Das geht jetzt (Teil 1)

AKTIEN Bis 1996 galten sie in Deutschland ausschließlich als Geldanlage für die Reichen, auf die der einfache Mann von der Straße neidisch war, weil er sein weniges Geld nur auf einem Sparbuch legen konnte, dessen Zinsen knapp über der Inflationsrate lagen. Dann kam der Börsengang der Deutschen Telekom AG. Die " Volksaktie" und der ihr folgende Börsen-Boom machte aus kleinen Bürgern Männer von Welt, die sich bereits zigarrerauchend in den VIP-Lounges von New York, London oder Rio de Janeiro sahen. Das klappte bekanntlich nicht. Man hätte daraus schließen können, dass die Reichen von einst ihr Geld ebenfalls nicht im Schlaf verdienten, aber so weit wollte niemand denken. Nun ist also Geiz angesagt. Irgendwann muss es doch möglich sein, auf der eigenen Yacht im Mittelmeer zu kreuzen, ohne dafür zu arbeiten.




BERATUNG Ein prima Geschäft, wenn niemand weiß, wo es langgeht - so geht es zurzeit ja fast allen Unternehmen, Behörden und Politikern. Auf den Berater mit dem finalen Ratschlag werden wir allerdings weiterhin vergebens warten: Der gute Berater ist der, der seinem Kunden hilft, die eigene Lösung zu finden und wieder zu gehen - die anderen verkaufen sich selbst und bleiben für immer. Das ist aber oft im Sinne der Beratenen: So lange ein Berater im Hause ist, kann man ihm die Entscheidungs-Verantwortung zuschieben. Die Beraterschwemme ist daher auch ein Zeichen für die grassierende Neigung, für nichts mehr verantwortlich sein zu wollen.

COFFEE SHOPS Die plüschige Konditorei von früher ist so tot wie die guten Manieren, die dort herrschten, und die alten Damen, die bei Kaffee und Kuchen über unverheiratete Paare zeterten. Bei Starbucks, Balzac Coffee und der San Francisco Coffee Company ist der Kaffee zwar weder billiger noch besser, aber die Stimmung entspannter und das Publikum bunter. Außerdem gibt es alles auch "to go", was einem weiteren Trend folgt: Was früher privat war und nur drinnen geschehen durfte, wird jetzt in aller Öffentlichkeit getan.

DIGITALE KAMERAS Das neue Massenspielzeug. Sie haben wirklich viele Vorteile: Man muss nie wieder einen Film kaufen oder entwickeln lassen. Man kann die Bilder per eMail oder Handy in der Welt herumschicken. Die besten Freunde können sich die Bilder sogar auf der eigenen Website ansehen. Und nicht zu vergessen: Man kann unerwünschte Erinnerungen ohne Probleme rasch löschen.

DÜNNE SCHICHTEN AUF OBERFLÄCHEN Sie sind unsichtbar und nützlich. Sie schützen Werkzeuge vor Verschleiß, entspiegeln Glas und verhindern, dass das Omelett in der Pfanne klebt. Ohne sie gäbe es keine CDs, DVDs und Flachbildschirme. Bald soll es "intelligente" Oberflächen geben. Verpackungen für Lebensmittel könnten Konservierungsstoffe enthalten. Und in der Medizintechnik sollen keimtötende Kunststoffschichten, etwa in Kathetern, Bakterien den Nährboden entziehen und Infektionen in Krankenhäusern verhindern.

FASTFOOD Pommes rot-weiß, Currywurst, halbes Hähnchen - das war das Programm im klassischen Schnellimbiss. Ein Geschäft für Kleinunternehmer, von wenigen Ausnahmen wie der Wienerwald-Kette abgesehen. Dann kamen McDonald's und Burger King, Pizza Hut, Subway & Co., und nun ist das schnelle Essen ein Milliardengeschäft. McDonald's ist mit Abstand das größte Gastronomie-Unternehmen der Republik. Kleinunternehmer gibt es trotzdem noch, das sind aber alles Türken, die Döner verkaufen. Und die gute Currywurst? In den Großstädten werden die besten Imbisse als Geheimtipps gehandelt.

GENTECHNIK Die Front der Gegner bröckelt, vor allem wegen der Fortschritte in der Medizin. Auf Gen-Food hat die Mehrheit hier zu Lande allerdings immer noch keinen Appetit. Eine weitere viel versprechende Anwendung entwickelt sich weitgehend unbemerkt: Biotechnische Verfahren zur Herstellung neuer Werkstoffe könnten ein Milliardengeschäft werden.

GLOBAL POSITIONING SYSTEM (GPS) "Wo bin ich?" - "Sie befinden sich in Ihrem Wagen." GPS wurde vom amerikanischen Militär entwickelt. Es bestimmt mithilfe von Satelliten die Position von Menschen und Gegenständen. Heute ist GPS allgegenwärtig in Navigationssystemen, Diebstahlsicherungen von Autos und mobilen Geräten wie Handys. Bald kann nichts und niemand mehr verloren gehen. Es gibt Menschen, die das beruhigt.

HOMOSEXUALITÄT Schwul ist cool. Sogar Politiker wie Berlins Regierender Bürgermeister Klaus "Und das ist gut so" Wowereit bekennen sich zu ihrer Sexualität. Außerdem gelten Homosexuelle als wohlhabende Zielgruppe für Markenprodukte. Und sie dürfen sich mittlerweile auch standesamtlich trauen lassen. Nur die steuerliche Gleichstellung mit Hetero-Ehen scheitert bisher am intoleranten Fiskus. (weiter auf Seite 112)