Das geht jetzt (Teil 2)

INDIVIDUALISIERUNG Alles geht. HipHop hören, CDU wählen, schwul sein und Volvo fahren. Oder gegen die Überbevölkerung kämpfen und trotzdem behaupten, es müssten mehr Kinder geboren werden. Es ist eine große Toleranz über das Land gekommen - anfangs nur, weil alles zu viel wurde. Sollen die Leute doch reden. Oder irgendwelche Fummel tragen. Doch ist die Abwechslung erst mal eine Gewohnheit, wächst auch die Toleranz. Es ist alles gar nicht so schlimm. Die Gegenbewegung hierzu kennt jeder: die Fundamentalisten.




ISDN Das Integrated Services Digital Network ermöglicht eine schnelle Datenübertragung und hat damit in Deutschland ganz wesentlich zur Verbreitung des Internet beigetragen. Die Datenautobahn ist ein echter Standortvorteil für die schwächelnde Volkswirtschaft. Mittlerweile gibt es noch schnellere Übertragungsmethoden wie TDSL, mit denen man große Datenpakete wie Videos oder Musikstücke in kurzer Zeit aus dem Netz laden kann.

KONSUMENTENDEMOKRATIE Die Reise nach Bali, mit dem Flugzeug von Hamburg nach München, zu Mittag ein Känguru-Steak oder zwei Wochen auf einer einsamen Insel - was früher totaler Luxus war, können sich heute viele Menschen leisten. Dafür sorgen die Globalisierung und das Internet, das Entfernungen überbrückt und Zwischenhändler ausschaltet. Wer sich unterscheiden will, braucht deshalb heute mehr als nur Geld - Witz und Kreativität machen den Unterschied.

LADENSCHLUSSZEITEN Um 18 Uhr war früher Schluss. Wer danach noch etwas brauchte, musste bei den Nachbarn klingeln. Inzwischen haben die Geschäfte von 6 bis 20 Uhr geöffnet, für Blumenläden, Bäckereien, Zeitungskioske, Tankstellen und Geschäfte in touristischen Gegenden gelten sogar noch flexiblere Öffnungszeiten. Seine Nachbarn lernt man nun allerdings nicht mehr kennen.

MIKROFASERN Die Chemie schlägt die Natur. Mikrofasern sind dünner als Seide und lassen sich zu sehr leichten, aber stabilen Materialien für Unterwäsche oder atmungsaktive Freizeitkleidung verarbeiten. Oder Staubtücher, von denen Hausfrauen früher träumten. Solche Hausfrauen gibt es heute allerdings kaum noch.

MOBILTELEFONE James Bond. Captain Kirk. Gott. Solche Leute hatten früher Telefone mit Tasten und ohne Schnur. Als tragbare Telefone schließlich tatsächlich aufkamen, waren sie so groß wie ein moderner Taschenstaubsauger, zehnmal so schwer und hundertmal so teuer. Dann vergingen zehn Jahre - oder zehn Minuten -, und plötzlich hatte jeder ein Handy. Es ist ein wirklich nützlicher Fortschritt: Polizei und Rettungskräfte wurden nie so schnell alarmiert wie heute. Tausend alltägliche Kleinigkeiten werden mit Freunden oder Feinden sofort geklärt. Selbst Wohnungslose sind inzwischen telefonisch erreichbar. Und in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ersetzen Handys das lückenharte Festnetz. Das kalifornische Forschungsinstitut Web-Feet Research schätzt, dass bis zum Jahr 2005 weltweit mehr als 1,8 Milliarden Mobiltelefone im Einsatz sein werden. Aber auch hier gilt: kein Trend ohne Gegenbewegung. Für manche Leute ist es heute cool, kein Handy zu haben.

MP3 Der Weltstandard für die Komprimierung akustischer Signale wurde in Deutschland entwickelt. Die Technik erlaubt es, Musik aus dem Internet herunterzuladen. Eine schöne Sache, die von der Musikindustrie vehement, aber erfolglos, bekämpft wird.

OBDACHLOSEN-ZEITUNGEN Die Idee stammt aus den USA und wurde in vielen europäischen Städten übernommen: Obdachlose verkaufen - zum Teil selbst produzierte - Zeitungen. Das bringt Geld, Öffentlichkeit und steigert das Selbstbewusstsein. Allein in Deutschland erscheinen mehr als ein Dutzend Blätter mit einer monatlichen Gesamtauflage von mehr als 700 000 Exemplaren.

PLASTIKGELD Erinnert sich noch jemand daran, wie man früher am Freitagnachmittag noch zur Bank musste, um sein Geld für das gesamte Wochenende zu holen? Und dann stand da diese endlose Schlange, sodass man erst um viertel nach vier aus der Filiale kam und einen die Angestellten böse ansahen? Das wird uns nie wieder passieren. Denn wir haben jetzt eine Kontokarte. Damit gehen wir Samstagmorgen zum Automaten ... und stehen wieder in einer Schlange, mit exakt denselben Leuten. Nur diesmal draußen.

QUALITÄT Vorreiter der Qualitätsoffensive in der Wirtschaft war die japanische Autoindustrie, die ihre amerikanische und europäische Konkurrenz in den achtziger Jahren in Angst und Schrecken versetzte. Heute haben sich Qualitätsstandards wie DIN ISO 9000 in Firmen aller Größen und Branchen durchgesetzt - und zu einer regelrechten Qualitätsbürokratie geführt. Aber der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten: Viele Produkte haben sich trotzdem erheblich verbessert.

SCHÖNHEITSOPERATIONEN Bei amerikanischen Teenagern stehen sie auf Platz eins der persönlichen Wunschliste, noch vor dem eigenen Auto. Eine neue Nase, ein größerer Busen, ein paar Falten weniger -, die kosmetische Chirurgie gehört zu den am schnellsten wachsenden Märkten der Medizin. In Deutschland ist jeder Vierte mit seinem Körper unzufrieden, am häufigsten mit dem Umfang. Da würden natürlich auch Sport und Diät helfen, aber es soll alles "convenient" sein. Gott erschuf den Menschen nach seinem Ebenbild, der Mensch erschafft sich nun nach den Bildern der Hochglanzmagazine.

SELBSTBEDIENUNG Das ist praktisch und bequem. Sagen die Händler und Dienstleister. Denn es spart ihnen Personal - der Kunde tut, was früher ihre Angestellten erledigten. Manchmal ist das praktisch, wenn man etwa am Flughafen selbst eincheckt und deshalb erst kurz vor dem Abflug da sein muss. Manchmal ist es egal, wenn man selbst tankt und sich dabei gleich mal die Beine vertreten kann. Aber oft nervt es, wenn man sich zum Beispiel bei Online-Buchungen durch endlose Fragekästen klicken muss. Deshalb geht der Trend aktuell in die entgegengesetzte Richtung: Wer es sich leisten kann, lässt sich ausgiebig beraten und bedienen.

WELLNESS Die Welt ist hektisch, also muss auch Erholung schnell sein. Ein Wellness-Wochenende, ein Wellness-Tag oder gar ein Nachmittag sollen für einen ausgeglichenen Körper- und Seelenzustand sorgen. Davon leben unzählige Hersteller von Lebensmitteln, Kosmetika und Kleidung, Hoteliers, Architekten (Feng Shui), Reiseanbieter, Trainer und Dienstleister. Und zwar nicht schlecht: Wellness ist teuer. Aber anscheinend billiger als ein Leben, das für einen ausgeglichenen Körper- und Seelenzustand sorgt.