Partner von
Partner von

Zeit zum Handeln

Ja, mach nur einen Plan... Die Frage ist allerdings, welchen. Kommt dabei ein weltfremdes Dogma heraus? Oder ein Rahmen, der uns handeln lässt?




00 KLEINE GEBRAUCHSANLEITUNG Diese Geschichte kann Sie planlos machen, und das wäre nach allem, was heute für richtig gehalten wird, gar nicht so schlecht. 'Verlieren Sie aber nur nicht den Mut, wenn Sie der Plan verlässt, das wäre ein schlechter Tausch. Denn am Ende wird alles gut, wenngleich anders, als wir uns das anfangs vorstellen konnten. Der Kopf ist immer noch rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

01 DIE IDIOTEN Blödian, Idiot, Schwach-, Hohl- und Dummkopf. Menschen, die wir nicht mögen, weil sie tun, was wir für falsch halten, haben viele Namen.

Aber keiner davon - und nicht mal alle zusammen - können es mit dem schlimmsten deutschen Schimpfwort aufnehmen, das die kaputteste Eigenschaft von allen benennt: planlos.

Gewiss: Die Zeiten sind wirr, und was könnte helfen, wenn nicht Ordnen und Planen? Die Produzenten von Time-Management- und Orga-Produkten, Planungs-Software für große und kleinste Computer haben Hochkonjunktur. Selbst für simpelste Nebensachen werden komplexe Dateien angelegt. Überall tippen Männer mit ernster Miene Planungsdaten in ihre kleinen Geräte. Früher hatte man in Notzeiten Heiligenfigürchen dabei. Das half, jedem auf seine Weise. Was sich in kleinen Schwachsinnigkeiten zeigt, steht beim Plan stets in größerem Zusammenhang.

Keine Idee kann dumm genug sein, um in diesen Zeiten nicht durchs Dorf getrieben zu werden: Reform des Sozialstaates oder Demonstrationen, um vom Staat Arbeitsplätze zu bekommen. Langfristige exakte Berechnungen darüber, wer im Jahr 2075 wie viel an Rente kriegt und wie hoch die Beitragssätze in dieser vierten Generation nach der unseren sein werden. Dies ist bei Licht betrachtet ein wenig dämlich, aber es folgt einem Großen Plan, dem sich alle anderen, die kleinen, alltäglichen und durchaus nützlichen, unterzuordnen haben. Der Große Plan ist eine Strategie für lange Zeit, stets so gedacht, als ob er ewig halten müsste. Und Ordnung muss sein, oder? Die Frage wird sein: welche?

Bis vor kurzem, also in den alten Zeiten, zerbrach sich kaum jemand den Kopf darüber, welcher Große Plan über all den kleinen, alltäglichen Plänen stünde. Der Plan als solcher war einfach da. Im Osten des Landes erledigte das ein Zentralkomitee. Dessen Plan ging zwar praktisch nie auf, aber brachte dennoch einige Sicherheit und Ordnung ins Leben der Bürger der DDR. Man wusste immerhin vier Jahre im Voraus, was es am Ende der Periode nicht geben würde. Im Westen hatte man dafür nur Spott übrig - hier fand man Vierjahrespläne doof. Man hatte einen viel besseren Plan, der nicht alle vier oder fünf Jahre mit neuen Zielen gefüllt werden musste. Es war ein Plan der Pläne, ein Großer Plan, dem sich alle anderen kleinen Plane unterzuordnen hatten und der keiner Korrektur bedurfte. Auf ewig gültig und mit allem und jedem im Land so verbunden, dass man ihn gar nicht erwähnen musste: der Sozialstaat. Ein feiner Plan war das. Ein ganz großer Großer Plan.

Der Große Plan füllte Schaufenster und Brieftaschen vieler. Man musste ihn nicht auf Spruchbändern beschwören wie im Osten. Und weil er auf ewig, auf immer angelegt war, konnte man auch seine Kosten auf immer und ewig verschieben. Immer weiter drang der Plan in die Zukunft vor. Niemals hätte ein Westdeutscher gedacht oder ausgesprochen, dass der Große Plan außer Kontrolle geraten könnte.

Man bemerkte den Fehler im Großen Plan erst, als die vielen kleinen Pläne, die er dirigierte, nicht mehr aufgingen. Seit den sechziger Jahren hatte sich im Schatten des Großen Plans die Idee von der Lebensplanung eingebürgert. Sollte das Leben noch so große Überraschungen bieten: Der Große Plan war stärker.

Mit sechs Jahren kam man auf die Grundschule, mit 19 machte man Abitur oder hatte eine Lehre abgeschlossen. Bis ungefähr 65 wurde gearbeitet, um ans Ziel des Großen Plans zu gelangen. Doch spätestens jetzt wandte sich der Große Plan gegen die Menschen. Denn wer nicht arbeiten durfte, konnte oder wollte, stand gegen den Großen Plan, auch wenn er ihn sein Lebtag mit getragen hatte. Viele traf es lange vor der geplanten Zeit. Ein Arbeitsloser passt so wenig in den Großen Plan wie ein Alter oder Kranker. Dann erkannten die Arbeitslosen, Alten und Kranken den ungeheuren Betrug hinter dem Großen Plan. Sie, die Sicherheit über alles stellten, fanden am Ende des langen Weges Enttäuschung, Pleite und Tod. Aber all das war perfekt geplant.

02 PLAN DIR WAS Das Wort Plan stammt aus dem Lateinischen, heißt dort planus und bedeutet eben und flach. Der Plan ebnet also die Welt, frei von Hindernissen geht es voran, weder Höhen noch Tiefen sind zu überwinden, Überraschungen gibt es nicht. Das Leben - ein Spaziergang.

Die Topografie der Realität sieht anders aus: Der Psychologe Dietrich Dörner hat in seinem Buch "Die Logik des Misslingens" schon vor Jahren eine glasklare Definition des Planungsbegriffs geliefert: "Planen ist Handeln auf Probe. Beim Planen tut man nicht, man überlegt, was man tun könnte." Die ganze Welt passt damit in einen oder wenige Planerköpfe, und - das ist entscheidend - sie soll sich dann langfristig, manchmal auf ewig, so drehen, wie die Planer das für richtig halten: Eindeutigkeit statt Vielfältigkeit - das ist das erklärte Ziel aller Planer. Damit sind die entscheidenden Schwächen des Konzeptes auch klar: Der Plan ist langfristig, vielleicht sogar auf Dauer angelegt, er ist theoretisch, und er darf keineswegs durch externe Faktoren gestört werden.

Die größten Feinde des Planers sind damit Zweifel, Vielfalt und Überraschung. Diese drei Begriffe lassen sich auch mit einem Wort sagen: das Neue.

Weil Pläne immer weit ins Morgen ragen, muss der Widerspruch, dass immer etwas Neues passiert, der Plan dabei aber nicht gefährdet werden darf, aufgelöst werden. Planer lieben deshalb Prognosen. Die, so erkannte in den sechziger Jahren der Vater der Futurologie, Ossip Rechtheim, gehören untrennbar zum Plan. Nun weiß fast jeder, insbesondere der Prognostiker, dass Prognosen nichts weiter sind als zahlenmäßig dargestellte Wünsche von Menschen, die man fragt, wie sie's gern hätten. Tut man das in Zeiten, in denen sich viele vor der Zukunft fürchten, dann erhält man meist eine simple Antwort darauf: So, wie es ist. Pläne, die von solchen Prognosen unterfüttert werden, sind dann eindeutig, und zwar eindeutig falsch.

03 MODELL MURMELTIER "Pläne sollen zunächst nichts weiter tun, als das eigene Verhalten rechtfertigen", nennt das der Hamburger Markenexperte Klaus Brandmeyer. Das Wünschen und die Vergangenheit sind die Grundlage für das, was die Planer morgen gern hätten.

Wenn etwa Unternehmensplaner ihre Budgets für das kommende Jahr abstimmen, dann tun sie das mit den Zahlen des vergangenen Jahres. "Bewiesene Vergangenheit" nennen das die Planungsfreunde. So, als ob das Vergangene ein Beweis für die Zukunft wäre, obwohl es nicht mal die Gegenwart zu erklären vermag. "Unternehmensplaner gehen davon aus, dass sich in etwa die gleiche Menge von Menschen, die sich im Vorjahr für ihr Produkt entschieden haben, auch in diesem und im kommenden Jahr dafür entscheiden werden - mit plus minus fünf Prozent vielleicht", sagt Brandmeyer: " Man geht also davon aus, dass sich ein Vorgang, der Vorjahr heißt, einfach wiederholt." Das kennt man aus dem Kino, genauer aus dem Streifen "Und täglich grüßt das Murmeltier", in dem der Hauptdarsteller nach jeder Nacht am selben Tag aufwacht, viele Monate lang. Hollywood war aber noch ein wenig realistischer, als die von Brandmeyer angesprochene Planungslogik zulässt: Denn die Tage im Film entwickelten sich alle anders, während die Vorjahre, von den fünf Prozent plus minus abgesehen, immer gleich verlaufen müssten, damit der Plan stimmt.

Damit Kunden, also konsumierende Menschen, in so einen Plan passen, müssen sie auf Eindeutigkeit zurechtgestutzt werden - bis zur Unkenntlichkeit. Immerhin: Dann sind sie berechenbar. Da gibt es die Altersgruppen der 19- bis 39-Jährigen, die kaufkräftigen Mittdreißiger, die kauflustigen Twens, die jeder Werbebotschaft zugetanen Teens und die jenseits der 49, mit denen der Plan nichts anfangen kann. Wie kann es sein, dass sich so viele Experten auf solche Grundlagen verlassen und ihre Pläne danach ausrichten? "Das ist die Folge von reinem Wunschdenken, das in der Wirklichkeit nicht mehr überprüft wird", sagt Brandmeyer. "Mach mal einen Plan, definiere seine Faktoren, und dann wird die Sache schon laufen. Berechnen lässt sich alles ganz wunderbar - da werden Zielgruppen identifiziert, Befragungen gemacht - und dann funktioniert das alles nicht. Wer all diese vermeintlich klaren Zielgruppen genauer betrachtet, der sieht, dass die Menschen dahinter nichts mit den ursprünglichen Plandefinitionen zu tun haben. Das sind eben keine geplanten Kunden, sondern, wenn man den Plan genau nimmt, zu einem großen Teil Fehlverwender, Leute, die etwas kaufen, was sie plangemäß gar nicht kaufen dürften. Man könnte sagen: Egal, ist doch wunderbar. Aber Planer macht das wahnsinnig nervös, wenn sie feststellen, dass ihre theoretischen Konstrukte mit der Wirklichkeit so wenig zu tun haben. Was haben 30-Jährige miteinander zu tun? Oder 49-Jährige? Nichts." Große Pläne nehmen auf die kleine, sich drehende Welt keine Rücksicht - sie werfen einen Anker aus, wo kein Grund ist. Das bringt das Schiff nicht zum Stillstand, aber macht es elend langsam und bringt es dann ins Schlingern.

Automobilunternehmen etwa sind Meister der Planung. Deshalb fahren wir heute mit Autos, die vor durchschnittlich acht bis zehn Jahren geplant wurden. So lange dauert die Entwicklung eines neuen Modells nämlich. Wer das nicht glaubt, kann gern mal in die Elektronik seines Wagens gucken. Eine Gelegenheit dazu ergibt sich praktisch von selbst, denn sechs von zehn Autos bleiben mit kaputter Elektronik liegen. Da finden sich dann Bauteile, die Anfang der neunziger Jahre produziert wurden. Auch die Chips und Schaltungen, die der Chefplaner Anfang der Neunziger im Auto haben wollte, das wir gestern gekauft haben. Nicht wenige Neuwagen fahren so mit der unausgereiften Technik der Steinzeit der Massenelektronik herum, erdacht zu einer Zeit, als es noch zwei Deutschlands gab.

Das Entscheidende ist nun nicht, dass irgendwann mal Pläne gemacht wurden, sondern ihre Statik - ihr Prinzip, bis zum Ende durchgezogen zu werden. Eine Korrektur ist eine empfindliche Störung des Plans, organisatorisch und psychologisch. Strategen, langfristige Planer, leben von ihrem Ruf, Entwicklungen im Vorhinein zu kennen. Jede Abweichung vom ursprünglichen Plan ist eine Bankrotterklärung an diese Allmachtsfantasie. So rühren die Strategen und Großplaner lieber einen beharrlichen Abwehrkampf gegen das, was ihre schönen Pläne zunichte macht - das Neue, die Überraschung. Sie drehen sich im Kreis, dem Symbol des Großen Plans, eine Figur, die keinen Anfang hat und kein Ende. Und niemand und nichts darf den Kreis stören.

04 DER KRIEG GEGEN DAS NEUE Im Jahr 1944 trat ein österreichischer Emigrant, der vor Hitler geflüchtet war, auf den Plan. Friedrich August von Hayek war ein berühmter Ökonom, aber in diesen Zeiten alles andere als modern. Auf der ganzen Welt, nicht nur in Nazideutschland, schien der Große Plan gleichsam die Lösung aller Probleme. Und mittendrin schrieb Hayek ein Buch mit dem Titel "Der Weg in die Knechtschart" , das, zusammengefasst, den Großen Plan als größtes Problem entlarvte.

Der Plan, sagt er, ist die Grundlage der Unfreiheit, der Knechtschaft. Der Große Plan, in dem Menschen und Kulturen als Spielmaterial von Kalkulationen dienen, führt in die Tyrannei gegen alle, nicht nur jene, die auf der Suche nach Sicherheit, nach der so genannten "starken Hand" sind und dafür leichtfertig ihre Freiheit opfern. Die Tyrannei wütet vor allem gegen alles, was sich nicht in diesen Plan packen lässt. Stalin und Hitler verkörpern den Zeitgeist: Der Mensch muss geformt werden, damit er in den Plan passt, tut er es nicht, muss er weg. Ganz frei von dieser Haltung ist auch das Mutterland der Marktwirtschaft, die USA, zu dieser Zeit nicht. Der US-Präsident Franklin Delano Roosevelt ist ein Freund des Planens. Sein New Deal, der vom englischen Ökonomen John Maynard Keynes angeregt wird, soll in den dreißiger Jahren in den USA die vermeintlichen Erfolge der sowjetischen Planwirtschaft, wenngleich abgeschwächt, wiederholen.

Dass der Mensch untrennbarer Teil des Großen Plans ist, hat man lange vorher gedacht. Jean-Jacques Rousseau, der französische Aufklärer, ist fest davon überzeugt, dass jeder Mensch zu einem edlen Wesen erzogen werden kann. Planmäßiges Vorgehen schafft eine gute Gesellschaft. Fugenlos passt dieses im 18. Jahrhundert erdachte Menschenbild zum neuen ökonomischen Betriebssystem, das die Welt erobert: zur Industriegesellschaft. Moral und Methode passen scheinbar ideal zusammen. Denn die Industrie muss mehr planen als jede vor ihr existente Wirtschaftsform. Rohstoffe, Maschinen, Logistik, Menschen, all das muss auf Sicht kalkulierbar gemacht werden. Überraschungen sind verhasst. Die Industrie setzt auf Konstante. Wie keine Epoche vor ihr - und, wie zu hoffen ist, auch nach ihr - schafft sie sich eine eigene, planbare Welt.

Als Hayek "Der Weg in die Knechtschaft" schreibt, ist der Industriekapitalismus das weltweit wichtigste und dominante System. Niemand zweifelt daran, dass sich daran etwas ändert. Aus Rousseaus naivem Menschenbild ist das Modell des Behaviorismus gewachsen. In Ost und West ist man überzeugt: Wenn der Mensch nicht in den Plan passt, muss er passend gemacht werden. Darin sind sich fast alle Führer einig. Der Staat wird zur Planungszentrale. Lässt sich ein Werkstück nicht formen, wird es zerschlagen. Am Höhepunkt dieses Irrsinns erklärt Hayek also den Unterschied zwischen Plan und Vernunft. 05 DER MARKT Das ist ein Gegensatz wie Feuer und Eis. "Wir sollten genug gelernt haben, um zu vermeiden, unsere Zivilisation dadurch zu zerstören, dass wir den spontanen Interaktionsprozess der Individuen ersticken, indem wir seine Lenkung in die Hände irgendeiner Behörde legen. Aber um dies zu vermeiden, müssen wir die Illusion zerstreuen, dass wir bewusst die Zukunft der Menschheit scharfen können", schreibt Hayek.

Behörde, Staat, Führung, das sind bei Hayek Synonyme für Planer, also für Menschen, die ihre Freiheit gegen Sicherheit eintauschen. Vermeintliche Sicherheit wohlgemerkt. Auch Hayek will Ordnung, aber eine, die der Realität entspricht, die nicht die halbe Welt formen oder umbringen muss, damit sie sich scheinbar beweist. Er nennt diese Struktur spontane Ordnung.

Gesellschaft und Mensch sind nur unter Zwang auf eine eindeutige Richtung festlegbar, folgen also einem Plan. Es gibt den Durchschnittsbürger so wenig wie den Durchschnittskäufer - und es gibt schon gar kein Wissen darüber, wie dieser geplante Durchschnitt in Zukunft tatsächlich aussieht, wie er sich verhält.

Was es aber, neben den Großen Plänen, ohne Zweifel gibt, ist der Markt. Das ist, was Hayek unter spontaner Ordnung versteht. Der Markt ist ein dynamisches System, das sich eben spontan ändern kann, unterschiedliche Bedürfnisse und nicht vorhersehbare Probleme, aber auch eine Vielzahl an Lösungsmöglichkeiten bietet. Nichts davon ist vorkonfektioniert oder lässt sich langfristig planen. Diese Grundordnung kommt weitgehend ohne Zwang und Moral aus, den unvermeidlichen Nebenwirkungen der Großen Pläne. Es ist die "sinnvoll gebrauchte Vernunft", wie Hayek schreibt, die hier wirkt. " Unter sinnvoll gebrauchter Vernunft verstehe ich eine Vernunft, die ihre eigenen Grenzen kennt (...) eine ohne Entwurf entstandene Ordnung (kann) bei weitem die Pläne übertreffen, die Menschen bewusst ersinnen." Das ist Hayeks Antwort auf den Plan: handeln, jeweils richtig, jeweils der Situation entsprechend, auf Neudeutsch: marktgerecht. Misstraue allen, die dir sagen, wie es ist und sein wird. Glaube denen, die sagen: Wir können immer etwas tun.

06 ALLES ZU KOMPLIZIERT Dazu braucht man mehr als Mut, nämlich Verstand - also Vernunft. Denn wenn das meiste nicht vorhersehbar ist, wenn wir stets handeln müssen, statt nach dem Plan zu reagieren, dann wird diese Welt wirr, chaotisch, eine einzige Katastrophe, oder? Die Gegenfrage, was aus der Welt wurde, als noch die fanatischen Großplaner am Werke waren, gilt einfach nicht. Eine Welt, die sich nicht im Vorhinein berechnen lässt? Ist das nicht die nackte Willkür? Der Markt soll's richten? Das kapitalistische Raubtier? Was wird aus unserer Sicherheit? Gegenfrage: Wo ist sie denn, die Sicherheit des Planungsregimes, die Verlässlichkeit des Staates? Was hat diese Welt zum kalten Ort gemacht? Planen oder Handeln?

Und das Totschlagargument aller Sozialingenieure und Menschenplaner gilt noch immer: Die Welt ist viel zu kompliziert. Da muss ein Plan her.

Dann kommt der deutsche Lieblingssatz: Solange ich nicht weiß, was kommt, bleibe ich lieber bei dem, was ich habe.

Klaus Brandmeyer lächelt: "Hayek wird selten gelesen. Und das liegt auch daran, dass Wirtschaftswissenschaftler mit ihm wenig anfangen können. Sie sind viel zu beschäftigt, ihrem Paradigma der Berechenbarkeit hinterherzuhecheln. Sie verstehen einfach nicht, dass es auch andere stabile Konstrukte geben kann außer jenen, die sich mathematisch, planvoll und damit scheinbar "sicher" darstellen lassen. Es ist falsch zu glauben, dass die spontane Ordnung ein Chaos wäre - völlig falsch. Denn Menschen ordnen das Chaos immer, und auf dem Markt passiert nichts anderes, tagtäglich. Nicht planen ist also nicht unordentlich, sondern orientiert sich nur an anderen Kräften: dem Agieren und Reagieren auf wechselnde Verhältnisse." Die Vielfalt des Marktes ist im Gegensatz zur Einfalt des Plans ein Prinzip, dem sich die heute so oft und gern beschworene Natur bedient: Die Evolution ist der lebende Beweis für die Richtigkeit, dass sehr komplexe Systeme nur durch viele komplexe Aktionen stabil gehalten werden. Je komplizierter also alles scheint, desto mehr Lösungsmöglichkeiten entstehen. Was passiert, fragt Brandmeyer, wenn man in der Landwirtschaft immer nur eine Sorte anbaut? Eine Monokultur. Das geht nicht lange gut. "Vielfalt sichert den Fortbestand." Die spontane Ordnung lässt sich hervorragend leben, ohne jeden Tag befürchten zu müssen, im Chaos zu versinken. "Es geht darum, auf der Grundlage von Wissen und Können schnell zu handeln und nicht einfach stur einer Linie zu folgen, bis es zu spät ist. Aber viele Manager haben das bis heute nicht begriffen. Sie schaffen sich keine Rahmenbedingungen, also ein Gerüst, von dem aus sie handeln könnten. Sie zwingen sich in einen Plan." 07 DAS RUMPELSTILZCHEN IM KERNKRAFTWERK Wohl wahr, meint auch Dietrich Dörner, der Psychologe aus Bamberg: "Planen ist eine Art Ersatzbefriedigung. Man macht einen Plan, statt zu handeln. In der eigenen Fantasie hat man seine Befriedigung." Die meisten Menschen, fürchtet der Professor, "können mit den Freiheiten, die Hayek meint, nichts anfangen. Sie kennen den Unterschied zwischen dem, was man vorhat, und dem, was man tut, nicht." Dörner hat viel Zeit mit dem Nachdenken über Pläne verbracht, und seine Analysen sind ganz und gar unakademisch. Tschernobyl zum Beispiel. Der bisher spektakulärste Unfall in einem Kernkraftwerk war nichts weiter als die Folge der Einhaltung eines exakten Plans. Die mit Sicherheitstests befassten Wissenschaftler im Unglücksblock hielten sich so streng an die Vorschrift, an den einmal formulierten Plan, dass das Unglück unausweichlich war. Aus den Protokollen, die nach den Ereignissen des Jahres 1986 angefertigt wurden, wissen wir, dass sich bei einigen der Mitarbeiter des AKWs noch kurz vor der Explosion Zweifel bildeten. Einige waren drauf und dran, den vorgeschriebenen Plan zu verlassen. Sie wollten handeln. Selbst die noch zu Sowjetzeiten verfassten Protokolle des Tschernobyl-Desasters verweisen darauf, dass es vor allem die auf die strikte Einhaltung von Plänen abgezielte Kultur war, die zur Verweigerung des aktiven Handelns - und damit zur Katastrophe - führte.

Damit sind die Vorbedingungen für ein Unglück definiert. In einer zunehmend komplexen Weh wird der Plan zur Falle, zur einzigen sichtbaren Linie, die allerdings direkt in den Untergang führt - schnurgerade auf den Abgrund zu. Dörner: "Diese Zeiten sind kompliziert, die Welt, in der wir leben, ist kompliziert, und Menschen haben eine Heidenangst vor Unbestimmtheit. Unsichere Menschen planen gern, und Organisationen planen je lieber, desto größer sie sind, sie lehnen dynamisches Handeln ab. Die Größe zieht den Plan an, weil sie unübersichtliche Strukturen schafft." Das führt zu einer Welt, in der es nach Dörner "ganz viele Rumpelstilzchen und ganz wenige Napolcons gibt". Klingt das etwa schon wieder planlos, chaotisch, verwirrend?

Fangen wir mit den Rumpelstilzchen an.

Die Märchenfigur aus den Kindertagen geht, wie wir wissen, streng methodisch und strategisch vor: " Heute back' ich, morgen brau' ich, und übermorgen hole ich der Königin ihr Kind." Das ist ein toller Plan, schön geordnet, der allerdings - in nur drei Tagen bekanntlich - in sich zusammenfällt, weil Rumpelstilzchen nicht darauf achtet, dass niemand seinen Namen erfahren darf: "Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß'!" Doch wenn der Gegner - wie im Märchen - den Plan des Widersachers herausbekommt, dann macht das Festhalten am Plan verletzbar. Handeln, sich den geänderten Bedingungen anzupassen, eine neue Ordnung zu schaffen, wäre weit klüger. Vor Wut über den fehlgeschlagenen Plan zerreißt sich das Rumpelstilzchen selbst - kein schönes Ende, aber in der Konsequenz der starren Planung durchaus angemessen und auch in der wirklichen Welt nicht so selten.

Die Pläne in großen Organisationen und Konzernen müssen nach landläufiger Überzeugung ebenfalls starr sein, denn es gilt, eine große Anzahl von Menschen auf Kurs zu bringen. Es ist erstens logisch, dass sich bei der meist langfristigen Planung nicht alles geheim halten lässt - nicht nur der Name des Fabelwesens. Und es ist auch logisch, dass viele Menschen, die auf ein festes Ziel eingeschworen werden, nicht einfach wieder mir nichts, dir nichts umgedreht werden können, wenn es nötig ist.

Was ist nun mit Napoleon? Fragte man den, was sein Plan sei, antwortete er: "Ich habe keinen." Wie gewinnt man dann Schlachten und noch dazu so viele in so kurzer Zeit? "On s'engage et puis on voit" - ("Man fängt einfach mal an, und sieht dann schon, was man machen kann.") Napoleon, besser als Rumpelstilzchen?

Eindeutig, sagt Dörner. "Napoleon war ein Meister der spontanen Ordnung, und er war erfolgreich, weil er in einer Zeit, in der die alte europäische Ordnung nach der Französischen Revolution zusammenbrach, das einzig Vernünftige tat: handeln. Je wirrer die Zeiten sind, desto wichtiger ist es, das Handeln vor das Planen zu stellen." Dabei bedeutet das nicht, dass schieres Glücksrittertum solche Geister antreibt. "Napoleon hatte ein breites militärisches Wissen. Und er plante, was in jedem Fall nützlich ist: Minutiös war etwa die Versorgung der Armee und die Logistik geplant, auch dann, wenn es keinen aktuellen Anlass dafür gab. Die Ressourcen waren bereit. Für Unternehmen heißt das: die Forschung und Entwicklung wach halten, das Wissen wach halten, das beste Personal beschäftigen. Ein gutes Management besteht aus Leuten, die ihren Mitarbeitern die Möglichkeit zum Handeln lassen, wenn es Zeit ist." Spontane Ordnung ist also nicht einfach beliebiges Sich-treiben-Lassen, Tagträumerei, Chaos. Sie steht auf einer weit festeren Basis als jede dogmatische, ideologische, also kurz und gut: nur nachgeplapperte Planerei, sie steht auf Wissen, Selbstbewusstsein und der Erkenntnis, dass es viel wichtiger ist, selbstständig zu sein als Teil eines großen Getriebes. Handeln verlangt Tempo. Wer zaudert, verliert. Und die Zeiten, sagt Dörner, sind Zeiten zum Handeln.

08 PLANLOSE SICHERHEIT All das ist im wirklichen Leben keine Theorie mehr. Immer mehr große Unternehmen teilen ihre Kräfte in kleine, handlungsfähige Einheiten. Software beispielsweise wird nicht mehr, wie noch vor einigen Jahren, nach generalstabsmäßiger Planung erstellt, sondern von kleinen Teams. Die Gründe dafür sind sehr leicht zu verstehen: Wer einige hundert Leute mit einer Aufgabe beschäftigt, erzeugt gewaltige Reibungsverluste. Wer dann was ändern muss, hat viele zu überzeugen, die etwas aufgeben müssen. Das kann an die Existenz eines Unternehmens gehen. Aber Abbruch darf keine Katastrophe sein, nicht zum Tschernobyl-Faktor werden. Das klappt aber nur, wenn sich die Teile im großen Gefüge handlungsfähig halten dürfen, also weitgehend autonom sind. Ein gemeinsames Ziel setzt die Rahmenbedingungen, wie es erreicht wird, ist die Sache derer, die sich mit den jeweils veränderten Bedingungen arrangieren. Das Risiko, das bei der spontanen Ordnung im Gegensatz zum Plan höher scheint, wird durch viele kleinere Einheiten aufgehoben. Was hier beschrieben ist, ist die Struktur der spontanen Ordnung, das Netzwerk. Und hier, spätestens hier, wird es auch für alle Sicherheitsfanatiker interessant (das versprochene Happy End naht). Es ist logisch, dass der Ausfall eines kleinen Teils eines Systems nicht so tragisch ist wie der Zusammenbruch des Großen und Ganzen. Wenn Pläne regieren, also ein System all seine Teile gnadenlos in seine Ordnung zwingt, dann steht und fallt das Ganze mit dem Wohl jedes Teiles. Die einzige Möglichkeit, dem Dilemma zu entrinnen, liegt in einer Netzwerkstruktur. Deren Teile handeln nach Bedarf und nicht nach Vorschrift. Fällt ein Teil aus, übernehmen die anderen Teile seinen Job - ganz so wie das im Internet Computer tun. Der Plan verordnet Solidarität. Das Netzwerk lebt von solidarischem Handeln. So schafft die spontane Ordnung Sicherheit, die es im alten Plan nie gab, und ein Höchstmaß an Freiheit. Ein schlechtes Geschäft? Wohl kaum.

09 DIE IDIOTEN II Was kann man tun, damit es so weit kommt? Zunächst mal gar nichts oder viel weniger. Denn Planen um des Planens willen ist nichts als Ersatzreligion. Dauer-Planer sind, wie Dietrich Dörner weiß, unsicher und inkompetent. Wer das nicht glaubt, möge sich ansehen, wie viel Nützliches unter dem mit hohem technischen Aufwand Geplanten tatsächlich steckt. Unsicherheit und Inkompetenz sind nicht nur das Produkt von unzureichendem Wissen.

Sie werden auch von stetem Misstrauen begleitet, gegen sich selbst und erst recht gegen die anderen. Die Controlettis umklammem ihren Fetisch, ihren Terminplaner, ihren Personal Digital Assistant, ihre Projektmanagementsoftware, um ein wenig Sicherheit in einer für sie so unsicheren Welt zu haben. Sie wollen die Welt dingfest machen, nicht begreifen. Deshalb kennen sie immer nur eine Wahrheit, einen Weg, einen Plan. Das verleiht trügerische Macht.

Denn, so wusste Hayek, "niemand kann wissen, wer etwas am besten weiß, und der einzige Weg, auf dem wir Wissen finden können, ist der Weg durch den sozialen Prozess, in dem jedermann versuchen kann, was er zustande bringt (...). Freiheit bedeutet, dass wir in gewissem Maße unser Schicksal Kräften anvertrauen, die wir nicht beherrschen." VERTRAUEN heißt das, ausprobieren, nicht mutlos sein, es versuchen, selbst wenn mal der Plan fehlt - und das ist, realistisch betrachtet, auch in der näheren Zukunft immer noch ein Minderheitenprogramm. Es wird sie noch einige Zeit weiter geben, die "Narren, die glauben, dass sie alles wissen, und von denen es so viele gibt", wie Hayek klagte. Aber nichts ist für immer.

Kein Plan ist für die Ewigkeit gemacht.

Und in keinem steht geschrieben, dass man unbedingt zu den Idioten gehören muss.