Was ist eigentlich DER NACHHALTIGKEITSFAKTOR?

Immer mehr Rentner, immer weniger Beitragszahler: Die Schmerzgrenze des Systems ist erreicht. Damit es nicht kollabiert, wird im kommenden Sommer der Nachhaltigkeitsfaktor eingeführt. Aber auch der bewirkt keine Wunder.




• Eine schöne Idee war das von Konrad Adenauer, dem letzten große Rentenreformer des vergangenen Jahrhunderts: Die künftigen Ruheständler sollten mindestens ihren Lebensstandard aufrechterhalten und zusätzlich vom steigenden Wohlstand profitieren. Leider hatte der Plan einen Haken: Die Experten gingen anno 1957 davon aus, dass die Wirtschaft immer wachsen, die Deutschen sich zahlreich vermehren und die Alten früh sterben würden.

Es kam bekanntlich anders. Heute müssen immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren. Deshalb sinken die Beitragseinnahmen, wahrend die Kosten für die Rentenversicherung steigen. Lange war das kein Problem: Die Mehrkosten wurden einfach auf die Beitragszahler abgewälzt. Doch das funktioniert nicht mehr. Mittlerweile liegen allein die Beiträge für die Rentenversicherung bei 19,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Die Schmerzgrenze für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die sich die Abgaben teilen, scheint erreicht. Mehr noch: Jeder zusätzliche Prozentpunkt Sozialversicherungsbeitrag kostet nach einer Faustformel etwa 100 000 Jobs.

Soll das Rentensystem in der bisherigen Form bestehen bleiben, dürfen die Beitragssätze nicht weiter steigen. Also müssen die Rentner an den Mehrkosten beteiligt werden. Das Mittel zum Zweck ist der Nachhaltigkeitsfaktor. Von Juli 2005 an wird er Teil der Rentenformel sein, mit der die jährliche Rente berechnet wird. Der Faktor gibt an, wie sich das Verhältnis von Ruheständlern zu Beitragszahlern von einem aufs andere Jahr entwickelt. Je ungünstiger das Verhältnis, desto kleiner der Nachhaltigkeitsfaktor und desto geringer die Rentenanpassung."" Damit die Rentner nicht zu sehr zur Kasse gebeten werden, geht der Faktor zunächst nur zu einem Viertel in die Rentenformel ein. Experten hoffen, dass dies reicht, um die Rentenbeiträge bis 2030 auf höchstens 22 Prozent steigen zu lassen.

Bisher ist die Entwicklung der Rente weitestgehend an die der Bruttolöhne gekoppelt. Deshalb gab es gewöhnlich jedes Jahr mehr Geld für die Alten. Mit dem Nachhaltigkeitsfaktor wird nun die demografische Entwicklung und die Arbeitsmarktsituation in der Rentenformel berücksichtigt. Theoretisch ist auch weiterhin eine Rentensteigerung möglich, wenn die Zahl der Beitragszahler steigt oder die der Rentner sinkt. Was mittelfristig allerdings unrealistisch ist. Wahrscheinlich ist: Die Renten werden sinken, weil die Zahl der Ruheständler steigt und damit der Nachhaltigkeitsfaktor sinkt.

Erst einmal bleibt alles beim Alten. Die heutige Rentnergeneration muss sich nicht sorgen. Sie wird vom Nachhaltigkeitsfaktor kaum etwas merken, weil die geburtenstarken Jahrgänge noch Beiträge zahlen und das Verhältnis von Rentnern zu Beitragszahlern vorerst relativ stabil bleibt. Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen sagt: " Die Rentner, die heute gegen die Rentenkürzung demonstrieren, haben biologisch kaum eine Chance, sie überhaupt zu erleben." Betroffen wären sie nur, wenn die Zahl der Arbeitslosen weiter deutlich stiege. Die Mehrheit der Volkswirte geht davon nicht aus: Sie setzen auf die Vernunft der Politiker, die Reformen weiterzutreiben, und auf die der Gewerkschafter, ihre Tarifpolitik zu mäßigen. "Falls wir diese Probleme nicht lösen, verlieren wir natürlich viele Arbeitsplätze. Aber dann nutzt auch der Nachhaltigkeitsfaktor nichts mehr", sagt Raffelhüschen. Deshalb wird der demografische Faktor wohl erst ab 2025 richtig spürbar: für die heute 40-Jährigen und die Jüngeren. Sie müssen mit deutlich geringeren Renten rechnen als ihre Eltern.

Einige Experten sprechen statt von einer Kürzung der Ruhestandsbezüge lieber von einem gebremsten Rentenanstieg - aber das ist Augenwischerei. Denn selbst wenn ab 2025 die Renten nominal gering steigen sollten, werden sie sehr wahrscheinlich die Inflation nicht mehr ausgleichen. Die reale Kaufkraft der Rentner wird sinken, sie werden weniger Geld zum Leben haben als die arbeitende Bevölkerung. Heute hält sich das Einkommen von Durchschnittsverdienern und -rentnern mit knapp 1200 Euro im Monat fast die Waage. Die heute 40-Jährigen werden allerdings doppelt belastet, weil sie derzeit viel in das soziale System einzahlen und später wenig ausgezahlt bekommen.

Auch für eiserne Sparer wird's knapp Es hilft nichts, stellt die Finanzwissenschaftlerin Gisela Färber von der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer fest: "Jede Generation muss aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung entweder länger arbeiten oder auf Konsum verzichten." Soll heißen: privat Vorsorgen. Dumm ist nur, dass sich viele Durchschnittsverdiener das - auch wegen der hohen Abgaben und Sozialversicherungsbeiträge - nicht leisten können. Der erste Versuch, über die staatlich geförderte Riester-Rente mehr Menschen zum Vorsorgen zu bringen, scheiterte. Das Modell schreckt eher ab, weil es zu kompliziert ist.

Immerhin wird dank des ehemaligen Arbeitsministers Walter Riester (SPD) nicht nur über die private, sondern auch über die betriebliche Vorsorge diskutiert. Seit zwei Jahren können Arbeitnehmer in Deutschland einen Teil ihres Lohnes für eine Betriebsrente steuerfrei zurücklegen. Der Arbeitgeber kümmert sich darum, dass das Geld in einer Pensionskasse oder bei einer Versicherung angelegt wird; er zahlt allerdings keinen Cent zu der betrieblichen Vorsorge dazu.

Das war früher anders. In den vergangenen 30 Jahren haben viele deutsche Unternehmen ihren Mitarbeitern zusätzlich zum Gehalt eine Betriebsrente gezahlt, um sie an sich zu binden. Theoretisch eine tolle Sache, praktisch nicht. Denn die meisten Konzerne haben Rückstellungen gebildet, um die Renten später auch bezahlen zu können. Allein DaimlerChrysler soll Pensionsverpflichtungen in Höhe von 33 Milliarden Euro haben. Solche Rückstellungen bedeuten eine gewaltige Last und ein kaum kalkulierbares Risiko für die Unternehmen. Die Commerzbank und andere Großunternehmen haben ihre Pensionsversprechen bereits reduziert oder ganz aufgekündigt.

Rente mit 60 ist ein Luxus von gestern Lebensversicherung hin. Betriebsrente her - selbst wer bei einem durchschnittlichen Einkommen eisern spart, wird seinen Lebensstandard im Alter nur schwerlich halten können. An längeren Arbeitszeiten führt deshalb kein Weg vorbei. Bisher erscheint den Politikern die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters von 65 auf 67 zwar noch als unzumutbar. Es ist aber nur noch eine Frage der Zeit, bis sie kommt - weil sie kommen muss. Die Rente ab 67 oder später könnte helfen, die Kosten der gestiegenen Lebenserwartung aufzufangen, weil alle, die Arbeit haben, länger einzahlen. Längere Lebensarbeitszeiten wären natürlich auch dadurch zu erreichen, dass die Menschen früher in den Beruf einsteigen. Dafür müssten aber die Ausbildungszeiten verkürzt werden.

Ob früher anfangen oder später aufhören: Frühverrentung auf Kosten der Sozialkassen wird es nicht mehr geben. Und das ist auch gut so. Die lange übliche Praxis, Mitarbeiter mit Mitte, Ende 50 in den Ruhestand zu verabschieden, hat die Probleme der Rentenversicherung deutlich verschärft. Neben der verlängerten Lebenserwartung haben die Vorruhestandsregelungen dazu geführt, dass sich die Rentenlaufzeit seit 1957 fast verdreifacht hat. Gisela Färber hält die Rente mit 60 deswegen für ein "Luxus-Phänomen".

Sollte sich die Politik in den nächsten Jahren weiterhin gegen die Rente ab 67 entscheiden, muss der Nachhaltigkeitsfaktor in seiner Wirkung verstärkt werden. Die Renten müssten noch stärker sinken, was die Betroffenen wohl kaum still über sich ergehen ließen. Aber bis dahin wird hoffentlich auch dem Letzten klar geworden sein, dass längere Arbeitszeit keine soziale Strafe, sondern eine Notwendigkeit ist. Eine Voraussetzung wäre allerdings, dass die Unternehmen von ihrem Jugendwahn Abstand nehmen.

Wer dagegen darauf warten will, dass sich das Problem von allein löst, muss viel Geduld haben. Die Biologie hilft uns erst ab etwa 2050: Dann beginnt das große Sterben bei den geburtenstarken Jahrgängen der Generation Golf &: Co. Und das demografische Problem erledigt sich von selbst. Es wird sich ein neues Gleichgewicht einstellen, das an das Jahr 1957 erinnert: Wenige Junge werden problemlos wenige Alte durchfüttern können.