Das Magazin zum Neuanfang

Zehn Jahre lang war das Magazin »Red Herring« die Bibel für alle, die sich zur New-Economy-Avantgarde zählten. Dann kam die Dotcom-Pleite und mit ihm das Ende des weitsichtigen IT-Journalismus. Nun will ein französischer Unternehmer das Magazin wiederbeleben. Rechtzeitig zur zweiten Welle des Hightech-Unternehmen.




Für Alex Serge Vieux hat die große Krise im Silicon Valley wenig verändert. Auch deshalb ist der französische Unternehmer, der 1990 die alljährliche IT-Konferenz Etre aus der Taufe hob und bis heute zwischen Kalifornien und dem Rest der Welt hin- und herjettet, dem Epizentrum hochfliegender Technikträume treu geblieben. Nach wie vor hält er Hof im Nobelitaliener "Il Fornaio" in Palo Alto, an dessen Tischen zu Boom-Zeiten Risiko-Kapitalisten und junge Betriebswirtschaftler Millionen-Deals einfädelten. Nach wie vor ist er ein gefragter Gesprächspartner: Im Februar leitete er auf einer Sicherheitskonferenz in San Francisco eine Podiumsdiskussion zum Thema Technik-Börsengänge. Und nach wie vor arbeitet er an eigenen Projekten: Im Mai wird er auf einer Konferenz in Monterey 100 Unternehmen vorstellen, die die " Zukunft der Technologie-Welt prägen werden" - und bei denen ein Börsengang zu erwarten ist. Vieux gehört zu denen, die nach wie vor an die Verbindung von Technik und Unternehmertum glauben.

Vergangenes Jahr kaufte Vieux die Rechte an "Red Herring", dem Magazin, das von 1993 bis zu seiner Einstellung im Februar 2003 ein Seismograf des Silicon Valley war. Andere Magazine wie der "Industry Standard" mochten während des Internet-Booms höhere Auflagen haben, die Rekordsumme von 200 Millionen Dollar in einem Jahr einnehmen oder dank extravaganter Cocktailpartys mehr Beachtung finden. Doch "Red Herring" -benannt nach jener roten Warnung auf Emissionsprospekten, die folgenden Informationen stimmten nur unter Vorbehalt - war laut "Wall Street Journal" "die Bibel des Tales" für Risiko-Kapitalisten zwischen San Francisco und San Diego.

Zur Spitzenzeit Mitte 2000 brachte das Magazin mit 630 Seiten ein gutes Kilo auf die Waage und erschien sogar alle 14 Tage. Das war, bevor die Pleite-Welle das Technik-Tal überrollte und seit Ende 2000 mehr als 350 000 Arbeitsplätze vernichtete. Der Gnadentod des Magazins folgte im März 2003, lange nachdem der Überflieger "Industry Standard" die Segel gestrichen hatte. Für Vieux allerdings war die Rezession kein Grund zum Verzagen. Als Investor und Managementberater des alten "Red Herring" kannte er seine Stärken und Schwächen, so kaufte er den Titel im April, um ihn bis September zu beleben. Ganz im Zeichen der neuen Nüchternheit: online. Zunächst gratis. Und: keine Bilder, keine Autorenzeilen, keine Star-CEOs als Zugpferde. Stattdessen anonyme Firmenberichterstattung, Branchenporträts und Hintergrundgeschichten über die Technik-Mekkas in aller Welt.

"Als ich mich für die Marke interessierte, gab es genügend Gründe, "Red Herring" nicht wieder auferstehen zu lassen. Der Wichtigste: Die Technikindustrie steckte in der Flaute", erzählt Alex Serge Vieux, wie immer in Eile, zwischen zwei Asienreisen. Der 47-jährige Unternehmer, Absolvent der Pariser Elite-Universität Institute d'Etudes Politiques sowie Stanford MBA, trägt stets Anzug und Krawatte und hält den Schädel militärisch kurz rasiert. " Technikmagazine standen größten Schwierigkeiten gegenüber." Anzeigenkunden und Abonnenten hatten sich die Finger verbrannt. "Aber", setzt er nach, "wo Wolken sind, verbirgt sich Sonnenschein. Wir machten eine Menge positiver Vorzeichen aus." "Wir" sind neben Vieux der ehemalige Yahoo-Chef Tim Koogle sowie einige namhafte Finanziers aus dem Silicon Valley. Sie gaben im April 2003 "mehrere Millionen Dollar" aus, wie Vieux es vage formuliert, um den Titel neu zu beleben, bevor die Industrie zu neuem Leben erwacht. "Die Fundamentalwerte der Branche sind solide, die IT-Industrie macht im Jahr weltweit rund 500 Milliarden Dollar Umsatz. Wir beobachten gerade, wie die Finanzierungen anziehen und Unternehmen gute Ergebnisse vermelden", sagt Vieux.

Die Fakten scheinen ihm Recht zu geben. Der Kapitalzufluss im Silicon Valley stieg vom dritten zum vierten Quartal 2003 um 22 Prozent auf 1,66 Milliarden Dollar, und der längst vergessene Herdentrieb ist wieder auch da: Neugründungen wie die Internet-Kontaktbörse "Friendster" kassierten so viele Millionen und Schlagzeilen, dass die örtliche Tageszeitung "San Jose Mercury News" nervös fragte: "Bekommen wir im Valley zu viel Geld?" Für "Red Herring" gehört diese Skepsis zum neuen Grundton. Das Logo ist geblieben, doch Vieux leitet die Publikation wie ein Ostküsten-Manager, dem T-Shirts ein Greuel sind. Für die männlichen Journalisten gilt Jackett- und Krawattenzwang. Die aus einem knappen Dutzend Mitarbeiter bestehende Belegschaft arbeitet in einer Sechs-Tage-Woche an Schreibtischen, die in einem angejahrten Flachbau im Niemandsland von Mountain View stehen. Das graue Gebäude an einer Ausfallstraße zwischen Parkbuchten, öden Shopping Malls und Autowerkstätten ist Welten entfernt von den schicken Bürofluchten des "Red Herring" und "Industry Standard" im San Francisco der Boom-Jahre.

Wenn er im Land ist, sitzt Vieux im selben Großraumbüro wie seine Angestellten, die sich Gebäude und Ressourcen mit seinem Konferenzunternehmen Dasar (benannt nach seinen zwei Kindern David und Sarah) teilen. An die glorreiche Vergangenheit des alten "Red Herring" mit einer Auflage von 400 000 Exemplaren erinnern nur überdimensionale, auf Karton gezogene Titelbilder, die zwischen den auch tagsüber geschlossenen schwarzen Plastikjalousien aufgereiht sind. Hier arbeiten Jungreporter von Mitte bis Ende 20, deren Namen nicht einmal ein Impressum verrät, sowie einige wenige " Red Herring"-Veteranen.

Als Chefredakteur hat Vieux den Gründer des ebenfalls eingestellten New-Economy-Magazins "Business 2.0" verpflichtet. Jim Daly ist wie Vieux auf dem Kamm der Dotcom-Welle geritten, ohne in ihren Strudel gerissen zu werden. Der 43-jährige Journalist und Hobbypilot flog nach dem Verkauf seines Titels an Time Warner 2001 gemeinsam mit "Forbes"-Herausgeber Rich Karlgaard durch die USA, um Material für ein Jubel-Buch über die dezentrale zweite Generation der Hightech-Welle zu sammeln - "Life 2.0" wird im Juli bei Random House erscheinen. Für Daly sind die Recherchen in der Provinz Beleg dafür, dass die IT-Branche keineswegs erledigt ist.

"Der Siegeszug des schnellen Internetzugangs hat zum Aufkommen von Unternehmen in Randgebieten beigetragen. Oft findet man dort Geschäftsmodelle, die denen der Vorgänger aus dem Silicon Valley vor fünf Jahren zum Verwechseln ähnlich sehen", sagt Jim Daly, ein hoch gewachsener, hagerer Lockenkopf, der auch am frühen Nachmittag überzeugend den leicht übermüdeten, hartnäckigen US-Reporter gibt. "Mit einem entscheidenden Unterschied: Die Firmen damals bekamen Millionen und scheiterten." Es brodelt in der neuen Wirtschaft, eine zweite Welle von Technologie- und Internet-Unternehmen kommt auf uns zu Nach Dalys Recherche-Reise kam der Anruf von Vieux im Frühling 2003 zur richtigen Zeit. "Silicon Valley galt lange als Ein und Alles des Unternehmertums. Es ist nach wie vor ein sehr spezieller Ort, aber ein paar Jahre lang herrschte hier eine Las-Vegas-Mentalität. Viele Leute haben immer noch Erinnerungen an schnell gemachtes und ebenso schnell wieder ausgegebenes Geld, wenn sie New Economy hören", sagt Daly. "Dabei hat sich in wenigen Jahren wirklich vieles nachhaltig verändert - die Art und Weise, wie man Geschäfte betreibt, sich austauscht, global denkt und arbeitet. Nur wird darüber nicht allzu viel berichtet. Da bietet sich eine gute Gelegenheit für skeptischen Journalismus." Der Medienbeobachter Mark Glaser von der "Online Journalism Review" gibt Daly Recht. "Titel wie "Red Herring" haben eine klare Daseinsberechtigung. Es gibt bis jetzt kein einziges Magazin, das über Silicon Valley und Technologie gründlich und sinnstiftend berichtet." Titel wie "Wired", "Fast Company" oder das aus einer Fusion mit "eCompany Now" neu entstandene "Business 2.0" unter dem Dach von AOL Time Warner seien in erster Linie Management- oder Anwenderpublikationen, denen es um die Verwertbarkeit von Technik und Trends geht. Am anderen Ende des Spektrums liegen trockene Spezialtitel, die bestimmte Hard- oder Software erklären, aber vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen. Die Risikokapital-Szene und die verschiedenen Technologiesparten gründlich unter die Lupe zu nehmen sei aus der Mode gekommen, glaubt der Technikjournalist Daly. Selbst bei den auf neue Deals und Kapitalrunden konzentrierten Medien gebe es nicht viele Überlebende.

Dabei brodelt es in der neuen Wirtschaft weiterhin, sind Vieux und Daly überzeugt. Deshalb sei heute eine neue Art von Journalismus gefragt, um über eine neue Generation von Unternehmern zu berichten, die das Internet nicht als ein spannendes Phänomen betrachten, sondern als eine vertraute Grundlage für Innovationen und Neugründungen. Eine Technikplattform eben, mit der sie seit langem leben. "Unsere Zielgruppe sind die 25- bis 35-Jährigen. Das sind die Leute, die neue Ideen haben und umsetzen. Und das soll sich auch in unserem Team widerspiegeln", erklärt Vieux.

Der Trick besteht darin, Besessene der ersten Welle wie ihn selbst bei der Stange zu halten oder zu. überzeugen, dass nach all dem Hype wieder Fleisch am Technologie-Skelett hängt, dass sich in Sparten wie Biomedizin oder Telekom sogar Muskeln spannen. Zugleich ist es Vieux wichtig, den Fokus über das Silicon Valley hinaus zu erweitern. In der Vergangenheit betrieben Tech-Magazine der Region wie "Upside" eine atemlose Nabelschau, in der globale Schauplätze höchstens als exotische Abziehbilder des hausgemachten Booms auftauchten.

Vieux, der den permanenten Spagat zwischen Europa und den USA vorlebt, will den neuen "Red Herring" als globales Technologie-Magazin verstanden wissen. Noch in diesem Jahr sollen Korrespondenten Nachrichten aus London, München, Paris, China, Japan, Indien und Israel liefern. "Unser Motto lautet: Technologie, Geschäft, Finanzen und Innovationen überall. Mit den sechs oder sieben wichtigsten Länder decken wir 80 Prozent der relevanten Nachrichten ab." Dass die Autoren ungenannt bleiben, sei Prinzip: "Es geht um einen gebündelten Standpunkt. Wir präsentieren den Konsens und die Fakten - davon sollen keine Edelfedern ablenken." Junge, unbekannte Schreiber sind außerdem erheblich preiswerter, merken Kritiker an.

Die Online-Ausgabe ist nur der Kern des " Red-Herring"-Reichs, hinzu kommen Newsletter, Analysen und Abos Der neue Eigentümer, einst Unternehmensberater und Korrespondent von "Le Monde", schaut ständig auf die Kosten. Im zweiten Quartal 2004 soll "Red Herring" bereits aus der Verlustzone sein. Der Online-Titel ist dabei nur ein Farbton im Angebot seines Event-Unternehmens Dasar. Zur ersten "Red-Herring"-Konferenz, zwischen Ende September und Anfang Dezember hastig beworben, versammelten sich allerdings nur rund 180 statt der erwarteten 300 Technologie-Promis. "Es ging in erster Linie darum, die Nachricht auszusenden: "Red Herring" ist wieder da! Für viele Leute ist der Name ein Symbol für bessere Zeiten", sagt der Direktor für Business Development, Florian Brody. Der österreichische Journalist hatte sich selbst als Unternehmer im Silicon Valley versucht, bevor er 2003 bei Vieux anheuerte.

Das Online-Magazin wird bis voraussichtlich April komplett gratis zugänglich sein, danach plant Vieux eine monatliche Abo-Gebühr von fünf Dollar. Ohne Werbung verzeichnet die Website gegenwärtig mehr als 250 000 Besucher im Monat, von denen drei Viertel aus den USA stammen. Finanziert wird das Projekt von bislang zehn Sponsoren wie Computer Associates und British Telecom. Vier weitere seien in der Pipeline, berichtet " Red-Herring"-Vorstand Daniel Essindi. Eine weitere Einnahmequelle sind die " Innovation-Capitalization"-Newsletter, die für 399 Dollar im Jahr abonniert werden können, sowie Analysen zu spezifischen Branchen, die zwischen 495 und 1295 Dollar das Stück kosten. Der November-Report zur elektronischen Design-Automatisierung kostete 495 Dollar für 100 Seiten Analyse.

Bis Ende Februar 2004 erschienen fünf solcher Research Reports, "Ich halte nichts von Billig-Strategien", rechtfertigt Vieux die Preise für die ebenfalls nicht mit Namen gezeichneten Forschungsberichte. Laut Essindi hat "Red Herring" bislang knapp 300 Abonnements für seinen IC-Newsletter gewonnen und rund 500 seiner Reports verkauft - zu den Kunden zählen auch bekannte Unternehmen wie der führende Maus- und Keyboard-Hersteller Logitech oder deutsche Risiko-Kapitalfirmen wie Early Bird, BMP und 3i.

Der krönende Abschluss soll die Wiederbelebung des gedruckten Heftes sein. Damit müssen sich Vieux und Daly allerdings bis Ende September 2004 gedulden: So lange untersagt ein Vertrag mit Time Warner Print-Versionen des "Red Herring". Anfang 2003 hatte der Medienriese die Abonnentenliste des alten Magazins gekauft und dabei einen Konkurrenzausschluss verlangt. "Wir bauen unsere neue Abo-Liste langsam auf", versichert Vieux, während in Mountain View an Entwürfen für die Erstausgabe gefeilt wird. Ein Start mit mindestens 50000 Abonnenten ist angepeilt. Die dazu nötigen Werbeseiten einzutreiben ist aber eine Herausforderung, da der Anzeigenmarkt der Erholung im Technologie-Segment hinterherhinkt.

In zwei bis drei Jahren erhofft sich Vieux ein kleines Medienreich: eine Druckauflage von einer Viertelmillion, doppelt so viele Leser online, rund 5000 verkaufte Research Reports im Jahr sowie fünf verschiedene Newsletter. Medienbeobachter Barry Parr gibt dem neuen "Red Herring" gute Chancen: "Das Web ist wieder ein heißes Feld. Jeder wartet auf den Börsengang von Google, Firmen wie Yahoo, E-Bay und Amazon verdienen Geld. Außerdem gibt es nach wie vor Unternehmen aus den klassischen und den neuen Branchen, die Anzeigen schalten wollen. Und tausende von Menschen arbeiten in dieser Industrie. Das große Geld verdient man allerdings nur, wenn man. nicht nur online, sondern auch gedruckt erscheint." Als reine Online-Medien haben schon andere die Wiederauferstehung geschafft: Der ehemalige "Industry-Standard"-Mitarbeiter Matt McAlister hat die Website des 2001 eingestellten Magazins mit den kostenlos verfassten Tagebuch-Einträgen (Blogs) namhafter Technik-Autoren wieder belebt. Immerhin 50000 Besucher zählt TheStandard.com im Monat. Sie bekommen neben Tickermeldungen individuelle Einsichten und Analysen zu lesen. Und auch die Väter des "Red Herring" sind ihrem Metier treu geblieben: Mitbegründer Tony Perkins hat seine Technik-Website AlwaysOn als Drehscheibe für Technik-Klatsch und Promi-Analysen bereits in die schwarzen Zahlen geführt. Links: www.redherring.com www.thestandard.com www.alwayson-network.com