Das schwarze Wunder

In Südafrika hat das Paradies eine Adresse. „22 Killarney Road“ steht in dezenter Leuchtschrift an einer drei Meter hohen Mauer, die ein riesiges Anwesen umgibt: „The Paradise“. Die Killarney Road kommt auch in der südafrikanischen Monopoly-Version vor. Sie ist die letzte Straße vor „Los“.




• Das Tor zum Paradies ist aus feinstem Edelstahl. Ein flügelloser Wärter, der auch sonst keine Ähnlichkeit mit dem Erzengel Gabriel aufweist, gewährt uns Einlass. Der Vorhof zum himmlischen Refugium wird von einer Garage mit einem halben Dutzend Limousinen flankiert, am gläsernen Hauptportal prangt ein goldener Löwenkopf.

„Der Name ,Paradies' stammt von mir“, sagt Robert Gumede, als er uns im Entree über einem am Boden ausgestreckten Gepardenfell empfängt. „Das hier ist das Paradies des neuen Südafrika.“ Im Innenhof der vier Millionen Euro teuren Villa speien Bronze-Delfine Wasserfontänen in den Swimmingpool, ein Gärtner gießt die Rosen. Der Koch hat bereits das Frühstück zubereitet: „Full english“, mit Rührei, Speck und Würstchen.

Robert Gumede spricht ruhig, lächelt oft und reißt gern Witze – ein jovialer 40-Jähriger, der mit sich selbst zufrieden ist. Der steinreiche Geschäftsmann bewegt sich in den Zimmerfluchten seines neuen Heimes, als ob es für ihn nie etwas anderes gegeben hätte. Dabei kennt er ganz andere Verhältnisse. Er wuchs im Kreis einer vier Erwachsene und elf Kinder zählenden Großfamilie auf, die im Schwarzengetto des Provinzstädtchens Nelspruit in ein Zweizimmerhäuschen gezwängt war. Um sich und seinen Geschwistern eine Schulausbildung zu ermöglichen, ging der Schüler Robert in seiner Freizeit arbeiten, als Caddy im Golfclub oder als Gärtner bei weißen Familien. Als er bei der Familie Ritchi Unkraut jätete, habe er regelmäßig auch dem kleinen Martin die Windeln gewechselt, erinnert er sich: Heute arbeitet Martin Ritchi als Computerexperte in Robert Gumedes Firma.

Regenbogenstaat Südafrika. Weltwunder einer friedlichen Umwälzung, die das Unterste nach oben kehrte und Ausgestoßene zu Entscheidungsträgem machte. Vor gut zehn Jahren hätte Robert Gumede im „weißen“ Teil Johannesburgs nicht einmal zur Miete wohnen dürfen, heute besitzt er eine der opulentesten Villen in der reichsten Stadt des Kontinents. Galt nach dem südafrikanischen Gezeitenwechsel 1994 zunächst noch der Grundsatz, die schwarze Bevölkerungsmehrheit habe zwar die politische Macht errungen, die eigentliche, nämlich wirtschaftliche Macht bleibe jedoch in weißen Händen, so scheint heute auch dieses Diktum überholt. Während auf der Hitliste der 20 einflussreichsten Geschäftsleute des Wirtschaftsmagazins »Financial Times« vor zehn Jahren noch kein einziges dunkles Gesicht zu sehen war, so ist inzwischen fast jeder zweite der 20 mächtigsten Wirtschaftskapitäne des Landes schwarz. „Wir haben, eine enorme Strecke zurückgelegt“, sagt Gumede.

Auf der Terrasse des Johannesburger Country Clubs, Pflichtadresse jedes ernst zu nehmenden Geschäftsmanns, sind fast ebenso viele schwarze wie weiße Gesichter auszumachen. Während die Slums rund um die Metropole noch immer ausschließlich schwarze Territorien sind, ist Johannesburgs Hautevolee bunter gemischt als jede andere Gesellschaftsschicht: Die Buppies (Black Urban Professionals) suchen sich Häuser in denselben Villenvierteln wie die weißen Yuppies, treffen sich zur Cocktail-Zeit in den Lounges der Fünfsternehotels und fahren die äußerst populäre Automarke BMW – in Südafrika „Black Man's Wish“ genannt. ln keinem anderen Land der Welt hat BMW einen höheren Marktanteil – Anfang 2004 waren es mehr als elf Prozent.

Südafrikanische Erfolgsstory: von der Politik in die Wirtschaft

Auch die Golfclubs, einst Bastion der weißen Elite, sind vor den dunkelhäutigen Neureichen nicht mehr sicher. Durfte Robert Gumede früher höchstens die Schläger seiner weißen Master tragen, so ist er heute mit Handicap 8 einer der besten Spieler seines Clubs in Nelspruit. Selbst Präsident Thabo Mbeki versucht sich im Kreis seiner Kabinettskollegen – von denen einige der kommunistischen Partei angehören – in der Elite-Sportart. Und nach dem prestigeträchtigen „Presidents Cup“ auf dem Nobelgolfkurs Fancourt klagte ein weißer Altgolfer jüngst darüber, dass die neuen dunkelhäutigen Clubmitglieder altehrwürdige Traditionen über den Haufen geworfen und das Turnier zum Mittagessen unterbrochen hätten. Schande!

Alten Pressehasen ist Saki Macozoma noch als Sprecher sowohl des Südafrikanischen Kirchenrates wie des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) bekannt, der dem Befreiungskampf aus schäbigen Büros in der Johannesburger Innenstadt eine Stimme gab. Heute hält der 46-Jährige Audienz in einem weiträumigen Direktorenbüro der Standard Bank Group, einem der vier führenden Geldinstitute Südafrikas. Anfangs hätten die weißen Co-Direktoren in seiner Anwesenheit noch langsam und in einfachen Sätzen gesprochen, wenn es etwa um Bilanzen ging, erzählt der in Boston graduierte Ökonom.

Das sei passé, fährt Bankdirektor Macozoma lächelnd fort. Doch noch immer gingen die Augenbraunen hoch, wann immer ein Schwarzer einen Chefsessel erobere – stets werde dahinter politische Patronage gewittert. Ein nicht unbegründeter Verdacht: Immerhin 30 Repräsentanten des regierenden ANC – „Comrades“, wie sie sich noch immer nennen – haben allein in der ersten Legislaturperiode des Regenbogen-Parlaments ihr Mandat zu Gunsten lukrativerer Herausforderungen aufgegeben. Außer Saki Macozoma gehören auch die ANC-Schwergewichte Tokyo Sexwale und Cyril Ramaphosa der neuen Business-Elite an.

Ramaphosa ist Robert Gumedes direkter Nachbar und seine Villa nicht weniger bombastisch. Der ehemalige Minen-Gewerkschaftsführer und ANC-Generalsekretär kehrte der Politik den Rücken, als aus seinen Präsidentschaftsambitionen nichts werden wollte. Sein wirtschaftlicher Aufstieg gelang problemloser: Ramaphosa lieh sich – wie manch anderer Kampfgenosse – bei Banken Kapital, das den Top-Comrades ob ihres neuen gesellschaftlichen Status bereitwillig bewilligt wurde. Davon kauften sie in der Regel Anteile an Firmen, die die alteingesessenen Konzerne ohnehin abstoßen wollten, um sich für die Globalisierung zu rüsten. Im geschlossenen Markt zu Apartheidszeiten war den Bergbau-Konzernen gar nichts anderes übrig geblieben, als ihren gesammelten Reichtum in den Kauf immer disparaterer Firmenkonglomerate zu investieren. Der Verkauf peripherer Konzernteile ließ sich als solidarische Starthilfe für schwarze Entrepreneure deklarieren: eine Win-Win-Situation.

Trotzdem ging der Kickstart für die schwarzen Unternehmer selten gut. Comrades, die noch kurz vor ihrer Regierungsübernahme die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien gefordert hatten, verstanden zu wenig vom Geschäft, zudem vernichteten Asienkrise und Börsencrash große Teile ihres Aktienvermögens. Während sich Cyril Ramaphosa gerade noch ins Direktorium der aus dem Anglo-American-Konzern ausgelagerten Johnnic Holdings retten konnte, ging mancher gewendete Kämpfer schon in der ersten Dekade des neuen Südafrikas wieder unter. „Das war die erste Welle der wirtschaftlichen Ermächtigung von Schwarzen“, sagt Saki Macozoma. „Und sie ging ziemlich schief.“ Robert Gumede will mit seinen gescheiterten Ex-Genossen nicht in einen Topf geworfen werden. „Die hatten Aktien, ich habe Geld“, sagt der Firmenboss in seinem Büro mit Blick auf den Golfplatz des Johannesburger Country Clubs, während seine Sekretärin Kaffee nachschenkt. Gumede hat ihnen außer Echtgeld noch etwas anderes voraus: Erfahrung. Als viele der Befreiungskämpfer noch in der Sowjetunion den Guerillakampf trainierten, führte Robert neben seinem Jurastudium bereits einen Secondhand-Kleiderladen und lernte später beim Bauriesen LTA das Innenleben eines transnationalen Konzernes kennen.

Die Regierung hilft, wo sie kann

Nur kurz spielte auch Gumede mit dem Gedanken, in die Politik zu gehen. Als Vertreter des so genannten Homelands KaNgwane saß der Jurist Anfang der neunziger Jahre im Vielparteienforum Codesa, wo die Übergangsverfassung ausgearbeitet wurde, und lernte dort alle Leute kennen, die später im transformierten Staat etwas zu sagen hatten – sehr wertvolle Kontakte.

Ohne seinen guten Draht zum ANC wäre Robert Gumede kaum dort, wo er heute ist. Nachdem er erkannt hatte, dass die künftigen Schlachten auf dem Feld der Wirtschaft geschlagen würden, wandte er sich ganz dem Geschäftsleben zu und gründete 1996 Gijima Info Technologies Africa. Für den kometenhaften Aufstieg seiner Holding gibt es eine einfache Erklärung: Regierungsaufträge. Gumedes Sicherheitsfirma bekam den Auftrag, staatliche Krankenhäuser zu bewachen, seine Druckerei durfte Unterrichtshefte für die Staatsschulen drucken, Gijima Technologies vernetzt heute die Computer von Ministerien.

„Daran ist nichts Ehrenrühriges“, sagt der Johannesburger Wirtschaftswissenschaftler Colin Reddy. „Ein Unternehmer lebt nun mal von Chancen. Und alles, was die Regierung tun kann, um aufstrebenden schwarzen Unternehmern eine Chance zu geben, ist, ihnen öffentliche Aufträge zukommen zu lassen.“ Tatsächlich aber bietet das Regierungsprogramm zur wirtschaftlichen Ermächtigung von Schwarzen („Black Economic Empowerment“) noch mehr. Die ANC-Regierung räumt schwarzen Investoren bei der Privatisierung von Staatsunternehmen ein Vorkaufsrecht ein. Sie verlangt von Firmen, bei Neueinstellungen dunkelhäutige Bewerber vorzuziehen. Und verpflichtet auch Konzerne, die Lizenzen für den Abbau von Bodenschätzen haben wollen, schwarze Mitarbeiter zu fördern.

Die staatlichen Eingriffe zeigen durchaus Wirkung: Der Anteil schwarzer Manager in den 100 größten Firmen Südafrikas ist in den ersten zehn Jahren nach dem Ende der Apartheid von 1,2 auf 13 Prozent gestiegen, der Anteil schwarzer Vorstandsvorsitzender von kümmerlichen 0,2 auf immerhin 5,2 Prozent. Knapp zehn Prozent der an der Johannesburg er Börse geführten Unternehmen werden inzwischen von schwarzen Geschäftsleuten kontrolliert, vor fünf Jahren waren es noch keine vier Prozent. „Wir sind noch längst nicht am Ziel“, sagt Saki Macozoma, „aber immerhin sind ein paar Weichen gestellt.“ Nicht immer allerdings geht es bei der Ermächtigung der einst Entrechteten mit rechten Dingen zu. Südafrikas Zeitungen berichten fast täglich über Durchstecherei und Vetternwirtschaft. Auch Robert Gumede fand sich jüngst unfreiwillig in den Schlagzeilen des Wirtschaftsmagazins »Financial Mail« wieder, das ihm vorwarf, beim Akquirieren öffentlicher Aufträge nicht nur saubere Mittel anzuwenden. „Das war die schlimmste Zeit in meinem Geschäftsleben“, klagt Gumede „Ich habe gemerkt, wie schwer es ist, die Wahrheit zu verteidigen.“ Dabei steht noch gar nicht fest, wo sich die Wahrheit versteckt hält: Es heißt, die „Skorpione“, das südafrikanische Äquivalent zum Bundeskriminalamt, ermitteln noch.

Dass es am Kap der Guten Hoffnung überhaupt zu Korruptionsskandalen kommt, ist ein gutes Zeichen: ein Indiz dafür, dass die Kontrollorgane funktionieren. Peinlicher für die Regierung ist die weit verbreitete Kritik, ihre Politik habe zahlreiche „fat cats“ – schwarze Bonzen – und eine beachtliche dunkelhäutige Mittelschicht hervorgebracht, zur Überwindung der Armut aber nichts beigetragen. Tatsächlich ist die Arbeitslosenquote mit mehr als 40 Prozent heute höher als 1994. Der Graben zwischen Arm und Reich wird gegenwärtig noch tiefer – nur dass inzwischen auch einige Schwarze zur Hautevolee gehören. „Irish Coffee Society“ nennen linke Kritiker den Regenbogenstaat sarkastisch: unten der große schwarze Bodensatz, oben die weiße Creme mit ein paar Schokoladenstreuseln.

Für Robert Gumede ist das nur ein Zwischenstadium. Sein wirtschaftlicher Erfolg und der anderer Aufsteiger werde irgendwann allen zugute kommen: Schon heute stecke er Monat für Monat umgerechnet 60.000 Euro in den „Dangerous Darkies“ genannten Fußballclub, den er jüngst gekauft hat – angeblich nur, um der vernachlässigten Provinzbevölkerung in seiner Heimatstadt etwas Abwechslung zu bieten. „Wir sind richtige Kapitalisten, aber wir sind auch sozial verantwortlich“, sagt der Gijima-Boss: „Glücklich bin ich erst, wenn meine Firma tausende von Menschen beschäftigen und damit deren Familien versorgen kann.“

Können Black-Empowerment-Firmen auch ohne Krücken laufen?

Samstagmorgen, halb neun. Die Strategiesitzung von Gijima Technologies hat fünf Minuten früher als geplant begonnen, ziemlich ungewöhnlich auf einem Kontinent, dem nachgesagt wird, keine Uhren, dafür aber alle Zeit der Welt zu haben. Vier Weiße und fünf Schwarze, allesamt Direktorinnen und Direktoren verschiedener Zweige der Gijima-Gruppe, sitzen auf schwarz-weiß karierten Stühlen um einen Tisch, auf dem schwarz-weiß gestreifte Kaffeetassen stehen: Derartig ausbalancierte Veranstaltungen sind auch im neuen Südafrika noch selten.

Die Gijima-Bosse, unter ihnen auch ein ehemaliger Gefängniswärter burischer Abstammung, haben ein Problem, von dem andere nur träumen können. Weil die Unternehmensgruppe, die nicht nur IT-Dienstleistungen anbietet, sondern auch Chipcards für Handys und Smartcards für Banken produziert, so schnell gewachsen ist, müsse man sich darauf einstellen, bald ohne Regierungsaufträge auszukommen, warnt ein geladener Strategie-Berater. Als mittelständisches Unternehmen mit 600 Beschäftigten könne Gijima nicht viel länger mit einer Vorzugsbehandlung durch die Regierung rechnen. „Die entscheidende Frage lautet jetzt“, sagt der Berater, „ob Black-Empowerment-Firmen wie Gijima auch ohne Krücken laufen können.“ Doch wozu braucht ein Robert Gumede Krücken, wenn er doch längst Flügel hat? Der Firmenchef hat die Grenzen des transformierten Staats weit hinter sich gelassen. Gijima, was übersetzt so viel heißt wie „Auf geht's!“, ist heute schon in Nigeria aktiv und soll bald auf dem gesamten Kontinent vertreten sein. Ferner schwebt dem Gründer vor, den bettelarmen Küstenstaat Benin, zu dessen Regierung er beste Kontakte unterhält, in „Afrikas Singapur“ zu verwandeln. „Ich habe immer schon gewusst, dass ich es besser als die anderen kann“, sagt der Paradiesbesitzer, „wenn ich nur eine Chance bekomme." ---