürfte es die Samwer-Jungs in einem Land, dass sich mit schlafwandlerischer Sicherheit stets gegen den Wandel, den Fortschritt und gegen jede Einsicht entscheidet, gar nicht geben. Marc Samwer: " Ich vermeide das Wort New Economy. Ich sage nicht, dass wir ein New-Economy-Unternehmen sind - nicht etwa, weil es falsch wäre. Doch in Deutschland schadet das der Reputation. Und ich müsste jedem erklären, was ich damit meine. Das ist mir zu dumm." Was nicht sein kann, darf nicht sein.

New Economy, neue Wirtschaft, das sind Begriffe, die hier zu Lande keinen guten Klang haben. Sie liegen gleichauf mit ansteckenden Krankheiten, in einer Reihe mit Wörtern wie BSE, Hühnergrippe oder Reform. Doch Wanderlegenden wie diese bleiben nicht folgenfrei. Während Staaten wie die USA, Dänemark oder Finnland mit den neuen Technologien als Wachstumstreiber entspannt umgehen, bleibt Deutschland seinem Motto treu: einmal Verlierer, immer Verlierer.

Längst haben das auch unverdächtige Zeugen bemerkt - etwa das Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik ISST. Dessen Leiter, Herbert Weber, warnte im Februar davor, "die Informations- und Kommunikationstechnologien in Deutschland nach wie vor sträflich zu unterschätzen. Sie spielen die Schlüsselrolle für die Leistungsfähigkeit jeder Industrienation. Deutschland läuft Gefahr, seine Chancen im wieder wachsenden Markt zu verspielen." Nach einer Studie des ISST hängen mehr als die Hälfte der traditionellen Industrieproduktion und rund 80 Prozent der Exporte von den so genannten IuK-Technologien ab.

Eine Dreiviertelmillion Arbeitsplätze hängen an dem Ding, das vermeintlich geplatzt ist. Und 131 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Jahr. Die IuK-Branche wächst 2004 um 3,1 Prozent. Was noch? Was ist eine Lüge, und wie klingt es, wenn sie platzt?

VII REAKTION Dass nicht sein kann, was nicht sein darf, wundert Bernd Kolb, Geschäftsführer der 1988 gegründeten ID-Media AG in Berlin, kein bisschen. " Die Banken und Investoren haben das Sagen, sie haben 1999 nicht kapiert, worum es ging, und heute erst recht nicht." Das ist ein Grund. Es geht aber auch um schlichte Rechthaberei, weiß Bernd Kolb, und um das Festhalten an alten Machtpositionen.

"Es gab zwei Gattungen von Managern: gläubige und ungläubige. Aber weder die einen noch die anderen wussten, warum sie auf die neuen Technologien, auf das Internet, reagierten. Von Wissen war kaum jemand getrieben. Die ungläubigen Manager sind natürlich das eigentliche Problem: Die hatten ein paar Monate die Eselsmütze auf, weil sie das Web schlichtweg ablehnten, galten als Reaktionäre und waren out. Nachdem die Aktienkurse abstürzten, kamen sie ganz allmählich wieder aus ihren Verstecken heraus. Ich hab's doch gleich gesagt! Das ist Management by Nichtstun, Management by Weglassen." Das gilt nicht nur fürs Management. Die erste Regierung Schröder war 1998 mit einem dezidiert internetfreundlichen Programm gegen die CDU Helmut Kohls angetreten, der die Datenautobahn damals wohl immer noch nur für einen robusten Zweispurer mit Pannenstreifen und seitlicher Begrünung gehalten hatte. Doch es dauerte nicht lange, da hatten Schröders Genossen vom Fundamentalistenflügel begriffen, was da auf sie zurollte. Denn mündige Kunden, die die neue Ökonomie hervorbringt, bedeutete für sie in jeder Hinsicht nur Schlechtes: Statt Arbeitnehmern (und Gewerkschaftsmitgliedern) Selbstständige, die sich wohl kaum weiter vom Umverteilungsstaat gängeln lassen würden. Und Unternehmer, Banker, Börsianer - das ganze lichtscheue Gesindel, das sich rund ums Web herumtrieb - war noch nie die Stammkundschaft der roten Basis gewesen.

Linke Kulturpessimisten verzapften ahnungslos Greuelmärchen, allen voran der ehemalige Staatsminister für Kultur und spätere "Zeit"-Chefredakteur Michael Naumann. Düster malte er Mitte 1999 das Bild von einer "sozialen und kulturellen Katastrophe", die sich durch das Internet anbahne. "Soziales Engagement und Toleranz drohen im Internet zu versinken", überdies hatte Naumann irgendwo gelesen, Untersuchungen in den USA hätten ergeben, dass Menschen, die "täglich länger als zwei Stunden im virtuellen Chatroom aktiv sind, einen Hang zur Depression entwickeln". Nachdrücklich warnte die Spitzenkraft davor, die Web-Anwendung "über Gebühr zu fördern".

SPD-Mann Walter Zuber, Innenminister in Mainz, war auch noch Anfang 2001 fest davon überzeugt, dass dem gefährlichen Treiben im Internet schnurstracks ein Riegel vorgeschoben werden müsse, denn es wäre in Wahrheit nichts weiter als der "Tummelplatz übelster Krimineller".

"Ideologische Überspannung" machte Jörg Tauss, Schröders Mann für Neue Medien, in den Unternehmen der Neuen Wirtschaft im April 2000 aus - er jedenfalls weigere sich, "bei all dem neoliberalen Zeugs" mitzumachen. Kurz danach setzten sich die Fundis gegen den Anführer der "Modernisierer-Fraktion", den Wirtschaftsstaatssekretär Sigmar Mosdorf, durch. Der Politiker galt in seiner Partei als liberaler Störfaktor - weil er in Richtung DGB und Fundi-Flügel die Aufforderung richtete, sich erst mal mit der neuen Technologie auseinander zu setzen, bevor man sie als "Treibmittel des Turbokapitalismus" brandmarkte, wie dies Ursula Engelen-Kefer tat. Mosdorf musste gehen.

Doch irgendjemand muss den verzagten Regierern in Berlin in den vergangenen Monaten erzählt haben, dass die Sache mit dem teuflischen, neoliberalen, nicht zu zügelnden Web nicht so schlecht stehe. Und wo die Erträge stimmen, Wachstum stattfindet, da ist zu holen, womit man einen Staat machen kann: Steuern. Das ist die Grundlage dessen, was die Berliner Regierung unter dem Begriff Innovationsoffensive verhökern will.

Das Strategiepapier der Innovationsoffensive ist über weite Teile - bis hin zu wortwörtlichen Passagen - ein Remix der in den Jahren 1998 bis 2000 verfassten politischen Absichtserklärungen der Regierung, die freilich nie umgesetzt wurden. Neu ist der Abschnitt über Elite-Universitäten, der für viel Aufsehen sorgte. Weniger bekannt ist das Ziel der Innovationsoffensive: Bis 2010 sollen statt heute 2,5 Prozent ganze drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung fließen.

Der Staat will umschichten: Anfang Januar dieses Jahres, als in Weimar die Innovationsoffensive auf der Klausurtagung der SPD ausgerufen wurde, setzte man noch auf vertraute Institutionen. So sollte die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg im Frontabschnitt Web eine wichtige Rolle spielen. Der Bock als Gärtner: Die Schlüsselrolle wäre der Behörde zugefallen, bei der Missmanagement, Mauschelei und Vetternwirtschaft die teuerste und ineffizienteste Website aller Zeiten - den Virtuellen Arbeitsmarkt - anwachsen ließen.

Seit sich in Nürnberg der Staatsanwalt mit Innovationslösungen nach Art des Hauses beschäftigt, fehlt der Regierung das Amt zum Projekt. Halb so schlimm. Denn nicht eines der Vorhaben braucht die Politik, geschweige denn die Bundesregierung, zur Umsetzung der Innovationsoffensive. Im Gegenteil.

Der Chefdenker des ambitionierten Vorhabens, Alfred Tacke, SPD-Staatssekretär im Wirtschaffsministerium, präsentierte schon im Dezember des Vorjahres den " Aktionsplan Informationsgesellschaft 2006". Dabei kamen "vor allem die Liebhaber planwirtschaftlicher Zahlenspiele auf ihre Kosten", so das Branchenmagazin "Heise.de". Zu Tackes Angriffsstrategie gehört es zum Beispiel, "mehr Jugendliche ans Netz zu bringen". Wie, ist noch nicht ganz klar. Außerdem soll das Web insgesamt " schneller" werden. Auch Sicherheitsaspekte sind wichtig. Und nicht das Urheberrecht vergessen. Derlei Binsenweisheiten füllen Seite für Seite und finden sich auch in den Fragmenten, die mit großem Getöse als Offensive verkauft werden.

Immerhin: Tacke hat die Physik auf seiner Seite: Denn wo die Blase längst ein Loch hat, da kann nichts mehr knallen, egal, wie viel heiße Luft man auch reinbläst. Geld, so der Staatssekretär im Dezember leicht säuerlich auf Journalistenfragen, habe man keins, denn "nicht die Mittel sind entscheidend, sondern die Benchmarks, die wir setzen".

Die "Benchmarks" haben es allerdings in sich. Um die mickrigen F&E-Anteile in sechs Jahren um einen halben Prozentpunkt nach oben zu bekommen, sollen Unternehmen zwei Drittel der dafür vorgesehenen Kosten tragen - so steht es im Konzept der Bundesregierung zur Innovationsoffensive.

Mangels Alternativen keimt im Wirtschaftsministerium der gute alte Plan einer Innovationsabgabe wieder auf. Die könnte, analog zur berüchtigten Ausbildungsabgabe, schon von Herbst 2004 an für das nötige Kleingeld sorgen. Die Innovationsabgabe ist der historische Abkömmling der Maschinensteuer. Wo Maschinen - oder nun eben Computer und Netzwerke - zu ihrem eigentlichen Zweck, der Automation und Effizienzsteigerung, eingesetzt werden, muss gezahlt werden.

VIII RESPEKT, KEINE ANGST Bernd. Kolb hält von der Innovationsoffensive wenig. Nicht etwa aus Ignoranz, sondern weil er gelernt hat, was von der Politik, besonders bei Innovationen zu halten ist: "Mir geht es wie den meisten Web-Unternehmern. Wir wissen von nichts, in Sachen Innovation sind wir offensichtlich kein Ansprechpartner. Und ehrlich gesagt: Mir ist es auch egal. Für uns ist es nicht mehr so wichtig, was Gerhard Schröder oder ein anderer Politiker sagt." Die Zeiten, in denen man den Entertainment-Politikern Glauben geschenkt hat, weil man selbst in die Entertainment-Falle der Web-Hysterie geraten ist, sind vorbei.

Die Luft, sagt Kolb, ist draußen. Die Innovationsoffensive, sagt er, "das sind wir selbst - und die, die in der Zeit der großen Blase gelernt haben, worauf es ankommt: sich nicht dem Schicksal ergeben, auch wenn alle dich darum bitten. Durchhalten und nicht herumquatschen." Deshalb ist es auch relativ unwahrscheinlich, dass das Neue dem Alten wieder auf den Leim geht, so wie damals, zwischen 1998 und 2001. "Wir haben was gelernt. Wir haben Respekt. Aber wir haben keine Angst mehr." Geht doch.